Wenn Sie sich am liebsten anhand von konkreten Beispielen einem Thema nähern, dann Sie sind hier richtig! Die Modelle und die theoretischen Grundlagen finden Sie danach in den ersten sieben Menüpunkten. Oder Sie lieben Biographien und tauchen in die wirklich spannenden Karrieren von Entdeckern ein und belassen es dabei. Ich selbst brauche derzeit Zeit keine Romane zu lesen.
Zur Bedeutung der Fallanalysen im Forschungsprozess
Der Forschungsprozess begann 2022 mit der empirischen Analyse von Biografien und Autobiografien von Entdeckern. Außer der Hypothese, dass Entdecker eine schwierige Umwelt für Organisationen sind und vice versa, dass ihre Karrieren nicht mit den gängigen Modellen beschrieben werden können und dass sie andere Werte, Motive und Triebkräfte leiten als Menschen, die in Organisationen arbeiten oder Unternehmer sind, hatte ich keine Vorannahmen. Die Merkmale von Entdeckerkarrieren und von Entdeckerpersönlichkeiten rekonstruierte ich aus dem in den in den sieben Menüpunkten genannten Datenmaterial und konstruierte daraus die Modelle, die über den Einzelfall hinaus Gültigkeit haben. Diese Forschungsphase findet ihren Niederschlag in den ersten sieben Menüpunkten.
In dieser Phase ging und geht es mir darum, die gefundenen Merkmale zu nutzen, um Entdeckerbiografien aus anderen als den bisher in der Fachliteratur oder den Biographien üblichen Perspektiven zu beschreiben, also um die Anwendung der Forschungsergebnisse zum neuen Karriereanker, die Typologien von Entdecken, Entdecktem und von Entdeckern, das Modell der Triebkräfte des Entdeckens usw.
Außerdem ging es natürlich darum, die Ergebnisse an weiterem Datenmaterial zu verifizieren oder zu falsifizieren und eventuell neue Merkmale, die in der ersten Auswahl von Entdeckern nicht zu finden sein konnten, in die Modelle aufzunehmen.
Dieses Vorgehen beruht meinen umfangreichen Erfahrungen mit empirischer Forschung und auf den von Michel Giesecke und mir entwickelten Prinzipien der Kommunikativen Sozialforschung.
Supervision als Medium kommunikativer Sozialforschung - Die Integration von Selbsterfahrung und distanzierter Beobachtung in Beratung und Wissenschaft
Gemeinsam mit M. Giesecke Suhrkamp Verlag (STW)), Frankfurt/M. 1997 Kommunikative Sozialforschung
Zum Stand der Dinge im September 2025
2023 habe ich mit den Analysen der Entdeckerkarrieren von Naturwissenschaftlern und -wissenschaftlerinnen begonnen. Die erste Studie, die zu Marie und Pierre Curie war im März 2023 abgeschlossen, es folgte die zu Stefan Hell im Mai 2023, zu Nicola Tesla im Oktober 2023 und die zu Katalin Karikó im Dezember 2023. Diesen Wissenschaftlern ist gemeinsam, dass sie Karrieren in Organisationen mit vorgegeben Laufbahnen begonnen und im Laufe der Zeit in Konflikte zwischen Ihrem Wunsch zu entdecken und den Möglichkeiten, die diese Organisationen boten und was sie ihnen abverlangten, gerieten. Die nächsten beiden Studien befassten sich mit anderen Typen von Entdeckern, die sich - wie ich jetzt sagen kann - "disruptive Karrieren jenseits von Beruf und Laufbahn" erarbeiteten. Die Studie zu Reinhold Messner war im April 2024 fertig und die zu Pablo Picasso im März 2025. Der Vergleich dieser beiden Karrieren, der einen Beitrag zur theoriegeleiteten Differenzierung von organisationsbezogenen und individuumzentrierten Karrieren geliefert hat, ist abgeschlossen. Das hat Modifizierungen des Theorieteils dieser Website nach sich gezogen, an denen ich gerade arbeite. Die neue Typologie von Karrieren ist fertig, die Menüpunkt Karrieren und Karriereanker bereits überarbeitet und auf dem neuesten Stand.
Wenn man mit einem so komplexen Phänomen wie Entdeckerkarrieren zu tun hat, muss man triadisch denken und das führt, da Triaden immer aus drei artverschiedenen Faktoren bestehen, dazu, dass man mehrere Disziplinen braucht. Interdisziplinarität ist notwendig, weil es um Persönlichkeiten geht, womit sich die Psychologie beschäftigt, um die Mehrgenerationenperspektive, mit denen sich sowohl die Psychologie als auch die Soziologie beschäftigt, weiterhin geht es um Organisationen, die Gegenstand der Soziologie als auch der Betriebswirtschaft sind, und um Kultur und Gesellschaft, mit denen sich die gleichnamigen Wissenschaften beschäftigen.
Transdisziplinär ist die Behandlung dieses Themas deshalb, weil mir der Anwendungsbezug wichtig ist. Die Hypothesen sind in der Beratung von Berufstätigen entstanden und die Ergebnisse der Forschung sollen Anwendung in der Beratung wie auch in der Führung finden und nicht zuletzt Entdeckern selbst dazu dienen, sich zu verstehen und ihre Karrieren optimaler steuern zu können.
Meine Erfahrungen, mein Wissen, meine Kompetenzen, die ich als Wissenschaftlerin, als Beraterin von berufstätigen Menschen verschiedener Professionen sowie von Organisationen und als Hochschullehrerin in mehr als 40 Jahren gesammelt und erworben habe, sind in dieses Altersprojekt eingegangen. Und mein persönlicher Nutzen?
Mir ist durch die Analysen klar geworden, dass ich einige der biographischen Erfahrungen, der Motive und Triebkräfte der von mir untersuchten Entdeckern und Entdeckerinnen teile, nicht aber das Primat der Entdeckung und des Entdeckens, das über allem anderen steht.
Forschungsthemen und -interessen haben immer auch einen persönlichen Anteil, es muss Triebkräfte geben, woher soll sonst die Energie für solche Projekte kommen? Die eigenen Motive eliminieren zu wollen ist unmöglich, es reicht das Wissen darum, damit sie nicht unbewusst die Selektion und Bewertung der Daten wie auch der Ergebnisse steuern, und das erfordert immer wieder Selbstreflexion.
Die Darstellung der Fallstudien
Alle Fallstudien sind, was die Darstellung der Ergebnisse anbetrifft, recht unterschiedlich ausgefallen, was auf die individuellen Besonderheiten der Karrieren und auch auf die Art und Qualität des Datenmaterials zurückzuführen ist. Ich habe mich während der Arbeit an der zweiten Studie gegen ein für alle Fallstudien geltendes Raster entschieden.
Es gibt in jeder Karriere Aspekte, die besonders gut dokumentiert und für die Entdecker sehr bedeutsam sind und idealtypisch für ein bestimmtes Merkmal der Karriere von Entdecker. Fügt man alle diese idealtypischen Aspekte zusammen, erhält man den Idealtypus der Karriere von Entdeckern, die kein Einzelfall allein aufweisen kann.
tar_08, id127, letzte Änderung: 2025-09-24 10:44:06
Er gilt als der bedeutendste Bergsteiger, er hat alle Achttausender-Gipfel und viele andere bestiegen, das Klettern und das Höhenbergsteigen revolutioniert, Wüsten und Wildnisse zu Fuß durchgequert. Er hat sich immer wieder in Lebensgefahr gebracht und hat überlebt, was wirklich ein Wunder ist. Im September 2024 wurde er 80 Jahre alt. Wie ist er zu dieser Tätigkeit, ein Beruf war das damals nicht, gekommen, wie hat sich seine Karriere entwickelt und wie war es möglich, dass er solche Höchstleistungen vollbringen konnte?
Er entdeckte bisher Unbekanntes in der Welt und in den Menschen, er erfand neue Techniken und begründete neue Schulen des Kletterns und Bergsteigens. Diese drei Dimensionen meines Modells von Entdeckungspraxis finden sich auch bei ihm wieder, je nach Lebensphase allerdings unterschiedlich prämiert. In späteren Phasen seiner Karriere hat das Ziel seines Endeckerdrangs, das Entdecken der Wildnis und des Unbekannten in seiner Menschennatur nicht mehr die Bedeutung wie in den ersten Phasen. Er besucht Bergvölker, um deren Menschennatur zu verstehen, gründet neben vielem anderen Museen, in denen er seine Erkenntnisse über die Menschennatur und die Bergnatur vermitteln will, also kulturelle Tätigkeiten wie er sagt, um die letzten Wildnisse der Erde bewahren zu helfen. Er schreibt Bücher drüber, macht Filme, Veranstaltungen und hält Vorträge.
Zu den Besonderheiten dieser Fallstudie
Anders als die hier beschriebenen Naturwissenschaftler, die das Unbekannte in der Natur entdecken und zum Teil des menschlich zugänglichen Kosmos machen wollen, will er nicht die äußere Welt, sondern die Natur des Menschen, der Gattung, in ihrer Auseinandersetzung mit dem Kosmos, in diesem Fall den Bergen, Wüsten und anderen Wildnissen entdecken und erkunden.
Anders als bei den Naturwissenschaftlern, möglicherweise eher ähnlich den Künstlern, was noch zu untersuchen sein wird, endet das Entdecken nicht, denn die Menschennatur ist komplex und nahezu unergründlich verglichen mit einem physikalischen oder chemischen Phänomen. Aus diesem Grunde gibt es kein Zeitpunkt des Entdeckens, zu dem die Entdeckungspraxis abgeschlossen ist.
Die Triebkraft, die Menschennatur - seine eigene und die der Menschen als kulturelle Wesen - im Verhältnis zur Natur der Wildnis zu erkennen, begleitet ihn sein Leben lang, wenn auch die Objekte und die Medien wechseln.
Meine Fallstudie zu Picasso ist abgeschlossen und auf die hier gestellt Frage, wie stark seine Karriere der von Künstlern ähnelt, finden sich Antworten in der aktuelle Forschung, einem Vergleich der Karrieren von Picasso und Messner. Kunst machen müssen - Die Menschen- und Bergnatur entdecken
Da das Entdecken seiner eigenen und der Menschennatur nicht endet, gibt es überreiches Datenmaterial, das er in seinen Autobiografien und seinen Büchern über seine Entdeckungen zur Verfügung stellt, die einen hohen Grad an Selbstreflexivität aufweisen. Viele seiner Aussagen sind -vermutlich auch durch das eigene Schreiben und Vortragen - auf den Punkt gebracht und es ließ sich rasch der Bezug zu meinen wissenschaftlichen Modellen herstellen. Hervorragend geeignet ist seine Autobiografie in Gesprächen mit Thomas Hüetlin durch ihre dialogische Form, deshalb wird sie am häufigsten zitiert: Mein Leben am Limit 2004.
Noch eine Besonderheit dieser Fallstudie. Diese Fülle an autobiografischem Material ermöglichte es, die Triebkräfte des Entdeckens genauer als in den anderen Studien untersuchen zu können. Triebkräfte sind die energetische Dimension der Persönlichkeit, sie spielen bei Entdeckern generell und bei ihm in besonderem Maße eine sehr große Rolle, denn Entdeckerkarrieren brauchen und verbrauchen ein großes Quantum an Energie, um erfolgreich zu verlaufen.
Im ersten Teil werden die drei karrieresteuernden Triebkräfte Entdecken, Selbstständigkeit und Unabhängigkeit und Totale Herausforderung, die Karriereanker vorgestellt. Die Dimension Lebensgeschichte und die Dimension komplexer Organismus unseres Persönlichkeitsmodells werden in ihrem Wechselspiel mit den Triebkräften gezeigt, aber nicht prämiert. Im zweiten Teil liegt der Fokus auf den Lebensphasen, also der genetisch historischen Dimension der Persönlichkeit.
Seine Entdeckerkarriere weist viele Merkmale der typischen Entdeckerkarriere auf, unterscheidet sich von anderen aber durch seine Fähigkeit, sich radikal umzuorientieren und damit den sich mit ihm und in der Welt vollziehenden Wandel aktiv zu verwandeln.
Seinen Lebenslauf sowie seine Projekte, Bücher und Filme findet man auf seiner Website Reinhold Messer
1. Die Triebkraft Entdecken
„Jeder Mensch ist nun einmal von dem Streben beseelt, die Fähigkeiten, die er in sich fühlt, auszubilden und bis zum Äußersten anzuspannen. Wer zur Malerei geboren ist, bleibt stumpfsinnig, brummig und unruhig, bis er endlich Pinsel und Farbe in die Hand bekommt und anfangen kann zu malen. Einen anderen juckt es in den Fingern, weil er aus Holz, Stein oder Eisen Gestalten schaffen möchte, die fortwährend in seinem Geiste auftauchen. Der dritte muss durchaus singen, und wieder andere sehnen sich danach, von der Rednerbühne aus die Zuhörer im Bann zu halten und ihre Stimmung zu meistern wie eine Geige. So hat jeder seinen inneren Drang, der zutage will. Dazu kommt, dass er sich insgeheim ein sehr hohes Maß gesetzt hat – das höchste –, an das er mit seinem inneren Streben heran zu reichen sucht. Niemals ist er mit sich und der Welt zufrieden wenn er sich nicht zur vollen Höhe retten darf, die ihm als Ziel seines Könnens erscheint.“ (R.M. Vorwort zu Der gläserne Horizont, 1982, 6-7)
In diesem Teil geht es um die ersten Phasen seines Lebens, in denen sich die Triebkräfte des Entdeckens entwickeln, seine Berufung immer deutlicher wird und die darauffolgenden, in denen er seine Entdeckungen macht. Es geht um die Entwicklung seiner Entdeckerpersönlichkeit als Produkt des Zusammenwirkens von Individuum, sozialem und kulturellen Wesen und der Beziehung zu seiner sozialen und kulturellen Außenwelt.
1.1. Die Berge und das enge Tal - Kulturelle und soziale Auslöser für den Entdeckerdrang
Um die innere Triebkraft seiner Persönlichkeit, die Triebkraft entdecken zu wollen, zu verstehen, hilft ein Blick auf ihre Genese. Was hat zu ihrer Entstehung beigetragen, welche Auslöser in seiner Umwelt gab es? Er bezeichnet sein Tal und die Berge drumherum sehr treffend als seinen Kosmos, die den Menschen dort bekannte Welt. Die Berge stellen einen starken Reiz dar seinen Kosmos zu erweitern, sie lösen starke Resonanzen in ihm als Kind aus. Die Berge sind da, sie bleiben da und man kann sie besteigen. Sie prägen die Kultur der Menschen, die dort wohnen, Bergvölker entwickeln eine sehr eigene Kultur, das interessiert ihn im Laufe seines Lebens immer mehr.
“ Als kleines Kind war Pitzack mein ganzer Kosmos, meine Heimat. Wir wohnten in einem Straßendorf, tief unten im Villnößtal. (…) Der hoch aufsteigende Wald und das aufgetürmte Gestein darüber versperrten jeden Blick hinaus. Oft saß ich nur da und schaute den Wolken nach, die über den engen Himmelsausschnitt schwebten. (…) Ich habe damals nicht darüber nachgedacht, wie später von daheim wegkommen sollte und in welchem Beruf. Es war der Blick von oben, der mich neugierig machte. Der Blick vom Gipfel ins Tal und der Blick hinter die Berge, die meine Welt umstanden wie Kerkermauern.“ (RM 1992, 16)
Interviewer: “ Gab Ihnen das enge Tal eher das Gefühl der Begrenztheit oder das der Geborgenheit?
Es kam mir immer so vor, als käme ich nicht aus (hinaus? KRG). Dieses Tal war meine ganze Welt. Die Wolken kommen auf der einen Seite des Tales herein, und dann verschwinden sie auf der anderen Seite. 10 Minuten später. Was dahinter ist, existierte nicht. Und wir kommen nicht hinaus! Vielleicht hängt mein Wandertrieb zusammen mit meinem Erinnerungsbild aus der Kindheit. (…)
Interviewer: Löste die Welt hinter Villnöß Neugierde in ihnen aus? Auf jeden Fall meine erste Bergtour auf den Saß Rigais erschütterte mich nicht, weil sie lang und anstrengend war, sondern weil ich über unser Tal hinausschauen konnte. Da war ein Tal und noch ein Tal, und dann waren weit hinten nochmals Berge. Erst dahinter sah ich nichts mehr, keine Berge, kein Tal, nichts was war. Und die Welt wurde plötzlich größer. Der Kosmos wuchs. Und damit war meine Neugierde geweckt: Was ist dahinter und noch mal dahinter, blieb als Erinnerungsfrage. (Das war 1961, Messmer war 17 Jahre alt, dabei war sein jüngerer Bruder Günther, 15 Jahre alt, KRG).
(…)
Interviewer: Und damit wuchs die Sehnsucht? Auszuschreiten und zu sehen, was ist dahinter.“ (RM 2004, 22-23)
„Natürlich fühlt man sich in Südtirol manchmal beengt, aber ich fühle mich nicht zum Exil getrieben. Vielleicht hätte ich nicht dasselbe – fast krankhafte – Bedürfnis nach der Ferne entwickelt, wenn ich in Deutschland oder in den USA aufgewachsen wäre.“ (RM 1982, 93)
Die Berge und das Tal sind von Menschen kulturell angeeignete Natur, Berge werden bestiegen, kartographiert, Wege gelegt und als Verbindung zwischen den Tälern genutzt, gerade in Südtirol, einer uralten Kulturlandschaft, schon seit 3000 Jahren. Täler werden besiedelt, die Böden bewirtschaftet und die Natur und Landschaft von den Menschen geprägt.
Berge sind kulturelle Artefakte, die wie bei allen Entdeckern als Auslöser für die Entwicklung der Triebkraft Entdecken eine große Rolle spielen, und zwar in der Kindheit.
Bei Marie Curie waren es die physikalischen Apparate ihres Vaters und die naturwissenschaftlichen Bücher, bei Alexander von Humboldt Sammlungen von Tieren und Pflanzen und bei Katalin Karikó auch Tiere und Pflanzen und bei Picasso die Bilder seines Vaters und dessen Malutensilien.
Neben diesen zur Kultur der Menschen gehörenden Artefakten gibt es einen zweiten Typus von Auslösern des Entdeckerdrangs in ihrer Außenwelt, die durch soziale Interaktion entstehen.
Auch hier spielen meistens Artefakte eine Rolle, zum Beispiel Bücher und Geschichten wie bei Humboldt Reiseberichte über Südamerika, die er begeistert mit seinem Bruder Wilhelm las. Bei Messmer ist es das Buch des berühmten Bergsteiger George H. L. Mallory, das seine Mutter für ihn auswählt und ihm vorliest. Die emotionale Dichte der Situation lässt sich gut aus seiner Schilderung erahnen. Diese spielt wie immer bei der Entstehung von Triebkräften eine herausragende Rolle. Es ist die Beziehung zu einer wichtigen Person, der geliebten Mutter, und deren Beziehung zu dieser Geschichte, die starke Gefühle und Vorstellungen hervorrufen, mit denen die Geschichte Mallory’s psychisch besetzt und damit energetisch aufgeladen wird. Gäbe es die positive Beziehung zur anderen Person und deren positive Beziehung zu dieser Geschichte nicht, fände keine Besetzung statt. Mallory wird neben Hermann Buhl und Paul Preuß für ihn zum Modell, Idol und Mentor. Zur gleichen Zeit darf er das erste Mal mit seinem Vater als Fünfjähriger in den Bergen klettern.
Auf die Frage warum Messner sich so intensiv dem Leben von Mallory zugewandt hat, antwortet er: „Zum einen, weil Mallory der erste Bergsteiger am Mont Everest war. Ein legendärer Herausforderer. Zum anderen, weil ich seine Geschichte von meiner Mutter als Kind vorgelesen bekommen habe. Auf der Geschmargenhart-Alm, neben einer Petroleumlampe. Es bleibt meine erste Geschichte von den Bergen und damit die Wichtigste. Interviewer: Wie alt waren Sie? Fünf oder sechs.“ (RM 2004, 188)
Nach seiner Besteigung des Everest hat seine Mutter ihm „das Heftchen, aus dem sie mir vorgelesen hatte“ geschenkt. (RM 2004, 188)
„So ist mir Mallory als Kind ins Unterbewusstsein geraten, später bei meinem Everest-Alleingang eine Art Partner geworden. Ich konnte mir nicht nur vorstellen, wie er ums Leben gekommen ist: Ich glaubte ihn zu kennen. Ich habe damals schon geschrieben, wo sein Körper liegen müsste, und dort lag er schließlich auch.“ (RM 2004, 189)
1.2.Biophysische und psychische Voraussetzungen seiner Entdeckungspraxis
„Solange ich mich zurück erinnern kann, war ich Felskletterer. Dabei kletterte ich nicht nur an den Wänden der heimatlichen Geislerspitzen, an haushohen Felsplätzen am Waldrand, an Ruinenfassaden und in der Schulpause an der Friedhofsmauer. Vor allem kletterte ich in meiner Fantasie. Im Geiste meinem Können immer ein wenig voraus, stieg ich durch immer steilere Felswände – bis mir kein Weg in der Vertikalen mehr unmöglich erschien.“ (RM, Einleitung zu: Mein Leben am Limit 2004, 9)
Die Mutter schreibt über ihn: „Er gedieh sehr gut-Schon als Kleinkind zeigt er keine Furcht (Mut)-Kampflustig (Schule)-Allergisch gegen Ungerechtigkeit–Verletzlich“ (RM 2014, 16)
Seine offenbar von Anfang an vorhandene körperliche und psychische Konstitution, seine Vorstellungskraft und sein Talent ermöglichen es ihm, diesen Drang, der sich zunehmend in ihm entwickelt, austreibt, ausleben zu können.
„Ich hatte damals schon viel Energie und Stehvermögen (in der Schule, KRG). Dazu eine sehr große Aggressionskraft. Warum? Ich weiß es nicht…. Aber ich kann mich sehr schnell erregen. Mein Erregen ist inzwischen zum Teil Spiel zum Teil nicht bei Ungerechtigkeiten, Angriff, Betrug werde ich gefährlich.“(RM 2004, 34)
Temperament: Viel Lebensenergie (Libido, Chi, Prana) Aggressionspotential, Kampfeslust Physis: Enorme Kraft, Geschicklichkeit, Ausdauer, Körperbeherrschung, robuste Gesundheit Psyche: Mut, Furchtlosigkeit, ein starker Wille zur Unabhängigkeit und Selbständigkeit, Ehrgeiz, Leidenschaft, Neugier, Rastlosigkeit, Risikobereitschaft, Ungeduld, rebellisch
1.3. Das Unbekannte entdecken: Die Menschennatur im Verhältnis zur Wildnis
Hat man von Reinhold Messner bisher nichts gelesen oder gehört, so geht man davon aus, dass er die Gipfel der Berge, die noch nicht bestiegen worden waren, entdecken wollte. Das hat er auch, aber darum geht es ihm nicht primär, sagt und schreibt er.
Er versteht sich nicht als Entdecker von unbekannten Teilen der Welt wie zum Beispiel Humboldt, Columbus und andere, deren Ziel die Entdeckung der Terra incognita oder der unbekannten Natur war. Er prämiert die Entdeckung der Menschennatur, entdeckt parallel dazu auch den Berg und seine Bergnatur, wie er sagt, die Route zum Gipfel und den Gipfel, später die Eigenheiten der Wildnisse, die er durchquert.
Die Menschennatur, die sich in Beziehung setzt zu den Wildnissen der Natur, zu erleben, zu erfahren und zu verstehen, ist der Sinn seiner Entdeckerpraxis.
Die Funktion des Kletterns und Bergsteigens und Gehens ist für Messner also Selbsterkundung und Selbsterfahrung als Individuum, aus der er Schlüsse auf die Menschnatur ziehen will, Schlüsse von ihm als Gattungswesen auf die Gattung, zumindest auf den Teil davon, der Wildnisse erkundet oder am Rande von Wildnissen siedelt.
„Bergsteigen ist mein Leben – nicht ausschließlich natürlich, aber ohne würde ich nicht mehr auskommen. Nicht, weil ich‘s als etwas Herausragendes oder Besonderes empfinde, losgelöst von meinem übrigen Leben. Aber es gibt mir ein naives, intensives Wissen über mich selbst immer unter möchte ich noch weiter vorstoßen.“ (RM 1982, 93)
"Ich habe immer gesagt, Bergsteigen ist Selbstzweck. Es gibt keinen anderen Grund, keine andere Motivation, die Berge hinauf zu steigen, als die eigene Leidenschaft, den Ehrgeiz, die Begeisterung für die Natur."(RM 2004, 236-237)
"Ich brauche keine Rechtfertigung für mein Tun, die Begeisterung reicht." (dito, 293-94)
"Die Auseinandersetzung mit einer archaischen Welt, ohne Gesetze, ist Grenzgang. Da oben gibt es für ein selbstverantwortetes Team keine Gesetze.“ (dito, 300)
"Klettern hat mit Freiraum zu tun, außerhalb aller Regeln etwas zu wagen, erleben zu können, Erkenntnisse über die Menschennatur zu schöpfen.“ (dito, 11)
"Ich folge der Menschennatur, wollte der Natur näher sein als die anderen". (dito, 44)
Die Terra incognita, die er entdecken will, ist seine Menschennatur, seine Seele und sein Körper in Beziehung zum Kosmos, sein Interaktionspartner ist der Berg oder die Wüste. Er nennt es das Verhältnis von ‚Menschennatur und Bergnatur‘. Er hat großen Respekt vor der Natur, er kämpft nicht mit oder gegen sie viele andere Bergsteiger, die versuchen den Berg zu bezwingen, meist unter Zuhilfenahme von technischen Mitteln. Er verzichtet auf Hilfsmittel und kompensiert diesen Verzicht durch die Verschiebung des eigenen Limits. Keine Spuren am Berg zu hinterlassen, ihn zu beschädigen, zum Beispiel durch Bohrhaken, wie es damals übliche war, ist sein Ziel, ein „Verzichtsalpinismus“. (RM in Caya und Schmid 2002, 21)
„Diese Radikalität hat alle Nagler gegen mich aufgebracht. Viele hassen mich heute noch dafür, es kam zu zwei Schulen.
Hüetlin: Ihre Schule wollte den direkten Zweikampf mit der Natur?
Nein, nicht wie bei einem Zweikampf. Ich setze mich ja nur aus. Nie gegen andere ein. Ich bin bereit, hinauszutreten aus der bürgerlichen Welt. Freiwillig hinein eine Nicht- Menschenwelt.“ (RM 2004, 46)
Das war die frühe Phase und später kommt die kulturelle Beziehung hinzu:
„Für mich ist das Bergsteigen heute eine kulturelle Auseinandersetzung zwischen Menschennatur und Bergnatur. Eine kulturelle Angelegenheit also!“ (RM 2004, 292-93)
Seine Existenz als einzelner Mensch, als Individuum und als Teil der Menschheit, er hat beide Perspektiven, wenn er sie auch im Laufe seiner Biographie unterschiedlich prämiert.
1.4. Seine Entdeckungen über die Menschennatur
Entdecken ist Abenteuer wagen
Die Menschennatur in Beziehung zur Natur, zum Kosmos entdecken zu können, ist am besten beim Versuch des Unmöglichen, beim Abenteuer, das einen das eigene Limit erfahren lässt, zu erkennen.
