Was sich für Entdecker oder Erfinder als Scheitern darstellt, kann für die Gesellschaft, für Teile davon oder für die Menschheit ein Erfolg sein. Wenn die Entdeckung von der Gesellschaft als bedeutend und großartig bewertet wurde, geht ihr meist mit der Zeit das Wissen verloren, dass bedeutende Entdecker sich selbst als gescheitert ansahen und teilweise auch verarmt gestorben sind. Sie werden erstaunt sein, auf wen das zutrifft.
Um diese Diskrepanz zu verstehen, wird die Unterscheidung zwischen individuellen, sozialen und kulturellem Sinn von Entdeckungen eingeführt, die auf den drei gleichnamige Klassen der Praxis beruht.
Link zum Lexikon → Klassen der Praxis
Welchen Sinn verfolgt der Entdecker selbst, welchen Sinn geben relevante soziale Einheiten der Entdeckung? Gibt es überhaupt einen kulturellen Sinn, was bedeutet, dass die Entdeckung eine bedeutende Wirkung auf die Menschen als Gattung und ihre Kultur erreicht hat? Diese m.E. notwendige Unterscheidung wird bei der Beurteilung von Erfolg und Scheitern nicht systematisch gemacht, weder von den Entdeckern selbst, noch von denen, die sie bewerten.
Dass sich die Bewertungen von Entdeckungen im Laufe der Jahrhunderte ändern, ist bekannt. Galileo Galilei wurde für die Entdeckung, dass sich die Erde um die Sonnen dreht verfolgt, unter Hausarrest gestellt und erhielt ein Berufsverbot als Lehrer. Andere Entdecker mussten zu Lebzeiten vergeblich auf ihre Anerkennung und den Erfolg warten wie Philip Reis, der einen erheblichen Beitrag zur Erfindung des Telefons geleistet hatte, weil er die elektrische Übertragbarkeit von Tönen nachweisen konnte.
Welche Konsequenzen diese und weitere Überlegungen zu Karrieren von Entdeckern, Erfindern und Begründern auf dieser Website haben, ist Gegenstand des letzten Punkts. Wie kann man diese Personen so fördern, dass sie ihr Ziel erreichen können, den Sinn ihrer Entdeckung zum Programm ihrer Entdeckungspraxis machen können und wer kann das? Was kann der Beitrag von Organisationen und Institutionen sein?
tar_07, id122, letzte Änderung: 2022-12-22 09:55:10
Der Sinn von Entdeckungen
Wir unterscheiden zwischen dem individuellen, dem sozialen und dem kulturellen Sinn des Entdeckens. Am Beispiel von Guttenberg wird deutlich, und das trifft nicht nur auf ihn, sondern auf Kolumbus und andere Entdecker zu, dass der individuelle Sinn des Entdeckens ein anderer sein kann als der soziale Sinn.
Kolumbusstatue im Hafen von Barcelona (Foto M. Giesecke)
Gibt es wie im Falle von Kolumbus einen Finanzier und Auftraggeber, nämlich das an der Macht befindliche Königshaus, so werden diese Finanziers -wie auch die von anderen Entdeckungen - ihre Interessen zum Maßstab nehmen und den Sinn der Entdeckung aus ihrer Sicht definieren. Natürlich ging es dem spanischen Königshaus um die Ausweitung seiner Macht und um die ökonomische Ausbeutung der neu entdeckten Länder. Kolumbus ging es um den Seeweg nach Indien, das Drama für ihn war, dass die Entdeckung Amerikas für Kolumbus selbst ein Scheitern darstellte, als sich nicht mehr verheimlichen ließ, dass er einen neuen Kontinent und nicht Indien entdeckt hatte. Der individuelle und der soziale Sinn fällt hier in genauso extremer Weise auseinander wie bei Gutenberg, der die schönste Handschrift überbieten wollte, den Buchdruck mit beweglichen Lettern erfand, der der Gesellschaft neue Formen der Produktion, Distribution und Konsumtion von Wissen bescherte. Neben diesem sozialen Sinn entwickelte sich durch die weltweite Ausbreitung dieses neuartigen Kommunikationsmediums ein kultureller Sinn für die menschliche Kultur allgemein.
Gutenbergdarstellung
und eine Seite aus einer reich illustrierten Bibel
Entdeckung im Wissenschaftsbereich werden von der jeweiligen Professional Community bewertet. Sie bewertet gerade dann, wenn es sich um eine innovative und revolutionäre Theorie handelt, die Entdeckung oft nicht nach fachlichen Kriterien, sondern nach machtpolitischen. So kann man den sozialen Sinn einer Entdeckung für gefährlich befinden, weil sie gerade vorherrschende Grundannahmen, Modelle und das Selbstverständnis einer Disziplin bedroht, und sie für falsch oder nicht genügend begründet erklären. Oder die Community nimmt nach den für die Wissenschaft geltenden Kriterien der Überprüfung die Innovation begeistert auf und beschäftigt sich damit, welche Auswirkungen diese auf ihre Modelle Grundannahmen Verfahren hat und wie sie angewandt werden kann. Auch dabei kann es zu Differenzen zwischen dem individuellen und dem sozialen Sinn kommen, weil sich herausstellt, dass die Entdeckung auch für ganz andere Bereiche Relevanz hat als für diejenigen, die der Entdecker im Sinn hatte.
Die kulturelle Wirkung einer Entdeckung
Wird eine Entdeckung bekannt, entwickeln sich in den Gesellschaften Bewertungen der Entdeckung und Zuschreibungen von Sinn, den diese Entdeckung für die Gesellschaft oder Teile von ihr haben könnte oder hat. Der kulturelle Sinn einer Entdeckung, also die Annahmen über die Bedeutung der Entdeckung für die Gattung Mensch, kann nach dem Bekanntwerden der Entdeckung noch nicht klar sein klar sein, er wird es erst Jahre oder Jahrhunderte später sein. So ahnte man nicht, dass Gutenbergs Entdeckung der Typografie eine Revolution der Informations- und Kommunikationstechnologie auslösen würde. Der von Menschen und sozialen Gemeinschaften erhoffte und gewünschte Sinn erfüllt sich oftmals nicht, wie man an den folgenden Beispielen sehen kann.
“Auffällig ist auch, dass an einige Erfindung große Erwartungen zum Erringen eines Weltfriedens geknüpft wurden. So glaubten viele Menschen im 19. Jahrhundert, dass die unmittelbare Kommunikation mit Telegrafen und später Telefonen über alle räumlichen Grenzen hinweg den Dialog zwischen den Völkern verbessern und so auch automatisch in eine Ära des weltweiten Verstehens und des Friedens führen würde. Stattdessen entwickelte sich der Telegraf rasch zu einem militärstrategisch wichtigen Instrument, zuerst im Krimkrieg (1853-1856), dann im amerikanischen Bürgerkrieg (1861-1865), während dem 24.000 km Leitungen verlegt wurden, und anschließend im deutsch-französischen Krieg 1870/71. Auch Nicola Tesla dachte an Frieden. Als er seiner Idee von der weltumspannenden Energie nachging, war er davon überzeugt, dass in »die vollkommene Aufhebung der Entfernung von allen Errungenschaften der Menschheit am meisten herbeigesehnt wird und den weltweiten friedlichen Beziehungen am förderlichen wäre«. Und der ohnehin dem Krieg abgeneigte und sozialistischen Ideen nahestehende Otto Lilienthal glaubte, dass Flugzeuge einen Wandel in der kriegerischen Geschichte der Menschheit einleiten könnten: »Die Grenzen der Länder würden ihre Bedeutung verlieren, weil sie sich nicht mehr absperren lassen… Und das zwingende Bedürfnis, die Streitigkeiten der Nationen auf andere Weise zu schlichten als den blutigen Kämpfen um die imaginär gewordenen Grenzen, würde uns den ewigen Weltfrieden verschaffen.« Grenzen überwinden heißt Frieden schaffen glaubte man. Im Zeitalter von Interkontinentalraketen und Cyberattacken im Internet sind solche naiven Gleichungen längst passé.“ (Bührke 2012, S.10-11)
Zu den Entdeckern, die dem individuellen Sinn ihrer Entdeckung auch einen kulturellen Sinn zuschrieben, gehört Alexander von Humboldt:“ Je mehr die Menschenzahl und mit ihr der Preis der Lebensmittel steigen, je mehr die Völker die Last zerrüttete Finanzen fühlen müssen, desto mehr sollte man darauf sinnen, neue Nahrungsquellen gegen den von allen Seiten einreißenden Mangel zu eröffnen. Wie viele, unübersehbar viele Kräfte liegen in der Natur ungenutzt, deren Entwicklung tausenden von Menschen Nahrung oder Beschäftigung geben könnte.“ (2010, S. 20) Der Text liest sich erstaunlich modern. Seine Entdeckungsreisen und seine Studien der Botanik sollten helfen, neue Nahrungsquellen aufzuschließen, um dieses durch das enorme Bevölkerungswachstum entstandene Problem, das in heutiger Zeit immer noch besteht, zu lösen.
