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Was kann man aus den Fallstudien lernen, das helfen würde zu verstehen, welche Arbeitsbedingungen Entdecker brauchen, die es ihnen ermöglichen an der Entdeckung zu arbeiten? Zu den Arbeitsbedingungen in Hochschulen geben Marie und Pierre Curie und Stefan Hell dezidierte Hinweise. Die im Menüpunkt "Programme und Phasen" vorgestellte Studie von Robert Scott Root-Bernstein "Discovering" enthält ebenfalls Vorschläge, die die Universitäten betreffen.
Die Förderung von Entdeckern in anderen Organisationen wie z.B Entwicklungsabteilungen von Unternehmen, bräuchte andere Vorschläge, welche das sein können, bleibt weiteren Forschungen, z.B Experteninterviews mit internen Beratern oder Personalentwicklern sowie dort arbeitenden Entwicklern vorbehalten.
Was können Institutionen, die Forschungsförderung betreiben, aus den Fallanalyse und den von mir identifizierten Merkmalen von Entdeckern und Entdeckerkarrieren lernen, um potentielle Entdecker von anderen Wissenschaftlern zu unterscheiden? Institutionen, die Promotionsförderung betreiben, Stipendien für die Postdocphase vergeben, Hochschullehrer, die Promotionskollegs betreiben und Personalentwickler an Hochschulen finden hier Kriterien, um zu beurteilen, ob es sich bei den jungen Forschern um solche handelt, die Entdeckungen machen könnten und mit ihren Innovationen die Disziplin revolutionieren könnten oder um solche, die gute Wissenschaftler werden, die den State oft the Art bewahren, verbessern und lehren.
Hier nachlesen in
Die Merkmale von Entdeckerkarrieren - Der Entdeckeranker
Maximen für Entdecker
Wenn Hochschulen immer mehr Personalentwicklung einführen, wäre es zu wünschen, dass man frühzeitig, wie es in der Führungskräfteentwicklung Standard ist, die Eignung der Nachwuchswissenschaftler für die vorgegebenen Karrierepfade prüft. Zweitens sollte man ihnen Karriereberatung - auf der Basis dieses Wissens um Entdeckerkarrieren und -persönlichkeiten - anbieten. Diese Beratung sollte den Nachwuchswissenschaftlern helfen, erstens sich selbst zu verstehen und zweitens die Kosten und den Nutzen traditioneller Karrierewege für sich und ihre Ziele abzuschätzen. Es geht in der Karriereberatung sowohl um die Aufklärung über die Funktionsweise und die Kultur der Institution Hochschule im allgemeinen und im konkreten Einzelfall als auch darum Entscheidungshilfen anzubieten. Sind Entdecker nicht bereit, die vielfältigen Kosten dieser Karrieren auf sich zu nehmen oder gibt es keine geeignete Förderung, sollte man nach Wegen außerhalb der Institution suchen. Fehlt diese Form der Karriereberatung, dann verlassen sie früher oder später und meist auch enttäuscht die Hochschulen, wie in Fallstudien nachzulesen sein wird.
Selbstverständlich müssen Personen, die diese Beratung machen, ob es sich um interne oder externe Berater handelt, explizites Wissen über die Struktur und die Kultur von Hochschulen und anderen Forschungseinrichtungen im allgemeinen und im Einzelfall haben, ihre strategische Ausrichtung und ihre Personalpolitik kennen und deren gesetzlichen und politischen Rahmenbedingungen. Unabdingbar ist ein gute Ausbildung in Karriereberatung und das Wissen um die Besonderheiten von Entdeckerkarrieren und -persönlichkeiten. Hilfreich könnten auch Wissenschaftler sein, die Entdecker sind und in oder außerhalb von Hochschule ihre Karriere gemacht haben, und darüber berichten und sich als Modell anbieten.
Geht es lediglich um Macht, Geld und Konkurrenz in diesen Institutionen und um die Prämierung von Mainstreamwissenschaft, braucht man weder Personalentwicklung noch diese hier vorgelegten Analyse für die Förderung potentieller Entdecker, sie werden sie eh verlassen, weil sie sich nicht für diese Belohnungen interessieren und sie in dieser Phase ihrer Karriere wenig in der Lage dazu sind, sich in Institutionen durchzusetzen.