„Es war schlimm. So sind echte Abenteuer, entweder du überlebst, oder du bist tot.
H: War Ihnen das klar?
Sicher, das ist in solchen Situationen ganz klar, jedem ist es klar, dass es ums Überleben geht, aber du redest nicht darüber. Bei solchen Abenteuern gibt es kein Zurück mehr, es geht nur nach oben.“ (RM 2004, 39)
„Wenn ich die Methode mit dem Bohrhaken einsetze, gibt es kein Unmöglich mehr und ohne dieses sind Abenteuer nicht denkbar. Das wirkliche Abenteuer erlebe ich erst, wenn ich weiß, wie eine Sache ausgeht. Abenteuer wagen heißt, dass Unbekannte, vielleicht Unmögliche aufzusuchen. Ich bin dann wie auf einem anderen Stern. Wenn ich alles richtig dabei mache, komme ich zurück, sonst vielleicht nicht.“ (RM 2004, 46)
Entdecken ist Selbsterfahrung
„Wir werden uns unserer Zerbrechlichkeit unserer Begrenztheit bewusst. Das ist der Grund des Grenzgehens. Im Grenzgehen komme ich nicht nur an die Grenze dessen, was ich machen kann, sondern ich stelle vor allem fest, was sich alles nicht machen kann. Grenzgänger sind nicht notwendig fürs praktische Leben, sie sind nur eine Spielmöglichkeit – eine Möglichkeit, sich auszudrücken, zu uns selber zu kommen.“ (Philosophie 2002,12-13)
„Ja, eine starke Erfahrung kann ich nur machen, wenn es Fragen und Fremdheit gibt. Wenn es dort, wo ich hin gehe nur Vertrautheit gibt, ist keine Aufregung möglich. (…) Nicht das Vertraute, sondern das Fremde, in das ich hineingehe, lässt in mir eine Revolution entstehen. Aus der Spannung zwischen Vertrautheit und Fremdheit passiert in mir etwas. Sonst passiert nichts.“ (Philosophie 2002,17)
„Meine Landkarte hat deshalb mit Ausgesetztsein, Raum-Zeit und Eigenverantwortung zu tun. Auch Erinnerungsbilder gehören dazu. Jedes Unterwegssein ist wie ein Leben für sich, ein Draußensein auf einem anderen Stern. Je höher ich dabei klettere, umso tiefer kann ich meine Ängste erfahren, je größer der Berg, auf den ich steige, umso größer der Überblick über meine Existenz.“ (RM 2004, 220)
„Aber ich kann auch nicht ohne Grenzerfahrungen leben. Mein Krankheitsbild ist umrissen mit: Lebenslust durch Einsatz des Lebens.“ (RM 2004, 98)
„Wenn ich tagelang allein bin, wird das Vorgehen immer schwieriger, weil die Einsamkeit und die Angst wachsen. Zur Schwierigkeit und Anstrengung kommt das Alleinsein. Das Herausgenommensein aus einem sozialen Umfeld ist eins, die Menschheit, zu der man gehört hat, zu verlieren, ist mehr. Das belastet. Ich habe diese Art des Auf-Mich-Selbst-Zurückgeworfen-Seins nicht ertragen. Obwohl ich gut trainiert war. (RM 2004, 111)
Bedeutung des Scheiterns
„Gelernt habe ich vor allem dann, wenn ich gescheitert bin. Ich bin wohl öfters gescheitert als die allermeisten anderen und nur deshalb erfolgreich geworden auf der Suche nach dem Limit. Immer wieder.“ (RM 2004, 268)
So scheitert er am 1973 Nanga Parbat und 1975 versucht er einen weiteren Achttausender, den Lhotse allein zu besteigen, und scheitert wieder.
„Die Frage war, wie gehe ich mit der Erfahrung des Scheiterns um? Das Scheitern an sich ist nicht wichtig. Das unmittelbar darauf Folgende, die innere Wirkung, das Infragestellen des Ichs, auch die Verzweiflung, ist der Schlüssel dazu. Es ist ein neuer Anfang und die Möglichkeit, seine Grenzen zu erfahren und an seinen Zweifeln zu wachsen. Meine innere Einstellung hat sich vor allem mit meinem häufigen Scheitern verändern. Dabei bin ich nicht sanfter geworden. Nur zäher. Im Scheitern nämlich erfahren wir unser Begrenztsein. Deshalb ist das Scheitern eine stärkere Erfahrung als der Erfolg. Auf dem Gipfel angekommen zu sein, bedeutet es geschafft zu haben, mehr nicht. Das Ziel ist damit verschwunden. Mit dem Scheitern bleibt das Ziel. Die Verzweiflung darf folgen, als das Begreifenwollen des Scheiterns, als das Fassen der eigenen Grenze. Wie oft bin ich gescheitert. Als kleiner Bub schon. (…) Ja auch das Scheitern will in kleinen Schritten geübt sein. Wenn ich immer wieder neue Herausforderungen angenommen habe, dann nicht, weil ich ehrgeiziger wäre als anderen, sondern vielleicht, weil ich im Scheitern Grund genug sah, einen neuen Versuch zu wagen. (RM 2004, 134-135)
Entdecken der Menschennatur in Momenten der Todesgefahr
„Es gibt in der Gefahr aber Momente, die nicht zu überleben sind. Wer diese Zusammenhänge nicht versteht und akzeptiert, darf nicht am Limit bergsteigen. Es muss ja nicht sein.“ (RM 2004, 108)
In Todessituationen nicht umzukommen ist das Entscheidende. Oder Gottfried Benn: Bergsteigen ist der Widerstand gegen den herausgeforderten Tod. Der Tod also muss eine Möglichkeit sein. Die Kunst des Bergsteigens ist der Widerstand dabei, das Überleben. Ich möchte ein Erlebnis wie am Nanga Parbat nie mehr ertragen müssen, nie wieder etwas Ähnliches mitmachen müssen. (RM 2004, 98)
„Im Widerstand gegen den Tod erfahren wir Menschen erst unser Menschsein. (..) Das Geheimnis liegt darin, dass ich die stärksten Erfahrungen nur haben kann, wenn ich bis an den Rand meiner Möglichkeiten gehe.“ (RM 2004, 97)
Bei der Besteigung des Nanga Parbat 1970 kommt sein Bruder Günther ums Leben und er überlebt nur knapp.
„Solange Hoffnung da ist, am Leben zu bleiben, macht das Sterben Angst. Wenn alle Hoffnung verschwindet – so meine Erfahrung am Nanga Parbat –, kommt etwas Erlösendes über uns, das Einverständnis mit dem Tod. Zuletzt ein In–den–Tod–Sinken. Nein, sterben ist gar nicht schlimm. Und dieses Erlebnis – nicht das Sterben selbst – will man wiederhaben. Ich hoffe jedes Mal, dass ich es wieder haben kann, dass dabei aber nichts passiert. Das hat nichts mit Todessehnsucht zu tun, sondern mit Erfahrungshunger. Ich bin nicht in der Schwebe zwischen Todesangst und Todessehnsucht, sondern zwischen dem Schrecken umzukommen dabei und der Freude, überlebt zu haben am Ende." (RM 2004,99-100)
Vertrauen auf den eigenen Instinkt
„Ich habe von anderen gelernt, habe mich anfangs immer untergeordnet. (…) Was ich besser konnte, war, den Weg finden. Das Wegfinden haben wir als Kinder gelernt. Wir wussten einfach es geht nur da und dort.“ (RM 2004, 32)
„Klettern ist wie Ballett, Komposition und Choreografie zugleich, nur um Sekunden versetzt. also ist jede Sekunde anders, denn die Felsstruktur gibt mir vor, wie ich zu komponieren habe und damit auch, wie ich es zu machen habe. Wenn ich gut klettere, denke ich nicht, überhaupt nichts. Alles wird instinktiv, wenn ich den richtigen Fluss finde, es geht wie von alleine die Wand hinauf. Als wäre die Schwerkraft aufgehoben.“ (RM 2004, 50)
„Bei solchen Abenteuern gibt es kein Zurück mehr, es geht nur nach oben. Aber der Instinkt funktioniert, man tut das richtige. Aber wenn man Pech hat, reicht ein einziger Fehler und es ist aus. (…) Der Überlebenstrieb, das Instinktive in uns mobilisiert alle Kräfte, den siebten Sinn, auch Angst und Mut. Der Mensch verhält sich instinktiv richtig. Es gibt keine Zweifel mehr. Das Falsche ist aufgehoben.“ (RM 2004, 39)
1.5. Die zwei anderen Dimensionen des Entdeckerpraxis: Erfinden und Begründen in den ersten Phasen der Karriere
Entdecken ist das Produkt des Zusammenwirkens dreier Dimensionen: Unbekanntes entdecken, Neues erfinden und Neues Gründen bzw. begründen. Erst in ihrem Zusammenspiel entsteht die Entdeckerpraxis. Er hat nicht nur wie im vorigen Abschnitt beschrieben Unbekanntes entdeckt, sondern neue Techniken erfunden und neue Formate des Kletterns, des Höhenbergsteigens und des Entdeckens anderer Formen der Wildnis, der Wüsten usw. Daraus entstehen Schulen, Richtungen, die die neue Praxis umsetzen und solche die sie ablehnen, er begründet also auch neue Disziplinen.
Seine radikalen Innovationen des Kletterns und Höhenbergsteigens
„Ich kann grundsätzlich meine Grenze nicht überschreiten, meine Grenze an Ausdauer, an Mut, an Kraft, an Geschicklichkeit – die Summe aller meiner Fähigkeiten hat klare Grenzen. Aber es gibt eine zweite, objektive Grenze: die Grenze des zur Zeit in dieser oder jener Sparte Machbaren. Alles was in den Augen der Fachleute nicht machbar ist, liegt jenseits der objektiven Grenze und gilt als Tabu. Aber d.h. noch lange nicht, dass das ewig so bleiben muss. Als Grenzgänger kann ich immer wieder Grenzen verschieben. Und in der Höhenbergsteigerei habe ich das gemacht und 15 Jahre lang bestimmt, wo es lang geht und die andern haben vieles nachgemacht, ob sie wollten oder nicht.“ (Caysa und Schmidt 2002, 19-20)
„Was heißt hier Regeln und wer stellt sie auf? Umgekehrt könnte man sagen, alle großen Erfolge sind meist gegen alle Regeln erreicht worden. Es gibt auch eine ‚Regel‘, dass niemand allein ins Eis geht, auf Berge steigen, durch eine Felswand klettert. Na und. Man hat einen Kameraden, ein Seil und sichert sich. Wenn es geht gegenseitig. Trotzdem kann ich natürlich alles anders machen“. (RM 2004, 107)
Ein neues Format, der Alleingang
Interviewer: „Am Manaslu, Ihrem nächsten Achttausender, geht wieder alles schief. Warum?
Es ging wirklich alles schief. Nach diesem Berg habe ich beschlossen: »So, jetzt machst du es allein! Immer, wenn du dich mit anderen Leuten zusammentust, funktioniert etwas nicht. «" (RM 2004, 102) Mit diesen Erfahrungen (am Manaslu) reifte der Entschluss, es in Zukunft ganz alleine zu versuchen. Zum ersten Mal in meinem Leben. Beim Alleingang trage ich nur die Verantwortung für mich." (Und nicht für seine Bergkameraden, KRG). (RM 2004, 109)
Zwei seiner Kameraden verlieren im Schneesturm die Orientierung und kommen um. Zwei Jahre davor kommt sein Bruder Günter am Nanga Parbat um. Er leidet lange unter dem Schuldgefühl, selbst am Leben geblieben zu sein und beschließt künftig Alleingänge zu machen und nicht mehr in Seilschaften zu gehen. Später durchbricht er diese Regel und geht mit Peter Habeler, Hans Kammerlander in die Berge, mit Arved Fuchs und seinem Bruder Hubert Messner durch die Eiswüsten. Das Format Alleingang aber hat er durchhaft etabliert.
Revolution der Kletterpraxis- Seine Erfindungen neuer Praxis
„Mit 20 kam dann die Erleuchtung. Ich war einer der ersten, der beim Klettern anders vorging als alle anderen.“ (RM 2004, 31)
Das bezieht sich darauf, dass er erst immer weniger und dann keine Haken mehr geschlagen hat, um sich abzusichern. Eine Steigerung der Technisierung des Bergsteigen lehnt er ab, stattdessen erprobt er selbst und fordert von anderen ein Verzicht auf diese Hilfsmittel.
„Wenn ich die Methode mit dem Bohrhaken einsetze, gibt es kein Unmöglich mehr und ohne dieses sind Abenteuer nicht denkbar.(…)Diese Radikalität hat alle Nagler gegen mich aufgebracht. Viele hassen mich heute noch dafür, es kam zu zwei Schulen.“ (RM 2004, 46)
Damit hat er nicht nur eine neue Technik des Kletterns erfunden, die später von der Freiklettern aufgenommen und weiterentwickelt wurde, sondern zugleich auch eine Schule oder Richtung des alpinen Kletterns begründet, die dritte Dimension des Entdeckens.
So wenig Hilfsmittel wie möglich -radikale Innovationen der Praxis des Höhenbergsteigens
„Der nächste große Entwicklungsschritt im Höhenbergsteigen kommt 1975. Am Gasherbrum I konnte ich das, was ich im Alleingang machen wollte, mit einem Partner umsetzen, mit Peter Habeler. Es war eine wirkliche Revolution: mit einem Minimum an Ausrüstung schwierige Wege zu den höchsten Bergen der Welt zu gehen.“ (RM 2004, 111-112)
Dann kommt 1978 seine Everest Erstbesteigung mit Peter Habeler ohne Sauerstoff, die eine neue Stufe des Ruhmes brachte. Einmal wegen der Erstbesteigung d.h. der Entdeckung des Gipfels und zum anderen wegen der Erfindung einer neuen Praxis des Höhenbergsteigens ohne Träger und ohne Sauerstoff, eine Revolution der Bergsteigerpraxis. Eine Kombination des neuen Formats und der neu erfundenen Praxis.
„Ja, die Everest-Besteigung war der erste große Erfolg, der eine weltweite Wirkung hatte.“ (120) “Es war der erste Alleingang auf einen Achttausender“ (RM 2004, 124) „Das Bergsteigen hatte der Everest- Erfolg weniger revolutioniert als die Gasherbrum-Tour.“ (RM 2004, 120).
Aber sie hat ihm mehr Geld eingebracht, von dieser Zeit an brauchte er sich nicht mehr um Werbeverträge zu kümmern, um seine weiteren Touren zu finanzieren.
In den späteren Phasen seiner Karriere tritt er verstärkt als Gründer und Begründer auf. Die eindrucksvollste Gründung sind sicher seine sechs Museen in Südtirol, in denen er seine Erkenntnisse über die Menschennatur, insbesondere der Bergvölker weitergibt und die Geschichte des Bergsteigens dokumentiert.
2. Die Triebkraft Selbständigkeit und Unabhängigkeit
Selbständigkeit und Unabhängigkeit ist einer der Karriereanker, die Edgar Schein entdeckt und beschrieben hat. Als Psychologe versteht er darunter eine Mischung aus Motiven, besonderen Fähigkeiten und Werten, die er als Selbstkonzept bezeichnet. Ich verstehe Karriereanker hier als Teil der energetische Dimension der Persönlichkeit, als innere Triebkraft. Totale Herausforderung ist ein weiterer Karriereanker, die Schein in seinem Untersuchungssample gefunden hat.
Im Gegensatz zu Edgar Schein arbeite ich mit der Trias aus drei Karriereankern, die in Wechselwirkung zueinanderstehen. Beide Triebkräfte unterstützen die Triebkraft Entdecken.
Worin zeigt sie sich die Triebkraft Selbstständigkeit und Unabhängigkeit? Welche Maximen, welche Selbsteinschätzungen und Selbsttypisierungen, welche Entscheidungen und welches Handeln in der Praxis lassen darauf schließen? Und was sind die Auslöser für ihre Genese und Entwicklung?
„Was mich stark macht, ist das Gefühl, unabhängig zu sein.(…) Die Leidenschaft für ein noch so unnützes Tun hat mich stark gemacht und gibt mir zuletzt jene Sicherheit, die Voraussetzung ist für ein selbstbestimmtes Leben.“ (RM 2004, 263)
Wir Menschen geben Sinn. (…) Der Sinn fällt nicht vom Himmel, aber ich habe die Freiheit und die Möglichkeit, meinem Leben Sinn einzuhauchen. Wir selbst sind die Sinnstifter, es ist unser gutes Recht, in unser Tun, in eine Person, eine Sache Sinn hineinzulegen. Genau das tue ich. Ob ich da bei einer nützlichen oder einer unnützen Tätigkeit nachgehe, spielt keine Rolle. Aber ein guter Sinnstifter wird im Leben weiterkommen als jemand dem das nicht gelingen will. (RM 2004, 302-303)
“ Die Erkenntnis erst, dass nichts und niemand außer mir meinem Leben Sinn gibt, die Erkenntnis dieser Nichtheit also, begründet meine Freiheit. Dabei verstehe ich unter Freiheit weniger die Möglichkeit, zu tun und zu lassen, was ich will, als vielmehr die Chance, ich selbst zu sein.“ (RM 2006,132)
"Interviewer : Sie träumten damals schon von der Autarkie?"(Bauernhof und Selbstversorgerdasein ist gemeint, KRG)Messner: Ja, denn Halbnomade sein, bedeutet unabhängig zu sein." (RM 2004, 223)
2.1. Auslöser für die Entwicklung der Triebkraft
„Ja ich war schon immer ein revolutionärer Mensch. Ich habe stets Probleme damit gehabt, mir von anderen Vorschriften machen zu lassen. Auch vom Vater. Ich war auch der erste, der sich gegen den Vater aufgelehnt hat. Es gab deswegen oft Auseinandersetzungen, die unsere Mutter dann irgendwie gelöst hat. Sonst hätte mich mein Vater umgebracht. (…)
Dann meine Kletterleidenschaft. Das hat ja mit fünf Jahren angefangen, da bin ich erstmals auf den Saß Rigais gestiegen. Zuerst hat mich mein Vater unterstützt. (Er unternimmt als 12jähriger mit ihm die erste schwierige Klettertour. KRG) Bald hat er gebremst und angefangen, meine Ausflüge wieder zu kappen. Wohl weil ihm klar geworden ist, dass ich mit großer Begeisterung kletterte. Und nichts durfte zur Leidenschaft ausarten. Es dürfte alles gemacht werden, aber nur so, wie es die braven Leute machen.“ (S. 19)
Seine Beziehung zur Kirche:“ Da war keine Revolte gegen Gott. Als ich anfing, aus der Predigt zu gehen oder am Sonntag nicht mehr in die Kirche, war das nur meine Auflehnung gegen den Apparat Kirche. (…) Alle gingen in die Kirche. Es war Gewohnheit. Unvorstellbar, dass man nicht mehr in die Kirche ging. Wahrscheinlich sind wir im Tal die ersten gewesen, die gesagt haben, wir sind am Sonntag beim Klettern. Die Mutter meinte dann: ‚Da braucht ihr nicht in die Kirche.‘“ (RM 2004, 21)
H: "Was war die wichtigste Entscheidung ihres Lebens? Der verhängnisvolle Abstieg am Nanga Parbat? Nein es war der Entschluss, gemäß meinen Wünschen, Vorstellungen und Träumen zu leben und nicht nach denen meiner Eltern, Lehrer oder Brüder. Ich habe mich nicht in eine bürgerliche brave Welt zwingen lassen." (RM 2004, 255)
"Ich wollte doch nie Gegenstand von Entscheidungen anderer sein." (RM 2014, 23)
"Auch der Widerstand, dem ich oft begegnet bin, ist zuletzt Teil meines Glücks. Man kann an Widerständen ja auch wachsen und trotzdem ein selbstbestimmtes Leben führen." (RM 2004, 284)
2.2. Worin zeigt sich die Triebkraft?
Alleingänge
„Im Gänsemarsch fühlte ich mich nicht wohl. «Wenn eine Krähe auf dem Baum sitzt und ein Schwarm Spaten vorbeifliegt, wird die Krähe nicht mitfliegen», hatte die Mutter einst gesagt. Wohin die Mehrheit auch drängt, muss nicht immer richtig sein. (…) Ich bin jedenfalls immer meinen Weg gegangen und von computergesteuerter Schwarmintelligenz halte ich bis heute nicht viel.“(RM 2014, 25)
Interviewer: „Am Manaslu, Ihrem nächsten Achttausender, geht wieder alles schief. Warum?
Es ging wirklich alles schief. Nach diesem Berg habe ich beschlossen: „So, jetzt machst du erst allein! Immer, wenn du dich mit anderen Leuten zusammentust, funktioniert etwas nicht." (RM2005, 102)
„Es war der erste Alleingang auf einen Achttausender. (…)
Interviewer: Worin lag Ihre besondere Befriedigung, es allein nach oben geschafft zu haben?
Mich selbst, meine Ängste, Zweifel und Schwächen überwunden zu haben! Ich musste mit niemandem Kompromisse machen, mit niemandem streiten. Es gab keinen Besteigungsplan, ich ging höher und höher. Ich habe also Stunde für Stunde meinen Plan gemacht. Es war der absolut ideale Tritt gewesen: Selbstbestimmt, selbst verantwortet, selbst dirigiert, gegen alle Vorurteile durchgestanden.“ (RM 2004, 124)
Keine Regeln und Vorschriften
Die Natur gibt keine Regeln vor, deshalb braucht er nicht gegen sie zu kämpfen. Die Menschen versuchen beständig ihre sozialen Beziehungen und ihr Zusammenleben durch Regeln zu ordnen und zu steuern. Das kann und will er nicht akzeptieren, davon macht er sich unabhängig.
„Die Auseinandersetzung mit einer archaischen Welt, ohne Gesetze, ist Grenzgang. Da oben gibt es für ein selbstverantwortetes Team keine Gesetze. Wenn man selbstständig unterwegs ist, regiert die Natur. Der Alpinist geht deshalb dahin, wo keine Infrastruktur ist. Und er ist alleine für sich verantwortlich. Oder teilt sich die Verantwortung mit den Leuten, die mit ihm gehen. Wenn ich eine Infrastruktur in Anspruch nehme, dann gibt es einen Gesetzgeber, der außerhalb steht, der weiß, wer die Infrastruktur eingerichtet hat. Beim Alpinismus gibt es nur die Entscheidung der Menschen, die unterwegs sind. Wie sie was miteinander machen, ist allein ihre Sache. Alles andere ist Tourismus!" (RM 2004, 300).
"Was heißt hier Regeln und wer stellt sie auf? Umgekehrt könnte man sagen, alle großen Erfolge sind meist gegen alle Regeln erreicht worden. Es gibt auch eine „Regel“, dass niemand allein ins Eis geht, auf Berge steigen, durch eine Felswand klettert. Na und. (…) Trotzdem kann ich natürlich alles anders machen." (RM 2004, 107)
"Regeln gibt es nicht"! (RM2004, 108)
"Unser Verhalten ist instinktiv. Es gibt dabei kein Richtig oder Falsch. Ich brauche keine äußeren Vorschriften, die Dinge finden wie vor der Menschenzeit statt. Nur das Breiten- und Massenbergsteigen braucht Regeln." (RM 2004, 43)
„Mit zwanzig kam dann die Erleuchtung. Ich war einer der ersten, der beim Klettern anders vorging als alle anderen." (RM 2004, 31)
Das bezieht sich darauf, dass er erst immer weniger und dann keine Haken mehr geschlagen hat, um sich abzusichern.
Der Drang zur Unabhängigkeit und Autonomie zeigt sich auch in folgendem:
„Er hat und will aber kein Manager, weil er nicht eines Tages der Eigendynamik solcher Verwertung zum Opfer fallen möchte“ schreibt Alexander Langer, ein Südtiroler Politiker, der ihn interviewt hat, in den achtziger Jahren über ihn (RM 1982, 93)
„Lieber ausgegrenzt als angepasst! Meine größte Fähigkeit – las ich kürzlich – sei es, mich unentwegt unbeliebt zu machen.“ (RM 2004, 207)
Keine Etikettierung seiner Person
Ein weiteres Beispiel für das Wirken dieser Triebkraft:
Als ich ihn bitte, meine Beschreibung seiner Entdeckerkarriere zu kommentieren, weist er dieses Ansinnen zurück und sagt: “Ich bin kein Entdecker“. (Vortrag „Nanga Parbat – mein Schicksalsberg“ in Hannover am 23.2.2024). Ich erkläre, dass ich eine andere Auffassung von Entdeckung als üblich habe und mich als nächstes mit Picasso beschäftigen werde, den er, wie ich aus seinen Schriften weiß, verehrt, darauf sagt er „Es ist mir eine Ehre“. Vermutet er eine Vereinnahmung seiner Person durch Etikettierung, so weist er sie zurück, hier meldet sich die Triebkraft Selbständigkeit und Unabhängigkeit.
Ein weiteres Beispiel neben vielen anderen kann man in dem Buch „Reinhold Messners Philosophie“ nachlesen. Als die beiden Herausgeber ihn interviewen und als Philosophen ansprechen: “Nein, nein, ich bin kein Philosoph.“ (Caysa und Schmidt 2002, 13, 37, 161). Er lässt sich von anderen nicht einordnen oder einem Typus zuordnen, er bestimmt selbst was er ist. Das begann vermutlich schon damit, dass er nicht der Lehrersohn sein wollte, der nach dem Willen seines Vaters als Vorbild für die Dorfjugend dienen sollte, er und seine Brüder galten im Dorf eher als Räuberbande.
3. Die Triebkraft Totale Herausforderung
Grenzen austesten, z.B. wenn alle sagen, das geht nicht, dann fühlen sich Menschen mit dieser Triebkraft erst recht angespornt es zu versuchen. Sie gehen ins volle Risiko und die Möglichkeit zu Scheitern gehört für sie dazu.
Mehr dazu lesen: Karriereanker
„Wer die Grenze des Machbaren austestet, lebt ständig zwischen Rückschlägen und Bestätigung.“ (RM 2004, 158)
3.1. Worin zeigt sich die Triebkraft?
Langeweile
Menschen mit dieser Triebkraft langweilen sich, wenn Sie wissen, dass etwas funktionieren wird oder dass sie es bewältigt haben. Und wenn sie etwas geschafft haben, interessieren sie sich für das nächste Vorhaben.
„Alles Haben ist langweilig, davon bin ich überzeugt. Jedes Haben – Wissen, Know-how, Besitz –auch den Mount Everest bestiegen zu haben, ist hinterher banal und damit langweilig. Nur bevor ich den Berg bestiegen habe, ist er eine Herausforderung. Diese zählt mehr als der Erfolg hinterher.“
(RM 2004, 234)
Interviewer: „Sie haben einmal gesagt: «Spannend ist für mich nur das Neue». Langweilen Sie sich, wenn Sie auf Ihre Leistungen zurückblicken? Ich langweile mich sogar, wenn mir fremde Leute auf die Schulter klopfen und mir zu meinem Erfolgen gratulieren.“ (RM 2004, 263-264)
Immer wieder neue Ideen und Projekte
Menschen, die diese Triebkraft nicht haben, verstehen dieses Handeln nicht, finden es nur anstrengend und sehen die Belohnung nicht, wie auch dieser ansonsten sehr einfühlsame Interviewer.