Die Entdecker haben es nicht in der Hand, die Wirkung ihrer Entdeckung auf die Menschheit festzulegen oder zu beeinflussen. Erklären lässt sich die Differenz zwischen individuellen Sinn für den Entdecker auf der einen und kulturellen Sinn auf der anderen dadurch, dass nichtmenschliche Faktoren der Welt wie die Natur neben konkurrierenden Auslegung des sozialen Sinns eine Rolle spielen.
„Sinn, kultureller =
Die kulturelle Praxis prämiert die Wirkung von nichtmenschlichen Faktoren auf die Menschen. Ihr Zweck, der kulturelle Sinn, ist es Wirkungen nichtmenschlicher Faktoren auf den Menschen zu erzeugen, zu richten und zu gestalten. (...)
Die nichtmenschlichen Faktoren des Kosmos können mehr oder weniger stark von Menschen beeinflußt sein. Sie können auch das Produkt nahezu ausschließlicher menschlicher Praxis sein. Dann kann man von Artefakten sprechen. Das sind alle technischen Geräte, angefangen von einfachsten Werkzeugen bis zu vollautomatischen Maschinen. Zu den Artefakten gehören aber auch soziale Techniken (z.B. Bürokratie) und deren Vergegenständlichung in Institutionen.
Wenn beispielsweise von der 'Buchkultur' gesprochen wird, dann wird sie in der TriPrax als menschliche kulturelle Praxis, als von Menschen mitgestaltetes Ökosystem verstanden. Im Fokus dieser kulturellen Praxis stehen dann aber nicht die Aktivitäten der Menschen und deren Ziele - wie in der individuellen Praxis - oder die sozialen Funktionen für die Sozialsysteme, sondern die Wirkungen, die das komplexe Konglomerat von Büchern, Typographeum, die technischen Abläufe auf die Menschen als (nur) einem Faktor der Kultur haben.
Der unterschiedliche Sinn der drei Praxisklassen
Es gilt die Regel: Wenn Wirkungen von nichtmenschlichen Faktoren von Praxis(systemen) auf die Menschen im Vordergrund stehen, handelt es sich um kulturelle Praxis, die Menschen emergieren als kulturelle Wesen. Bei der individuellen und der sozialen Praxis stehen die Wirkungen der Personen und sozialen Wesen auf die Objekte im Vordergrund. Es findet eine Umkehr der Richtung einer Beziehung bzw. Energie statt, wenn wir von der sozialen und individuellen Praxis zur kulturellen übergehen.
Wenn wir den Buchdruck als Erzeugnis von Personen oder sozialen Kollektiven denken, dann denken wir über eine individuelle bzw. soziale Praxis nach. Erst, wenn wir die Richtung umkehren und nach den Wirkungen des Typographeums auf Personen und Gemeinschaften suchen, befinden wir uns in einer kulturellen Praxis.
Relevant werden in der Praxis dann Prozesse, Wirkungen, die von den Artefakten ausgehen und Kompositionen, deren prämierte Komponenten die nichtmenschlichen Teile des Kosmos sind. Diese Teile sind die bestimmende Kraft der Praxis und sie ist auf die Menschen und ihre Gemeinschaften gerichtet." (Giesecke Website Triadische Praxis, Lexikonartikel)
Link zum Artikel Sinn kultureller
Wandel als Schlüsselbegriff zum Verständnis kulturellen Sinns
"Immer sind die Menschen damit befaßt, die Wandlungen, die diese Teile/Artefakte in der Kultur hervorbringen zu gestalten. Dies geschieht durch die Transformation des Wandels. Deshalb ist die Wandeltriade® der Schlüssel zum Verständnis kultureller Praxis.
Der Sinn der kulturellen Praxis für die kulturellen Wesen ist es, die Wirkung von bestimmten anderen Faktoren zu steigern oder zu vermindern (Reformieren), zu bewahren (Konservieren) oder zuallererst zu erzeugen bzw. zu zerstören (Revolutionieren). Der letztere Fall läuft auf die Zerstörung des kulturellen Ökosystems hinaus. Man schafft mit dem inkriminierten Artefakt - z.B. den Verbrennungsmotoren - zugleich eine kulturelle Praxis ab.
Wenn gesagt wird: Der Buchdruck hat die Kultur der Menschen seit der Renaissance in den meisten Teilen der Erde revolutioniert, dann meint dies, - er hat tiefgreifende Veränderungen bei den Menschen bewirkt und- die Menschen haben diese Wirkungen durch produktive, distributive und konsumtive Praktiken kontinuierlich gesteigert, sie positiv bewertet und bewahrt.
Natürlich müssen, um in diese kulturelle Lage zu gelangen, die Artefakte erzeugt werden. Wird diese Funktion prämiert, gestalten wir eine soziale Praxis, deren Funktion es ist, bestimmte Dinge, Technik zu produzieren. Sie ist in dieser Sicht eine Voraussetzung kultureller Praxis.
Hier sind also die drei Klassen der Praxis miteinander verschränkt.
Wenn man den Sinn von kulturellen Bewegungen oder Beziehungen für die Menschen ermittelt, dann wechselt man schnell in eine soziale Praxis, deren Sinn die Bewertung von kultureller Praxis (als Objekt) ist! das heißt, soziale Praxis kann kulturelle Wirkung zum Objekt machen - was nur wieder die Verschränkung der drei Praxisklassen demonstriert.“ (Giesecke, Website Triadische Praxis, Lexikonartikel)
Link zum Artikel Wandel als Schlüsselbegriff zum Verständnis kulturellen Sinns
Die Bewertung des kulturellen Sinnes einer Erfindung oder Entdeckung unterliegt wohl aber immer einem Wandel in der Zeit. Es entwickeln sich Mythen, modisch ausgedrückt Erzählungen, über deren Sinn und Nutzen, die den Bedürfnissen der Menschen und Gesellschaften Rechnung tragen. Die Erfindung wird, um mit Sherry Turkle zu sprechen, zur ‚Wunschmaschine‘. Die Autorin hat zu Beginn der achtziger Jahre die Hoffnungen und Wünsche der Menschen, die durch die Verbreitung der Computer ausgelöst wurden und ihn zur Projektionsfläche werden ließen, in ihrem Buch:“ Die Wunschmaschine - Vom Entstehen der Computerkultur“ (1984) analysiert.