Stefan Hells Positionen zur Förderung potentieller Entdecker
Der Nobelpreisträger für Chemie 2014, Prof. Dr. Stefan Hell, Direktor am Max Plank Institut für biophysikalische Chemie Göttingen fordert auf einer Tagung der Nobelpreisträger die dort eingeladenen Nachwuchswissenschaftler auf: "Greift nach den Sternen..." (Aus Forschung & Lehre 11/2019, S.1002f).
Hier der Artikel aus der Hochschullehrerzeitschrift als pdf:
Hell Interview - Greift nach den Sternen
Zur Auswahl potentieller Entdecker
Hell sagt, dass Institutionen bereit sein müssen, Risiken in der Nachwuchsförderung einzugehen und hält dies für eine notwendige Rahmenbedingung der Förderung. Im Gespräch mit Ranga Yogeswhar zum Thema: 'Wie erreicht man Exzellenz? 'schildert er die praktischen Schwierigkeiten bei der Auswahl und nennt seine Kriterien, die eine Kritik an den Folgen der bisherigen Praxis, die Entdecker eher durch die Raster fallen ließ und Anpassung an den Mainstream prämiert, enthalten.
(31.40) "Hell: Im Gegenteil, wir müssen Strukturen finden, um Leute zu ermutigen Risiken einzugehen, d.h. den Rahmen dafür bereiten.
Das Publikum klatscht
(32.51) Yogeswhar: Diese Strukturen verlangen natürlich auch eine sehr große Offenheit, in gewisser Weise eine gute Intuition desjenigen, der sagt o. k. dir gebe ich die Chance, und eine Haltung, bei der wir uns nicht diesem Schraubstock des ständigen schnellen Evaluierens (Hell ja) (Korrektur, Verb fehlt) wie in einem wirtschafts- oder ökonomischen Denken ja in Quartalsberichten gucken, bringt das was ja oder nein? (Hell nickt) Wir brauchen Zeit, du hast selber gesagt diese fünf Jahre waren essenziell (Hell nickt). Sind das Entscheidungen, die von Gruppen, von Gremien oder möglicherweise von individuellen Menschen, von Menschen wie dir gefällt werden? Vielleicht sogar, weil du selbst das erlebt hast?
(33.41) Hell: Das ist natürlich ein schwieriger Punkt. Man ist natürlich vor Fehlentscheidungen nie gefeit und das geht mir heute genauso, wenn sich Leute bei mir bewerben. Und ich ermutige Leute, wenn sie kommen, wir haben tolle Bedingungen hier, dann überleg dir was Neues, was fundamental Neues. Es ist natürlich sehr schwer sofort zu erkennen, ob jemand das Talent dazu hat. Aber worauf ich achte, ob es der Person um die (betont die drei Worte) Sache geht, brennt die für das was sie tut, ist sie begeistert für ihre Idee? Ist das wirklich ein neuer und interessanter, origineller Ansatz oder geht‘s, ich sag mal ganz salopp, geht‘s darum seine Papers zu bekommen, in hoch sichtbaren Journalen um dann weiß ich was (Korrektur) irgendwie bekannt zu werden, um dann den nächsten Postdoc zu machen, weiß ich wo gewesen zu sein und am Ende die Professur zu bekommen. Diese Leute glaub ich zu versuche ich nicht zu fördern zu wollen, ich bemühe mich zumindest und finde es nicht besonders ermutigend, das zu sehen, dass das ein System, die Art und Weise, diese Herangehensweise an die Forschungsförderung, wie so ne Art Handwerk ist. Also man lernt bestimmte Fähigkeiten, um das System zu spielen. Dann ist man erfolgreich in Anführungszeichen und Gremien befördern das natürlich. (9.S.10 32.38-33.41)
Die Fallstudie zur Entdeckerkarriere von Stefan Hell ergab neben einer Analyse von Hindernissen und Glücksfällen in seiner Karriere und den Möglichkeiten des Scheiterns auch eine Reihe von Aussagen zu den idealen Rahmenbedingung, die Entdecker brauchen, wenn sie in Organisationen und Institutionen bleiben wollen, um ihre Entdeckung zu machen. Hier seine Positionen aus:
Stefan Hell zu Karriere, innovativer Forschung und deren Förderung
Die idealen Rahmenbedingungen für Entdecker, die in Organisationen arbeiten
Ein Studium, das Freiraum zum Denken gibt
Auftragsforschung und anwendungsbezogene Forschung in Firmen ist nichts für Entdecker
Die Institutionen müssen den Forschern einen großen Freiraum bieten, um an der Entdeckung arbeiten zu können
Freiheit bei der Wahl des Themas und der Methode
In der Leitung der Institution muss es Personen geben, die Forscher und die Idee fördern wollen und die Macht dazu haben
Institutionen, die interdisziplinäre Arbeit prämieren und die Strukturen dafür haben
Institutionen, die bereit sind, Risiken bei der Nachwuchsförderung einzugehen
Institutionen müssen Strukturen und Mittel haben, um gescheiterten Forschern Karrieremöglichkeiten zu bieten
Ein Studium, das Freiraum zum Denken gibt
Hell: „Also ich fand das Studium sehr offen, es war auch ein sehr laxes Studium in dem Sinne, dass man am Anfang gar keine Prüfung hatte. Man war dann gezwungen, irgendwann den ganzen Stoff zu lernen und sich dann auch punktuell auf den Stoff zu konzentrieren. Das kam mir entgegen, muss ich sagen, weil ich dazu geneigt habe, mir Dinge sehr sehr genau zu überlegen ich hab die Zeit gehabt mir die Dinge genau zu überlegen und der Physik und ja dem Weltbild, dass die Physik geschaffen hat, sehr genau auf den Grund zu gehen. Und das hat mir dann später geholfen Intuition aufzubauen, die entscheidend dafür war, das zu machen, was ich letztlich gemacht habe.“( 9 R.Y.4) (9.,12.34 min, S.4)
Auftragsforschung und anwendungsbezogene Forschung in Firmen ist nichts für Entdecker, die Grundlagenforschung machen wollen
Hell:“ Man hat damals in den Firmen Siemens und Megabit Chip Projekte aufgebaut und da dachte ich, wenn man sowas macht mit Mikrostrukturen, dann bekommt man wahrscheinlich einen Job. Aber dadurch, dass ich da reingegangen bin und es gemacht habe, hab also meine Doktorarbeit in dem Startup meines Doktorvaters gemacht, hab ich gemerkt, dass es mich eigentlich zum Fundamentalen hinzieht. Und dass dieses Sicherheitsdenken, das ich hatte, nach dem Motto ich suche irgendwas, wo ich nachher wahrscheinlich einen Job krieg, mich nicht glücklich macht.“ (9.,17.47 min, S.5)
Die Institutionen müssen den Forschern einen großen Freiraum bieten, um an der Entdeckung arbeiten zu können
Hell: „Wenn jemand einen tollen Ansatz hat, ein wichtiges Problem zu lösen; eine Idee zu etwas, was die Menschheit wirklich weiterbringen würde, dann braucht er Freiraum. Man muss Räume schaffen, in denen jemand seiner Idee frei nachgehen kann, ohne Angst, kein Geld zu haben, sozial abzustürzen. (…) Zu viel Absicherung ist auch nicht gut, das kann dazu führen, dass der Eifer nachlässt, Risiko gehört dazu. Aber man braucht wenigstens ein paar Jahre die Freiheit, dranzubleiben, auch wenn es mal Rückschläge gibt.“(10. Zeit online, S.3)
Hell: „Man kann in der Max-Planck-Gesellschaft sehr gut arbeiten, und zwar deswegen, weil die Max-Planck-Gesellschaft den Forschern einen hohen Freiraum bietet. Und das ist ein einmaliges System, das dürfen wir nicht vergessen, das findet man in anderen Ländern nicht. Die Max-Planck-Gesellschaft ist ein Unikum in ihrer Art und Weise, wie sie Wissenschaft betreibt, die Wissenschaft dort organisiert ist.“ (9.,5.20 min, S.2)
Freiraum, um nachzuweisen, dass die Idee, die der Entdeckung zugrunde liegt, richtig ist.