„Nach diesem Endpunkt brauche ich eine neue Aufgabe, eine neue Idee, ein neues Projekt. Jeweils dem Alter entsprechend. Ich schließe nicht aus, dass ich mir mit meinem Museumsprojekt eine Herausforderung für das Altern erfunden habe. Oder um nicht zu verzweifeln.
Interviewer: Das klingt als seien sie manisch depressiv.
Nein das bin ich nicht. Im Gegenteil beim Tun überkommt mich Lebensfreude.
Interviewer: Zuerst brennen Sie für eine Vorstellung und eine Idee, und dann, ist die Idee erst verwirklicht, versinken sie in Traurigkeit.
Nein, da ist keine Trauer, mehr ein tiefes Durchatmen und die Erkenntnis, wie viel das Leben wert ist. Aber nur, wenn ich es erneut ausfülle, wenn ich mich einbringe." (RM 2004, 235)
„All mein Wissen über soziale, naturwissenschaftliche, religiöse Zusammenhänge beruhen auf Erfahrungen, die ich selbst gemacht habe. Das ist einer der Gründe, warum ich mich später immer wieder dazu zwang, die nächste Expedition auf die Beine zu stellen, eine neue Reise zu wagen. Wie oft habe ich mir gesagt: es ist genug! Trotzdem, Wochen später, wenn die Anstrengungen, die Sorgen, die Schinderei vergessen waren, begann ich von einer neuen Herausforderung zu träumen, eine neue Klettertour zu planen. Bald war ich wieder unterwegs.“ (RM 2004, 10)
Diese Triebkraft liefert ihm die Energie und die Motivation, sich erneut die Anstrengungen des Entdeckens auszusetzen, dient also dem Entdeckeranker. In Kombination mit seinem ausgeprägten Willen und seiner Berufung gelingt es ihm weitere Projekte zu planen und erfolgreich abzuschließen. Umgekehrt liefert die Triebkraft entdecken der totalen Herausforderung Anlässe und Ziele, sich zu zeigen und ausgelebt werden zu können.
Ideen realisieren
Menschen, die diese innere Triebkraft haben, sind handlungsstark, sie belassen es nicht bei Ideen und Vorstellungen, sie müssen wissen, dass es realisierbar ist.
„Wenn ich Momente erwische, in denen ich Schwierigkeiten überwinde, bin ich stark und ausgefüllt. Mein Erfolg, mein Leben war nichts anderes, als aus Ideen Tatsachen gemacht zu haben.
Interviewer: Sie sprechen von sich schon in der Vergangenheit?
Ja, ich muss ja gar nichts mehr machen! Trotzdem werde ich meine Zeit weiterhin damit ausführen, Ideen umzusetzen. Ich kann nichts anderes." (RM 2004, 281)
"Sie (meine Kinder) merken ja, dass ich nur Ideen realisiere. Es geht mir nie um Besitz oder Geld. (…) Die Kinder wissen, dass die Burg und auch die Bauernhöfe nie wirtschaftlichen Gewinn abwerfen werden. Das sind reine Liebhaberobjekte. Wir sind froh, wenn wir keinen Verlust machen. So sind alle unsere Lebensinhalte reine Liebhaberei."(RM 2004, 172)
Leidenschaft und Egoismus
"Ich habe immer gesagt, Bergsteigen ist Selbstzweck. Es gibt keinen anderen Grund, keine andere Motivation, die Berge hinauf zu steigen, als die eigene Leidenschaft, den Ehrgeiz, die Begeisterung für die Natur. Den Anspruch an mich selbst, es möglichst gut zu machen oder sogar besser zu sein als andere, gebe ich auch bei dem Museumsprojekt nicht auf. Ich habe mich immer um Qualität bemüht. Ich habe damit kein Problem, ich habe nur ein Problem mit dem Mittelmaß. Nur weil ich mutig zu meinen Ideen, Projekten und Ansprüchen stehe, bin ich häufig zum Egoisten abgestempelt worden. Ich möchte einen Menschen kennenlernen, der kein Egoist ist. Picasso war ein großartiger Egoist, und er hat seine Bilder gemacht, weil er sie machen musste." (236-237)
„Wir sind alle Egoisten, nicht nur wir Grenzgänger. Und jeder, der etwas anderes behauptet, hat von der Menschennatur wenig Ahnung. Die Spezies Mensch wäre nicht mehr auf der Erde, wenn sie nicht egoistische Gene hätte. Der Mensch aber ist genauso Altruist. Im kleinen Kreis vor allem. Weil wir nur gemeinsam durchkommen. Wir sind darauf angelegt, von wem auch immer – das hat nichts mit unserer göttlichen Dimension zu tun –, dass unsere Gattung überlebt.“ (RM 2004, 294-95)
Rebellisches Wesen und Mut
H: "Was war die wichtigste Entscheidung ihres Lebens? Der verhängnisvolle Abstieg am Nanga Parbat?
Nein es war der Entschluss, gemäß meinen Wünschen, Vorstellungen und Träumen zu leben und nicht nach denen meiner Eltern, Lehrer oder Brüder. Ich habe mich nicht in eine bürgerliche brave Welt zwingen lassen." (RM 2004, 255)
Radikale Umorientierungen im Leben vornehmen
Der TH Anker hilft dabei, nicht ein Karriereplan!!
Interviewer: „Was raten Sie Leuten, die mit voller Leidenschaft eine Sache vertreten, aber keinen Erfolg haben?
Natürlich muss ich Talent für meine Sache haben. Was mir nicht liegt, begeistert mich nicht. (…) Normalerweise verliert man mit Handicaps an Leidenschaft. Als wir damals am Nanga Parbat die Zehen abgefroren habe und nicht mehr so gut klettern konnte, ist mir diese erste Leidenschaft abhanden gekommen. Sie begannen zu vergehen. Zum Glück aber habe ich etwas anderes entdeckt und an die Stelle der alten Leidenschaften gestellt: das Höhenbergsteigen. Es war auch später immer wieder von Vorteil, dass ich umsteigen konnte. Immer zum richtigen Zeitpunktzeit. In meinem Leben habe ich meist rechtzeitig gemerkt: Das bringt nichts mehr, ich brauche etwas Neues“. (RM 2004, 263)
„Das heißt, immer wenn ich in einem Spiel das Limit meiner Möglichkeiten erreicht hatte - nicht das allgemeine Limit, obwohl dieses mit meinem ab und zu parallel lief –, dann habe ich etwas Neues gewagt. Immer etwas, was mich neugierig gemacht hat, was mich angeregt hat, besser zu werden. Mit zunehmendem Alter bin ich am Ende umgestiegen auf kulturelle Lebensäußerungen, nicht mehr alleine auf psychophysische Grenzgänge.“ (RM 2004, 297)
Getriebensein
Interviewer: „Empfinden Sie dieses ständige Getriebensein, diese Unfähigkeit, gelassen zurück zu blicken, als Mangel? Nein, als Glück. Ich könnte das Leben anders kaum aushalten und weise kann ich später noch werden. Eine letzte Hoffnung.“ (RM 2004, 264)
Ungeduld
Interviewer: „Gibt es Eigenschaften an sich, die sie gerne ändern würden? Meine Wutausbrüche gelegentlich, meine Ungeduld. Wenn ich mir mehr Zeit lassen würde, es lösten sich viele Probleme von selbst." (RM 2004, 264)
4. Was ermöglicht das Zusammenwirken dieser drei Triebkräfte?
Aus meiner Erfahrung als Beraterin, die seit über 30 Jahren Karriereberatung macht, und als Wissenschaftlerin, die diese Triebkräfte untersucht hat, weiß ich, dass Triebkräfte gegeneinander wirken und sich wechselseitig behindern können, sich aber auch wechselseitig befördern und Synergien schaffen können. Ich konnte harmonische und weniger harmonische Kombination finden und beschreiben.
Die Kombination der von mir entdeckten Triebkraft Entdecken mit den bekannten Triebkräften Selbstständigkeit und Unabhängigkeit und Totale Herausforderung bilden eine harmonische Einheit. Sie stören sich nicht gegenseitig, sondern unterstützen und fördern sich gegenseitig.
Totale Herausforderung: Um entdecken zu können, muss ich mich Herausforderungen stellen können, die andere für unlösbar halten, Unmögliches angehen, ans eigene Limit gehen. TH liefert Energie für Neuanfänge, und hilft dabei, Bewährtes infrage zu stellen, wenn es sich wiederholt und langweilig wird.
Diese Triebkraft liefert ihm die Energie und die Motivation, sich erneut den Anstrengungen des Entdeckens auszusetzen, dient also dem Entdeckeranker. In Kombination mit seinem ausgeprägten Willen und seiner Berufung gelingt es ihm weitere Projekte zu planen und erfolgreich abzuschließen. Umgekehrt liefert die Triebkraft Entdecken der Totalen Herausforderung Anlässe und Ziele, sich zu zeigen und ausgelebt werden zu können.
Selbstständigkeit und Unabhängigkeit: Um Innovationen erzeugen zu können, um sich von bestehenden Regeln des Bergsteigens und Kletterns lösen zu können und eigene zu erfinden, muss er sich von anderen unabhängig machen. Um unabhängig von anderen seiner Praxis Sinn geben zu können und auch um die Einsamkeit und die alleinige Verantwortung bei diesen Touren tragen und lebenswichtige Entscheidungen treffen zu können.
Die Triebkraft des Entdeckens gibt diesen beiden anderen Triebkräften Sinn und Ziel, sie existieren nicht um ihrer selbst willen, sondern werden gebraucht um die Entdeckungspraxis zu ermöglichen.
Diese Kombination von Triebkräften liefert Energie, sie verbraucht keine und sie stört ihn nicht bei seinen Entdeckungen.
Es gibt Kombinationen von Triebkräften, die in starker Spannung zueinanderstehen und deshalb viel Energie und Aufmerksamkeit verbrauchen. Hätte er zum Beispiel die Triebkraft Sicherheit und Beständigkeit statt Selbstständigkeit und Unabhängigkeit, würde dies einen Dauerkonflikt mit der Totalen Herausforderung und dem Entdecken provozieren.
Vielleicht ist hier eine Erklärung für die enormen Erfolge und Leistungen von Reinhold Messner, zu denen sein Überleben gehört, zu finden. Er konnte leichter als andere, mit sich im Reinen und ungestört von inneren Spannungen zwischen seinen Antrieben diese Grenzgänge bewältigen und war zudem in der Lage, sich zu beobachten, dem Wirken seiner Menschennatur Raum zu geben und sie wahrzunehmen.
5. Karriereplanung und Berufsfindung bzw. finden der Berufung
Wie alle anderen Entdecker und Entdeckerinnen auch strebt er keine vorgegebene Karriere an und folgt nicht den Karrierepfaden in Institutionen oder Organisation oder den Ratschlägen seiner sozialen Umgebung (3. Merkmal von Entdeckerkarrieren). Das Bergsteigen ist zur damaligen Zeit kein Beruf, davon kann man nicht leben. Eine schwierige Situation für ihn. Merkmale von Entdeckerkarrieren
Berufliche Perspektiven
„Ich hatte als Kind nie Angst vor der Enge (Gemeint ist die des Tals, KRG). Im Gegenteil. Auch keine Angst, zu verhungern oder dass ich nicht zurechtkäme. Irgendwie kamen ja alle Leute zurecht auf irgend eine Weise. Die Sorgen wurden uns eingeimpft, die Angst kam von außen, später: »Wenn du nicht fertig lernst, dann hast du kein Beruf. Wenn du nicht tust, wie man dir sagt, dann wird nichts aus dir. Wir haben ja keinen Bauernhof, du kannst also nicht bleiben und deine Kühe züchten.«“ (RM 2004, 22-23)
Seine Mutter schreibt: „Wollte als Bub Bauer werden“ (RM 2014, 16) Sein Großvater väterlicherseits war Kleinbauer in St Magdalena .
„Wenn ich als Vierjähriger in den Sommermonaten bei ihm wohnte, nahm er mich oft zum Bienenhaus mit, das auf der anderen Seite des Baches lag, an der Sonnenseite, etwas höher als der Hof. Wie mein Großvater legte ich die Hände auf den Rücken und schwieg neben ihm her. Wir gingen wie zwei Bauern. Ja Bauer wollte ich damals werden, und sonst nichts. Alle in unserem Tal, die etwas galten, waren Bauern. Und die größten Bauern verdienten den größten Respekt. Bauer war kein Beruf, eher ein Zustand; und die Familien in Villnöß, die keinen Hof hatten zählten weniger – mit Ausnahme des Pfarrers, der mit dem Teufel drohte, um Gehör zu finden.“ (RM 1992, 11)
In dieser Zeit, bevor er anfängt zu klettern, will er also Bauer werden wie sein Großvater, was er dann ja später in Juval als Bergbauer und Selbstversorger auch tut. Dessen Sohn, Messners Vater, der Hoferbe, hat das Erbe nicht angetreten hat und ist Lehrer geworden. Nimmt man die Mehrgenerationenperspektive ein, wartet auf die Enkel bei solch unterbrochenen Linien die Aufgabe den Bruch zu heilen.
Mit fünf Jahren fängt er an zu klettern und begeistert sich dafür. Er hat großes Talent dafür und die Idee zu klettern kommt früh und hat eine mächtige Triebkraft (1. Merkmal von Entdeckerkarrieren). Er entwickelt dabei einen großen Eifer darin und entwickelt sein ‚eigenes Curriculum‘ um das Klettern zu lernen (2.Merkmal von Entdeckerkarrieren). Er weiß aber, dass man von dieser damals im Dorf als nutzlose Tätigkeit angesehenen Bergsteigerei nicht leben kann.
Interviewer: “Was dachten Sie mit zwölf Jahren, wird später Ihr Beruf? Ich hatte damals keinen Berufswunsch, keine Vorstellung vom Leben, keine Karriereplanung. In die Geometerschule, wo ich zu einer Art Bauingenieur ausgebildet wurde, kam ich nur, weil ich gut in Mathematik war. Technische und naturwissenschaftliche Fächer lagen mir. Ich selber hatte nicht den Wunsch, Ingenieur zu werden. Vielleicht Architekt. Nein, ich wollte nicht Bergsteiger werden. Weil das kein Beruf ist. Bergsteiger konnte ich also nicht werden. Mein Leben war unvorstellbar. Ich habe mir allenfalls mit 16-18 das Leben erträumt, dass ich später geführt habe. Gegen alle Widerstände und Selbstzweifel am Anfang.
Interviewer: und das war? Ich wollte Abenteurer bleiben, eine Art Selbstversuch, aber nicht im Sinne eines Forschers. (…) Ich wollte immer in die letzten Wildnisgebiete. Wohin die anderen nicht so leicht kommen (…) Es war eh klar, es geht nicht. Niemand kann von der Eroberung des Nutzlosen leben.“ (RM 2004, 37-38)
Er klettert oft zusammen mit seinem Bruder Günther, was ihn offensichtlich mehr interessiert als der Schulabschluss und fällt 1966 durch das Abitur und auch durch die Nachholprüfung. Sein älterer Bruder Helmut besorgt ihm einen Job als Hilfslehrer für Mathematik. Ein Jahr später legt er das Abitur als ‚Privatist‘ ab. Er macht mehrere Erstbegehungen und beginnt 1968 parallel ein Studium des Hoch- und Tiefbaus, um Ingenieur zu werden an der Uni Padua. Wegen mehrerer Expeditionen in die Anden besucht er bald keine Vorlesungen mehr und legt kein Examen ab. Er kehrt nach Südtirol zurück, arbeitet in seinem Lehrerberuf und trainiert für die Expeditionen.
Die Karriere als Profibergsteiger
Zurück aus den Anden besteigt er im Mont-Blanc-Gebiet die schwierigste Eiswand der Alpen.
“Das hat mich in Frankreich bekannt gemacht, hat mir den ersten Werbevertrag eingebracht. Es war der Anfang einer Profi-Karriere.“ (RM 2004, 59)
„An Karriere habe ich nicht gedacht. Dass ich in diesem Augenblick einen bürgerlichen Lebensweg endgültig aufgegeben habe, ist wichtiger. Ich war an der Uni ja völlig unglücklich. Irgendwie hatte ich das Gefühl, ich versäume mein Leben. Indem ich mit allem guten Willen versuchte, meinen Ingenieur zu machen, zwang ich mich zu etwas, was ich nicht wollte.“ (58)
Er handelt nach der Maxime: Entscheide Dich im 'falschen Leben' zu bleiben oder zu entdecken!
1970 kann er an einer für ihn folgenschweren Expedition zum Nanga Parbat teilzunehmen. Sein Bruder Günther kommt dabei um, der erst 26 Jahre alt ist. Die Umstände seines Todes bleiben über lange Zeit unklar, Überreste seiner Leiche werden erst 35 Jahre später gefunden und die Frage von Messmers Schuld an dem Tod seines Bruders bewegt die Öffentlichkeit, nicht nur die der Bergsteiger. Im Jahr danach kehrt er ins Diamirtal zurück um nach seinem Bruder zu suchen, seine Lebensgefährtin Uschi Demeter begleitet ihn.
Messner selbst müssen wegen Erfrierungen die Zehen und Fingerkuppen amputiert werden, er kann nicht mehr Felsklettern und entscheidet sich für das Höhenbergsteigen, eine große Umorientierung in seiner Entdeckerkarrieren. Doch nicht nur das. 1971 Messmer gibt seinen Lehrerberuf und sein Studium endgültig auf, er hat sich für das Bergsteigen entschieden. Er hält Vorträge darüber und schreibt Bücher und arbeitet als Bergführer, um sich eine ökonomische Basis zu sichern.
Dieser Mix ist sein ‚Beruf‘, das Entdecken bleibt seine Berufung! Die Komponenten dieser Komposition wechseln in den verschiedenen Lebensphasen, aber es bleibt immer eine Komposition artverschiedener Elemente.
Nach der Besteigung des Mount Everest mit Peter Habeler ohne künstlichen Sauerstoff 1978 und dem damit verbundenen weltweiten Ruhm ist die Finanzierung weiterer Projekte und seines Lebens durch Werbeverträge und Ähnliches gesichert.
1973 heiratet er Uschi Demeter und lässt sich in Sankt Magdalena, wo sein Großvater lebte(!), nieder, kauft das Pfarrhaus dort und renoviert es. Die Ehe zerbricht und er fährt mit Nina Holguin, eine Kanadierin, nach Tibet, wo ihre Tochter Leyla 1981 geboren wird. Das Pfarrhaus im Villnößtal verlässt er nach 10 Jahren schweren Herzens, dort wird er mehr und mehr von Schaulustigen bedrängt, die Kosten des Erfolgs. Nach einer etwas längeren Suche nach einer passenden Bleibe, „einem Adlernest für einen Halbnomaden“ (RM 2004, 229) stößt er per Zufall auf die uralte Burganlage Juval in der Nähe von Meran und kauft 1983 die auf einem Felsen über dem Tal thronende ziemlich verfallene Burg, die in Teilen bereits zu einem Schloss umgebaut wurde. Er renoviert sie über Jahre und baut dort auch seinen Bauernhof auf, verwirklicht also auch seinen ersten Berufswunsch Bauer zu werden und betreibt Landwirtschaft zur Selbstversorgung.
„Es war mir von Anfang an klar, dass ich Bergbauer bin und nach Juval gehöre. Jeder hat seinen Platz“ (RM 1992, 30)
Als „Halbnomade“, der durch die Welt zieht, entdeckt und wie er sagt „die Gefahr zu seinem Beruf gemacht hat“ und sich dann wieder auf Juval konzentriert und Kraft für zukünftige Reisen sammelt, justiert er sich. (RM 1992, 230).
6. Die Lebensphasen nach Klettern und Höhenbergsteigen - seine Fähigkeit zu radikalen Umorientierungen in seiner Karriere
Reinhold Messner verfügt über die bemerkenswerte Fähigkeit, in seiner Karriere immer wieder radikale Umorientierung vorzunehmen. Was ihm dabei nützt, sind die drei Triebkräfte seiner Karriere: Entdecken, Totale Herausforderung sowie Selbstständigkeit und Unabhängigkeit. Letzterer macht ihn von den Meinungen anderer unabhängig und wohl auch von den Einkommen, die er mit den jeweiligen Tätigkeiten erwirtschaftet, Geld und Besitz ist ihm nicht so wichtig. Der Anker Totale Herausforderung lässt ihn Innovationen, neue Ideen prämieren, die er auf Kosten des Bewahrens von Tätigkeiten, Lebensphasen u.ä. mit großer Energie, starkem Willen, mit Selbstvertrauen, Neugier und Mut verfolgt. Ein Bedürfnis nach Sicherheit hat er bei der Karrieregestaltung nicht.
Konstant bleibt auch sein Entdeckeranker mit dem das Ziel die Menschennatur im Verhältnis zur wilden Natur zu entdecken, modifiziert werden die Objekte und die Medien ändern sich.
In den ersten Phasen seines Lebens prämiert er in seiner Entdeckerpraxis die Dimension Unbekanntes entdecken und Neues erfinden. Die Höhenkletterei endet etwa Mitte der achtziger Jahre. Es folgen Durchquerungen von Wüsten aus Sand, Felsen und Eis und von Ländern, andere Formen der Grenzgänge, die er sucht. Seit den siebziger Jahren schreibt er Bücher, 1995 macht er das von ihm bewohnte Schloss Juval als Museum der Öffentlichkeit zugänglich. Er schreibt Bücher und macht 1999 seinen ersten Film. Ab etwa 2000 besucht er Bergvölker.
In den folgenden Lebensphasen wird die dritte Dimension der Entdeckungspraxis, das Gründen prämiert.
Er schenkt seiner Heimat Tirol sechs Museen, die Messner Mountain Museen, die die Geschichte des Bergsteigens und die Menschnatur der Bergvölker an sechs herausgehobenen Orten Südtirols präsentieren. Er gründet die Messmer Mountain Foundation, die Hilfe zur Selbsthilfe für die Bergvölker in Form von neu gebauten Häusern, Schulen, Krankenhäusern, Fluthilfe geleistet hat und ein Sherpa Museum. Mit Messner Mountain Movie hat er als Produzent und Regisseur bisher 16 Filme geschaffen. Die Messmer Mountain Heritage hat die Aufgabe den traditionellen Alpinismus zu erhalten. Als selbstständiger Veranstalter hält er Vorträge bietet Incentives und Managementschulungen sowie Veranstaltung verschiedener Art an. Ist also nicht nur ein erfolgreicher Gründer, sondern auch ein erfolgreicher Unternehmer.
Die Eintrittskarate von Juval
Ein frühes Beispiel für radikale Entscheidung ist die Umorientierung vom alpinen Klettern auf das Höhenbergsteigen nach der neuen Nanga Parbat Erstbegehung. Damit verbunden war Anfang der siebziger Jahre die Entscheidung gegen eine berufliche Karriere als Ingenieur, er brach sein Studium zugunsten einer Bergsteiger-Karriere als Profi ab, für die es damals wenige Vorbilder gab. Als er als Höhenbergsteiger alles erreicht hat, was man erreichen konnte, orientiert er sich wieder um.
„Als wir damals am Nanga Parbat die Zehen abgefroren habe und nicht mehr so gut klettern konnte, ist mir diese erste Leidenschaft abhanden gekommen. Sie begann zu vergehen. Zum Glück aber habe ich etwas anderes entdeckt und an die Stelle der alten Leidenschaften gestellt: das Höhenbergsteigen. Es war auch später immer wieder von Vorteil, dass ich umsteigen konnte. Immer zum richtigen Zeitpunktzeit. In meinem Leben habe ich meist rechtzeitig gemerkt: Das bringt nichts mehr, ich brauche etwas Neues. (RM 2004, 263)
Engagement für den Erhalt der Wildnis
„In dieser späten Phase meines Lebens dachte ich mehr und mehr über eine andere Dimension von Wildnis nach."
„Jetzt erkannte ich die relative Bedeutung von Erfolgen und stellte andere Werte in den Mittelpunkt meines Interesses: Stille, Weite, Unzugänglichkeit – so wie sie Mallory erfahren hatte. Auch meine Helden waren dadurch andere geworden: George Lee Mallory, Fridjof Nansen, der den Nordpol nicht erreicht hat, oder Ernest Shakleton, der bei allen seinen Touren gescheitert ist. Wie aber sein vorbildliches Leadership alle Rückzüge aus der Wildnis der Antartkis gelingen ließ, ist zweifellos spannender alle Erfolge anderer Abenteurer. Nur wenn Teile der Erde unberührt blieben, würde es ähnliche Reisen auch in Zukunft geben. Jetzt wusste ich endgültig, dass der Grenzgang mit der verschwundenen Wildnis abhanden kam.“(RM 2004, 168)
Er durchquert die Eiswüsten des Nord- und Südpols, Grönland, die Länder Tibet, Bhutan und Pamir zu Fuß, das Altaigebirge, die Atacama in den Anden und die Wüste Thar in Indien. Er beginnt, sich für die Menschen, die in den Bergen und in anderer Wildnis leben, zu interessieren. Das Ergebnis dieses Interesses und seiner Sammelleidenschaft sind die Museen über die Menschennatur und Religion der Bergvölker, die Messner Mountain Museen MMM. Die dritte Dimension des Entdeckens wird immer bedeutsamer, das Gründen.
Das Entdeckte anderen vermitteln, zum Teil der Kultur werden lassen
Aus dem individuellen Sinn des Entdeckens soll ein kultureller Sinn – das Erkennen der Menschennatur werden: "Für mich ist das Bergsteigen heute eine kulturelle Auseinandersetzung zwischen Menschennatur und Bergnatur. Eine kulturelle Angelegenheit also!" (RM 2004, 292-93)
"Jetzt habe ich das Gefühl, dass ich alles, was ich weiß oder nicht weiß, in einem Museum packen und mich so besser als mit anderen Mitteln ausdrücken kann." (RM 2004, 236) "Mir geht's um die Natur des Menschen, weniger um den Berg. Im Museum habe ich mehr Mittel zur Verfügung - Kunst, Texte, Musik und Geräusche -, viel mehr Möglichkeiten als mit irgendeinem anderen Medium. Mir geht es primär um das, was im Menschen passiert, wenn er sich dem Berg nähert. Wer hinaufsteigt, kommt als ein anderer zurück. Nicht der Berg ändert sich mit unserem Hinaufsteigen, wir selbst werden anders. Am Berg selbst passiert ja nicht viel, außer wenn wir dort Hütten, Wege, Straßen, Seilbahnen oder andere Infrastrukturen bauen. Da oben fallen alle Masken, und sogar unten, hinterher, zeigt der Bergkamerad sein wahres Gesicht. Neid, Eifersucht, Habgier brechen sich häufig erst Bahn, wenn der selbst ernannte gute Kamera zurück ist, zurück bei seinesgleichen. Diese Wahrheit sowie die unserer Geschichte und gemeinsame Leidenschaft wird in meinen Museen reflektiert." (236)
„Mit zunehmendem Alter bin ich am Ende umgestiegen auf kulturelle Lebensäußerungen, nicht mehr alleine auf psychophysische Grenzgänge.“ (RM 2004, 297)
"Was mich stark macht, ist das Gefühl unabhängig zu sein. Dabei bin ich nur ein Dilettant. Ich habe in lauter Nicht-Berufen gelebt, geforscht gearbeitet. Oft habe ich trotzdem gegen alle Prophezeiung Erfolg gehabt. Mit sehr einfachen Verhaltensmustern: Bei einer Sache bleiben und mit aller Kraft für diese Sache einstehen. Die Leidenschaft für ein noch so unnützes Tun hat mich stark gemacht und gibt mir zuletzt jene Sicherheit, die Voraussetzung ist für ein selbstbestimmtes Leben." (RM 200, 263)(Zusammenspiel der Triebkräfte SU,TH und Entdecken)
„Vielleicht ist die Fähigkeit, dem Alter entsprechend immer wieder neue Aufgaben zu finden, ein Teil des Glücks, das mich ‚jung‘, kreativ und lebensfroh macht.“ (RM 2004, 284)
Interviewer: "In diesem Jahr werden sie 70 Jahre alt. Wie fühlen Sie sich? (2014, KRG)
Zeitlos (…) Die Neugierde ist geblieben. Ein gutes Gefühl. (…) Ich muss lernen, mit dem Altern zurechtzukommen. (…) Ich muss nichts mehr beweisen. (…) Und dann möchte ich noch einen Film machen, ein paar gute Geschichten, vielleicht auch eine Erzählung schreiben, noch einmal von vorne anfangen mit einer Idee… mein siebtes Leben. Es wird keinen Stillstand geben und mit dem Scheitern habe ich leben gelernt. Gelernt habe ich vor allem dann, wenn ich gescheitert bin. Ich bin wohl öfters gescheitert als die allermeisten anderen und nur deshalb erfolgreich geworden auf der Suche nach dem Limit. Immer wieder." (268)
Zitat aus einer Passage über seinen Bruder Hansjörg, dem Psychoanalytiker:
Interviewer: „Waren Sie denn mal beim Analytiker?