Auch der Buchdruck war eine Wunschmaschine, schreibt Michel Giesecke in seinem Buch über die “Mythen der Buchkultur“. “Überall in Europa äußerte man die Hoffnung, dass die ‚ars nova imprimendi libros‘ , zur Volksaufklärung beitragen möge, die menschliche Erkenntnis heben, ‚magnus lumen‘, große Erleuchtung bringen werde“ oder „ den kriegerischen Wettkampf zwischen den Völkern zu beenden“, wie Erasmus von Rotterdam hofft, indem man ihn durch einem Wettkampf um Wissen und dessen Verbreitung im neuen Medium ersetzt. (S. 206f.) „Sie erscheint schon den Zeitgenossen als eine Kraft, die soziale Netze schafft, die das Miteinander der Menschen und der größeren sozialen Gruppen verändert. Aber mehr noch: Sie verändert auch die Vorstellung darüber, was für die Menschen informativ ist. Wie wir in den vorigen Abschnitten sahen, verlieren die mittelalterlichen Ideale der Weisheit und Kunstfertigkeit an Bedeutung. Information, die noch etwas gelten will, muss im typografischen Medium niedergelegt werden. Nur so kann eine neue Technologie eine neue Jurisprudenz, eine neue Medizin und eine neue Astronomie entstehen. Und diese neuen Wissenschaften kann sich der bekannte Astronom Johannes Kepler etwa, schon am Ende des 15. Jahrhunderts nur als eine Folge der typografischen Kommunikationstechnologie vorstellen.“ (2002, S.207)
tar_07, id123, letzte Änderung: 2025-12-03 11:24:18
Erfüllt sich der individuelle Sinn, den der Entdecker verfolgt, nicht, so ist es für ihn selbst ein Scheitern. Wie wir an den Beispielen von Kolumbus und Gutenberg gesehen haben, kann die Entdeckung für die Gesellschaft einen enormen Erfolg und einen Fortschritt darstellen. Kolumbus und Gutenberg gelang es nicht, ihr selbst gesetztes Ziel zu erreichen und auch nicht, die positive Bewertung ihrer Entdeckung durch die Gesellschaft zu übernehmen. Guttenberg starb, finanziell ruiniert und vereinsamt, seine Entdeckung wurde lange Jahre seinem Finanzier Johann Fust und seinem Drucker Schöffer zugeschrieben.
Das Land, das Kolumbus entdeckt hatte, wurde nach Amerigo Vespucci, einem Florentiner Adligen und Kaufmann, der ein paar Jahre nach Kolumbus dort anlandete und erkannte, dass es sich um einen neuen Kontinent handelt und dies in aller Welt als seine Entdeckung bekannt machte, benannt. Kolumbus geriet ob dieser revolutionären Erkenntnis des Italieners, die unbelastet davon war, den Weg nach Indien zu entdecken und ob dessen genialer Vermarktung der Entdeckung ferner Länder und Völker fast in Vergessenheit. Vespuccis Ziel war ein anderes als das von Kolumbus, er wollte lediglich das neue Land im Westen weiter entdecken und darin war er erfolgreich.
Blatt aus Vespuccis Brief mit dem Titel Mundus Novus an seinen Freund Lorenzo di Pierfrancesco de’ Medici (1504), einem Bericht über die Entdeckung der Völker in der Neuen Welt
„Sowenig Kolumbus die Westroute nach Indien entdeckte, also Bekanntes besser erreichbar machte, so wenig entdeckte Gutenberg einen Weg zur Vereinfachung handschriftlicher Informationsverarbeitung. Er schuf eine ganz andere, eben die typografische Informationstechnologie, die seitdem in einer Konkurrenz zur handschriftlichen steht.“ (Giesecke 2002, S. 114)
Auch Johann Friedrich Böttger (1682- 1719), als Apotheker ausgebildet und Anhänger der Alchimie, wollte den sogenannten ‚Stein der Weisen‘ finden, also eine Substanz, mit deren Hilfe sich aus anderen Metallen Gold und Silber machen ließ, erreichte dieses Ziel aber nicht. Er erfand stattdessen mehrere Arten des Porzellans, dessen Herstellung nur in China und nicht in Europa bekannt war, und den Prozess zu seiner Produktion sowie der dazugehörigen Technik. Kurfürst August der Starke, der sein Auftraggeber wurde, hatte ein starkes Interesse daran, aus Rohstoffen, die in seinem Land zur Verfügung standen, Gold machen zu lassen. Er scheute nicht davor zurück, Böttger jahrelang einzusperren und bewachen zu lassen, um das Verfahren geheim zu halten, unterstützte ihn andererseits mit finanziellen Mitteln und auch Mitarbeitern. Dem Verkauf des Porzellans war zunächst kein ökonomischer Erfolg beschieden, und der Kurfürst zwang Böttcher immer wieder nach dem Stein der Weisen zu suchen. Immerhin kam es soweit, dass eine Produktionsstätte auf der Albrechtsburg in Meißen eingerichtet wurde, die Böttcher leitete und die noch heute das berühmte Meißner Porzellan produziert. Er hatte die Porzellanherstellung noch einmal erfunden und Europas Abhängigkeit von chinesischen Importen beseitigt. Den Erfolg seiner Entdeckung erlebte Böttcher nicht mehr, er starb früh, krank und verarmt, aus der Begründung der Porzellanmanufaktur hatte er zu Lebzeiten keinen Gewinn ziehen können.
In seinem Buch „Genial gescheitert – Schicksale großer Entdecker und Erfinder“ schildert Thomas Bührke, ein Physiker und Wissenschaftsjournalist, die Schicksale weiterer Entdecker, die ihrer Entdeckung einen individuellen Sinn gaben, der von der Gesellschaft nicht akzeptiert wurde. “Sie waren ihrer Zeit weit voraus. Mit ihren Ideen bedrohten sie damalige Konventionen und forderten ihre Kollegen zu heftigen Diskussionen heraus. Die Gründe des Scheiterns sind vielfältig: heftiger Widerstand der damaligen Koryphäen, fehlender Weitblick der Politiker und Geldgeber oder fehlende technische Voraussetzung. Oft setzten sich ihre Ideen erst nach Jahrzehnten oder Jahrhunderten durch. Im Fall des antiken Astronomen Aristarch von Samos, der behauptete, die Sonne stehen im Zentrum des Universums und nicht die Erde, dauerte es zwei Jahrtausende.“ (Bührke 2012, S.7)
Welchen Maximen potentielle Entdecker folgen sollten, wenn sie erfolgreich sein wollen, zeigt der nächste Menüpunkt Maximen für Entdecker Maximen für Entdecker
tar_07, id124, letzte Änderung: 2025-08-27 10:24:58
Da Entdecken immer die Verwandlung des Wandels durch revolutionäre bzw. disruptive Prozesse ist, und da Entdecker nicht als sozialer Typus, sondern nur als Individuen angemessen zu beschreiben sind, kann es keine allgemein gültigen Programme des Entdeckens und der Gestaltung von Entdeckerkarrieren geben. Programme setzen Normalformen des Ablaufs voraus und soziale Typen, in diesem Fall Rollenträger, die sie ausführen. Das einzig allgemeingültige Programm ist das Metaprogramm des Revolutionierens mit seinen drei Dimensionen: Erfinden, Ersetzen und Zerstören!
Eine logische Ebene unter den Programmen liegen die Maximen. Maximen sind in den Autobiografien der und den Interviews mit Entdeckern zu finden. Was ist für Entdecker handlungsleitend und orientierungsrelevant, nachdem sie sich entschieden haben, ihre Idee zu verfolgen und sich auf einen Prozess des Entdeckens einzulassen? Die folgenden Maximen sind das Ergebnis meiner empirischen Analyse der Karrieren derjenigen Entdecker und Entdeckerinnen, die in den Falldarstellungen im letzten Menüpunkt präsentiert werden und weiterer, die ich untersucht habe.