Hell: „Die biophysikalische Chemie wollte mich haben und hat mir diese Chance gegeben für fünf Jahre. Also für einen doch planbaren, befristeten Zeitraum zu verifizieren, dass diese Ideen richtig sind. Und das hat funktioniert und ich glaube, das ist wirklich was Tolles, Positives geworden.“ (9.,26.4. min, S.8)
Freiheit bei der Wahl des Themas und der Methode
Forschung & Lehre: „Welche Rolle spielt Freiheit für die Forschung?“
Hell: „Wenn Sie nicht die Freiheit haben, das Problem auszusuchen, an dem Sie arbeiten, haben Sie die Wahrscheinlichkeit, etwas Wichtiges zu entdecken, schon beträchtlich reduziert. Wenn Sie dann noch in der Wahl Ihrer Methoden eingeschränkt sind, so reduziert sich diese Wahrscheinlichkeit noch einmal beachtlich. Und wenn Sie am Ende nicht sagen dürfen, was rausgekommen ist, weil es einigen, einigen, vielen, oder sogar allen nicht passt, dann können Sie es gleich lassen - und diejenigen, die die Forschung bezahlen auch. Das müssen wir zu verhindern wissen.“ (F&L, S.1003)
In der Leitung der Institution muss es Personen geben, die Forscher und die Idee fördern wollen und die Macht dazu haben
Yogeshwar: „Und wichtig war sicherlich, dass man entlang der Biografie, und das kann man bei dir schön sehen, natürlich immer wieder Einzelpersonen hatte, die Kraft ihres Amtes ein gewisses Grundvertrauen hatten und einen unterstützt haben. Also ohne dass man das so expressis verbis vielleicht sagen kann, die am Anfang gesagt haben trau dem, der macht das.“ (9.,28.33min, S.8)
Hell: „Ja das ist dann sehr wichtig, dass man letztendlich dann Leute hat, die bereit sind, einem den Freiraum zu geben. Und ich glaube das ist auch das Konzept der Nachwuchsgruppe, wie es die Max-Planck-Gesellschaft hat, das ein herausragendes Konzept ist, solche Außenseiter auch zu identifizieren und dann auch die Chance zu geben. Und es war ja nicht klar, wie es ausgehen würde, also nachher kann man immer sagen, klar das hat funktioniert, aber es hätte auch sein können, dass ich Unrecht habe. Aber das Entscheidende ist, dass man die Chance bekommt, dass man wirklich das Experiment am Ende macht und dann sieht man, ob das stimmt oder nicht.“ (9.,28.54 min, S.8)
„In der kritischen Anfangszeit haben die Finnen mir was zugetraut“, sagt Hell dankbar. „Sie haben gesehen: das könnte etwas werden, der Typ hat Talent und Energie, um etwas durchzusetzen.“ (2.MPI ) (gemeint ist die Leitung des Departments of Medical Physics der Universität in Turku)
Institutionen, die interdisziplinäre Arbeit prämieren und die Strukturen dafür haben
Hell: „Also diese Interdisziplinarität war ja auch (….) mitverantwortlich dafür, dass man mich in Göttingen am Max-Planck-Institut für Physikalische Chemie entdeckt hat. Das waren nämlich Direktoren aus allen Fachbereichen, Physik, Chemie und Biologie, die das verstanden haben. Da gab es einen Physiker, der die interessanten Teile des Problems gesehen hat, ein Chemiker usw. Und dort war auch ein Umfeld, in dem man sowohl über die Optik als auch über die Chemie usw. nachdenken konnte und es gab auch quasi, dass es (Korrektur) es gab zum Teil auch Leute, mit denen man drüber sprechen konnte. Also das war eine spezielle Situation in Göttingen, die ganz genau auf dieses Problem ja abgestimmt war.“ (9., 25.54 min, S.7-8)
Hell: „Man hat es als interessant empfunden, man hat es als legitimes Forschungsziel gesehen, was woanders nicht so schnell der Fall war. Wenn ich mich in Physik-Unis beworben habe, haben die gesagt mhm ja, es ist zwar Physik, aber doch Biologie drin, das ist eine Art Biophysik. Und für die Chemie war‘s natürlich keine Chemie und ist es ja auch nicht. Biologie, das war viel zu weit weg von allen biologischen Problemen. Aber dieses interdisziplinäre Umfeld, das man natürlich bei einem Max-Planck-Institut finden kann oder aufbauen kann, weil es ja nicht bestimmten Fachbereichen oder Fächern zugeordnet ist, das ist wahnsinnig entscheidend für einen solchen Außenseiter wie mich, der so was Ungewöhnliches macht, den zu entdecken und auch zu fördern.“ (9., 27.43 min, S.8)