Nein ich glaube nicht an eine solche Heilung. Ich halte Analyse zwar nicht für Blödsinn, aber wozu? (…) Wenn ich meinen Leidenschaften nicht folgen darf, mein Leben nicht leben, kann mir kein Psychologe helfen. Das eigentliche Problem ist, dass die meisten Menschen nicht ihr Leben leben. Die leben irgendwie daneben hin. Ich folge der Genetik, nicht den Ratschlägen der Zauberer!" (RM 2004, 276f)
"Es gibt am Ende kein gelungenes Leben. Ein gelingendes Leben aber gibt es während des Tuns. Wenn ich Momente erwische, in denen ich Schwierigkeiten überwinde, bin ich stark und ausgefüllt. Mein Erfolg, mein Leben war nichts anderes, als aus Ideen Tatsachen gemacht zu haben.(Triebkraft TH, KRG)
Interviewer Sie sprechen von sich schon in der Vergangenheit?
Ja, ich muss ja gar nichts mehr machen! Trotzdem werde ich meine Zeit weiterhin damit ausführen, Ideen umzusetzen. Ich kann nichts anderes." (RM 2004, 281)
Im September 2024, in dem er 80 Jahre alt wurde, erschien ein neues Buch von ihm: „Gegenwind“, wenn ich richtig gezählt habe, das 72. Er geht auf einer sehr lange dauernde Tournee mit Vorträgen usw. Er hat es also geschafft, weiter nach seinen Maximen zu leben und seinen Triebkräften zu folgen.
„Sehr geehrte Besucherinnen und Besucher,
als Internet-Analphabet erzähle ich vor allem live von meinem Leben als Bergbauer, Bergsteiger, Museumsgestalter, Filmemacher. Ich habe mein siebtes Leben angefangen, nachdem ich mich sechsmal neu erfunden habe und erzähle mein Leben fort. Nach meiner Zeit als Felskletterer, Höhenbergsteiger, Grenzgänger in Polarregionen und Wüsten, Forscher, Politiker und Museumsideator bleibe ich Storyteller und Bewahrer der letzten nicht urbanisierten Räume dieser Erde. Mir geht es um das Verhältnis Menschennatur und Wildnis, um Eigenverantwortung und Erfahrungen am Rande unserer Möglichkeiten, ein selbstbestimmtes Leben zuletzt.“ (www.reinhold-messner.de Startseite Zugriff 25.3.24)
7. Die die im Tal bleiben und die die gehen – Erkenntnisse über das Südtiroler Bergvolk by the way
Er ist Angehöriger dieses Bergvolks, die Ambivalenz zwischen nicht dazugehören wollen und dazu zu gehören wie auch die Beziehung zu seiner Heimat prägen manche Phase seiner Biografie.
Hoch droben sein, über den Menschen, die im Tal leben, in einer Außenwelt, die wie er sagt, mehr seinen Gefühlen entspricht als das Leben im Dorf (RM 1992, 20), ist für ihn offenbar seit seiner Kindheit von großer Bedeutung. Die Natur sagt er, kennt keine Gesetze und Regeln, aber die Menschen. Das Tal verbindet er mit Enge, Begrenztheit, Beschränkung seines Freiheitsdrangs (Triebkraft SU). Es steht für die Autoritätsgläubigkeit, die verlogene Moral, den Betrug, das Zurechtbiegen der Realität, die Ausgrenzung von Andersdenkenden, die er dieser sozialen Gemeinschaft erlebt hat (RM 1992, 20). Das Tal erfährt in den 80 Jahren seines Lebens die zunehmende Zerstörung der Landschaft durch extensiven Obstanbau, den extensiven Bau von Hotels und den immer weiter anwachsenden Tourismus. Schon in der neunziger Jahren sind auch die Orte in den Bergen keine mehr, für die er ein Heimatgefühl entwickeln kann, auch diese Höhen hat der Tourismus erobert: Die Ruhe und die Stille sind dahin, die den Wert der Alm von Geschmagenhart, wo sie als Kinder ihre Sommer verbracht haben, ausmachte. (RM 1998, 29).
Tibet als Spiegel seiner Kindheit - in der Fremde die Heimat erkennen
Auf seinen Reisen gewinnt er eine Perspektive von außen auf Südtirol und begreift nach und nach, wie er sagt, die Eigenheit und das Sosein der Menschen dort, also die Menschennatur der Südtiroler. In Nepal erlebt er eine Gesellschaft und eine Natur, die wie ein Spiegel seiner Kindheit - die Stille der Natur und der Berge, das Spiel der Kinder, die Einfachheit bis Armut des Lebens der Menschen - auf ihn wirkt und in ihm den Wunsch weckt, ein Zuhause in Südtirol zu finden. (RM 2004, 24). Dazu machte er die Burganlage Juval inmitten der Bergnatur hoch über dem Tal der Etsch. Die Burg Juval ist eine gelungene Lösung für die Wahl zwischen Tal und Bergen: “Es verständlich, dass die Menschen hier per oben am Sonnenhang früher siedelten als unten in der schottrigen und sumpfigen Talsohle.“ (RM 1998, 15)
Auch für seinen Bruder Hubert bringt das ‚“Verlassen des Tals“, das Schauen hinter die Berge Tirols (HM 2023, 15), durch eine erste Reise nach Irland als Achtzehnjähriger das Gefühl von Freiheit. Mit ihm teilt er auch die Liebe für die Bergbauernarbeit, die der erfolgreiche und enggierte Arzt immer wieder in seinem Leben sucht, die Ablehnung des zerstörerischen Tourismus, der St. Magdalena, das Dorf ihres Großvaters zu einem Hotspot für Selfie-Tourismus hat werden lassen, und den Hang zur Rebellion gegen die bestehenden Verhältnisse. Mittlerweile pensioniert, engagiert sich Hubert Messner als Politiker in Südtirol.
Das Tal und die Welt draußen spielen auch für den Bruder eine Rolle. “Als wir noch im Dorf zur Grundschule gingen, haben wir von der Welt da draußen nichts mitbekommen. Das Radio machte Vater erst an, wenn wir schon in den Betten waren. (…) Dann, in den Gymnasien in Bozen, Brixen, Meran, drang zu uns durch, was in der Welt geschah. (…) Im Dorf war der Unmut zu spüren. Der Unmut jener, die dageblieben waren, gegenüber denen, die fortgegangen waren. Die Angst vor Veränderung, die wir Studenten auslösten, wenn wir unser Wissen mit ins Tal brachten. Weil Veränderung stets alles durcheinanderbrachte. Wer wegging – was ja schon schlimm genug war –, sollte zumindest auch wegbleiben! Nicht mit dummen Ideen zurückkommen und das Tal aufwiegeln.
Die Menschen im Tal lebten von der Zuversicht, dass immer alles so blieb, wie es – scheinbar – immer schon gewesen war. Die Berge, die das Tal umzingelten, wurden als Schutzwall gesehen. Damit nichts Böses von außen reinkam. Wir Jungen, die wir wegwollten, sahen die Berge als Hindernis, das es zu überwinden galt. Um dem Mief der Idylle zu entkommen.“ (HM 2023, 54-55)
Die Südtiroler haben nach dem Weltkrieg schreckliche Erfahrungen mit im Tal bleiben oder weggehen gemacht, als Südtirol an Italien fiel und sich die Menschen vor die Wahl gestellt sahen auszuwandern, wenn sie Deutsche bleiben wollten, oder zu bleiben, diese Zeit haben seine Eltern erlebt. Die von seinem Bruder geschilderte Reaktion auf das Weggehen mag auch mit dieser bewusst und unbewusst wirksamen Erfahrung zusammenhängen.
Reinhold Messmer hat in seiner Heimat zunächst viele Anfeindungen erlebt, trotz seiner Erfolge. Sein Engagement für Südtirol, z.B. durch dessen Umrundung auf den Landesgrenzen zusammen mit Hans Kammerlander, die er verbunden mit seinen Einsichten über dieses Land und seine Bewohner in einem Buch dokumentiert hat, bringen ihm nicht nur Freunde (RM 1992). Auch sein Engagement als Mitglied des Parlaments der Europäischen Union, der sich für Südtirol und andere Regionen eingesetzt hat, wurde nicht nur gewertschätzt. Die großzügigen Geschenke an sein Land in Form der sechs Museen, die sich zu einem Anziehungspunkt für Touristen entwickelt haben, seine Bekanntheit und sein fortgesetztes Engagement für Südtirol haben ihm mit den Jahren Respekt und Anerkennung eingebracht. Beigetragen hat dazu sicherlich auch die „Veränderung der Bergnatur des Südtiroler Volks“. Durch den Zuzug von Italienern und die politischen ökonomischen und kulturellen Veränderungen in den letzten Jahrzehnten hat sich eine andere Mentalität entwickelt. Von seiner Seite aus beigetragen hat sicher auch die Veränderung seines Verhältnisses zur Heimat und die von ihm gefundene Lösung des Halbnomadentums.
Halbnomadentum – eine kluge Lösung
Räume zum Leben, welche braucht er? Nomadentum, Sesshaftigkeit und Mischformen hat er auf seinen vielen Erkundungen in der Welt als Lebensform der Menschen erlebt.
„Ein Halbnomade ist jemand, der von einem Winterplatz aus herumzieht. In den Frühlings-, Sommer-und Herbstmonaten ist er mit seiner Familie, seinen Tieren, mit Hab und Gut unterwegs. (…) Im weiteren Sinn hat das Halbnomadentum heute auch wieder in unserer Zivilisation Einzug gehalten. Wir haben irgendwo einen sicheren Platz und fliegen, fahren, reisen in der Weltgeschichte herum. Wenigstens einige von uns.“ (RM 2004, 221)
"Halbnomade sein, bedeutet unabhängig zu sein." (ebenda, 223) (Triebkraft Selbständigkeit und Unabhängigkeit)
1979 habe ich angefangen, eine Burg zu suchen. (…) Ich suchte da eine Art Adlernest, den perfekten Wohnsitz für einen Halbnomaden wie mich. (ebenda, 229)
"Ich kann nur so weit gehen, wenn ich starkes Zuhause habe. Juval ist mein Fixpunkt in Europa und mein imaginärer Fixstern, wenn ich weit weg bin." (RM 2016, 84)
„Durchgangsräume, wo Heimat nicht möglich ist, sind meine Welt, definiere ich mich doch als Halbnomade. In Südtirol brauche ich einen Rückzugsort, wenn ich zurück bin aus Eiswüsten oder großer Höhe, um später wieder gegen Kälte, Müdigkeit und Hoffnungslosigkeit ansteigen zu können. In den Bergen sind meine Wege nicht als sichtbare Linien zu begreifen, es sind Linien nur im Kopf. Wildnis, Felswände und Wüsten aber sind Durchgangsräume, die als Entsprechung unserer Projektion Kunst zulassen, ohne Heimat zu werden.
Meine Landkarte hat deshalb mit Ausgesetztsein, Raum-Zeit und Eigenverantwortung zu tun. Auch Erinnerungsbilder gehören dazu. Jedes Unterwegssein ist wie ein Leben für sich, ein Draußensein auf einem anderen Stern.“ (RM 2004, 220)
Schluss
Viele Stränge seiner Biografie habe ich hier vernachlässigt, zum Beispiel seine privaten Beziehungen zu seinen Ehefrauen und Kindern. Wie alle Angehörigen von Entdeckern müssen sie lernen, sich mit dieser Triebkraft, die mächtig ist und immer wieder Prioritäten zu ihren eigenen Gunsten und zuungunsten der dem Entdecker nahestehenden Menschen fordert, zu arrangieren (4. Merkmal von Entdeckerkarrieren). Manchmal ist das gelungen, manchmal nicht. Seine Tochter Magdalena hat die Leitung der Museen übernommen. Mit seiner Frau Diane hat er ein Buch geschrieben über „Verzicht als Inspiration für ein Gelingen des Lebens“ und ein Projekt gestartet, weltweit das Erbe des traditionellen Alpinismus zu erhalten (RM und DM, Sinnbilder 2022). Auch die Beziehungen zu seiner Herkunftsfamilie, seinen Eltern, Brüdern und seiner Schwester habe ich nur dann thematisiert, wenn sie mir relevant für das Verstehen seiner Karriere als Entdecker erschienen. Die Mehrgenerationenperspektive auf die Biografien und Karrieren dieser außergewöhnlichen Familien wäre ein weiteres reizvolles Kapitel.
Verwendete Literatur
Die Aufzählung folgt den Erscheinungsjahren der Erstausgaben, um deutlich zu machen, in welche Reihenfolge er diese Bücher geschrieben hat. Die Seitenzahlen der zitierten Passagen stammen aus der zuletzt genannten Auflage. Beim Zitieren nutze ich die Jahreszahl der von mir benutzten Ausgabe und die Initialien RM, die anderen Autoren werden namentlich benannt.
Reinhold Messner: Der gläserne Horizont – Durch Tibet zum Mount Everest. BLV Verlagsgesellschaft München, Wien, Zürich 1982 Erstausgabe
Reinhold Messner: Rund um Südtirol. Piper Verlag München, Zürich 1992 Erstausgabe
Reinhold Messner: Die Freiheit aufzubrechen, wohin ich will. Piper Verlag München 1998 und 2001, 3. Aufl. 2017
Volker Caysa und Wilhelm Schmid, Hg.: Reinhold Messners Philosophie: Sinn machen in einer Welt ohne Sinn. Suhrkamp Verlag Frankfurt/M. 2002 Erstausgabe
Reinhold Messner: Mein Leben am Limit – Eine Autobiographie in Gesprächen mit Thomas Hüetlin. München 2004, Piper Verlag, 15. Aufl. 2020
Reinhold Messner: Mein Weg – Bilanz eines Grenzgängers. Piper Verlag München /Berlin 2006, und 2017, 3.Aufl. 2017
Reinhold Messer: Berge versetzen – Das Credo eines Grenzgängers. BLV Buchverlag München 2013, 7.Aufl., Jahr der Erstausgabe unbekannt.
Reinhold Messner: Überleben. Piper Verlag München 2014, 7.Aufl. 2014
Reinhold Messner: Dreizehn Spiegel meiner Seele. Piper Verlag München B, Berlin 2012, 2. Aufl. 2016
Reinhold Messner: und Diane Messner: Sinnbilder - Verzicht als Inspiration für ein gelingendes Leben. S. Fischer Verlag Frankfurt/M. 2022, 3.Aufl. 2022
Hubert Messner und Lenz Koppelstätter: Eine gute Zeit zu leben- Die Welt ist besser als wir denken. Ludwig Verlag München 2023 Erstauflage
Dokumentation
Mensch Messner! Leben am Limit. Ein Film von Bernd Reufels, ZDF 14.2.2023
Zeitschriftenartikel
Waltraud Kastlunger und ihre Brüder - Zeitschriften Artikel über RM Schwester in Brigitte am 09.04.2009
https://www.brigitte.de/woman/leben-lieben/familie/familien--waltraud-kastlunger-und-ihre-brueder-10219120.html
Unternehmensnachfolge Familie Messner: Vater Reinhold und Tochter Magdalena. 8. Dezember 2017, von Bernd Steinle. Der Artikel erschien im F.A.Z. Magazin vom 14.10.2017.
tar_08, id129, letzte Änderung: 2025-10-31 16:59:48
Die Fallstudie ist noch nicht fertig gestellt. Sie finden im Menüpunkt "Triebkräfte" . Triebkräfte "
und im Menüpunkt "Der Reiz der Terra Incognita" einiges zu ihm. Der Reiz der Terra Incognita
Humbolts Büste vor dem Haus in Havanna, in dem er bei seiner Amerikaexpedition gelebt hat (Foto KRG)
Gedenkstein vor dem Haus, in dem er in Havanna lebte
(Foto KRG)
tar_08, id134, letzte Änderung: 2025-10-20 16:40:09
Prof. Dr. Stefan Hell hat im Jahr 2014 den Nobelpreis für Chemie für seine Entdeckungen auf dem Gebiet der ultrahochauflösenden Fluoreszenzmikroskopie und die Erfindung von Mikroskopen, die es ermöglichen, die Auflösungsgrenze von Lichtmikroskopen zu unterlaufen, erhalten. Sie ermöglichen es Medizinern und Biologen Zellstrukturen abzubilden und lebende Zellen zu filmen, die enger als 200 Nanometer beieinanderliegen.
Für diese Fallstudie konnte ich auf zahlreiche Interviews und Zeitschriftenartikel zurückgreifen, die anlässlich der Verleihung des Nobelpreises erschienen sind. Diese Interviews sind teilweise von sehr hoher Qualität, was die Fragen der Interviewer betrifft, die Antworten des Interviewten sind von einer großen Klarheit und Präzision und zeugen durchgängig von einem hohen Reflexionsgrad in der Verarbeitung der eigenen Karriere und Entdeckungspraxis.
Wenn Sie mehr über die Entdeckung erfahren wollen, finden Sie auf der Seite des Max-Planck-Instituts eine verständliche Zusammenfassung und weitere Links zu Videos und Texten. Über die Forschung von Stefan Hell
Schon vor der Verleihung des Nobelpreises verlieh ihm die Körber Stiftung 2011 den Preis für europäische Wissenschaften. Auf der Seite der Stiftung gibt es ein sehr gutes Video, das die Entdeckung und deren Anwendung darstellt: Körber-Preis 2011 für die Europäische Wissenschaft
und ein pdf zum gleichen Thema: Lichtblicke in die Nanowelt
Eine sehr gut geschriebene Biografie des Nobelpreisträgers mit dem Titel: Tricksereien an der optischen Grenze hat die Max-Planck-Gesellschaft veröffentlicht: Tricksereien an der optischen Grenze
Seine Vita und weitere Videos über ihn und seine Entdeckung finden sie auf der Seite seines Instituts Vita Stefan Hell
Die Ergebnisse dieser Fallstudie werden zwei Formen präsentiert. Aufgrund der hervorragenden Datenbasis war es möglich, Stefan Hells Karriere anhand der 16 Merkmale von Entdeckerkarrieren zu untersuchen und deren individuelle Ausprägung zu beschreiben:
Stefan Hells Entdeckerkarriere und seine Karriereanker - die Analyse.
Die Basis dafür bildete die inhaltsanalytische Auswertung der Interviews. In meinem rekonstruktiven Vorgehen habe ich mich von den Themen, die Hell immer wieder ansprach und den Begriffen, die er immer wieder benutzte, leiten lassen. Herausgekommen ist eine strukturierte Zusammenstellung seiner Äußerungen zu Hindernissen und Glücksfällen seiner Karriere, zur Möglichkeit des Scheiterns und dem Moment des Entdeckens, zweitens dazu, was revolutionäre Forschung ausmacht, die zu Entdeckungen führt, welche Bedeutung Inter- und Transdisziplinarität dafür hat und welche Voraussetzungen nötig waren, um so eine Idee überhaupt entwickeln zu können. Der dritte Themenbereich beschäftigt sich damit, was die idealen Rahmenbedingungen für Entdecker sind, die Organisationen potentiellen Entdeckern bieten müssten, um disruptive und innovative Forschung zu fördern und Entdeckern prekäre Lebensverhältnisse zu ersparen.
Zu finden in: Stefan Hell zu Karriere, innovativer Forschung und deren Förderung
Stefan Hells Entdeckerkarriere und seine Karriereanker – die Analyse
Die 16 Merkmale der Entdeckerkarrieren wurden im 6. Menüpunkt ‚Die Entdeckerkarriere‘ vorgestellt. Der Link: Die Merkmale von Entdeckerkarrieren - Der Entdeckeranker
Hier werden sie noch einmal zitiert und dann folgt die Darstellung ihrer individuellen Ausprägung in Stefan Hells Karriere.
1.Die Idee kommt früh, ist mächtig und hat eine große Triebkraft. Angeregt und angezogen durch Dinge oder Ereignisse in ihrer Umwelt entsteht in Ihnen eine Faszination, die die Energie liefert, eine ausgeprägte eigene Vorstellungswelt zu entwickeln, in der Ideen für etwas, was es zu entdecken gilt und was der Sinn dieser Entdeckung ist, entstehen kann. Sie sind häufig auch in der Lage Ihrer Entdeckerlust ein konkretes Ziel zu geben.
Die Idee die Lichtmikroskopie zu revolutionieren, kommt verglichen mit anderen nicht sehr früh. Ende der achtziger Jahre hat er sein Physikstudium abgeschlossen, sitzt an seiner Promotion. Aber sie ist mächtig und hat eine große Triebkraft, die ihm hilft die vielen Hindernisse in seiner Karriere zu überwinden, seine eigene Vorstellungswelt zu entwickeln, ernennt dies sein Weltbild und das Bild der Physik, und an ihr festzuhalten. Inwieweit es in seiner frühen Biografie neben seinem Interesse für Physik und Mathematik und ersten Erfolgen noch andere Ereignisse gab, die auslösende Faktoren waren, ist aufgrund der Datenlage nicht zu beurteilen. Dass es berechtigt ist, Dinge zu hinterfragen hingegen führt er auf seine Erfahrungen mit politischen Slogans zurück, er ist in Rumänien in einem totalitären Regime aufgewachsen. Dann kann man auch alte physikalische Gesetze hinterfragen.
2.Sie zeichnen sich schon in der Schulzeit oder im Studium durch einen großen Arbeitseifer aus, für ihre Umwelt teilweise besorgniserregend ist und bearbeiten ein Pensum, was weit über dem Üblichen liegt. Sie schaffen sich ihr eigenes Curriculum, unabhängig von dem der Schule oder des Studiums, und sie haben große Freude am Lernen.
Darüber hinaus ist bei ihnen ein ausgeprägtes Talent vorhanden, das ihnen die Arbeit leicht macht. Kommen sie aus familiären Verhältnissen, in denen dieses Talent nicht relevant ist oder nicht erkannt wird, braucht es Menschen, die es erkennen und fördern.
Hell geht früh mit der Mutter, die Lehrerin ist, in die Schule und lernt. Er beschäftigt sich mit Physik und erhält noch während der Schulzeit einen Preis für seine Forschung. Trotz des Umzugs von Rumänien nach Deutschland macht er das Abitur früher und hat sehr gute Noten.
Die Eltern, der Vater Ingenieur, die Mutter Lehrerin erkennen sehr früh sein Talent für Naturwissenschaft und fördern ihn in jeder Weise, die Ihnen möglich ist.
3.Die Entwicklung und praktische Umsetzung der eigenen Idee ist das Karriereziel von Entdeckern und Erfindern. Sie streben keine vorgebende Karriere an und folgen den Karrierepfaden in Institutionen oder Organisationen nicht.
Das wichtigste für ihn ist seiner Idee zu folgen, die Entdeckung zu machen, seine Annahme zu beweisen und das von ihm gefundene Prinzip in die Praxis umzusetzen, d.h. neue Mikroskope zu entwickeln.
4.Sie nehmen kaum Rücksicht auf ihre Familie, Freunde und sich selbst, all dies muss hinter das Entdecken zurücktreten. Die Vereinbarkeit von Privatleben und Entdecken gelingt, wenn das private Umfeld die fundamentale Bedeutung des Entdeckens für den Entdecker versteht, akzeptiert und ihn unterstützt.
Letzteres scheint bei Stefan Hell zuzutreffen. Die Familie ist für ihn ein wichtiger Halt, die Großeltern treten als Mäzene auf, die Eltern fördern ihnen jeder Weise und seine eigene Familie bekommt Platz in seinem nach dem Nobelpreis sicherlich noch arbeitsreicheren Forscherleben. Die Interviews lesen sich so, dass in seinem Forscherleben vor der Familiengründung alles der Entdeckung untergeordnet war, Hobbys und soziale Beziehungen andere persönliche Wünsche scheinen dahinter zurückzutreten.
5.Entdecker wollen und müssen im Einklang mit dem sein, was sie entdecken wollen. Sie erleben oft einen Flow, wenn sie mit ihrer Entdeckung beschäftigt sind, sie sind beglückt und voll Energie, wenn sie an der Entdeckung arbeiten.
Den Durchbruch und das Moment der Erkenntnis schildert er als wohl aufregendsten Moment in seinem beruflichen Leben. Er muss an etwas Fundamentalen, Grundlegendem arbeiten, um „erfüllt zu sein, happy zu sein“. In seinem Studium hatte er Zeit seinen Ideen nachzugehen und sich sein wie er es nennt ‚Weltbild‘ und Bild von der Physik zu schaffen. Er hat immer noch eine „‚kindliche Freude“ an den schönen Bildern, die die Mikroskope zeigen.
6.Entdecker können keine Aufträge von anderen annehmen und ausführen, sie können nur ihren eigenen Ideen und Vorstellungen folgen und sich auf einen ergebnisoffenen Prozess des Entdeckens einlassen.
Er sucht sein Thema für die Dissertation selbst und gibt sich den Auftrag daran zu arbeiten, das Abbe‘sche Gesetz der Beugungsgrenze „zu knacken“. Er will nicht in der Forschung und Entwicklung der Industrie arbeiten, wo ihm die Aufträge gegeben werden. Und er hat auch keinen Doktorvater, der ihm das Thema der Dissertation stellt. Die Folgen davon sind die über Jahre dauernden prekären Lebensverhältnisse und die Sorge darum, Arbeitsbedingungen wie Labore und finanzielle Ressourcen zu haben, um an seiner Idee arbeiten zu können und den Beweis zu erbringen.
7.Die Idee stellt Grundannahmen des Fachs (oder mehrerer Fächer), der wissenschaftlichen Disziplin, der Profession radikal infrage.
Hell widerlegt das seit mehr als hundert Jahren in der Physik geltende und von Ernst Abbe aufgestellte Gesetz der Auflösungsgrenze von Mikroskopen, die durch die Wellennatur des Lichts bedingt ist.