Maximen für die erfolgreiche Gestaltung des Entdeckungsprozesses -weniger für die Karriere- habe ich in dem hervorragenden Werk von Robert Scott Root- Bernstein „Discovering – Inventing and Solving Problems at the Frontiers of Scientific Knowledge (1989) gefunden, der Biografien und Autobiographien zahlreicher Naturwissenschaftler und -wissenschaftlerinnen untersucht hat. Sein Ziel war es, junge Entdecker zu ermutigen, indem er ihnen die Biografien von berühmten Wissenschaftlern, die Entdeckungen gemacht haben, vorstellt und Maximen für das erfolgreiche Angehen und Durchführen eines Entdeckungsprozesses zur Verfügung stellt.
Mehr dazu finden Sie in der Menüpunkt Programme und Strategien des Entdeckens.
Die Funktion der folgenden Maximen soll es sein, potentiellen Entdeckern zu zeigen, "was normal ist", wenn man sich für das Entdecken entscheidet und was die eigene Karriere von anderen unterscheidet. Förderern oder Vorgesetzten von Entdeckern sollen sie helfen, das Denken und Handeln von Entdeckern zu verstehen und ihre eigenen Maßstäbe, wie man Karriere macht, zu suspendieren. Letzteres gilt auch für Berater und Personalentwickler.
Die Maximen für eine erfolgreiche Entdeckerkarriere:
Entscheide Dich im „falschen Leben“ zu bleiben oder zu entdecken!
Verfolge Deine Ideen, glaube an sie!
Nimm die Mission ernst, die Du spürst!
Vertraue Deinen Talenten und Deinen anderen Triebkräften, sie liefern die notwendige Energie!
Sei bereit alles Deiner Entdeckung unterzuordnen: Deine Person, Deine Bedürfnisse, Deine Gesundheit, Deinen Wohlstand und auch die Bedürfnisse der anderen!
Lebe bescheiden, sei bedürfnislos. Lass Dich nur von dem Bedürfnis zu entdecken leiten!
Suche das Abenteuer, das Unbekannte und das Glück zu denken, zu erfinden und auf dem Weg zu einer Entdeckung zu sein!
Verfolge keine traditionellen Ausbildungswege, sie engen Dich ein. Schaff Dir Dein eigenes Curriculum!
Entdecken ist Verwandeln durch Revolutionieren
Traue keinen Gesetzen, Grundannahmen, Modellen und Vorgehensweisen!
Entdecken ist Revolutionieren, nicht Bewahren oder Verbessern. Es geht darum Neues zu erfinden, das Alte zu ersetzen und zu vernichten. Dieses Denken und Handeln ruft notwendigerweise Widerstand hervor. Gibt es Widerstand, dann bist Du meist auf dem richtigen Weg!
„Träumer“, “Schwärmer“ (Marie Curie) und Außenseiter machen Entdeckungen, oder weniger sanfte Wesen wie Rebellen !
Du kannst Dich nicht an Normalität orientieren, an welcher auch immer. Nicht an den Vorstellungen, die die eigene Familie, die sozialen Gemeinschaft, die Profession, die wissenschaftliche Disziplin, die Organisationen und Institutionen, mit denen Du interagierst, haben. Du stellst für sie eine Abweichung dar!
Verlass Dich nicht auf Organisationen, die Bewahren und Optimieren von Bestehendem prämieren! Verwende nicht Deine gesamte Energie, um Dir dort einen Platz zu suchen!
Suche nicht nach Anerkennung Deiner Arbeit von diesen Institutionen, sie kränken eher als souverän genug zu sein und sich nicht bedroht zu fühlen. Ehrungen werden „Revolutionären“ meist verweigert!
Statt Zugehörigkeit zu suchen, bleib lieber einsam oder such Dir einige wenige “Getreue“!
Lass Dir keine Aufträge von anderen geben, was Du entdecken sollst! Gib sie Dir selbst!
Schaffe Deine finanzielle Basis auf verschiedenen Wegen!
Übernimm keine Aufträge mit Werksvertragscharakter (darin sind die Ziele vorgegeben), höchstens als Mittel zum Zweck, die eigene Entdeckungsarbeit zu finanzieren. So wie freie Künstler Auftragsarbeiten machen um ihre freie Kunst zu finanzieren!
Arbeitest Du in einer Organisation, dann suche nach Menschen, die souverän genug sind, Dir eine Position oder ein Stipendium zu verschaffen und Dich machen lassen!
Oder suche Dir einen Job zum Geld verdienen, der Dir genug Zeit zum Entdecken lässt, so wie Einstein als Büroangestellter an seiner Quantentheorie arbeiten konnte.
Oder suche Dir Mäzene, die Deine Entdeckung finanzieren können! Das kann die eigene Familie sein, die Dir Geld aus ihrem Vermögen oder Dein Erbteil zur Verfügung stellt. Oder es können reiche Menschen sein, die von Deiner Idee überzeugt sind, so wie J.P. Morgan bei Nicola Tesla oder heutzutage vielleicht auch Stiftungen sein!
Oder gründe ein Unternehmen und suche Dir Leute, die eine Erfindung, die Du schon im Entdeckungsprozess gemacht hast, in die Produktion bringen und verkaufen können!
Maximen für die Entdeckungspraxis
Wenn Du ein Problem nicht lösen kannst, überschreite die Grenzen Deiner wissenschaftlichen Disziplin bzw. Deiner Profession und suche dort nach Erklärungen und Lösungswegen!
Wenn Du in Deiner Entdeckungspraxis zu scheitern drohst, Irrtümer auftauchen, mach weiter. Hinterfrage Deine Annahmen, diese kritischen Stellen sind oft der Anfang der Entdeckung!
Halte Phasen der Unsicherheit, des ‚Schwimmens‘ aus, wenn Du spüren kannst, dass irgendetwas noch Zeit zum Reifen braucht!
Einfälle und Theorien dürfen und müssen auf den ersten Blick „verrückt sein“, “sonst gibt es keine Hoffnung“, sagt Niels Bohr oder „sie sind nicht wichtig“, sagt Medawar.
Erfolgreich oder gescheitert?
Gehe davon aus, dass die Gesellschaft, deine Professional Community, die Organisationen und Institutionen Deiner Entdeckung einen anderen Sinn geben als Du selbst! (Individueller versus sozialer oder kultureller Sinn der Entdeckung)
Gescheitert bist Du nur, wenn Du den Sinn, den Du ihr gibst, nicht erreichst!
Riskiere, dass Deine Entdeckung in Deinem Verständnis missbraucht wird! Ist sie in der Welt, hast Du nicht mehr in der Hand, wozu sie verwendet wird!
Katalin Karikós Maximen
Die von mir gefundenen Maximen für Entdecker möchte ich ergänzen durch die einer Nobelpreisträgerin, die sich an junge Wissenschaftlerinnen wenden.
Katalin Karikó und ihr Kollege Weissmann erhalten 2023 den Nobelpreis in Medizin für ihre Grundlagenforschung, die u.a. die Herstellung von mRNA-Impfstoffen gegen Covid-19 ermöglichten: „Durch ihre bahnbrechenden Resultate, die unser Verständnis davon, wie mRNA mit dem menschlichen Immunsystem interagiert, grundlegend verändert haben, trugen die Preisträger zu dem beispiellosen Tempo der Impfstoffentwicklung während einer der größten Bedrohungen für die menschliche Gesundheit in moderner Zeit bei." schrieb das Nobelkomitee.
Die Preisträgerin, eine Biochemikerin, hat eine Karriere voller Hindernisse hinter sich, sowohl was den Prozess des Entdeckens selbst als auch was die Akzeptanz durch die Professional Community und die Förderung ihrer Karriere und ihrer Entdeckung durch Hochschulen anbetraf.