Institutionen, die bereit sind, Risiken bei der Nachwuchsförderung einzugehen
Yogeshwar: „Du persönlich warst bereit Risiken in Kauf zu nehmen, aber die essenzielle Frage, wenn wir über Exzellenz reden, heißt ja auch, in wie weit ist ein System als Ganzes, zusammengesetzt aus, ob es Max Planck Institute sind, ob es Forschungssysteme sind, ob das die Grammatik von Förderbereichen ist, inwieweit ist ein System bereit, heute anno 2015 Risiken auf sich zu nehmen? (Hell nickt) (…) wenn es schief geht, sich auch einmal zu gestehen, o. k. da geht mal was schief, gehört auch dazu.“ (9., 30.05 min, S.9)
Hell: „Ich glaube, dass es sehr wichtig und ich hab ja das Konzept der Nachwuchsgruppe genannt, das eigentlich aus unserem Institut heraus auf die gesamte Max Planck Gesellschaft dann ausgebreitet worden ist und implementiert worden ist. Da hat sich seit damals viel getan, also mittlerweile haben wir diese Mechanismen, es gibt unterschiedlichste Formen Nachwuchsgruppen von der DFG und so weiter und sofort eingerichtet.“ (9.,30.42, S.7-8)
Hell: „Das ist sicher sehr hilfreich Leute zu identifizieren, die potenziell disruptive Forschung machen und grundlegende Entdeckungen machen, aber es werden nicht alle tun.“ (9.,31.18, S.9)
Institutionen müssen Strukturen und Mittel haben, um gescheiterten Forschern Karrieremöglichkeiten zu bieten
Hell: „Es gibt eine hohe Wahrscheinlichkeit, dass man scheitert, erst recht, wenn man potenziell disruptive Forschung macht. Und dann finde ich es wichtig, dass man anerkennt, dass man es versucht hat. (…)
Und dann glaub ich ist es wichtig, dass ein System eine Möglichkeit bietet den ehrbar Gescheiterten, den Helden sag ich mal, die es versucht haben, aber aus welchen Gründen auch immer nicht, sagen wir mal zum strahlenden Erfolg gekommen sind, dass man für die Wege findet, dass sie ich sag mal nicht auch sozial scheitern. Das darf nicht passieren, sonst geht ja keiner mehr das Risiko ein. (Yogeshwar ja) Im Gegenteil, wir müssen Strukturen finden, um Leute zu ermutigen Risiken einzugehen, d.h. den Rahmen dafür bereiten.“ (9.,31.22, S.9)
Und noch ein weiterer Artikel zu diesem Thema: In "Pioniere der Wissenschaft - und wie man sie am besten fördert" benennt Razvan T. Radulescu "Drei Merkmale für wissenschaftliches Talent", kritisiert die damalige Förderstrategie und macht Vorschläge für eine alternative Variante. Er ist Mediziner und Pharmakologe und begründete Molecular Concepts Research (MCR) in Münster/Westfalen.(Forschung & Lehre 9/2013, S.744-746)
Radulesco Pioniere der Wissenschaft
Marie und Pierre Curies Vermächtnis
Was kann man aus den Entdeckerkarrieren dieser beiden Wissenschaftler für die Förderung von Entdeckern lernen? Beide haben keine Karriere in Hochschulen und Wissenschaftsvereinigung angestrebt, sie wollten in Ruhe entdecken, an Belohnungen wie Einfluss, Ansehen, Geld, Macht, die Institution zu vergeben haben, hatten sie kein Interesse. Die französischen Institutionen boten ihnen keine Möglichkeit, ihre experimentelle Arbeit in Laboren durchzuführen. Durch den Druck, den die Ehrungen aus dem Ausland und der Nobelpreis ausübte, bekam erst Pierre Curie und dann Marie Curie eine Professur und erst Jahre später ein Laboratorium. Sie trafen zudem auf Ablehnung ihrer innovativen und revolutionären Ideen durch die einflussreichen Vertreter ihrer Disziplin im Inland, die die vorherrschende Lehrmeinung in Gefahr sahen. Mäzenen, der Unterstützung durch die eigene Familie, ihrer Opferbereitschaft und ihrem starken Willen, die Entdeckung zu machen und ein neues Fachgebiet zu schaffen, der Unterstützung durch namhafte Wissenschaftler und dem Nobelpreis ist zu verdanken, dass sich ihre Entdeckungen durchgesetzt haben.