8.Die Grenzen von Fächern/ Disziplinen/ Professionen werden nicht akzeptiert, sondern überschritten, die Erkenntnisse der einen mit denen der anderen verbunden, zu etwas Neuem synthetisiert, in das eigene Modell eingeordnet und immer weiter optimiert. Entdecker suchen Ihre Anregungen in Konzeptionen, Theorien, Praktiken anderer Fächer, Disziplinen, Profession und bei deren Vertretern. Sie arbeiten interdisziplinär und transdisziplinär.
Mithilfe der Physik lässt sich sein Ziel nicht erreichen, er nimmt Erfahrungen aus der Chemie auf, und macht wie er es nennt biophysikalische Chemie, begründet also ein neues Fachgebiet. In der anwendungsbezogenen Forschung zu medizinischen Fragen kooperiert er mit zahlreichen anderen Disziplinen. Die Konstruktion seiner Forschergruppen sind ebenfalls Inter- und transdisziplinär, Chemiker, Biologen, Physiker und Mediziner.
9.Bestehende Institutionen und Organisationen, die auf Bewahren setzen und sich Entdeckungen und Innovationen gegenüber ablehnend verhalten, fördern diese Menschen nicht. Sie unterstützten eher mittelmäßige und an Karriere in diesen Institutionen orientierte Menschen. Sie grenzen Entdecker aus, weil sie ihre Regeln nicht achten, nicht befolgen können und wollen und weil sie radikale Innovationen anstreben, die die bestehenden Grundannahmen und Axiome infrage stellen (vgl. die Punkte 3.,6.,7.,8.).
Weder kann er von einem in seiner fachlichen Frage bewanderten Professor gefördert werden, noch passt er in die Raster der Förderrichtlinien der großen Institutionen der Forschungsförderung hinein, noch gibt es interdisziplinäre Strukturen in Hochschulen, sondern nach Disziplin getrennte Fachbereiche. Auch die für Karrieren und die Verbreitung neuer Ideen so relevanten bedeutenden Fachzeitschriften lehnen die Veröffentlichung seiner Arbeiten ab. Er hat sich sein Thema selbst gesucht, sich ein neues Forschungsfeld ausgedacht, hat sich ein disruptive Forschungsfrage gesucht, er hat in kein Raster der Institutionen der Wissenschaft und deren Förderung hineingepasst.
10.Umgekehrt lehnen die Entdecker diese auf Bewahrung ausgerichteten Institutionen und Organisationen ab, weil sie sie an der Erreichung ihres Karriereziels hindern (3.,6.,7.). Organisationale Strukturen und Prozesse zu bedienen oder sich führen zu lassen, hält sie von der Arbeit an ihrer Entdeckung ab. Die Schaffung von Rahmenbedingungen für die Arbeit an der Entdeckung ist wichtiger, als klassischen Karrierepfaden zu folgen und die damit verbundenen Belohnungen wie Status, Geld, Macht und Zugehörigkeit zu Organisationen zu bekommen.
Entdecker suchen oft lange und immer wieder nach einer geeigneten Funktion/Position in oder am Rande von Organisationen.
Wenn sie Glück haben, finden sie Personen die ihnen eine Arbeitsaufgabe geben, die nah an ihrer Entdeckung liegt, oder solche, die ihnen Zeiten, Räume und Ressourcen dafür bereitstellt und sie in Ruhe arbeiten lassen. Oder sie finden Menschen in etablierten Organisationen, die das Talent und die Bedeutung der Idee erkennen und den Mut haben das Risiko einzugehen, solchen Orchideen eine Chance zu geben und das offensiv zu vertreten.
Im Gegensatz zu vielen anderen Entdeckern lehnt Hell trotz der Zurückweisungen durch viele Institutionen diese nicht grundsätzlich ab, er setzt sich für die Reformierung der Förderung von potentiellen Entdeckern in diesen Institutionen ein. Seine Loyalität gilt dem Max-Planck-Institut, das Strukturen hat, um innovative Forschung zu fördern und ihm die Freiheit gibt an seinen Themen zu forschen. Dort nimmt er in der Hierarchie sogar die Position eines Direktors ein, integriert sich also vollständig in die Organisation und gestaltet sie mit. Und er wird Abteilungsleiter am Deutschen Krebsforschungszentrum, wo seine Entdeckung und Erfindung in der biologischen und medizinischen Grundlagenforschung eingesetzt werden. Zu Beginn der Karriere sind die fördernden Organisationen nicht im eigenen Land zu finden, er geht an eine Hochschule in Finnland. Auch macht er sich nach der Promotion selbstständig als „freier Erfinder“ mit eigenen finanziellen Mitteln.
11.Entdecker haben zeitweise oder beständig Probleme, ihre finanzielle Basis herzustellen und zu sichern. Sie finden 'Mäzene', die sie fördern, wie im 10. Punkt beschrieben. Häufig ist die eigene Familie, die sich nicht wie die etablierten Institutionen von Innovationen bedroht fühlt, der Mäzen. Im besten Fall liegt ihr das Glück des Entdeckers am Herzen und sie ermöglicht es ihm seiner Berufung zu folgen. Humboldt setzte sein beträchtliches Erbe ein, um seine Reisen, seine Entdeckungen und deren Veröffentlichung zu finanzieren.
Oder Entdecker machen wenig geliebte Auftragsarbeiten, um damit Freiräume und Ressourcen für Ihre Entdeckung zu finanzieren – analog zu Künstlern, die eher ungeliebte Auftragskunst machen, um Zeit und Geld für freie Kunst zu haben. Manche Entdecker nehmen Kredite auf oder schränken sich ein und opfern alles der Entdeckung. Oder aber sie finden Menschen in etablierten Organisationen, die ihnen eine Chance zu geben.
Die finanzielle Basis bleibt nach der Promotion bis zum Antritt der Stelle des Leiters einer Nachwuchsgruppe im Max-Planck-Institut prekär. Seine Großeltern treten als Mäzene auf und geben ihm nach der Promotion ein großzügiges Startkapital, das er nutzt, um das erste Mikroskops, das 4 Pi zu erfinden und zu bauen. Auf dieses Mikroskop meldet er ein Patent an, mit dessen Lizenzierung er Geld verdient, um weiter an seiner Erfindung arbeiten zu können, er finanziert sich selbst, Auftragsarbeiten hingegen macht er nicht.
12.Finden Entdecker Auftraggeber für ihre Entdeckung, so ist und bleibt die Beziehung zwischen dem Entdecker als Auftragnehmer und dem Auftraggeber grundsätzlich prekär. Das Objekt, die Entdeckung, kann in der Vorphase der Entdeckung und der Phase des Entdeckens nicht definitiv festgelegt werden, denn dann wäre es keine Entdeckung. Die Entdeckungspraxis wird durch den individuellen Sinn, die der Entdecker ihr gibt und das Ziel, was er erreichen will, gesteuert, nicht durch von anderen festgelegte Ziele oder abzuliefernde Produkte. Man kann keinen Werkvertrag abschließen, wie es z.B. August der Starke mit Böttcher versucht hat, der für ihn Gold herstellen sollte. Der Auftraggeber muss sich darauf einstellen, dass Entdeckungen nicht durch Zielvereinbarungen erreicht werden können. Das hat John Jacob Astor gewusst, der Nicola Tesla nach missglückten Versuchen, Energie verlustfrei an jeden Punkt der Erde zu übertragen, immer wieder Geld gegeben hat.
Hell ist immer sein eigener Auftraggeber und kann deshalb sein Forschungsziel verfolgen und den individuellen Sinn seiner Entdeckung bewahren. Der Preis dafür sind die prekären finanziellen Verhältnisse.
13.Es gibt Entdecker, es gibt Erfinder und es gibt solche, auf die beides zutrifft. Reinen Entdeckern reicht, dass Ihre Idee schlüssig, nachprüfbar und anwendbar ist. So entwickelte der Mathematiker Gauß seine Formeln und veröffentlichte sie. Reine Erfinder prämieren das Produkt, sie wollen ein Ding erfinden, das in der Praxis für einen bestimmten Zweck tauglich ist. Gesetzmäßigkeiten, grundlegend Axiome interessieren sie ehe nicht.
Viele Entdecker sind nicht nur Denker, sondern auch Handelnde, Macher, Erfinder von Dingen. Häufig korrespondiert in der Praxis des Entdeckens die Erforschung grundlegender wissenschaftlicher Probleme mit der Erfindung von Dingen, an denen die Prinzipien praktisch getestet und überprüft werden.
Hell ist sowohl Entdecker einer neuen Form von Lichtmikroskopie, die mit den alten physikalischen Gesetzen bricht, als auch Erfinder von STED Mikroskopen, deren Auflösung nicht mehr durch die Lichtwellenlänge begrenzt ist. Ihn interessiert nicht nur die weitere Grundlagenforschung, sondern die Anwendung seiner Ergebnisse für andere Disziplinen wie die Medizin, die dann den Menschen zugutekommen soll.
14.Entdecker sind, gemessen an ihren eigenen Maßstäben erfolgreich, wenn sie das entdecken, was sie entdeckten wollten, wenn sie ihr selbst gesetztes Ziel erreicht haben.
Hell ist gemessen an seinen eigenen Maßstäben erfolgreich, denn es ist ihm gelungen, das Abbesche Gesetz der Auflösungsgrenze theoretisch wie auch praktisch durch die Entwicklung neuer Mikroskope, die in viel höhere Auflösungen liefern, zu widerlegen. Und er hat eine Verbindung zwischen zwei Disziplinen, der Physik und der Chemie in der optischen Mikroskopie geschaffen.
15.Für die Durchsetzung ihrer Idee in einer Professional Community, oder eines Produkts auf dem Markt brauchen sie häufig Unterstützer, die andere Talente, Kompetenzen und Persönlichkeitseigenschaften haben als sie selbst. Häufig sind Entdecker keine guten Geschäftsleute und auch keine guten Marketingexperten. Nur manche von ihnen sind auch Gründer und schaffen es Firmen begründen, die die Produkte des Entdeckens vermarkten.
Seine Entdeckung und seine Erfindungen haben sich nicht nur in seiner eigenen Disziplin, sondern auch in der Chemie der Biologie und der Medizin durchgesetzt. Sieht man sich seine Mitgliedschaften in Akademien, in Editorial Boards, in Kuratorien, seine Preise und Ehrungen an und nicht zuletzt die Verleihung des Nobelpreises für Chemie 2014, so kann man sagen, dass ihm die Verbreitung seiner Idee aus eigener Kraft gelungen ist. Hell ist auch Gründer, er begründet ein Unternehmen mit, das seine Erfindung vermarktet.
16.Ist die Entdeckung in der Welt, so entfaltet sie unabhängig von den Intentionen des Entdeckers und seinem Wollen Wirkungen auf die Menschen und die Natur, wir unterscheiden vier Möglichkeiten. Diese Wirkungen können darin bestehen, dass die Entdeckung, ganz anders als vom Entdecker gewollt, genutzt wird, zum Beispiel für kriegerische statt für friedliche Zwecke.
Zweitens passiert es häufig, dass der Sinn, den der Entdecker verfolgt hat, nicht akzeptiert wird und der Entdeckung ein ganz anderer Sinn zugeschrieben wird (Beispiel Guttenberg: Ihm ging es um die schönste Schrift, der Gesellschaft um den Buchdruck als ein neues Kommunikationsmedium).
Drittens ist es möglich, dass die Entdeckung als sinn – und nutzlos bewertet wird und damit in Vergessenheit gerät. Möglicherweise kommt sie zu früh, stößt auf Widerstand und wird viele Jahre später erst akzeptiert und eingeführt.
Viertens kann die Entdeckung in der Natur Wirkungen entfalten, die vom Entdecker und vielleicht auch nicht von der Gesellschaft vorhergesehen und auch nicht gewollt sind, beispielweise die Nutzung der Kernspaltung mit verheerenden Folgen für die Menschheit und die Natur insgesamt.
Für die Karriere des Entdeckers sind die Folgen, die die Verbreitung der Entdeckung hat und die Wirkungen, die sie auslöst, also unabsehbar und risikoreich.
Die Wirkung seiner Entdeckung auf die Menschen und die Natur ist m.E. ganz im Sinne von Hell. Sie wird in der Biologie und der Medizin genutzt, um Strukturen lebender menschlicher Zellen, die man bisher nicht sehen konnte, zu untersuchen, um Krankheiten sowie die Wirkung von Medikamenten besser verstehen zu können. Hell wollte ‚nicht nur für die akademische Welt‘ wie er sagt etwas entdecken und erfinden, ‚sondern in letzter Konsequenz für alle Menschen‘. (3.Interview) Weder erlitt er das Schicksal von Entdeckern, dass ihrer Entdeckung ein ganz anderer Sinn zugeschrieben wird, dass sie als nutzlos bewertet wird oder dass sie entgegen ihren ursprünglichen Motiven zerstörerisch und kriegerisch eingesetzt wird wie dies zum Beispiel bei den Curies der Fall war.
Fazit
Es treffen nahezu alle Merkmale des Entdeckerankers auf Hells Entdeckerkarriere zu. Bemerkenswert ist die besondere Ausprägung seines Verhältnisses zu Organisationen und Institutionen, des 10. Merkmals von Entdeckerkarrieren, die die er im Vergleich zu anderen Entdeckern nicht generell ablehnt, obwohl er genügend Grund dazu gehabt hätte nach den vielen erlebten Zurückweisungen und den in deren Strukturen und den Machtverhältnissen liegenden Hindernissen (9.Merkmal von Entdeckerkarrieren). Im Gegensatz zu vielen anderen von mir untersuchten Entdeckern kann er sich in Organisationen bewegen, ist ihnen gegenüber loyal, wenn sie ihm eine Chance gegeben haben, kann mit Machtverhältnissen umgehen und ist offensichtlich auch eine gute Führungskraft und ein guter Projektmanager. Die Gründe dafür sind vermutlich in seiner Persönlichkeit und seiner Biografie zu suchen.
Man kann sagen dass dies eines der wenigen mir bekannten Beispiele für eine geglückte Entdeckerkarriere ist, die sich dadurch auszeichnet, dass er seine Entdeckung gemacht hat und sie sich durchgesetzt hat, obwohl sie an den Grundfesten der Disziplin gerüttelt hat, also disruptive Forschung war (7. Merkmal von Entdeckerkarrieren). Der individuelle Sinn seiner Entdeckung, ein Gesetz der Physik zu hinterfragen, um Mikroskope mit unendlich höherer Auflösung zu schaffen, wurde von seiner Professional Community der Physiker letztlich akzeptiert, von anderen Disziplinen übernommen, von der Gesellschaft durch zahlreiche Ehrungen gewürdigt, es gab keine Differenz zwischen dem individuellen und sozialem Sinn der Entdeckung. Obendrein hat er Karriere im traditionellen Sinne gemacht hat, also wichtige Positionen in Forschungsinstitutionen bekommen und die höchste Würdigung seiner fachlichen Arbeit, den Nobelpreis bekommen. Er hat also das höchste Karriereziel in seiner Profession erreicht und eine hohe Position in einer nicht angestrebten Laufbahn in Institutionen der Forschung und Wissenschaft erreicht.
Die beiden anderen Karriereanker, die Hell vermutlich hat, sind Totale Herausforderung und Selbstständigkeit und Unabhängigkeit. Letzterer zeigt sich in seinem Willen unabhängig und eigenständig zu denken und sich ‚sein eigenes Weltbild‘ aufzubauen, sich zweitens keine Aufträge von anderen geben zu lassen, sondern selbst zu bestimmen woran er forscht, sich drittens nicht von Finanziers abhängig zu machen, sondern mithilfe seiner wohlwollenden Großeltern und eigener Arbeit (Entwicklung des Mikroskops 4Pi) seine Eigenständigkeit zu bewahren. Und er macht sich auch nicht von seiner Disziplin abhängig, als er feststellt, dass sie ihm keine Lösung bieten kann, sucht er die in einer anderen. Er spricht oft von "Freiräumen" und "Freiheiten", die er braucht, um eigenständig und selbstbestimmt arbeiten zu können.
Totale Herausforderung meint, dass Menschen sich Probleme suchen, die andere für unlösbar halten und alles daransetzen, sie zu lösen, dabei große Risiken eingehen und wissen, dass sie scheitern können, was sie aber nicht abschreckt. Dieser Anker passt sehr gut zum Entdeckeranker und bildet gemeinsam mit dem Unabhängigkeitsanker eine in sich harmonische Ankertriade, man kann auch sagen Triade leitender Werte.
Mehr zu den beiden Karriereankern finden Sie auf meiner anderen Website im Menüpunkt "Triadische Karriereberatung" in "Forschungsergebnisse zu karrieresteuernden Werten" Karriereanker
und in meinem Buch Triadische Karriereberatung
Wie klingt der Karriereanker Totale Herausforderung, der so gut zu revolutionärer Forschung passt?
Jörg Bewersdorf, Professor für Zellbiologie an der Yale-University, erinnert sich, dass viele Kollegen in den 1990er Jahren gesagt hätten, Hells Ziel sei unerreichbar. (7. DW)
" „Er wurde lange belächelt“, sagt Zellbiologe Haucke, der eine Zeit lang mit ihm in Göttingen forschte. „Das ist ein grundlegendes Problem in der Forschung, dass Leute, die etwas wirklich Neues versuchen wollen, nur selten die nötige Unterstützung finden.“ Und was Hell probieren wollte, war in der Tat etwas so Neues, das viele es für unmöglich hielten. Zu unumstößlich schien das Abbe’sche Gesetz.“ (8b. Tagesspiegel)
Er selbst spricht von Abenteuer, von Herausforderung:
Stefan Hell: „Herausragende, grundlegende naturwissenschaftliche Entdeckungen werden fast immer aus Neugier und "Abenteuerlust" heraus gemacht und sind selten planbar. Deshalb werden sie meistens auch von wissenschaftlichen Nonkonformisten gemacht.“ (12.F&L,S.1002)
"Also, es gibt ein ganz berühmtes Beugungslimit nach Abbe benannt, was in jedem Physiklehrbuch steht. Sie wussten das, aber Sie haben sich gesagt, na ja, schauen wir doch mal, ob diese Grenze wirklich eine dauerhafte Grenze sein muss.“ Hell: „Das war der Reiz. Ich war wirklich interessiert, der Sache nachzugehen und zu gucken, ob es da nicht doch eine Physik gibt – da haben Sie vollkommen recht –, die einem erlaubt, diese Grenze zu knacken." (8a)
„Ich war fasziniert von der Idee, einer alten physikalischen Frage auf den Grund zu gehen, von der man dachte, man kenne die endgültige Antwort.“(3. DLF)
"Ich liebe es, Wissenschaftler zu sein. Ich habe es immer genossen, neugierig zu sein und herausfordernde Dinge anzugehen und herkömmliche Weisheiten herauszufordern. Das kann ein Wissenschaftler tun, weil er am Grenzbereich des Wissens arbeitet - und das macht Spaß." (7.DW)
"Physik ist für Stefan Hell ein Abenteuer, mindestens so interessant wie die Tiefseeforschung. „Ich liebe Herausforderungen“, sagt er über sich. Man brauche Vorstellungskraft, um sich immer wieder neu an ein Problem zu wagen." (8a Tagespiegel)
„Weil eins wusste ich, ich gehe nicht zurück in die Industrie, mache da sozusagen langweilige Dinge, ich will was tun, was mir wirklich Spaß macht, nämlich dieses Problem zu knacken.“ (6.DKfz)
"Das Verwerfen der alten physikalischen Interpretationen und Denkweisen war der Grund – da bin ich mal unbescheiden – weshalb ich schneller als alle anderen auf die Lösung, wie man ein bis zwei Nanometer Auflösung erzielt, gekommen bin. Denn die alte Sprache, die das Problem vorher "am besten" beschrieb, verhindert geradezu die Lösung. Das ist etwas, was wir unserem Nachwuchs beibringen müssen. Ich bin beileibe nicht der Erste, der das sagt.“ (12.F&L,S.1002f)
Energie und Spaß ist etwas typisches für Menschen mit diesem Karriereanker, andere finden es nur anstrengend so zu leben und zu arbeiten. Hell spricht immer wieder von Arbeit, vor allem Denkarbeit, die ihn fasziniert, ihm Spaß macht und Energie gibt, oder langweilig ist und Energie raubt. Spaß macht es grundlegende und ungelöste Probleme zu erkennen und sich selbst den Auftrag zu geben sie zu lösen. Was bewirkt Langeweile? Die Physik des 19.Jahrhunderts, wo alles in Gesetze gegossen ist und nichts mehr zu entdecken ist. Langweilig ist es auch, Aufträge von anderen auszuführen, Dinge nur weiter zu entwickeln und nichts Grundlegendes entdecken zu können. Hier treffen der Entdecker- und der Herausforderungsanker aufeinander, unterstützt vom Unabhängigkeitsanker und befördern sich alle gegenseitig. Daher kommt die Energie, um in diesem langen Prozess des Entdeckens durchzuhalten!
Freies Foto von Stefan Hell- Max Planck Institut für biophysikalische Chemie
Stefan Hell zu Karriere, innovativer Forschung und deren Förderung
Hindernisse in der Entdeckerkarriere: Stagnation, Karriereknicks und Hindernisse beim Entdecken
„Stufe für Stufe die wissenschaftliche Karriereleiter hoch, irgendwann Hochschulprofessor und dann am Ende Nobelpreisträger. Das mag der klassische Weg der erfolgreichsten Forscher sein. Der von Stefan Hell dagegen war viel, viel steiniger. Es gab frustrierende Jahre für den promovierten Physiker. Niemand glaubte an ihn und seine Idee, die Grenzen der Mikroskopie zu überwinden und Licht auch in die noch kleinere Nanowelt zu bringen. Alle dachten, er würde scheitern. Wie viele vor ihm.“ (4.DLF)
„Zeit Online: Sie sind auf Widerstände gestoßen? Hell: Ja, durchaus. Als ich mit Ende 20 in die Wissenschaft gegangen bin, dachte ich noch naiv: Wenn man eine gute Idee hat, einen kreativen Ansatz, ein wirklich wichtiges Problem der Physik zu lösen, kommt das auch an. Aber das war nicht so.(…) Man muss Räume schaffen, in denen jemand seiner Idee frei nachgehen kann, ohne Angst, kein Geld zu haben, sozial abzustürzen. Ich selbst habe mich fünf Jahre lang von Stipendium zu Stipendium gehangelt, wusste nie, ob und wie ich im nächsten Jahr weitermachen kann.(10.Zeit online)
"Die Gratulanten loben seine Hartnäckigkeit, sein Festhalten an seiner Vision. Dass er an Grenzen rüttelte, die als unumstößlich galten. „Normalerweise überlebt eine Karriere so etwas nicht“, sagte Staffan Normark, der Sekretär der Königlich-Schwedischen Akademie der Wissenschaften während der Pressekonferenz des Nobelpreis-Komitees. „Er hat es geschafft.“ (8b.Tagesspiegel)
Wie sahen die Hindernisse aus?
1.Das Thema passte nicht zum Mainstream der Forschung, es war abgehakt in der Physik
2.Alle nahmen an, dass er daran scheitern würde, das eherne Abbesche Gesetz zu widerlegen
3.Die Grenzen zwischen den Disziplinen waren ein Problem für seinen interdisziplinären Ansatz
4.Er beschäftigt sich mit einer Physik, die es noch nicht gab er hat eine revolutionäre Idee
5.Er hat findet keinen Professor, der als Mentor fungiert und ihm eine Stelle und Mittel gibt
6.Er bekommt außer einem PostDoc Stipendium von der DFG keine Forschungsmittel. Die Förderrichtlinien schließen ihn aus
7.Er hat keine Verbindung zum Establishment der Forschungsföderung, passt nicht in die Raster, er orientiert sich nicht am Mainstream
8."Um die Fachkollegen, die über einen urteilen, abzuholen, muss man sich unweigerlich des alten Formalismus, also der Fachsprache, des überkommenen Wissens bedienen. Aber das Denken in den alten Formalismen ist ja gerade oft der Grund, weshalb man stecken blieb."
9.Es gibt noch keine Strukturen für die Förderung für Nachwuchswissenschaftler, die neue Ideen und keinen Mentor haben, das hing an Personen, die Professuren innehatten.
10.Er hatte noch keine Veröffentlichung in den einschlägigen Fachzeitschriften- selbst nach dem Beweis 2000 lehnten die renommierten Veröffentlichung der Entdeckung ab
11.Er muss ins Ausland gehen, um weiter an seiner Entdeckung arbeiten zu können
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Wie sahen die Hindernisse aus?
1.Das Thema passte nicht zum Mainstream der Forschung, es war abgehakt in der Physik
„Doch die Voraussetzungen waren nicht gerade günstig. In der Physik waren damals eher Elementarteilchen angesagt oder Festkörper, aber nicht die Optik.“ (2.MPG)
„Sicher, ich hab da überhaupt nicht rein gepasst, weil ich ein Thema hatte, das überhaupt nicht en vogue war, bzw. ich hab mir ja mein Thema ausgedacht, ich hab mir mein Feld ausgedacht, das es ja gar nicht gab. Das hat ja überhaupt in kein Raster hineingepasst“ (9.S.6,19.50)
2.Alle nahmen an, dass er daran scheitern würde, das eherne Abbesche Gesetz zu widerlegen
„Das Auflösungslimit für Lichtmikroskope hatte bereits 1873 Ernst Abbe entdeckt - es galt als unumstößliches Gesetz der Optik. In Deutschland fand Hell daher auch keinen Professor, der ihn anstellen wollte. Abbe widerlegen? Das kann nicht gutgehen.“ (5.Spiegel online)
„Er wurde lange belächelt“, sagt Zellbiologe Haucke, der eine Zeit lang mit ihm in Göttingen forschte. „Das ist ein grundlegendes Problem in der Forschung, dass Leute, die etwas wirklich Neues versuchen wollen, nur selten die nötige Unterstützung finden.“ Und was Hell probieren wollte, war in der Tat etwas so Neues, das viele es für unmöglich hielten. Zu unumstößlich schien das Abbe’sche Gesetz.
Die Auflösung könnte auf 20 bis 30 Nanometer verbessert werden, ein Zehntel der Abbe’schen Grenze. Als Hell seinem finnischen Professor die Idee präsentierte, verzog dieser keine Miene. „Auf dem Papier“ sehe das zwar gut aus, aber daran glauben, dass es funktioniert, wollte er nicht. So ging es Hell jahrelang.“ (8b Tagesspiegel)
3.Die Grenzen zwischen den Disziplinen waren ein Problem für seinen interdisziplinären Ansatz
„In der Physik waren damals eher Elementarteilchen angesagt oder Festkörper, aber nicht die Optik. Ironischerweise hatte die DFG sogar gerade ein Projekt zur Entwicklung neuer Mikroskopieverfahren für die Biologie aufgelegt. Doch der promovierte Physiker hatte keine Chance.“ (2.MPG)
„Hell: Genau, man hat es als interessant empfunden, man hat es als legitimes Forschungsziel gesehen, was woanders nicht so schnell der Fall war.(Das Max Plank Institut für biophysikalische Chemie ist gemein, K.R-G.) Wenn ich mich in Physik-Unis beworben habe, haben die gesagt mhm ja, es ist zwar Physik aber doch Biologie drin, das ist eine Art Biophysik und für die Chemie war‘s natürlich keine Chemie und ist es ja auch nicht. Biologie, das war viel zu weit weg von allen biologischen Problemen. Aber dieses interdisziplinäre Umfeld, das man natürlich bei einem Max-Planck-Institut finden kann oder aufbauen kann, weil es ja nicht bestimmten Fachbereichen oder Fächern zugeordnet ist, das ist wahnsinnig entscheidend für einen solchen Außenseiter wie mich, der so was Ungewöhnliches macht, den zu entdecken und auch zu fördern.“ (9.S.8,27.43)
4.Er beschäftigt sich mit einer Physik, die es noch nicht gab er hat eine revolutionäre Idee
Es gibt keine Assistentenstellen und Lehrstühle für sein Fachgebiet, auf die er sich bewerben könnte und auch keine Fördertöpfe.