In ihrer im Oktober 2023 erschienenen Biographie „Breaking Through“ beschreibt sie ihren Weg und fasst am Ende des Buches die Lehren aus ihrer Biographie und Karriere zusammen. Es ist ihre Botschaft an junge Wissenschaftlerinnen, insbesondere an jene, die neue Ideen haben, sich nicht für den Mainstream der Forschung interessierenund wie sie sagt „to those who may not fit to the status quo“, ihr Vermächtnis.
Die Analyse ihrer Karriere finden Sie im Menüpunkt „Karrieren von Entdeckern- Fallstudien“ Katalin Karikó - "An Outsider inside the System"
EPILOGUE
"I began this book with a note to teachers—my own and the many I will never meet.
Teachers, I said, are planting seeds.
I’d like to end by talking to scientists—current, future, potential scientists—as well as to anyone else who longs to contribute to humanity’s progress. I’m talking especially to those of you who may not fit in with the status quo.
Maybe you don’t look like the scientists in your textbooks. Maybe you are still mastering a new language or speak with a thick accent. Maybe you grew up never knowing a single scientist or you attend a school no one has heard of, or you don’t understand the invisible rules that seem to drive so much of what happens in the halls of power. I hope you, especially, will remember my words.
On an ordinary day on the streets of Szeged, as I walked home from a clinic feeling horribly ill, I had a flash of insight: No one would ever miss the contribution I didn’t make. No one would knock on my door and beg me to continue working. If I stopped, or if I pulled back my efforts one bit at a time until I was giving less than my full potential, the loss would go entirely unnoticed.
A world that’s missing an important contribution looks ordinary. It is the definition of the status quo.
I don’t know where my insight came from that day. But it carried me through years of being unseen, years when nearly every message I received, both implied and explicit, seemed to suggest the same thing: This work is not for you, Kati. The insight kept me going. It made me stubborn where otherwise I might have given up.
Perhaps you will never be struck quite so suddenly by this same out-of-the-blue epiphany. So I want to be the one to tell you now: Do not stop. Your future contribution might still be hypothetical. Please treat it like it’s real. It matters. It matters even if you don’t get to see the impact. That’s not the part any of us gets to control. Just keep going with your one more thing, and your one more thing, and your one more thing after that.
Something I know for sure is this: Every seed gives rise to new life. This life in turn produces new seeds, which in turn give rise to still more. On and on it goes. What I’m saying is, you must trust what’s inside you. Nurture what you find there, even—especially—when no one else does.
What I’m saying is, keep going. Keep growing. Keep moving toward the light.
You are the potential. You are the seed."
Karikó, Katalin. Breaking Through: My Life in Science (English Edition) (S.319-320). Crown. Kindle-Version.
Hier können Sie die deutsche Übersetzung des Epilogs lesen:
EPILOG
"Ich begann dieses Buch mit einer Notiz an die Lehrer - meine eigenen und die vielen, die ich nie kennenlernen werde.
Lehrerinnen und Lehrer, so sagte ich, pflanzen die Saat. Zum Schluss möchte ich mich an die Wissenschaftler wenden - an aktuelle, künftige und potenzielle Wissenschaftler - sowie an alle anderen, die einen Beitrag zum Fortschritt der Menschheit leisten wollen. Ich wende mich insbesondere an diejenigen unter Ihnen, die vielleicht nicht in den Status quo passen. Vielleicht sehen Sie nicht so aus wie die Wissenschaftler in Ihren Lehrbüchern. Vielleicht sind Sie noch dabei, eine neue Sprache zu lernen, oder Sie sprechen mit einem starken Akzent. Vielleicht sind Sie damit aufgewachsen, keinen einzigen Wissenschaftler zu kennen, oder Sie besuchen eine Schule, von der noch niemand etwas gehört hat, oder Sie verstehen die unsichtbaren Regeln nicht, die so viel von dem bestimmen, was in den Hallen der Macht geschieht. Ich hoffe, dass vor allem Sie sich an meine Worte erinnern werden.
An einem ganz gewöhnlichen Tag auf den Straßen von Szeged, als ich aus einer Klinik nach Hause ging und mich schrecklich krank fühlte, hatte ich einen Blitz der Erkenntnis: Niemand würde jemals den Beitrag vermissen, den ich nicht geleistet habe. Niemand würde an meine Tür klopfen und mich anflehen, weiter zu arbeiten. Wenn ich aufhörte oder meine Bemühungen nach und nach zurückschraubte, bis ich weniger als mein volles Potenzial zur Verfügung stellte, würde der Verlust völlig unbemerkt bleiben.
Eine Welt, in der ein wichtiger Beitrag fehlt, sieht gewöhnlich aus. Sie ist die Definition des Status quo.
Ich weiß nicht, woher meine Einsicht an diesem Tag kam. Aber sie trug mich durch Jahre, in denen ich nicht gesehen wurde, Jahre, in denen fast jede Nachricht, die ich erhielt, sowohl implizit als auch explizit, das Gleiche zu suggerieren schien: Diese Arbeit ist nichts für dich, Kati. Die Einsicht hielt mich aufrecht.
Vielleicht werden Sie nie so plötzlich von einer solchen Erleuchtung heimgesucht werden. Deshalb möchte ich derjenige sein, der es Ihnen jetzt sagt: Hören Sie nicht auf. Ihr zukünftiger Beitrag ist vielleicht noch hypothetisch. Behandeln Sie ihn bitte so, als sei er real. Er ist wichtig. Es ist wichtig, auch wenn Sie die Auswirkungen nicht sehen können. Das ist nicht der Teil, den jeder von uns kontrollieren kann. Machen Sie einfach weiter mit Ihrer einen Sache, und Ihrer nächsten Sache, und Ihrer einen Sache danach.
Etwas, das ich mit Sicherheit weiß, ist dies: Jedes Samenkorn bringt neues Leben hervor. Dieses Leben wiederum bringt neue Samen hervor, die wiederum noch mehr hervorbringen. So geht es immer weiter. Was ich damit sagen will, ist, dass Sie dem vertrauen müssen, was in Ihnen ist. Pflegen Sie das, was Sie dort finden, auch - und vor allem - wenn es niemand anderes tut.
Was ich damit sagen will, ist: Macht weiter. Wachse weiter. Bewegt euch weiter auf das Licht zu.
Du bist das Potenzial. Du bist die Saat."
Karikó, Katalin. Breaking Through: My Life in Science (English Edition) (S.319-320). Crown. Kindle-Version.
Translated with DeepL
tar_07, id125, letzte Änderung: 2025-01-31 10:54:56
Was kann man aus den Fallstudien lernen, das helfen würde zu verstehen, welche Arbeitsbedingungen Entdecker brauchen, die es ihnen ermöglichen an der Entdeckung zu arbeiten? Zu den Arbeitsbedingungen in Hochschulen geben Marie und Pierre Curie und Stefan Hell dezidierte Hinweise. Die im Menüpunkt "Programme und Phasen" vorgestellte Studie von Robert Scott Root-Bernstein "Discovering" enthält ebenfalls Vorschläge, die die Universitäten betreffen.
Die Förderung von Entdeckern in anderen Organisationen wie z.B Entwicklungsabteilungen von Unternehmen, bräuchte andere Vorschläge, welche das sein können, bleibt weiteren Forschungen, z.B Experteninterviews mit internen Beratern oder Personalentwicklern sowie dort arbeitenden Entwicklern vorbehalten.
Was können Institutionen, die Forschungsförderung betreiben, aus den Fallanalyse und den von mir identifizierten Merkmalen von Entdeckern und Entdeckerkarrieren lernen, um potentielle Entdecker von anderen Wissenschaftlern zu unterscheiden? Institutionen, die Promotionsförderung betreiben, Stipendien für die Postdocphase vergeben, Hochschullehrer, die Promotionskollegs betreiben und Personalentwickler an Hochschulen finden hier Kriterien, um zu beurteilen, ob es sich bei den jungen Forschern um solche handelt, die Entdeckungen machen könnten und mit ihren Innovationen die Disziplin revolutionieren könnten oder um solche, die gute Wissenschaftler werden, die den State oft the Art bewahren, verbessern und lehren.