Marie Curie sieht die Gesellschaft in der Pflicht, Rahmenbedingungen für Entdecker, diesen Typus von Wissenschaftlern zu schaffen und zu erhalten, die sich der Grundlagenforschung widmen. Die Prämierung der ökonomischen Verwertbarkeit von wissenschaftlichen Erkenntnissen, deren Auswirkungen sie bei ihrer zweiten Amerikareise, erlebt, bewertet sie als große Gefahr für die Grundlagenforschung.
"Im Einvernehmen mit mir verzichtete Pierre Curie darauf, aus unserer Entdeckung pekuniäre Vorteile zu ziehen: Wir haben kein Patent auf sie genommen und ohne jede Einschränkung die Ergebnisse unserer Forschungen veröffentlicht, ebenso wie das Herstellungsverfahren des Radiums. Wir haben überdies allen Interessenten jede Auskunft erteilt, die sie wünschten. Dies war eine große Wohltat für die Radiumindustrie, die sich frei entwickeln konnte, zuerst in Frankreich, dann im Ausland, und so in die Lage kam, Gelehrten und Ärzten die Erzeugnisse zu liefern, die sie brauchten"
Eve Curie: Madame Curie – Eine Biographie. Fischer Verlag Frankfurt 32. Aufl. 2021, S.177
"Mit Recht machten viele unserer Freunde uns darauf aufmerksam, dass wir durch Ausnutzung unserer Entdeckung die Möglichkeit gehabt hätten, ein ausgezeichnetes Institut zu schaffen und damit die vielen Hindernisse zu beseitigen, die für uns beide eine große Belastung waren und es heute noch für mich sind. Trotzdem bin ich der Auffassung, daß wir richtig gehandelt haben.
Die Menschheit braucht sicherlich praktisch denkende Menschen, die zwar für die Bedürfnisse der Allgemeinheit arbeiten, dabei aber vor allem an ihre eigenen Ziele denken. Sie braucht jedoch auch Schwärmer, deren Drang, gesteckte Ziele zu erreichen, derartig groß ist, dass sie ihre persönlichen Interessen völlig außer acht lassen, daß sie gar nicht in der Lage sind, an eigene materielle Vorteile zu denken. Man könnte auch sagen, dass diese Idealisten vielfach keinen Reichtum gewinnen, weil sie ihn nicht erstreben. Es scheint jedoch, dass eine fortgeschrittenere Gesellschaft die entsprechenden Mittel für die erfolgreiche Tätigkeit dieser Schwärmer sicherstellen müsste, damit sie, befreit von materiellen Sorgen, sich voll und ganz dem Dienst der Wissenschaft widmen können."
Marie Curie: Selbstbiograhie, B. G. Teubner, Leipzig 1962, zitierter Nachdruck: Wim Bauer Verlag, Hagen 2019. S. 77-78
"Jede Kulturgemeinschaft hat die unabdingbare Pflicht, den Bereich der reinen Wissenschaft zu bewahren, in dem Ideen und Entdeckungen entstehen: die Forscher zu schützen und zu ermutigen und ihnen alle Mittel bereitzustellen. Nur um diesen Preis kann eine Nation wachsen und eine harmonische Entwicklung auf ein fernes Ideal hin verfolgen."
Marie Curie – Peter Ksoll und Fritz Vögtle. Reinbek bei Hamburg, 8.Aufl. 2011, S. 135