5.Er hat findet keinen Professor, der als Mentor fungiert und ihm eine Stelle und Mittel gibt
„und zweitens, weil ich ja wie gesagt nicht einen Mentor hatte, der auf dem Feld gearbeitet hatte, mein Doktorvater war Tieftemperatur-Physiker, d.h. dieses Thema war weit weg von ihm, hab ich nirgends rein gepasst.“ (9.S.6, 19.50)
„Das Auflösungslimit für Lichtmikroskope hatte bereits 1873 Ernst Abbe entdeckt - es galt als unumstößliches Gesetz der Optik. In Deutschland fand Hell daher auch keinen Professor, der ihn anstellen wollte. Abbe widerlegen? Das kann nicht gutgehen.“ (5.Spiegel online)
„Es mag ja immer Ausnahmepersonen gegeben haben, also Professoren, die dann jemanden dann doch gefördert haben, das hing dann sehr stark von der einzelnen Person ab. Aber ich hatte niemanden, ich hatte nicht das Glück, auf einen zu treffen, der gesagt hat: Mensch das ist wirklich eine tolle Idee, komm ich helfe dir mal, du kannst bei mir im Laboratorium arbeiten, ich geb dir ne Stelle oder begrenzte Mittel, oder damit trag ich, der PA, also der Professor Geld bei, das ist ja nicht passiert.“ (9.S.7,23.50)
6.Er bekommt außer einem PostDoc Stipendium von der DFG keine Forschungsmittel. Die Förderrichtlinien schließen ihn aus
„Hell: Ja, ich habe versucht, in Deutschland Fuß zu fassen. Es war Anfang der 90er-Jahre, aber das war sehr schwer, ist mir eigentlich fast nicht gelungen, und ich habe auch versucht, Forschungsmittel zu bekommen. Das ist abgetan worden.“ (3.DLF)
„Doch der promovierte Physiker hatte keine Chance. Ohne Laborplatz, ohne Mentor, ohne prominente wissenschaftliche Veröffentlichungen passte er nicht in das geforderte Schema der Antragsteller.“ (2.MPG)
„Das hat ja überhaupt in kein Raster hineingepasst und deshalb hatte ich es schwer. Erst mal musste ich fachlich jemand überzeugen, dass es überhaupt Sinn macht da reinzukommen, und zweitens, weil ich ja wie gesagt nicht einen Mentor hatte, der auf dem Feld gearbeitet hatte, mein Doktorvater war Tieftemperatur-Physiker, d.h. dieses Thema war weit weg von ihm, hab ich nirgends rein gepasst. Also weder ich sag mal schematisch in eine Förderung und thematisch natürlich auch nicht. Und das war natürlich doppelt schwer, aber ich wusste ich will das machen.“ (9.S.6,19.50)
„Hell: Ja der erste Akt nach meiner Promotion war ja Arbeitslosigkeit, ich bin tatsächlich drei vier Wochen später zum Arbeitsamt. Aber ich hab mich in der Zeit hingesetzt, hab mir überlegt, wie man die Auflösung entlang der optischen Achse fundamental erhöhen kann.“ (9.S.6,21.20)
7.Er hat keine Verbindung zum Establishment der Forschungsföderung, passt nicht in die Raster, er orientiert sich nicht am Mainstream
"Yogeshwar: Da gibt es einen, der wie gesagt, es zum einen sehr ernst meint, der eine Fragestellung hat und jetzt nicht in eine bestimmte Schublade hineinpasst. Und das mussten Schubladen sein von der Tradition eines jeweiligen Instituts, vom Interesse des Institutsleiters, von DFG Programmen, die dann entsprechend (Hell: ja) Finanzen oder eine bestimmte Forschung unterstützen und du hast eigentlich über, wenn man sich das mal so klarmacht, fast einen Zeitraum von zehn Jahren (Hell: ja) eigentlich ständig gemerkt, ich will etwas, aber ich passe nicht (Hell: klar) in dieses Establishment.(19.07)
Hell: Sicher, ich hab da überhaupt nicht rein gepasst, weil ich ein Thema hatte, das überhaupt nicht en vogue war, bzw. ich hab mir ja mein Thema ausgedacht, ich hab mir mein Feld ausgedacht, das es ja gar nicht gab." (9.S.6,19.50)
„Yogeshwar: Man könnte sagen, also DFG hat abgelehnt, die Zeitschrift Nature hat abgelehnt, Science auch abgelehnt, also toll! Und am Ende kommt ein Nobelpreis raus.“ (9.S.7, 22.54)
8.Um die Fachkollegen, die über einen urteilen, abzuholen, muss man sich unweigerlich des alten Formalismus, also der Fachsprache, des überkommenen Wissens bedienen. Aber das Denken in den alten Formalismen ist ja gerade oft der Grund, weshalb man stecken blieb
„Stefan Hell: Wenn man eine neues Feld aufmacht, zum Beispiel, weil man etwas Neues entdeckt hat, oder weil man ein altes Problem aus einer völlig neuen Perspektive sieht, steht man vor einem Dilemma: Um seine Fachkollegen, die über einen urteilen, abzuholen, muss man sich unweigerlich des alten Formalismus, also der Fachsprache, des überkommenen Wissens bedienen. Aber das Denken in den alten Formalismen ist ja gerade oft der Grund, weshalb man stecken blieb. Deshalb muss man den Mut haben, seine eigene Sichtweise und Sprache zu kreieren. Mir wurde beispielsweise von vielen Physiker-Kollegen nahegelegt, die STED-Mikroskopie aus Sicht der sogenannten nichtlinearen Optik zu interpretieren, einem Spezialgebiet der Optik, die Mitte des 20. Jahrhunderts aufkam. Andere forderten eine Interpretation über die Zerlegung in Wellen- und Raumfrequenzspektren, wie das auch Ernst Abbe, der Entdecker der Auflösungsgrenze getan hatte. Ich wusste aber, dass beide Ansätze komplett ungeeignet waren, den Knackpunkt der STED-Mikroskopie zu beschreiben und damit den Knackpunkt der Überwindung der Auflösungsgrenze. Und damit auch aller anderer Verfahren, die danach folgten. Ich habe daher in 2007 meine eigene Sichtweise geschaffen und publiziert, die sich aber erst seit ein zwei Jahren so langsam durchsetzt. Hätte ich wie meine Kollegen die alte Sichtweise behalten, so wären wir heute nicht bei dem neuen Verfahren MINFLUX und molekularer Auflösung in allen Raumrichtungen angelangt. Denn MINFLUX hat schlichtweg nichts mit nichtlinearer Optik zu tun und die Wellenlänge spielt auch keine Rolle mehr! Das Verwerfen der alten physikalischen Interpretationen und Denkweisen war der Grund – da bin ich mal unbescheiden – weshalb ich schneller als alle anderen auf die Lösung, wie man ein bis zwei Nanometer Auflösung erzielt, gekommen bin. Denn die alte Sprache, die das Problem vorher "am besten" beschrieb, verhindert geradezu die Lösung. Das ist etwas, was wir unserem Nachwuchs beibringen müssen. Ich bin beileibe nicht der Erste, der das sagt. (12.F&L,S.1002)
9.Es gibt noch keine Strukturen für die Förderung für Nachwuchswissenschaftler, die neue Ideen und keinen Mentor haben, das hing an Personen, die Professuren innehatten
„Es ist aber wahr, dass die Strukturen damals ungeeignet waren, oder ziemlich, es gab fast keine Strukturen, um Leute, die ne komplett neue Idee hatten und die nicht einen Mentor haben, zu fördern, die gab es einfach nicht.“ (9.S.7,23.50)
„Und damals als Stipendiat konnte ich natürlich nicht zur DFG gehen um Mittel zu beantragen und die eigene Stelle konnte man auch nicht beantragen. Dass diese Mechanismen, die es ja heute zum Teil ja gibt, die gab es gar nicht. Nachwuchsgruppen gab es gar nicht usw. Das heißt, ich musste mir selbst überlegen, wie ich da in der Situation vorgehe.“ (9.S.7,23.50)
10.Er hatte noch keine Veröffentlichung in den einschlägigen Fachzeitschriften- selbst nach dem Beweis 2000 lehnten die renommierten Veröffentlichung der Entdeckung ab
„Außerdem konnte jeder sehen, dass die Idee von mir ist. Das war wichtig, denn ich hatte ja kein Paper und sonst auch nichts, um Leute zu überzeugen, mir eine Chance zu geben.“ (2.MPG)
„Doch weder PHYSICAL REVIEW LETTERS, noch NATURE oder SCIENCE wollten das veröffentlichen“, bedauert Hell. Beachtung fanden die Ergebnisse vorerst nur bei Insidern. Ohne eine einzige Veröffentlichung in einem hochrangigen Journal war der Physiker aber für eine deutsche Universität kaum glaubwürdig.(2.MPG)
11.Er muss ins Ausland gehen, um weiter an seiner Entdeckung arbeiten zu können
Es ist wie so häufig in diesen Karrieren (Marie und Pierre Curie z.B.), dass Personen und Institutionen aus dem Ausland die Qualität der Arbeit und die Bedeutung der Entdeckung realistischer einschätzen und Stellen anbieten. Erst Turku in Finnland 1993, Visiting Scientist an der Universität Oxford 1994 und nach der Entdeckung dann das Kings College in London, das ihm 2001 oder 2002 eine Professur anbietet, dann folgen noch mehrere Angebote aus dem In- und Ausland.
„Ich hatte hier in Deutschland wirklich keine Entwicklungsmöglichkeiten“, (2.MPG)
"Niemand in Deutschland wollte ihm Geld und Laborplatz gewähren, um die Idee zu testen. Hell gab nicht auf, ging mit der Idee jahrelang hausieren, meldete die Technik sogar auf eigene Kosten zum Patent an."(8b. Tagespiegel)
"Und da hatte ich Glück, ein finnischer Kollege war in dem Labor, in dem ich war, und der hat den Eindruck gehabt, das könnte wichtig sein, und hat mich dann nach Finnland vermittelt. Und die Finnische Akademie, das ist so die finnische Förderorganisation, Wissenschaftsförderungsorganisation, hat mir dann Mittel gegeben, um dann erst mal was zu machen. Und da habe ich auch die grundlegende Idee gehabt, für die ich letztendlich ausgezeichnet worden bin heute.“ (3. MPG)
„Nach seiner Promotion an der Universität Heidelberg Anfang der 90er-Jahre fand Hell keine adäquate Stelle in der hiesigen Forschungslandschaft. Wohl oder übel verließ er das Land. Lieber hielt er an seiner Vision fest, als etwas anderes zu machen: "Und da ist er nach Finnland gegangen. Er war an der Universität in Turku. Das ist ein guter Platz, eine gute Stelle. Aber das ist vielleicht nicht unbedingt das Erste, an was man denkt, wenn man Physik machen möchte.“" (4. DLF, Zitat von Stefan Jacobs, einem Kollegen)
Gemessen an einer klassischen Karriere ist dies eher ein Karriereknick !
„Doch dann bat das Kings College in London Hell um einen Vortrag. Der Forscher wusste zwar, dass dort gerade eine bedeutende Professur ausgeschrieben war, nahm das aber nach 30 erfolglosen Bewerbungen nicht ernst. Nach der Präsentation lud ihn der Dekan noch nett zum Essen ein – und sagte anschließend: “We have decided to offer you the job!” Hell glaubte sich verhört zu haben. Doch die Engländer wussten offenbar schon ganz genau, wen und was sie wollten. Sie hatten für die Neubesetzung des Lehrstuhls Headhunter beauftragt und sich bereits ein Bild von ihm gemacht.“ (2.MPG)
Und dann die erste wirkliche Chance in Deutschland. Wenn er die Position des Nachwuchsgruppenleiters im MPI im Anschluss an die Stelle in Finnland nicht bekommen hätte, wäre die Karriere vermutlich beendet gewesen.
„Dann wäre es wahrscheinlich sehr eng geworden, vielleicht oder mit hoher Wahrscheinlichkeit wär ich aus dem Wissenschaftssystem rausgefallen. Aber es ist ja Gott sei Dank nicht so gekommen, die biophysikalische Chemie wollte mich haben und hat mir diese Chance gegeben für fünf Jahre (9.S.8,27.25)
Glücksfälle in der Karriere
Hell sagt in seinen Interviews immer wieder, dass er Glück gehabt habe in seiner Karriere. Man kann unterscheiden zwischen dem Glück, das auf der Basis seiner eigenen Entscheidungen hat entstehen oder sich ereignen können, und dem Glück, das die Entscheidungen anderer Menschen - wie die seiner Großeltern, ihm großzügig Geld als Startkapital zu geben, oder die der Institutsdirektoren, die ihn eingestellt haben, obwohl er ein Außenseiter in seiner Disziplin war - ihm für seine Entdeckerkarriere gebracht haben.
-Die Neigung etwas „Fundamentales“ zu machen
-Entscheidung für die Wahl des Themas
-Wie weiter nach der Promotion?
-Die Entscheidung Risiken eingehen
-Finanzielle Mittel von der Familie und durch ein Patent
-Erst eine Nische finden und dann Leute, die die Qualität erkennen
Die Neigung etwas „Fundamentales“ zu machen
Damit meint er die Grundannahmen der Physik des 19. Jahrhunderts zu hinterfragen und eine neue Physik zu schaffen, also zu entdecken und die Physik zu revolutionieren. Aufgrund seiner wirtschaftlichen Unsicherheit und der seiner Familie und der Tatsache, dass er die Dissertation in deutsch schreiben muss, weil er in Rumänien nicht hat Englisch lernen können, entscheidet er sich für das Thema der Lichtmikroskopie, was ihn aber „nicht besonders fasziniert“.
„Aber tief in meinem Inneren hätte ich gern was Grundlagenmäßiges, was Fundamentales gemacht. Und das war natürlich ein enormes Spannungsfeld, in dem ich stand. Entweder ich geb das dann auf oder ich überleg mir was fundamental Neues.“ (9, S.5, 16.20)
„Eigentlich galt seine Leidenschaft eher der Grundlagenforschung. Doch vor einer solchen Karriere hatte sogar die Deutsche Physikalische Gesellschaft gewarnt, angesichts der damaligen Physikerschwemme. „Und die Optik, mit der ich mich beschäftigte, war im Grunde Physik des 19. Jahrhunderts, da war eigentlich schon alles abgegrast – dachte man zumindest“, sagt Hell. „Und weil ich ein bisschen frustriert war und instinktiv nach Grundlegendem Ausschau gehalten habe, ging mir durch den Kopf: Vielleicht kann man ja die Beugungsgrenze knacken!“ (2.MPG)
Entscheidung für die Wahl des Themas
„Und so bin ich auf die Auflösungsgrenze gekommen, d.h. im Nachhinein gesehen war es ein Riesenglück, dass ich quasi ein bisschen auf Sicherheit aus war und mir dieses altmodische Thema ausgesucht habe, verbunden natürlich mit dem Wunsch und der Intuition, was Fundamentales machen zu können. Und das hat dann dieses Spannungsfeld ausgemacht, so bin ich zu meinem Thema eigentlich gekommen. (9, S.5, 16.20)
Wie weiter nach der Promotion?
„Man hat damals in den Firmen Siemens und Megabit Chip Projekte aufgebaut und da dachte ich, wenn man sowas macht mit Mikrostrukturen, dann bekommt man wahrscheinlich einen Job. Aber dadurch, dass ich da reingegangen bin und es gemacht habe, hab also meine Doktorarbeit in dem Startup meines Doktorvaters gemacht, hab ich gemerkt, dass es mich eigentlich zum Fundamentalen hinzieht. Und dass dieses Sicherheitsdenken, das ich hatte, nach dem Motto ich suche irgendwas, wo ich nachher wahrscheinlich einen Job krieg, mich nicht glücklich macht. Ich muss was Fundamentales machen, um letztendlich erfüllt zu sein, um happy zu sein sozusagen. Und so fing ich dann an über diese Beugungsgrenze nachzudenken. Ist nicht doch irgendwas übrig geblieben in dieser langweiligen Physik des 19. Jahrhunderts, das einem erlaubt,eine fundamentale Entdeckung zu machen?“ (9, S.5, 17.55)
Die Entscheidung Risiken einzugehen
„Ich hab gesehen, dass mir das Spaß macht und dass, wenn ich einfach in die Industrie gehen würde, langweilige Entwicklungsjobs machen würde, dass sich da unglücklich werden würde, das hab ich ja gesehen. Also gehe ich der Sache nach und bin dann auch dafür bereit Risiken in Kauf zu nehmen und es ist gut gegangen. (9)
Die Risiken bestanden darin, keine Stelle an der Hochschule zu bekommen und keine finanziellen Mittel zu haben um den eigenen Lebensunterhalt und die Entdeckungspraxis zu finanzieren.
„Aber ich hatte niemanden, ich hatte nicht das Glück, auf einen zu treffen, der gesagt hat: Mensch das ist wirklich eine tolle Idee, komm ich helfe dir mal, du kannst bei mir im Laboratorium arbeiten, ich geb dir ne Stelle oder begrenzte Mittel.“ (7.DW)
Finanzielle Mittel von der Familie und durch ein Patent
Die finanzielle Lage war in den Anfangsjahren immer wieder prekär. Nach der Promotion findet er keine Stelle und arbeitet als freier Erfinder, wie er sagt an einem Mikroskop(4Pi Mikroskop).
„Für ein paar Monate verkriecht er sich ins stille Kämmerlein und entwickelt die Grundzüge für das 4Pi-Mikroskop zur Patentreife. Mit 10 000 D-Mark, die ihm seine Großeltern nach der Dissertation als Startkapital geschenkt hatten, meldet Hell schließlich ein Patent an. „Ich dachte, es könnte kommerziell relevant werden“, sagt er. „Außerdem konnte jeder sehen, dass die Idee von mir ist. Das war wichtig, denn ich hatte ja kein Paper und sonst auch nichts, um Leute zu überzeugen, mir eine Chance zu geben.“ (2.MPG)
In Finnland an der Universität Turku arbeitet er an seiner Entdeckung und am STED Mikroskop
„Und dieses Patent war sehr wichtig, um mich nachher in Finnland, als ich dann später nach Finnland gegangen bin, über eine Durststrecke zu bringen. Also diese Mittel, die ich bekommen habe durch Lizenzierung des Verkaufs (-) das war eine Glückssituation.“ (9. S.6, 22.15)
Erst eine Nische finden und dann Leute, die die Qualität erkennen
„Und da hatte ich Glück, ein finnischer Kollege war in dem Labor, in dem ich war, und der hat den Eindruck gehabt, das könnte wichtig sein, und hat mich dann nach Finnland vermittelt. Und die Finnische Akademie, das ist so die finnische Förderorganisation, Wissenschaftsförderungsorganisation, hat mir dann Mittel gegeben, um dann erst mal was zu machen. (…) Und diese Idee habe ich dann letztendlich nachweisen können, dass sie funktioniert. Das habe ich dann allerdings gemacht in Göttingen. Auch in Finnland ist das Geld irgendwann mal ausgegangen.“ (3.DLF)
Gemeint ist damit das Department of Medical Physics der Universität Turku in Finnland, das ihm eine Stelle als Projektleiter gibt und es ihm ermöglicht 1993-96 weiter an seiner Idee der Beugungsgrenze zu arbeiten.
„In Turku, an seiner alten Wirkungsstätte, nahm er die Ehrendoktorwürde entgegen, und zwar, wie in Finnland üblich, mit einem Doktorhut und einem scharfen Schwert aus Stahl. Sogar sein damaliger Chef war sichtlich gerührt. „In der kritischen Anfangszeit haben die Finnen mir was zugetraut“, sagt Hell dankbar. „Sie haben gesehen: das könnte etwas werden, der Typ hat Talent und Energie, um etwas durchzusetzen.“ Und vielleicht ist das stählerne Schwert, das Hell jetzt aus Turku mitgebracht hat, kein schlechtes Symbol für seinen Weg und für den Willen, einen alten wissenschaftlichen Zopf abzuschneiden.“ (2.MPG)
„Und das Göttinger Institut hat sehr früh erkannt, dass ich auf dem richtigen Weg war, hat ein Risiko auf sich genommen, mich hier einzustellen, sage ich mal, erst mal befristet auf fünf Jahre. Ich hatte eine sogenannte Nachwuchsgruppe, und in der Zeit konnte ich dann zunehmend zeigen, dass das funktioniert, und deswegen ist gerade auch dieser Nobelpreis eine große Auszeichnung für die Finnen, die mir damals die erste Chance gegeben haben, aber auch hier für dieses Max-Planck-Institut.“ (3. DLF)
„1994 hatte ich die erste konkrete Idee, wie diese Grenze radikal überwunden werden könnte. Und da hatte ich ein Riesenglück in meiner Berufskarriere, dass dieses Institut, das damalige Kollegium, die damaligen Direktoren erkannt haben, dass ich zwar ein wissenschaftlicher Außenseiter sei, aber dass das Problem, an dem ich gearbeitet habe, interessant ist und dass es vielleicht eine Chance hat. „(9, S.1) (4.11)
Gemeint ist Position des Leiters einer selbstständigen Nachwuchsgruppe am Max-Planck-Institut für biophysikalische Chemie in Göttingen, die er 1997 antritt, nachdem er habilitiert hat und die Stelle in Finnland ausgelaufen ist.
„Ich glaub‘ nicht, dass man von einer Rückholaktion sprechen sollte. Das war halt eine Arbeitsgruppenleiter-Stelle, die hier im Institut ausgeschrieben war. Und die Direktoren, die ihn damals interviewt haben, haben halt die Chance gesehen. Und haben gesagt: Das ist jemand, der sehr gut ist.“ (4. DLF, sein Kollege Stefan Jakobs)
Scheitern
Es gibt zwei Formen des Scheiterns, einmal das Scheitern einer Karriere in Organisationen oder in der Selbstständigkeit und das Scheitern der Idee und des Sinns des Entdeckens für den Entdecker.
Beides hängt natürlich zusammen, Stefan Hell brauchte Labore, technische Ausstattung und finanzielle Mittel, um seine Idee und seine Entdeckung, die bislang nur ‚auf dem Papier‘ stand, experimentell verifizieren oder falsifizieren zu können. Das ist bei revolutionären Ideen, die nicht dem Mainstream der Forschung liegen, immer eine Gefahr.
"‚It works, it works!’ Und er entgegnete trocken: ‚On paper’. Damit hatte er natürlich recht. Erst einmal funktionierte das alles nur auf dem Papier.“ (2.MPG)
„Zeit Online: Sie sind auf Widerstände gestoßen?
Hell: Ja, durchaus. Als ich mit Ende 20 in die Wissenschaft gegangen bin, dachte ich noch naiv: Wenn man eine gute Idee hat, einen kreativen Ansatz, ein wirklich wichtiges Problem der Physik zu lösen, kommt das auch an. Aber das war nicht so.(…)
Man muss Räume schaffen, in denen jemand seiner Idee frei nachgehen kann, ohne Angst, kein Geld zu haben, sozial abzustürzen. Ich selbst habe mich fünf Jahre lang von Stipendium zu Stipendium gehangelt, wusste nie, ob und wie ich im nächsten Jahr weitermachen kann.“ (10.Zeit online)
„Er studierte in Heidelberg Physik, schloss dort mit der Promotion ab. Doch von seinen Ideen zur Lichtmikroskopie wollte niemand etwas wissen. Als freier Erfinder, mit einem Zuschuss der Großeltern, tüftelte er zunächst im stillen Kämmerlein und meldete ein Patent an. Veröffentlichungen in Fachzeitschriften konnte er nicht vorweisen. Stattdessen hangelte er sich von Stipendium zu Stipendium, ging nach Turku in Finnland, nach Oxford und schließlich nach Göttingen. Zwölf Jahre war er immer wieder am Rande des Scheiterns. „Ich dachte: Wenn es nicht geht, dann nicht“, sagt Hell. „Dann hab ich es wenigstens probiert.““ (8aTagesspiegel)
"Und es war ja nicht klar, wie es ausgehen würde, also nachher kann man immer sagen, klar das hat funktioniert, aber es hätte auch sein können, dass ich Unrecht habe. Aber das Entscheidende ist, dass man die Chance bekommt, dass man wirklich das Experiment am Ende macht und dann sieht man, ob das stimmt oder nicht. Und ich hab mir auch das Scheitern (Betont das Wort) zugestanden, das ist glaub ich auch ein wichtiger Punkt. Es ist nicht so, dass ich gesagt habe, ich muss Professor werden, ich muss Wissenschaftler werden, schon gar nicht Max Planck Direktor, ich konnte das gar nicht einordnen, sondern ich wollte dieses Problem lösen. Ich fand es faszinierend, dieser Frage nachzugehen und diese Frage zu beantworten. Ich hab gesehen, dass mir das Spaß macht und dass, wenn ich einfach in die Industrie gehen würde, langweilige Entwicklungsjobs machen würde, dass sich da unglücklich werden würde, das hab ich ja gesehen. Also gehe ich der Sache nach und bin dann auch dafür bereit Risiken in Kauf zu nehmen und es ist gut gegangen." (9.S.8-9,28.54)
Hell: „Das ist sicher sehr hilfreich Leute zu identifizieren, die potenziell disruptive Forschung machen und grundlegende Entdeckungen machen, aber es werden nicht alle tun. Es gibt eine hohe Wahrscheinlichkeit, dass man scheitert, erst recht, wenn man potenziell disruptive Forschung macht. Und dann finde ich es wichtig, dass man anerkennt, dass man es versucht hat.“ (9., 31.18min, S. 9)
Wenn sich die Idee und Leitfrage der Forschung am Ende des Prozesses als falsch herausstellt, dann ist zwar das Forschungsprojekt gescheitert, aber nicht notwendigerweise die Karriere als Forscher. In der Wissenschaft gilt die Regel, Annahmen müssen grundsätzlich verifizierbar und falsifizierbar sein. Auch wenn sie falsifiziert sind, haben sie einen Wert, die wissenschaftliche Community weiß dann, welche Annahme falsch ist und von weiteren Untersuchungen ausgeschlossen werden sollte. Idealerweise sollte ein Forscher, der nach den Regeln der Kunst gearbeitet hat, nicht von einer weiteren Karriere in Organisationen und Institutionen ausgeschlossen werden. Das Risiko falsch zu liegen steigt, wenn man neue revolutionäre Ideen hat und nicht auf verifizierten Annahmen aufbauen kann.
Hell: „Es gibt eine hohe Wahrscheinlichkeit, dass man scheitert, erst recht, wenn man potenziell disruptive Forschung macht. Und dann finde ich es wichtig, dass man anerkennt, dass man es versucht hat. Das heißt, man muss natürlich auch die Leute unterstützen, die es ehrlich meinen, es versuchen, hart arbeiten und am Ende scheitern, also ehrbar gescheitert sind. Das sind aus meiner Perspektive gar keine gescheiterten Existenzen.