Hier nachlesen in Die Merkmale von Entdeckerkarrieren - Der Entdeckeranker Maximen für Entdecker
Wenn Hochschulen immer mehr Personalentwicklung einführen, wäre es zu wünschen, dass man frühzeitig, wie es in der Führungskräfteentwicklung Standard ist, die Eignung der Nachwuchswissenschaftler für die vorgegebenen Karrierepfade prüft. Zweitens sollte man ihnen Karriereberatung - auf der Basis dieses Wissens um Entdeckerkarrieren und -persönlichkeiten - anbieten. Diese Beratung sollte den Nachwuchswissenschaftlern helfen, erstens sich selbst zu verstehen und zweitens die Kosten und den Nutzen traditioneller Karrierewege für sich und ihre Ziele abzuschätzen. Es geht in der Karriereberatung sowohl um die Aufklärung über die Funktionsweise und die Kultur der Institution Hochschule im allgemeinen und im konkreten Einzelfall als auch darum Entscheidungshilfen anzubieten. Sind Entdecker nicht bereit, die vielfältigen Kosten dieser Karrieren auf sich zu nehmen oder gibt es keine geeignete Förderung, sollte man nach Wegen außerhalb der Institution suchen. Fehlt diese Form der Karriereberatung, dann verlassen sie früher oder später und meist auch enttäuscht die Hochschulen, wie in Fallstudien nachzulesen sein wird.
Selbstverständlich müssen Personen, die diese Beratung machen, ob es sich um interne oder externe Berater handelt, explizites Wissen über die Struktur und die Kultur von Hochschulen und anderen Forschungseinrichtungen im allgemeinen und im Einzelfall haben, ihre strategische Ausrichtung und ihre Personalpolitik kennen und deren gesetzlichen und politischen Rahmenbedingungen. Unabdingbar ist ein gute Ausbildung in Karriereberatung und das Wissen um die Besonderheiten von Entdeckerkarrieren und -persönlichkeiten. Hilfreich könnten auch Wissenschaftler sein, die Entdecker sind und in oder außerhalb von Hochschule ihre Karriere gemacht haben, und darüber berichten und sich als Modell anbieten.
Geht es lediglich um Macht, Geld und Konkurrenz in diesen Institutionen und um die Prämierung von Mainstreamwissenschaft, braucht man weder Personalentwicklung noch diese hier vorgelegten Analyse für die Förderung potentieller Entdecker, sie werden sie eh verlassen, weil sie sich nicht für diese Belohnungen interessieren und sie in dieser Phase ihrer Karriere wenig in der Lage dazu sind, sich in Institutionen durchzusetzen.
Stefan Hells Positionen zur Förderung potentieller Entdecker
Der Nobelpreisträger für Chemie 2014, Prof. Dr. Stefan Hell, Direktor am Max Plank Institut für biophysikalische Chemie Göttingen fordert auf einer Tagung der Nobelpreisträger die dort eingeladenen Nachwuchswissenschaftler auf: "Greift nach den Sternen..." (Aus Forschung & Lehre 11/2019, S.1002f).
Hier der Artikel aus der Hochschullehrerzeitschrift als pdf: Hell Interview - Greift nach den Sternen
Zur Auswahl potentieller Entdecker
Hell sagt, dass Institutionen bereit sein müssen, Risiken in der Nachwuchsförderung einzugehen und hält dies für eine notwendige Rahmenbedingung der Förderung. Im Gespräch mit Ranga Yogeswhar zum Thema: 'Wie erreicht man Exzellenz? 'schildert er die praktischen Schwierigkeiten bei der Auswahl und nennt seine Kriterien, die eine Kritik an den Folgen der bisherigen Praxis, die Entdecker eher durch die Raster fallen ließ und Anpassung an den Mainstream prämiert, enthalten.
(31.40) "Hell: Im Gegenteil, wir müssen Strukturen finden, um Leute zu ermutigen Risiken einzugehen, d.h. den Rahmen dafür bereiten.
Das Publikum klatscht
(32.51) Yogeswhar: Diese Strukturen verlangen natürlich auch eine sehr große Offenheit, in gewisser Weise eine gute Intuition desjenigen, der sagt o. k. dir gebe ich die Chance, und eine Haltung, bei der wir uns nicht diesem Schraubstock des ständigen schnellen Evaluierens (Hell ja) (Korrektur, Verb fehlt) wie in einem wirtschafts- oder ökonomischen Denken ja in Quartalsberichten gucken, bringt das was ja oder nein? (Hell nickt) Wir brauchen Zeit, du hast selber gesagt diese fünf Jahre waren essenziell (Hell nickt). Sind das Entscheidungen, die von Gruppen, von Gremien oder möglicherweise von individuellen Menschen, von Menschen wie dir gefällt werden? Vielleicht sogar, weil du selbst das erlebt hast?
(33.41) Hell: Das ist natürlich ein schwieriger Punkt. Man ist natürlich vor Fehlentscheidungen nie gefeit und das geht mir heute genauso, wenn sich Leute bei mir bewerben. Und ich ermutige Leute, wenn sie kommen, wir haben tolle Bedingungen hier, dann überleg dir was Neues, was fundamental Neues. Es ist natürlich sehr schwer sofort zu erkennen, ob jemand das Talent dazu hat. Aber worauf ich achte, ob es der Person um die (betont die drei Worte) Sache geht, brennt die für das was sie tut, ist sie begeistert für ihre Idee? Ist das wirklich ein neuer und interessanter, origineller Ansatz oder geht‘s, ich sag mal ganz salopp, geht‘s darum seine Papers zu bekommen, in hoch sichtbaren Journalen um dann weiß ich was (Korrektur) irgendwie bekannt zu werden, um dann den nächsten Postdoc zu machen, weiß ich wo gewesen zu sein und am Ende die Professur zu bekommen. Diese Leute glaub ich zu versuche ich nicht zu fördern zu wollen, ich bemühe mich zumindest und finde es nicht besonders ermutigend, das zu sehen, dass das ein System, die Art und Weise, diese Herangehensweise an die Forschungsförderung, wie so ne Art Handwerk ist. Also man lernt bestimmte Fähigkeiten, um das System zu spielen. Dann ist man erfolgreich in Anführungszeichen und Gremien befördern das natürlich. (9.S.10 32.38-33.41)
Die Fallstudie zur Entdeckerkarriere von Stefan Hell ergab neben einer Analyse von Hindernissen und Glücksfällen in seiner Karriere und den Möglichkeiten des Scheiterns auch eine Reihe von Aussagen zu den idealen Rahmenbedingung, die Entdecker brauchen, wenn sie in Organisationen und Institutionen bleiben wollen, um ihre Entdeckung zu machen. Hier seine Positionen aus: Stefan Hell zu Karriere, innovativer Forschung und deren Förderung
Die idealen Rahmenbedingungen für Entdecker, die in Organisationen arbeiten
Ein Studium, das Freiraum zum Denken gibt
Auftragsforschung und anwendungsbezogene Forschung in Firmen ist nichts für Entdecker
Die Institutionen müssen den Forschern einen großen Freiraum bieten, um an der Entdeckung arbeiten zu können
Freiheit bei der Wahl des Themas und der Methode
In der Leitung der Institution muss es Personen geben, die Forscher und die Idee fördern wollen und die Macht dazu haben
Institutionen, die interdisziplinäre Arbeit prämieren und die Strukturen dafür haben
Institutionen, die bereit sind, Risiken bei der Nachwuchsförderung einzugehen