Spielen wir es doch mal durch. Ich hätte ja nicht recht haben können, das Ganze hätte nicht funktioniert, dass Prinzip wär zwar prinzipiell o. k. gewesen, aber es ist in der Praxis nicht so umsetzbar. Klar hätte ich dann was anderes gemacht, ich glaube nicht, dass ich dann eine gescheiterte Existenz gewesen wäre. Aber ich hätte was versucht und man hätte dann ganz genau gewusst, so geht‘s nicht und dass dies die Grenze ist (Bezieht sich auf die Beugungsgrenze des Lichts, KRG)
Yogeshwar parallel: Das ist auch eine Erkenntnis
und eine wichtige Erkenntnis. Und dann glaub ich ist es wichtig, dass ein System eine Möglichkeit bietet den ehrbar Gescheiterten, den Helden sag ich mal, die es versucht haben, aber aus welchen Gründen auch immer nicht, sagen wir mal zum strahlenden Erfolg gekommen sind, dass man für die Wege findet, dass sie ich sag mal nicht auch sozial scheitern. Das darf nicht passieren, sonst geht ja keiner mehr das Risiko ein. (Yogeshwar ja) Im Gegenteil, wir müssen Strukturen finden, um Leute zu ermutigen Risiken einzugehen, d.h. den Rahmen dafür bereiten.“ (Das Publikum applaudiert) (9.,31.22 min, S.9)
Der Durchbruch
„Hell: Ja der erste Akt nach meiner Promotion war ja Arbeitslosigkeit, ich bin tatsächlich drei vier Wochen später zum Arbeitsamt. Aber ich hab mich in der Zeit hingesetzt, hab mir überlegt, wie man die Auflösung entlang der optischen Achse fundamental erhöhen kann. Das war kein richtiger Durchbruch im konventionellen Sinne, der potentiell sag ich mal einen Nobelpreis eingebracht hätte, aber es war schon ein wichtiger Schritt und dadurch, dass ich sozusagen vollständig selbstständig war, konnte ich das anmelden.“ (9.S.6, 21.05)
Die weiteren Schritte
„Krauter: Können Sie sich noch daran erinnern, wie das damals war, als der Durchbruch gelang? Das muss ja so um das Jahr 2000 gewesen sein.
Hell: Ja. Ich wusste schon vorher aus theoretischen Überlegungen heraus, dass es wahrscheinlich gehen muss und habe da fest dran geglaubt. Und es gab auch schon in Finnland erste experimentelle Hinweise, dass man das Prinzip, nämlich zu trennen, indem man benachbarte Strukturen sequenziell an- und ausmacht, dass das gehen würde. Aber so ‚99, 2000 waren die ersten experimentellen Daten da, die ziemlich klar gezeigt haben, dass das funktioniert. Auch damals war es noch nicht ein kompletter Durchbruch. Da musste noch viel gemacht werden, und das ist dann auch passiert. Aber es hat mir schon das Gefühl gegeben, das ist eine ganz große Sache. Das ist intellektuell sehr spannend. Das war die erste Motivation. Und wenn das wirklich sich alles so machen lässt, wie ich mir das vorgestellt habe, wird es auch sehr wichtig werden, nicht nur für die akademische Welt, für die Forscher, sondern auch für alle, in letzter Konsequenz. Und ich glaube auch, letztlich ist es wichtig gewesen für das Nobel-Komitee, dass da eine Anwendung da ist in den Lebenswissenschaften und, in letzter Konsequenz, in der Grundlagenmedizin." (3.DLF)
Der Moment der Erkenntnis: "Das war damals eine Sensation"
„Zwar hat er schon ein grobes Konzept für das Unterwandern der Auflösungsgrenze, doch noch fehlt ihm der entscheidende Kniff für die Umsetzung. Als er in dem Buch nach quantenoptischen Phänomenen stöbert, springt ihm die „stimulierte Emission“ ins Auge, mit der zum Leuchten angeregte Moleküle vorübergehend ausgeknipst werden können. „In dem Moment war mir klar: Jetzt bist du auf dem richtigen Weg, jetzt hast du endlich etwas Konkretes.“ Denn Biologen untersuchen heute viele Zellprozesse mit der Fluoreszenz-Mikroskopie, bei der Proteine und andere Zellbestandteile mit leuchtenden Molekülen markiert werden.
„Das war damals eine Sensation“
Hell eilt ins Institut und macht die ersten Abschätzungen für ein neues Mikroskopieprinzip. Schnell ist ihm klar: Die Auflösung würde mindestens auf 30 Nanometer sinken. Ein Zehntel des bisherigen Limits. „Das war damals eine Sensation, gedanklich zumindest. Aber mir war auch schon klar: Prinzipiell ist das nach unten unbegrenzt“, erinnert sich Hell an den wohl aufregendsten Moment in seinem beruflichen Leben. Für den Rest des Wochenendes brodelt es in dem Forscher. „Ich saß da eineinhalb Tage allein mit diesem komischen Gefühl: Ich weiß wahrscheinlich etwas, was kein anderer weiß und was sehr wichtig werden könnte.“ Er denkt alles noch einmal durch, schreibt es auf, macht ein paar grobe Simulationen am Rechner.
Am Montagmorgen kann er endlich den Kollegen und seinem Chef davon berichten. „Er hat mich angeguckt, und ich habe keinerlei Reaktion in seinem Gesicht gesehen“, erinnert sich Hell. Die Finnen, die seien ja eher verhalten, meint er verständnisvoll, redeten sowieso nicht viel. „Dann habe ich gesagt: ‚It works, it works!’ Und er entgegnete trocken: ‚On paper.’“ Damit hatte er natürlich recht. Erst einmal funktionierte das alles nur auf dem Papier.“ (2.MPG)
Inter- und Transdiziplinarität – Das Verlassen der eigenen Disziplin war nötig, um die Entdeckung machen zu können
Das achte Merkmal von Entdeckerkarrieren: Die Grenzen von Fächern/ Disziplinen/ Professionen werden nicht akzeptiert, sondern überschritten, die Erkenntnisse der einen mit denen der anderen verbunden, zu etwas Neuem synthetisiert, in das eigene Modell eingeordnet und immer weiter optimiert. Entdecker suchen Ihre Anregungen in Konzeptionen, Theorien, Praktiken anderer Fächer, Disziplinen, Profession und bei deren Vertretern. Sie arbeiten interdisziplinär und transdisziplinär.
Meine Analyse: Mithilfe der Physik lässt sich sein Ziel nicht erreichen, er nimmt Erkenntnisse und Verfahren der Chemie auf, und macht wie er es nennt biophysikalische Chemie, begründet also ein neues Fachgebiet. In der anwendungsbezogenen Forschung zu medizinischen Fragen kooperiert er mit zahlreichen anderen Disziplinen. Die Konstruktion seiner Forschergruppen sind ebenfalls inter- und transdisziplinär: Chemiker, Biologen, Physiker und Mediziner.
Stefan Hells Aussagen zu diesem Thema:
„Krauter: Nun sind Sie ja Physiker, werden von Arbeitskollegen, die Sie gut kennen, auch als brillanter Physiker beschrieben – ist es da jetzt freudig oder weniger freudig, den Chemie-Nobelpreis zu bekommen?
Hell: Nein. Also wissen Sie, das Problem, an dem ich gearbeitet habe, war in der Tat ein physikalisches Problem. Das ist ohne Frage so. Aber es ist so, dass die Entwicklungen gezeigt haben – und das ist sicherlich auch mein Verdienst gewesen –, dass man dieses physikalische Problem zunehmend in ein chemisches Problem sozusagen überführen kann. Ich kann Ihnen das in einfachen Worten sagen. Man hat gedacht, man wird nicht schärfer, weil man das Licht nicht besser bündeln kann. Und ich habe herausgefunden, dass man das trennen kann. Nicht, weil man das Licht besser bündeln müsste, sondern weil man Moleküle zwischen zwei verschiedenen Zuständen an- und ausschalten kann. Und das ist in letzter Konsequenz ein molekulares Problem, und als molekulares Problem ist es natürlich auch ein chemisches Problem. Und deswegen der Grund für den Chemie-Nobelpreis. Das ist absolut nachzuvollziehen. Obwohl, Sie haben recht, meine Konzepte und so weiter waren sehr physikalisch. Ich habe ein physikalisches Problem gelöst. Aber noch mal: Mittlerweile beschäftigen sich mehr Chemiker mit dem Problem als Physiker.“ (3. DLF)
„Sie galten eher als Kandidat für den Nobelpreis für Physik. Das Problem ist tatsächlich auch primär physikalisch, es geht um die Beugungsgrenze von Licht. Aber ich habe es umgangen, in dem ich die Strukturen, die ich abbilden will, nicht mehr mit Licht zu trennen versuche, sondern nach dem Zustand der Moleküle. Und es gibt inzwischen etliche abgewandelte Verfahren mit Molekülen. Da wird es dann sehr chemisch. Das Feld hat sich stürmisch entwickelt“. (11.Süddeutsche)
„Ende der Achtzigerjahre hat der Physiker erstmals die Idee, dass es möglich sein müsste, die Grenzen der Lichtmikroskopie zu sprengen, indem man sich nicht der physikalischen Voraussetzungen bedient, sondern der Chemie. "Am Licht konnte man nichts mehr ändern, das war mir klar", sagt er. Warum also nicht die chemischen Eigenschaften von Molekülen so beeinflussen, dass ihre Strukturen sichtbar werden? "Ich hatte nur die Idee", sagt Hell. "Um zu zeigen, dass sie funktioniert, brauchte ich viel Ausdauer." “ (5.Spiegel Online)
„Yogeshwar: Was ich interessant finde ist, dass du ja dann gezwungen warst, neben ich sag mal der reinen Mikroskopie dich jetzt im Detail auch noch mit diesen bunten Gläschen oder Flüssigkeiten, die wir gesehen haben, auseinanderzusetzen. (Bezieht sich auf Video, das die Entdeckung erklärt, auf Röhrchen mit fluoreszierenden Stoffen. KRG) (Hell: Ja) Also gezwungen wirklich aus verschiedenen Disziplinen zusammen zu bauen. (Hell mhm) Warum, weil du keinen Partner gefunden hast? Weil in dem Bereich vielleicht die notwendige Interdisziplinarität (Hell nickt) oder zumindest Lust zur Zusammenarbeit gefehlt hat? Woran lag es? (24.55 min)
Hell: Also ich glaube, am Ende hat es dann doch gut funktioniert. Also diese Interdisziplinarität war ja auch ein, wenn Sie so wollen (Korrektur) mitverantwortlich dafür, dass man mich in Göttingen am Max-Planck-Institut für Physikalische Chemie entdeckt hat. Das waren nämlich Direktoren aus allen Fachbereichen, Physik, Chemie und Biologie, die das verstanden haben. Da gab es einen Physiker, der die interessanten Teile des Problems gesehen hat, ein Chemiker usw. und dort war auch ein Umfeld, in dem man sowohl über die Optik als auch über die Chemie usw. nachdenken konnte und es gab auch quasi, dass es (Korrektur) es gab zum Teil auch Leute mit denen man drüber sprechen konnte. Also das war eine spezielle Situation in Göttingen, die ganz genau auf dieses Problem ja abgestimmt war.“ (25.54)
„Hell: Man hat es als interessant empfunden, man hat es als legitimes Forschungsziel gesehen, was woanders nicht so schnell der Fall war.Wenn ich mich in Physik-Unis beworben habe, haben die gesagt mhm ja, es ist zwar Physik aber doch Biologie drin, das ist eine Art Biophysik und für die Chemie war‘s natürlich keine Chemie und ist es ja auch nicht. Biologie, das war viel zu weit weg von allen biologischen Problemen. Aber dieses interdisziplinäre Umfeld, das man natürlich bei einem Max-Planck-Institut finden kann oder aufbauen kann, weil es ja nicht bestimmten Fachbereichen oder Fächern zugeordnet ist, das ist wahnsinnig entscheidend für einen solchen Außenseiter wie mich, der so was Ungewöhnliches macht, den zu entdecken und auch zu fördern.(9., S.8 (27.43) Juni 2015)
„Für sein Projekt Hochauflösung brauchte er nicht nur Physiker, die sich mit der Optik beschäftigten und Lasersysteme entwarfen. Er baute auch eine Chemie-Gruppe auf, die sich mit der Entwicklung geeigneter Farbstoffe befasst. Und eine Biologie-Gruppe, die die Anwendungen untersucht. Ein Gemisch, das gut funktioniert, wie Hell findet.“ (2. MPI)
Die Basis für die Entwicklung radikal neuer Ideen
Entdecker unterscheiden sich von anderen dadurch, dass sie die Fundamente einer Disziplin infrage stellen. Sie stellen die Grundannahmen, die gesetzt werden müssen und nur noch akzeptiert oder abgelehnt werden können, infrage. Auf diesen Grundannahmen ruht alles andere, alle Modelle, Gesetze und Ergebnisse, die die Disziplin hervorbringt. Oft geschieht dies dadurch, dass man die eigene Disziplin verlässt und sich die Annahme anderer Disziplinen anschaut. Auch Hell verlässt die Physik, aber erst nachdem er sich ein „Fundament“ geschaffen hat.
Schon während seines Physikstudiums beschäftigt er sich mit den Grundannahmen der Physik, er nennt dies das "Weltbild der Physik". Er hinterfragt die Grundannahmen der optischen Physik und er arbeitet sich ein eigenes Weltbild, eine andere Physik. Für beides braucht man Zeit und Ruhe, es gelingt nicht unter dem Druck von Prüfungen und Auftragsarbeiten. Mir fielen bei der Analyse der Interviews die Begriffe Weltbild, Grundlegendes, Fundament, Fundamentales auf, die eine große Bedeutung für sein Denken und sein Vorgehen beim Entdecken haben.
Hier die Passagen aus den Interviews:
Weltbild
Man muss Zeit haben, sich zurückzuziehen und nachzudenken und den Dingen auf den Grund gehen, „reflektieren“, damit meint er „sich selbst zu reflektieren“ und „den Stoff zu reflektieren“.
*Nachzudenken über das Weltbild der Physik meint über deren Grundannahmen und Werte nachzudenken. Er sagt, wenn man lange genug darüber nachgedacht hat, entwickelt man ein gutes Gefühl für die Physik, man entwickelt eine Intuition dafür, was nicht stimmen kann, wo, wie er es nennt, die „Knackpunkte“ sind.
„Also ich fand das Studium sehr offen, es war auch ein sehr laxes Studium in dem Sinne, dass man am Anfang gar keine Prüfung hatte. Man war dann gezwungen, irgendwann den ganzen Stoff zu lernen und sich dann auch punktuell auf den Stoff zu konzentrieren. Das kam mir entgegen, muss ich sagen, weil ich dazu geneigt habe, mir Dinge sehr sehr genau zu überlegen ich hab die Zeit gehabt mir die Dinge genau zu überlegen und der Physik und ja dem Weltbild, dass die Physik geschaffen hat, sehr genau auf den Grund zu gehen. Und das hat mir dann später geholfen Intuition aufzubauen, die entscheidend dafür war, das zu machen, was ich letztlich gemacht habe. Ich hab auch sehr geschätzt in Heidelberg, dass es international war. Es kamen immer wieder Topforscher, der beeindruckendste damals für mich war Isidor Rabi, ein Nobelpreisträger für Physik, ganz entscheidende Entdeckung gemacht. Und das fand ich immer toll, das gibt einen das Gefühl, man gehört irgendwie dazu.“ (9.S.4, 12.34)
Man muss sich ein eigenes Weltbild schaffen, eine Physik, die es erlaubt, Grenzen die da sind, zu durchbrechen. Er benutzt dafür die Worte Fundamentales, Grundlegendens, eine Grenze knacken. In unserer Terminologie: Man muss neue Grundannahmen entwickeln, alte verwerfen und damit die Disziplin revolutionieren. Es geht ihm nicht primär um neue Modelle, Gesetze oder neue Geräte.
„Also ich habe sehr davon profitiert, dass man die Zeit bekommen hat sich Gedanken zu machen und ein Weltbild in sich aufzubauen, dass letztendlich das Fundament ist, aus dem man schöpft, dass einem die Kreativität letztendlich gibt. Und das schafft man nur, wenn man sich wirklich alles von Grund auf überlegt und wirklich die Muße hat und die Zeit hat. Das ist auch ein kreativer Akt, das Wissen sozusagen, dass es schon gibt, neu zu ordnen, für sich selbst ein Gedankengebäude aufzubauen.“ (9. S.44, 14.50)
„Ich war fasziniert von der Idee, einer alten physikalischen Frage auf den Grund zu gehen, von der man dachte, man kenne die endgültige Antwort.“(2.MPI)
„Ich hab nach etwas Grundlegendem Ausschau gehalten.“ (3.MPG)
„Ich muss was Fundamentales machen, um letztendlich erfüllt zu sein, um happy zu sein sozusagen. Und so fing ich dann an über diese Beugungsgrenze nachzudenken. Ist nicht doch irgendwas übrig geblieben in dieser langweiligen Physik des 19. Jahrhunderts, das einem erlaubt, eine fundamentale Entdeckung zu machen? Und das ist auch wichtig, gepaart mit diesem Weltbild, das ich in mir aufgebaut hatte, diese Intuition. Indem ich studiert habe über Jahre hinweg und ein gutes Gefühl für die Physik entwickelt habe, kam ich zu dem Schluss, da ist was vergessen worden, da ist was tatsächlich, was man machen kann, was fundamental ist und das ist nicht komplett zu ende, und der Sache gehe ich nach.“(9. S.5,17.47)
Interviewer: „Also, es gibt ein ganz berühmtes Beugungslimit nach Abbe benannt, was in jedem Physiklehrbuch steht. Sie wussten das, aber Sie haben sich gesagt, na ja, schauen wir doch mal, ob diese Grenze wirklich eine dauerhafte Grenze sein muss.“ Hell: „Das war der Reiz. Ich war wirklich interessiert, der Sache nachzugehen und zu gucken, ob es da nicht doch eine Physik gibt – da haben Sie vollkommen recht –, die einem erlaubt, diese Grenze zu knacken. Und ich war auch der Meinung, dass die Physik sich von dem Thema abgewandt hat, weil sie gedacht hat, das ist aus, da ist nichts mehr zu machen. Aber dem war nicht so. Es war in der Tat so, dass es Physik gab, die einem erlaubt, diese Grenze zu durchbrechen. Und das ist sozusagen meine Entdeckung gewesen. (3.DLF)
"Physik ist für Stefan Hell ein Abenteuer, mindestens so interessant wie die Tiefseeforschung. „Ich liebe Herausforderungen“, sagt er über sich. Man brauche Vorstellungskraft, um sich immer wieder neu an ein Problem zu wagen." (8a Tagespiegel)
Die Entwicklung des eigenen Weltbilds ist das Fundament dafür, dass sich die eigene Intuition und die Kreativität entwickeln kann, um Wissen neu zu ordnen - und auch etwas Neues zu erfinden.
„Und ich sehe auch genau wie du die Gefahr, dass wenn man kurzfristig nur auf irgendwelche Credit Points aus ist, dass man gar nicht mehr die Zeit hat, sich dieses Weltbild zu schaffen und dann fehlt es einem an Kreativität.“ (9. S.4,14.50)
Hell zur inneren Haltung des Entdeckers gegenüber seiner Professional Community
Welche innere Haltung und welche Position zum vorhandenen Wissen und zu den Grundannahmen seines Fachgebiets braucht ein Entdecker, um wirklich innovative Forschung und revolutionäre Entdeckungen machen zu können? Und in welche Schwierigkeiten gerät er, wenn er neu geschaffene Begriffe, Modelle und Grundannahmen in der Professional Community verbreiten will, in der die alten gelten und vorherrschen?
„Hell: Aufgrund meines Naturells habe ich jedenfalls eine natürliche Skepsis Allgemeinplätzen gegenüber. Wenn alle dasselbe denken, werde ich misstrauisch. Es gibt Meinungen, die werden dauernd wiederholt, aber nie wirklich belegt.
Zeit Online: Wie im Fall der Nanomikroskopie?
Hell: In dem Fall hat die Schönheit der gängigen Theorie die Forschung behindert. Sie war so schlüssig und klar, da hat keiner mehr gesagt: Das schaue ich mir nochmal neu an.(…)
Zeit Online: Sie sind auf Widerstände gestoßen?
Hell: Ja, durchaus. Als ich mit Ende 20 in die Wissenschaft gegangen bin, dachte ich noch naiv: Wenn man eine gute Idee hat, einen kreativen Ansatz, ein wirklich wichtiges Problem der Physik zu lösen, kommt das auch an. Aber das war nicht so.(…)
Zeit Online: Was würden Sie Forscherinnen und Forschern raten, die jetzt am Anfang ihrer Laufbahn stehen?
Hell: Auf jeden Fall weniger Wissenschaft machen, die nur im Mainstream schwimmt und am Ende nichts bringt!“ (10.Zeit Online)
"Interviewer: „Der Clou ist ja, dass Sie das Leuchten der Moleküle erst an und dann bei den meisten schnell wieder abschalten. Wissen Sie noch, wie Sie die Idee dazu hatten?
Es war lange eine Art Bauchgefühl da, dass die Beugungsgrenzen mit irgendeiner physikalischen Methode zu brechen wären. Sie waren schließlich das einzige, aber fundamentale Problem, das der Entwicklung besserer Lichtmikroskope im Wege stand. Viele Physiker hatten sich damit abgefunden. Ich konnte das nicht glauben, seit 1873 hatte es doch so viel neue Physik gegeben. 1993 bin ich dann fündig geworden.“ (11.Süddeutsche)
"Stefan Hell: „Herausragende, grundlegende naturwissenschaftliche Entdeckungen werden fast immer aus Neugier und "Abenteuerlust" heraus gemacht und sind selten planbar. Deshalb werden sie meistens auch von wissenschaftlichen Nonkonformisten gemacht.“ (12.F&L 11/19, S.1002)
"Stefan Hell: „Wenn man ein neues Feld aufmacht, zum Beispiel, weil man etwas Neues entdeckt hat, oder weil man ein altes Problem aus einer völlig neuen Perspektive sieht, steht man vor einem Dilemma: Um seine Fachkollegen, die über einen urteilen, abzuholen, muss man sich unweigerlich des alten Formalismus, also der Fachsprache, des überkommenen Wissens bedienen. Aber das Denken in den alten Formalismen ist ja gerade oft der Grund, weshalb man stecken blieb. Deshalb muss man den Mut haben, seine eigene Sichtweise und Sprache zu kreieren. Mir wurde beispielsweise von vielen Physiker-Kollegen nahegelegt, die STED-Mikroskopie aus Sicht der sogenannten nichtlinearen Optik zu interpretieren, einem Spezialgebiet der Optik, die Mitte des 20. Jahrhunderts aufkam. Andere forderten eine Interpretation über die Zerlegung in Wellen- und Raumfrequenzspektren, wie das auch Ernst Abbe, der Entdecker der Auflösungsgrenze getan hatte. Ich wusste aber, dass beide Ansätze komplett ungeeignet waren, den Knackpunkt der STED-Mikroskopie zu beschreiben und damit den Knackpunkt der Überwindung der Auflösungsgrenze. Und damit auch aller anderer Verfahren, die danach folgten. Ich habe daher in 2007 meine eigene Sichtweise geschaffen und publiziert, die sich aber erst seit ein zwei Jahren so langsam durchsetzt. Hätte ich wie meine Kollegen die alte Sichtweise behalten, so wären wir heute nicht bei dem neuen Verfahren MINFLUX und molekularer Auflösung in allen Raumrichtungen angelangt. Denn MINFLUX hat schlichtweg nichts mit nichtlinearer Optik zu tun und die Wellenlänge spielt auch keine Rolle mehr! Das Verwerfen der alten physikalischen Interpretationen und Denkweisen war der Grund – da bin ich mal unbescheiden – weshalb ich schneller als alle anderen auf die Lösung, wie man ein bis zwei Nanometer Auflösung erzielt, gekommen bin. Denn die alte Sprache, die das Problem vorher "am besten" beschrieb, verhindert geradezu die Lösung. Das ist etwas, was wir unserem Nachwuchs beibringen müssen. Ich bin beileibe nicht der Erste, der das sagt.“ (F & L 11/19, S. 1002f)
Die idealen Rahmenbedingungen für Entdecker, die in Organisationen arbeiten
Ein Studium, das Freiraum zum Denken gibt
Auftragsforschung und anwendungsbezogene Forschung in Firmen ist nichts für Entdecker
Die Institutionen müssen den Forschern einen großen Freiraum bieten, um an der Entdeckung arbeiten zu können
Freiheit bei der Wahl des Themas und der Methode
In der Leitung der Institution muss es Personen geben, die Forscher und die Idee fördern wollen und die Macht dazu haben
Institutionen, die interdisziplinäre Arbeit prämieren und die Strukturen dafür haben
Institutionen, die bereit sind, Risiken bei der Nachwuchsförderung einzugehen
Ein Studium, das Freiraum zum Denken gibt
Hell: „Also ich fand das Studium sehr offen, es war auch ein sehr laxes Studium in dem Sinne, dass man am Anfang gar keine Prüfung hatte. Man war dann gezwungen, irgendwann den ganzen Stoff zu lernen und sich dann auch punktuell auf den Stoff zu konzentrieren. Das kam mir entgegen, muss ich sagen, weil ich dazu geneigt habe, mir Dinge sehr sehr genau zu überlegen ich hab die Zeit gehabt mir die Dinge genau zu überlegen und der Physik und ja dem Weltbild, dass die Physik geschaffen hat, sehr genau auf den Grund zu gehen. Und das hat mir dann später geholfen Intuition aufzubauen, die entscheidend dafür war, das zu machen, was ich letztlich gemacht habe.“( 9 R.Y.4) (9.,12.34 min, S.4)
Auftragsforschung und anwendungsbezogene Forschung in Firmen ist nichts für Entdecker, die Grundlagenforschung machen wollen
Hell:“ Man hat damals in den Firmen Siemens und Megabit Chip Projekte aufgebaut und da dachte ich, wenn man sowas macht mit Mikrostrukturen, dann bekommt man wahrscheinlich einen Job. Aber dadurch, dass ich da reingegangen bin und es gemacht habe, hab also meine Doktorarbeit in dem Startup meines Doktorvaters gemacht, hab ich gemerkt, dass es mich eigentlich zum Fundamentalen hinzieht. Und dass dieses Sicherheitsdenken, das ich hatte, nach dem Motto ich suche irgendwas, wo ich nachher wahrscheinlich einen Job krieg, mich nicht glücklich macht.“ (9.,17.47 min, S.5)
Die Institutionen müssen den Forschern einen großen Freiraum bieten, um an der Entdeckung arbeiten zu können
Hell: „Wenn jemand einen tollen Ansatz hat, ein wichtiges Problem zu lösen; eine Idee zu etwas, was die Menschheit wirklich weiterbringen würde, dann braucht er Freiraum. Man muss Räume schaffen, in denen jemand seiner Idee frei nachgehen kann, ohne Angst, kein Geld zu haben, sozial abzustürzen. (…) Zu viel Absicherung ist auch nicht gut, das kann dazu führen, dass der Eifer nachlässt, Risiko gehört dazu. Aber man braucht wenigstens ein paar Jahre die Freiheit, dranzubleiben, auch wenn es mal Rückschläge gibt.“(10. Zeit online, S.3)
Hell: „Man kann in der Max-Planck-Gesellschaft sehr gut arbeiten, und zwar deswegen, weil die Max-Planck-Gesellschaft den Forschern einen hohen Freiraum bietet. Und das ist ein einmaliges System, das dürfen wir nicht vergessen, das findet man in anderen Ländern nicht. Die Max-Planck-Gesellschaft ist ein Unikum in ihrer Art und Weise, wie sie Wissenschaft betreibt, die Wissenschaft dort organisiert ist.“ (9.,5.20 min, S.2)
Freiraum, um nachzuweisen, dass die Idee, die der Entdeckung zugrunde liegt, richtig ist.