Institutionen müssen Strukturen und Mittel haben, um gescheiterten Forschern Karrieremöglichkeiten zu bieten
Ein Studium, das Freiraum zum Denken gibt
Hell: „Also ich fand das Studium sehr offen, es war auch ein sehr laxes Studium in dem Sinne, dass man am Anfang gar keine Prüfung hatte. Man war dann gezwungen, irgendwann den ganzen Stoff zu lernen und sich dann auch punktuell auf den Stoff zu konzentrieren. Das kam mir entgegen, muss ich sagen, weil ich dazu geneigt habe, mir Dinge sehr sehr genau zu überlegen ich hab die Zeit gehabt mir die Dinge genau zu überlegen und der Physik und ja dem Weltbild, dass die Physik geschaffen hat, sehr genau auf den Grund zu gehen. Und das hat mir dann später geholfen Intuition aufzubauen, die entscheidend dafür war, das zu machen, was ich letztlich gemacht habe.“( 9 R.Y.4) (9.,12.34 min, S.4)
Auftragsforschung und anwendungsbezogene Forschung in Firmen ist nichts für Entdecker, die Grundlagenforschung machen wollen
Hell:“ Man hat damals in den Firmen Siemens und Megabit Chip Projekte aufgebaut und da dachte ich, wenn man sowas macht mit Mikrostrukturen, dann bekommt man wahrscheinlich einen Job. Aber dadurch, dass ich da reingegangen bin und es gemacht habe, hab also meine Doktorarbeit in dem Startup meines Doktorvaters gemacht, hab ich gemerkt, dass es mich eigentlich zum Fundamentalen hinzieht. Und dass dieses Sicherheitsdenken, das ich hatte, nach dem Motto ich suche irgendwas, wo ich nachher wahrscheinlich einen Job krieg, mich nicht glücklich macht.“ (9.,17.47 min, S.5)
Die Institutionen müssen den Forschern einen großen Freiraum bieten, um an der Entdeckung arbeiten zu können
Hell: „Wenn jemand einen tollen Ansatz hat, ein wichtiges Problem zu lösen; eine Idee zu etwas, was die Menschheit wirklich weiterbringen würde, dann braucht er Freiraum. Man muss Räume schaffen, in denen jemand seiner Idee frei nachgehen kann, ohne Angst, kein Geld zu haben, sozial abzustürzen. (…) Zu viel Absicherung ist auch nicht gut, das kann dazu führen, dass der Eifer nachlässt, Risiko gehört dazu. Aber man braucht wenigstens ein paar Jahre die Freiheit, dranzubleiben, auch wenn es mal Rückschläge gibt.“(10. Zeit online, S.3)
Hell: „Man kann in der Max-Planck-Gesellschaft sehr gut arbeiten, und zwar deswegen, weil die Max-Planck-Gesellschaft den Forschern einen hohen Freiraum bietet. Und das ist ein einmaliges System, das dürfen wir nicht vergessen, das findet man in anderen Ländern nicht. Die Max-Planck-Gesellschaft ist ein Unikum in ihrer Art und Weise, wie sie Wissenschaft betreibt, die Wissenschaft dort organisiert ist.“ (9.,5.20 min, S.2) Freiraum, um nachzuweisen, dass die Idee, die der Entdeckung zugrunde liegt, richtig ist.
Hell: „Die biophysikalische Chemie wollte mich haben und hat mir diese Chance gegeben für fünf Jahre. Also für einen doch planbaren, befristeten Zeitraum zu verifizieren, dass diese Ideen richtig sind. Und das hat funktioniert und ich glaube, das ist wirklich was Tolles, Positives geworden.“ (9.,26.4. min, S.8)
Freiheit bei der Wahl des Themas und der Methode
Forschung & Lehre: „Welche Rolle spielt Freiheit für die Forschung?“
Hell: „Wenn Sie nicht die Freiheit haben, das Problem auszusuchen, an dem Sie arbeiten, haben Sie die Wahrscheinlichkeit, etwas Wichtiges zu entdecken, schon beträchtlich reduziert. Wenn Sie dann noch in der Wahl Ihrer Methoden eingeschränkt sind, so reduziert sich diese Wahrscheinlichkeit noch einmal beachtlich. Und wenn Sie am Ende nicht sagen dürfen, was rausgekommen ist, weil es einigen, einigen, vielen, oder sogar allen nicht passt, dann können Sie es gleich lassen - und diejenigen, die die Forschung bezahlen auch. Das müssen wir zu verhindern wissen.“ (F&L, S.1003)
In der Leitung der Institution muss es Personen geben, die Forscher und die Idee fördern wollen und die Macht dazu haben
Yogeshwar: „Und wichtig war sicherlich, dass man entlang der Biografie, und das kann man bei dir schön sehen, natürlich immer wieder Einzelpersonen hatte, die Kraft ihres Amtes ein gewisses Grundvertrauen hatten und einen unterstützt haben. Also ohne dass man das so expressis verbis vielleicht sagen kann, die am Anfang gesagt haben trau dem, der macht das.“ (9.,28.33min, S.8)
Hell: „Ja das ist dann sehr wichtig, dass man letztendlich dann Leute hat, die bereit sind, einem den Freiraum zu geben. Und ich glaube das ist auch das Konzept der Nachwuchsgruppe, wie es die Max-Planck-Gesellschaft hat, das ein herausragendes Konzept ist, solche Außenseiter auch zu identifizieren und dann auch die Chance zu geben. Und es war ja nicht klar, wie es ausgehen würde, also nachher kann man immer sagen, klar das hat funktioniert, aber es hätte auch sein können, dass ich Unrecht habe. Aber das Entscheidende ist, dass man die Chance bekommt, dass man wirklich das Experiment am Ende macht und dann sieht man, ob das stimmt oder nicht.“ (9.,28.54 min, S.8)
„In der kritischen Anfangszeit haben die Finnen mir was zugetraut“, sagt Hell dankbar. „Sie haben gesehen: das könnte etwas werden, der Typ hat Talent und Energie, um etwas durchzusetzen.“ (2.MPI ) (gemeint ist die Leitung des Departments of Medical Physics der Universität in Turku)
Institutionen, die interdisziplinäre Arbeit prämieren und die Strukturen dafür haben
Hell: „Also diese Interdisziplinarität war ja auch (….) mitverantwortlich dafür, dass man mich in Göttingen am Max-Planck-Institut für Physikalische Chemie entdeckt hat. Das waren nämlich Direktoren aus allen Fachbereichen, Physik, Chemie und Biologie, die das verstanden haben. Da gab es einen Physiker, der die interessanten Teile des Problems gesehen hat, ein Chemiker usw. Und dort war auch ein Umfeld, in dem man sowohl über die Optik als auch über die Chemie usw. nachdenken konnte und es gab auch quasi, dass es (Korrektur) es gab zum Teil auch Leute, mit denen man drüber sprechen konnte. Also das war eine spezielle Situation in Göttingen, die ganz genau auf dieses Problem ja abgestimmt war.“ (9., 25.54 min, S.7-8)
Hell: „Man hat es als interessant empfunden, man hat es als legitimes Forschungsziel gesehen, was woanders nicht so schnell der Fall war. Wenn ich mich in Physik-Unis beworben habe, haben die gesagt mhm ja, es ist zwar Physik, aber doch Biologie drin, das ist eine Art Biophysik. Und für die Chemie war‘s natürlich keine Chemie und ist es ja auch nicht. Biologie, das war viel zu weit weg von allen biologischen Problemen. Aber dieses interdisziplinäre Umfeld, das man natürlich bei einem Max-Planck-Institut finden kann oder aufbauen kann, weil es ja nicht bestimmten Fachbereichen oder Fächern zugeordnet ist, das ist wahnsinnig entscheidend für einen solchen Außenseiter wie mich, der so was Ungewöhnliches macht, den zu entdecken und auch zu fördern.“ (9., 27.43 min, S.8)
Institutionen, die bereit sind, Risiken bei der Nachwuchsförderung einzugehen
Yogeshwar: „Du persönlich warst bereit Risiken in Kauf zu nehmen, aber die essenzielle Frage, wenn wir über Exzellenz reden, heißt ja auch, in wie weit ist ein System als Ganzes, zusammengesetzt aus, ob es Max Planck Institute sind, ob es Forschungssysteme sind, ob das die Grammatik von Förderbereichen ist, inwieweit ist ein System bereit, heute anno 2015 Risiken auf sich zu nehmen? (Hell nickt) (…) wenn es schief geht, sich auch einmal zu gestehen, o. k. da geht mal was schief, gehört auch dazu.“ (9., 30.05 min, S.9)
Hell: „Ich glaube, dass es sehr wichtig und ich hab ja das Konzept der Nachwuchsgruppe genannt, das eigentlich aus unserem Institut heraus auf die gesamte Max Planck Gesellschaft dann ausgebreitet worden ist und implementiert worden ist. Da hat sich seit damals viel getan, also mittlerweile haben wir diese Mechanismen, es gibt unterschiedlichste Formen Nachwuchsgruppen von der DFG und so weiter und sofort eingerichtet.“ (9.,30.42, S.7-8)
Hell: „Das ist sicher sehr hilfreich Leute zu identifizieren, die potenziell disruptive Forschung machen und grundlegende Entdeckungen machen, aber es werden nicht alle tun.“ (9.,31.18, S.9)
Institutionen müssen Strukturen und Mittel haben, um gescheiterten Forschern Karrieremöglichkeiten zu bieten
Hell: „Es gibt eine hohe Wahrscheinlichkeit, dass man scheitert, erst recht, wenn man potenziell disruptive Forschung macht. Und dann finde ich es wichtig, dass man anerkennt, dass man es versucht hat. (…)
Und dann glaub ich ist es wichtig, dass ein System eine Möglichkeit bietet den ehrbar Gescheiterten, den Helden sag ich mal, die es versucht haben, aber aus welchen Gründen auch immer nicht, sagen wir mal zum strahlenden Erfolg gekommen sind, dass man für die Wege findet, dass sie ich sag mal nicht auch sozial scheitern. Das darf nicht passieren, sonst geht ja keiner mehr das Risiko ein. (Yogeshwar ja) Im Gegenteil, wir müssen Strukturen finden, um Leute zu ermutigen Risiken einzugehen, d.h. den Rahmen dafür bereiten.“ (9.,31.22, S.9)
Und noch ein weiterer Artikel zu diesem Thema: In "Pioniere der Wissenschaft - und wie man sie am besten fördert" benennt Razvan T. Radulescu "Drei Merkmale für wissenschaftliches Talent", kritisiert die damalige Förderstrategie und macht Vorschläge für eine alternative Variante. Er ist Mediziner und Pharmakologe und begründete Molecular Concepts Research (MCR) in Münster/Westfalen.(Forschung & Lehre 9/2013, S.744-746) Radulesco Pioniere der Wissenschaft
Marie und Pierre Curies Vermächtnis
Was kann man aus den Entdeckerkarrieren dieser beiden Wissenschaftler für die Förderung von Entdeckern lernen? Beide haben keine Karriere in Hochschulen und Wissenschaftsvereinigung angestrebt, sie wollten in Ruhe entdecken, an Belohnungen wie Einfluss, Ansehen, Geld, Macht, die Institution zu vergeben haben, hatten sie kein Interesse. Die französischen Institutionen boten ihnen keine Möglichkeit, ihre experimentelle Arbeit in Laboren durchzuführen. Durch den Druck, den die Ehrungen aus dem Ausland und der Nobelpreis ausübte, bekam erst Pierre Curie und dann Marie Curie eine Professur und erst Jahre später ein Laboratorium. Sie trafen zudem auf Ablehnung ihrer innovativen und revolutionären Ideen durch die einflussreichen Vertreter ihrer Disziplin im Inland, die die vorherrschende Lehrmeinung in Gefahr sahen. Mäzenen, der Unterstützung durch die eigene Familie, ihrer Opferbereitschaft und ihrem starken Willen, die Entdeckung zu machen und ein neues Fachgebiet zu schaffen, der Unterstützung durch namhafte Wissenschaftler und dem Nobelpreis ist zu verdanken, dass sich ihre Entdeckungen durchgesetzt haben. Marie Curie sieht die Gesellschaft in der Pflicht, Rahmenbedingungen für Entdecker, diesen Typus von Wissenschaftlern zu schaffen und zu erhalten, die sich der Grundlagenforschung widmen. Die Prämierung der ökonomischen Verwertbarkeit von wissenschaftlichen Erkenntnissen, deren Auswirkungen sie bei ihrer zweiten Amerikareise, erlebt, bewertet sie als große Gefahr für die Grundlagenforschung.
"Im Einvernehmen mit mir verzichtete Pierre Curie darauf, aus unserer Entdeckung pekuniäre Vorteile zu ziehen: Wir haben kein Patent auf sie genommen und ohne jede Einschränkung die Ergebnisse unserer Forschungen veröffentlicht, ebenso wie das Herstellungsverfahren des Radiums. Wir haben überdies allen Interessenten jede Auskunft erteilt, die sie wünschten. Dies war eine große Wohltat für die Radiumindustrie, die sich frei entwickeln konnte, zuerst in Frankreich, dann im Ausland, und so in die Lage kam, Gelehrten und Ärzten die Erzeugnisse zu liefern, die sie brauchten"
Eve Curie: Madame Curie – Eine Biographie. Fischer Verlag Frankfurt 32. Aufl. 2021, S.177
"Mit Recht machten viele unserer Freunde uns darauf aufmerksam, dass wir durch Ausnutzung unserer Entdeckung die Möglichkeit gehabt hätten, ein ausgezeichnetes Institut zu schaffen und damit die vielen Hindernisse zu beseitigen, die für uns beide eine große Belastung waren und es heute noch für mich sind. Trotzdem bin ich der Auffassung, daß wir richtig gehandelt haben.
Die Menschheit braucht sicherlich praktisch denkende Menschen, die zwar für die Bedürfnisse der Allgemeinheit arbeiten, dabei aber vor allem an ihre eigenen Ziele denken. Sie braucht jedoch auch Schwärmer, deren Drang, gesteckte Ziele zu erreichen, derartig groß ist, dass sie ihre persönlichen Interessen völlig außer acht lassen, daß sie gar nicht in der Lage sind, an eigene materielle Vorteile zu denken. Man könnte auch sagen, dass diese Idealisten vielfach keinen Reichtum gewinnen, weil sie ihn nicht erstreben. Es scheint jedoch, dass eine fortgeschrittenere Gesellschaft die entsprechenden Mittel für die erfolgreiche Tätigkeit dieser Schwärmer sicherstellen müsste, damit sie, befreit von materiellen Sorgen, sich voll und ganz dem Dienst der Wissenschaft widmen können."
Marie Curie: Selbstbiograhie, B. G. Teubner, Leipzig 1962, zitierter Nachdruck: Wim Bauer Verlag, Hagen 2019. S. 77-78
"Jede Kulturgemeinschaft hat die unabdingbare Pflicht, den Bereich der reinen Wissenschaft zu bewahren, in dem Ideen und Entdeckungen entstehen: die Forscher zu schützen und zu ermutigen und ihnen alle Mittel bereitzustellen. Nur um diesen Preis kann eine Nation wachsen und eine harmonische Entwicklung auf ein fernes Ideal hin verfolgen."
Marie Curie – Peter Ksoll und Fritz Vögtle. Reinbek bei Hamburg, 8.Aufl. 2011, S. 135
tar_07, id126, letzte Änderung: 2025-08-27 10:27:41