Hell: „Die biophysikalische Chemie wollte mich haben und hat mir diese Chance gegeben für fünf Jahre. Also für einen doch planbaren, befristeten Zeitraum zu verifizieren, dass diese Ideen richtig sind. Und das hat funktioniert und ich glaube, das ist wirklich was Tolles, Positives geworden.“ (9.,26.4. min, S.8)
Freiheit bei der Wahl des Themas und der Methode
Forschung & Lehre: „Welche Rolle spielt Freiheit für die Forschung?“
Hell: „Wenn Sie nicht die Freiheit haben, das Problem auszusuchen, an dem Sie arbeiten, haben Sie die Wahrscheinlichkeit, etwas Wichtiges zu entdecken, schon beträchtlich reduziert. Wenn Sie dann noch in der Wahl Ihrer Methoden eingeschränkt sind, so reduziert sich diese Wahrscheinlichkeit noch einmal beachtlich. Und wenn Sie am Ende nicht sagen dürfen, was rausgekommen ist, weil es einigen, einigen, vielen, oder sogar allen nicht passt, dann können Sie es gleich lassen - und diejenigen, die die Forschung bezahlen auch. Das müssen wir zu verhindern wissen.“ (F&L, S.1003)
In der Leitung der Institution muss es Personen geben, die Forscher und die Idee fördern wollen und die Macht dazu haben
Yogeshwar: „Und wichtig war sicherlich, dass man entlang der Biografie, und das kann man bei dir schön sehen, natürlich immer wieder Einzelpersonen hatte, die Kraft ihres Amtes ein gewisses Grundvertrauen hatten und einen unterstützt haben. Also ohne dass man das so expressis verbis vielleicht sagen kann, die am Anfang gesagt haben trau dem, der macht das.“ (9.,28.33min, S.8)
Hell: „Ja das ist dann sehr wichtig, dass man letztendlich dann Leute hat, die bereit sind, einem den Freiraum zu geben. Und ich glaube das ist auch das Konzept der Nachwuchsgruppe, wie es die Max-Planck-Gesellschaft hat, das ein herausragendes Konzept ist, solche Außenseiter auch zu identifizieren und dann auch die Chance zu geben. Und es war ja nicht klar, wie es ausgehen würde, also nachher kann man immer sagen, klar das hat funktioniert, aber es hätte auch sein können, dass ich Unrecht habe. Aber das Entscheidende ist, dass man die Chance bekommt, dass man wirklich das Experiment am Ende macht und dann sieht man, ob das stimmt oder nicht.“ (9.,28.54 min, S.8)
„In der kritischen Anfangszeit haben die Finnen mir was zugetraut“, sagt Hell dankbar. „Sie haben gesehen: das könnte etwas werden, der Typ hat Talent und Energie, um etwas durchzusetzen.“ (2.MPI 19.6. 2009, Schlußsatz) (gemeint ist die Leitung der Abteilung …. der Universität in Turku)
Institutionen, die interdisziplinäre Arbeit prämieren und die Strukturen dafür haben
Hell: „Also diese Interdisziplinarität war ja auch (….) mitverantwortlich dafür, dass man mich in Göttingen am Max-Planck-Institut für Physikalische Chemie entdeckt hat. Das waren nämlich Direktoren aus allen Fachbereichen, Physik, Chemie und Biologie, die das verstanden haben. Da gab es einen Physiker, der die interessanten Teile des Problems gesehen hat, ein Chemiker usw. Und dort war auch ein Umfeld, in dem man sowohl über die Optik als auch über die Chemie usw. nachdenken konnte und es gab auch quasi, dass es (Korrektur) es gab zum Teil auch Leute, mit denen man drüber sprechen konnte. Also das war eine spezielle Situation in Göttingen, die ganz genau auf dieses Problem ja abgestimmt war.“ (9., 25.54 min, S.7-8)
Hell: „Man hat es als interessant empfunden, man hat es als legitimes Forschungsziel gesehen, was woanders nicht so schnell der Fall war. Wenn ich mich in Physik-Unis beworben habe, haben die gesagt mhm ja, es ist zwar Physik, aber doch Biologie drin, das ist eine Art Biophysik. Und für die Chemie war‘s natürlich keine Chemie und ist es ja auch nicht. Biologie, das war viel zu weit weg von allen biologischen Problemen. Aber dieses interdisziplinäre Umfeld, das man natürlich bei einem Max-Planck-Institut finden kann oder aufbauen kann, weil es ja nicht bestimmten Fachbereichen oder Fächern zugeordnet ist, das ist wahnsinnig entscheidend für einen solchen Außenseiter wie mich, der so was Ungewöhnliches macht, den zu entdecken und auch zu fördern.“ (9., 27.43 min, S.8)
Institutionen, die bereit sind, Risiken bei der Nachwuchsförderung einzugehen
Yogeshwar: „Du persönlich warst bereit Risiken in Kauf zu nehmen, aber die essenzielle Frage, wenn wir über Exzellenz reden, heißt ja auch, in wie weit ist ein System als Ganzes, zusammengesetzt aus, ob es Max Planck Institute sind, ob es Forschungssysteme sind, ob das die Grammatik von Förderbereichen ist, inwieweit ist ein System bereit, heute anno 2015 Risiken auf sich zu nehmen? (Hell nickt) (…) wenn es schief geht, sich auch einmal zu gestehen, o. k. da geht mal was schief, gehört auch dazu.“ (9., 30.05 min, S.9)
Hell: „Ich glaube, dass es sehr wichtig und ich hab ja das Konzept der Nachwuchsgruppe genannt, das eigentlich aus unserem Institut heraus auf die gesamte Max Planck Gesellschaft dann ausgebreitet worden ist und implementiert worden ist. Da hat sich seit damals viel getan, also mittlerweile haben wir diese Mechanismen, es gibt unterschiedlichste Formen Nachwuchsgruppen von der DFG und so weiter und sofort eingerichtet.“ (9.,30.42, S.7-8)
Hell: „Das ist sicher sehr hilfreich Leute zu identifizieren, die potenziell disruptive Forschung machen und grundlegende Entdeckungen machen, aber es werden nicht alle tun.“ (9.,31.18, S.9)
Institutionen müssen Strukturen und Mittel haben, um gescheiterten Forschern Karrieremöglichkeiten zu bieten.
Hell: „Es gibt eine hohe Wahrscheinlichkeit, dass man scheitert, erst recht, wenn man potenziell disruptive Forschung macht. Und dann finde ich es wichtig, dass man anerkennt, dass man es versucht hat. (…)
Und dann glaub ich ist es wichtig, dass ein System eine Möglichkeit bietet den ehrbar Gescheiterten, den Helden sag ich mal, die es versucht haben, aber aus welchen Gründen auch immer nicht, sagen wir mal zum strahlenden Erfolg gekommen sind, dass man für die Wege findet, dass sie ich sag mal nicht auch sozial scheitern. Das darf nicht passieren, sonst geht ja keiner mehr das Risiko ein. (Yogeshwar ja) Im Gegenteil, wir müssen Strukturen finden, um Leute zu ermutigen Risiken einzugehen, d.h. den Rahmen dafür bereiten.“ (9.,31.22, S.9)
3.Chemie Nobelpreis „Dinge sehen, die man vorher einfach nicht sehen konnte“. Stefan Hell im Gespräch mit Ralf Krauter. Forschung aktuell, Deutschlandfunk, 8.10.2014 „Dinge sehen, die man vorher einfach nicht sehen konnte
4.Chemienobelpreis 2014 Stefan Hell - ein Portrait. Von Volker Mrasek. Forschung aktuell, Deutschlandfunk, 8.10.2014 Stefan Hell - ein Portrait
5.Deutscher Nobelpreisträger Stefan Hell – Triumph für einen Dickkopf. Von Julia Koch. Spiegel Online Wissenschaft, 8.10.2014
Man kann keinen Link setzen, hier der Text, den man in den Browser eingeben muss:
Chemie-Nobelpreis: Stefan Hell und die Mikroskopie-Revolution - DER SPIEGEL
9.Stefan Hell im Gespräch mit Ranga Yogeshwar. 66.Jahresversammlung der Max-Planck-Gesellschaft, Juni 2015 in Berlin,
Video: Stefan Hell im Gespräch mit Ranga Yogeshwar
Es gibt keinen direkten Link! Bei You tube Stefan Hell in der Suche eingeben you tube
Transkribiert von Kornelia Rappe-Giesecke nach einem vereinfachten - nicht konversationsanalytischen -Transkriptionsverfahren für gesprochene Sprache in der Zeit vom 1.bis 3. 4.2023.
Was bedeuten die Ziffern in Klammern? (9.S.6, 21.05) 9 die Seite des Transkriptionstextes, 21.05 die 21. Minute des Videos.
12."Greift nach den Sternen..." - Auf der Nobelpreisträgertagung in Lindau diskutierten hunderte Wissenschaftler die Herausforderungen der Zukunft. Ein Interview mit Stefan Hell. Von Friederike Invernizzi Forschung & Lehre 11/2019 S. 1002-1003) Greift nach den Sternen..."
13.Über die Forschung von Stefan Hell. Vom Max-Planck-Institut für Multidisziplinäre Naturwissenschaften 2014 Über die Forschung von Stefan Hell
14.Lichtblicke in die Nanowelt – Bright spots in the Nano World - Körber European Science Prize 2011. Körber Stiftung - Forum für Impulse 2011 Lichtblicke in die Nanowelt
Teslas Büste im Museum des Hotels New Yorker in NY, wo er die letzten 10 Jahre gelebt hat (Foto KRG)
1856 Kroatien -1943 New York
Nikola Tesla ist eine Entdeckerpersönlichkeit, die schon zu Lebzeiten weltberühmt war und sehr gegensätzliche Reaktionen bei den Menschen ausgelöst hat. Man spürt das auch noch 100 Jahre später bei denen durchaus um Objektivität bemühten Biographen. Von absoluter Bewunderung des Publikums und der Fachwelt für seine unzähligen Erfindungen, für seine an Magiertum grenzende Fähigkeit zur Präsentation seiner Erfindungen und für seine visionären Ideen, die der Zeit um Jahrzehnte voraus waren, bis zur Ablehnung seiner exzentrischen Persönlichkeit und der auf die Vernichtung seines Rufs und seiner Erfindungen zielenden Aktionen durch Konkurrenten wie Edison, dem es um die Vorherrschaft seines Konzerns ging, und durch Wissenschaftler, die ihn nicht ernstnahmen, aber um seinen Ruhm und seine Genialität beneideten. Dass er einer der bedeutendsten Erfinder und Entdecker war, die das elektrische Zeitalter und die Elektrowissenschaft begründet haben, war über lange Jahre zumindest in Europa nur Fachleuten bekannt. Das mag auch daran liegen, dass er selbst tragischerweise dazu beitrug seinen Ruf zu ruinieren, indem er mit Beginn des 20.Jahrhunderts die Idee der drahtlosen Übertragung von Elektrizität von einer Sendestation an jeden Punkt auf der Erde trotz beständiger Misserfolge weiter betrieb, was von Physikern immer noch als unmöglich bewertet wird. Er versuchte sogar Energie durch die Erde zu leiten und ein "Welt-System" der drahtlosen Übertragung zu entwickeln (Tesla, S. 81). Mit der Übertragung von dem, was er damals Radiowellen nannte, hat es inzwischen geklappt, mit der drahtlosen Übertragung von Energie noch nicht. Aber wer weiß, auch das Abbe'sche Gesetz wurde hundert Jahre später von Stefan Hell widerlegt, Forscher in aller Welt arbeiten derzeit daran:
Die Übertragung durch die Luft funktioniert mit Radiosignalen, aber diese von Hertz und Maxwell entdeckten elektromagnetischen Wellen können nicht so viel Energie übertragen, sagen seine Kritiker, dass sie auf der anderen Seite des Globus mithilfe eines Empfängers, wie er sich vorstellte, Autos, Bahnen oder große Maschinen antreiben können. (Bührke, S.62 und 81 und Cheney, die weitere Physiker zitieren, S.348) Am 4.8.2023 berichtet die Neue Züricher Zeitung, dass ein weiterer Versuch der drahtlosen Übertragung von Energie, die aus Sonnenlicht mithilfe von Solarzellen auf Satelliten im All erzeugt wurde, auf Antennen wenn auch über geringe Entfernung gelungen ist. Amerikanische Forscher der ESA arbeiten derzeit daran, Energie von Satelliten mit leistungsstarken Lasern auf die Erde zu übertragen. NZZ vom 4.8.2023: Solarkraftwerke im Weltraum: "Eine utopische Idee nimmt Gestalt an" von Karl Urban.
Man kann sagen, dass er nach der Entdeckung des Induktionsmotors 1882, der Karriere in Edisons Firma in Europa und der Übersiedlung nach Amerika eine erstaunliche Karriere als Entdecker und Erfinder gemacht hat, er wurde von der Fachwelt und der Öffentlichkeit gewürdigt und gefeiert. Das Ende dieser erfolgreichen Phase wird m.E. durch das Scheitern des Wardencliff Towers 1906 eingeleitet, eines 'weltweiten Systems der Informationsübertragung', das Dienste wie Nachrichten über Radio, Funktelefon u.a. anbieten und auch der Übertragung von Energie dienen sollte. Dieses Projekt scheiterte aus finanziellen und aus Gründen der technischen Realisierbarkeit. Er arbeitete immer weiter an seinem 'Welt-System', während die Öffentlichkeit und auch die Fachwelt sich nach dem Ende des ersten Weltkrieges immer stärker von dem zunehmend eigenartiger werdenden Tesla und seinen Ideen abwendet. Außerdem versuchte er in seiner zweiten Lebenshälfte mit intelligenten Wesen im Weltall zu kommunizieren. Das Leben auf dem Mars war damals ein Thema von öffentlichem Interesse, sogar Ingenieure gründen parapsychologische Gesellschaften und suchen seinen Rat (Tesla, S.105). Er war allerdings überzeugt, dass man kosmische Energie für die Stromerzeugung nutzen könnte, was alles dazu führte, dass er bis in die heutige Zeit eine Anhängerschaft von Esoterikern bekam und hat, von deren Theorien er sich abgrenzte, "es gibt keine Grundlage für spirituelle und übersinnliche Phänomene"(Tesla, S.107), was ihm aber nichts nützte und seinem Ruf in der Fachwelt nicht gut tat. Er arbeitet in den 20er und 30er Jahren immer weiter an Erfindungen, hatte aber nicht mehr die Ausstattung, um seine Ideen experimentell zu überprüfen und stirbt nahezu vergessen und einsam 1943.
Unter anderem durch zwei junge Erfinder, die die ersten Elektroautos bauten und ihre Firma, die später von Elon Musk aufgekauft wurde, nach Tesla benannten, wurden sein Name und seine Leistungen der Öffentlichkeit hier wieder bekannter.
Zu Erfolg und Scheitern in Entdeckerkarrieren und wie beides vom Entdecker selbst, von der Öffentlichkeit und der Fachwelt bewertet werden:
Das Foto zeigt die Titelseite der Zeitschrift „Electric Experimenter“ vom Januar 1919, die seine Autobiographie „My Inventions“ in drei Teilen druckte. Das Foto stammt aus der von Iwona Rudinska erstellten und editierten „The Tesla Collection“ von Zeitschriftenartikeln. http://www.teslacollection.com
An seiner Entdeckerbiografie sind die Triebkräfte des Entdeckens und Erfindens, seine revolutionäre Umorientierung von Materie auf Energie als Untersuchungsobjekt, sein wie ich es genannt habe "Ideenrausch“, der beständigen Strom von Einfällen, der zu Hunderten von Entdeckungen geführt hat, bemerkenswert wie auch seine extrem ausgebildetes Talent, in der Vorstellungswelt zu arbeiten und zu erfinden. Weiterhin die Besonderheit, dass er in einem gleich starken Maße sowohl Entdecker wie auch Erfinder war, der in der Lage war, die Geräte zu bauen, die die von ihm entdeckten naturwissenschaftlichen Phänomene und Gesetzmäßigkeiten nutzen und demonstrieren konnten und zu verkäuflichen Produkten wurden. Als Gründer und Unternehmer war er weniger begabt und erfolgreich, sein Glück bestand im Entdecken und Erfinden, was ihn beständig in finanzielle Nöte und Abhängigkeiten von Geldgebern brachte. Die Zweiteilung der Karriere in eine Phase des Erfolgs und eine des Scheiterns, nimmt man die Bewertung der Öffentlichkeit und die Fachöffentlichkeit als Maßstab, verursacht durch eine für sie fragwürdige Grundannahme und die Veränderungen seiner Persönlichkeit, gehört auch zu den Besonderheiten dieser Entdeckerkarriere.
Eine Darstellung seiner Biografie findet sich auf Wikipedia https://de.wikipedia.org/wiki/Nikola_Tesla
Seine kurze und lesenswerte Autobiographie „Meine Erfindungen“ ist eine Übersetzung der 1919 im "Electric Experimenter" veröffentlichten Artikelserie „My Inventions“.
Eine auch für Laien empfehlenswerte kurze, objektive und fachlich versierte Beschreibung und Bewertung seiner wesentlichen Entdeckungen, Erfindungen und Patente kann man auf der Webseite des Deutschen Marken- und Patentamtes nachlesen. Bilder seiner Erfindungen, Technische Zeichnungen und die originalen Patentbeschreibungen vermitteln Interessierten eine Vorstellung und Experten Daten und Fakten. https://www.dpma.de/dpma/veroeffentlichungen/meilensteine/besondereerfinderinnen/nikolatesla/index.html
Die folgenden Kommentare, die Bezug nehmen auf die in den sieben vorigen Menüpunkten vorgestellten Modellen, Triaden und Typologien des Entdeckens und der Entdecker sind grau hinterlegt. Auf die Merkmale des von mir entdeckten Karriereankers z.B.: (Merkmal 4) beziehen sich die Zahlen in Klammern. Hier der Link zum Nachlesen und Abgleichen Der Entdeckeranker - Merkmale von Entdeckerkarrieren
Die Triebkräfte des Entdeckens
Nikola Tesla macht seine Entdeckungen und Erfindungen Ende des 19. Jahrhunderts, einer Zeit, in der die Industrialisierung in vollem Gange ist. Maschinisierung und Mechanisierung von Produktionsvorgängen, die Entwicklung der Infrastruktur für die Distribution der Waren durch Straßen und Eisenbahnbau und die Notwendigkeit Kommunikationsmedien zu schaffen, die über große Distanzen hinweg diese Prozesse unterstützen können, kennzeichnen diese Epoche. Der Energiebedarf steigt plötzlich massiv an und es stellt sich zusätzlich das Problem, wie man Energie über längere Strecken transportieren kann. Es gibt noch keine Elektrifizierung, keine Stromleitungen über größere Entfernungen und auch noch keine drahtlose Übertragung von Radiowellen.
Im Gegensatz zu den Erfindern, die sich mit Materie und der Bewegung von Materie beschäftigen, interessiert sich Tesla von Anfang an für Energie, die im Gegensatz zu Materie unsichtbar ist. Weder Elektrizität, noch Radiowellen oder Frequenzen sind damals hinreichend erforscht, um sie nutzbar machen zu können. Während seines Ingenieursstudiums, das er 1875 in Graz beginnt, entwickelt er eine Faszination für elektrische Maschinen und düpiert seinen Professor für Physik mit der Behauptung, dass ein Gleichstromapparat - Die Gramme Maschine, die als Motor und Generator genutzt werden konnte und eine absolute Novität darstellte - besser mit Wechselstrom laufen würde (Cheney S.36). Er muss aus finanziellen Problemen und sicher auch, weil er es sich mit den Hochschullehrern durch seine „unmöglichen Ideen“ gründlich verdorben hatte, die Polytechnische Schule ohne Abschluss verlassen.
Diese frühe Idee wurde zur Triebkraft für die Entwicklung eines Wechselstrommotors, dessen bahnbrechende Erfindung und Entwicklung ihm sechs Jahre später gelang (Merkmal 1).
In Teslas Karriere zeigen sich schon hier noch weitere Merkmale von Entdeckerkarrieren: Er stellt die Grundannahmen der Disziplin oder eines ihrer Fachgebiete infrage (Merkmal 7), lehnt die Regeln und die Kultur der auf Bewahrung ausgerichteten Institution ab (Merkmal 9), wird wiederum von deren Repräsentanten abgelehnt (Merkmal 10). Überdies zeigt er einen übergroßen und besorgniserregenden Arbeitseifer (Merkmal 2), er studiert vier Fächer: Mathematik, Chemie, Geologie und Sprachen und besteht neun Prüfungen im ersten Studienjahr. Sein Gesundheitszustand veranlasst die Hochschule, seinem Vater zu schreiben, der ihn nicht wie Tesla erwartet, hocherfreut beglückwünscht, sondern die Leistung herunterspielt, was Tesla, der von dem Brief nichts weiß, sehr kränkt.
Dass er sich in den Ingenieurswissenschaften und der Physik nun ausgerechnet für elektrische Energie interessiert, hat meines Erachtens Ursachen, die in seiner Biografie und Physis zu finden sind und zu Triebkräften seiner Erfinder- und Entdeckerkarriere wurden. Die folgenden Zitate wurden im Menüpunkt "Triebkräfte" schon einmal als Beispiel verwendet. Dort finden Sie ein Modell der Triebkräfte und Erläuterungen dazu, was hier darunter verstanden wird. Triebkräfte
“In meiner Kindheit litt ich an eigenartigen Beschwerden, bei denen mir oft von Lichtblitzen begleitete Bilder erschienen, die meine Sicht auf reale Dinge behinderten und mein Denken und Handeln beeinträchtigten. Es waren Bilder von Dingen und Vorgängen, die ich wirklich gesehen hatte und niemals von solchen, die ich mir nur eingebildet hatte. Wenn man mir ein Wort sagte, erschien das Bild dieser Sache lebendig vor meinen Augen und manchmal war ich nicht in der Lage zu unterscheiden, ob man das, was ich sah, anfassen konnte oder nicht. Dies erzeugte in mir großes Unwohlsein und Angst.“ (Tesla, S.13)
„Ich war ungefähr zwölf Jahre alt, als es mir erstmals gelang, ein Bild durch bewusste Bemühungen zu verdrängen, aber ich hatte nie irgendeine Kontrolle über die Lichtblitze, die ich beschrieben habe. Sie waren meine seltsamste Erfahrung und unerklärlich. Manchmal habe ich die ganze Luft um mich herum in züngelnden Flammen gesehen.“ (Tesla, S.18)
In Paris arbeitet er in einer Fabrik und stellt nach einem Ausflug auf das Land mit frischer Luft folgende Reaktion seines Körpers fest: “Bei meiner Rückkehr in die Stadt empfand ich eine positive Wirkung auf mein Gehirn, als ob es Feuer gefangen hätte. Ich sah ein Licht, als sei eine kleine Sonne darin eingeschlossen, und ich verbrachte die ganze Nacht mit dem Auflegen von kalten Kompressen auf meinen gequälten Kopf. Schließlich verringerte sich die Häufigkeit und Stärke der Blitze, aber es dauerte mehr als drei Wochen, bis sie ganz aufhörten. (Tesla, S.18)“
„Diese Lichtphänomene hatte ich immer wieder, wenn zum Beispiel eine neue Idee meinen Kopf auftauchte, aber sie war nicht mehr verstörend und von relativ geringer Intensität."(Tesla, S.19)
Tesla vermutet, dass es sich um eine erbliche Vorbelastung handelt, da auch sein Bruder Lichtblitze wahrnahm, die seine Sehkraft in Momenten der Erregung behinderten. Nikola entwickelt Mechanismen, um diese bedrohlichen Phänomene kontrollieren zu können. Er trainiert seine Imaginationskraft, indem er andere Bilder erzeugt, die schließlich, wie er sagt, die Konkretheit der wirklichen Dinge annahmen:
„Ich entdeckte bald, dass es mir am besten ging, wenn ich einfach mit meiner Vision weiter und weiter ausholte, und so begann ich zu reisen, mit ständig neuen Eindrücken, natürlich nur in meiner Fantasie. (…) Das habe ich ständig wiederholt bis ich 17 Jahre alt war und mein Denken sich ernsthaft den Erfindungen zuwandte. Dabei bemerkte ich, dass ich mit größter Leichtigkeit mit meinem geistigen Auge sehen konnte. Ich brauchte keine Modelle, Zeichnungen, oder Versuche. Ich konnte sie als wirkliche Dimension in meiner Vorstellung sehen so habe ich mit der Zeit unbewusst etwas entwickelt, was ich als neue Methode der Materialisierung von Konzepten und Ideen betrachtet. (Tesla, S.15-16)
Seine Erfinder- und Entdeckertätigkeit hat ihre ihm vermutlich unbewussten Motive in dem Versuch, die Kontrolle über die Blitze zu gewinnen, indem er sie selbst erzeugt, sich ihrer zu bemächtigt, statt sie zu erleiden.
Er erzeugt mithilfe seiner Apparate elektrische Entladungen, die wie Blitze aussehen. Das folgende Foto ist eine Montage, er wohnt natürlich nicht dieser mehrere 1000 Volt starken Entladung direkt bei.
Nikola Tesla with his Equipment
Tesla in seinem Labor in Colorado Springs, Dezember 1899. Diese Aufnahme kam als Mehrfachbelichtung zustande: Während der Blitzentladungen befand sich Tesla nicht im Raum.
Photographer: Dickenson V. Alley Restored by Lošmi Title: Nikola Tesla, with his equipment https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Nikola_Tesla,_with_his_equipment_EDIT.jpg
Anders als bei anderen Entdeckern liegen die Triebkräfte für die Entdeckung nicht in der Faszination durch Dinge in der Außenwelt, die ihre Vorstellungswelt anregen, sondern in ungewöhnlichen körperlichen Phänomenen, die Tesla antreiben, die Energie, die die Blitze erzeugt, zu verstehen und sie kontrollieren zu können.
Teslas Entdeckerkarriere wird nicht durch soziokulturelle, sondern in erster Linie durch biogenetische Triebkräfte und in zweiter Linie durch subjektive wie Wille und Wissen angetrieben!
Seine Physis weist möglicherweise noch mehr Besonderheiten als die Produktion von Lichtblitzen auf. So kann er Strom mit hoher Voltzahl durch seinen Körper strömen lassen, ohne Schaden zu nehmen. Dieses Experiment zeigt er in seinem Labor ausgewählten Gästen wie Mark Twain, die um seine Silhouette herum einen Halo, einen Lichthof sehen, kleine Lichtpunkte, die wie Flammen aus seinem Körper herauszucken. "Der junge Mann ist buchstäblich ein lebender Elektrodraht." sagt einer der Gäste (Cheney S.20). Tesla tut das als Spielerei ab und erklärt, dass hohe Voltzahlen auf der Oberfläche der Haut keine Verletzungen verursachen, während Niedrigstrom, der unterhalb der Haut fließe, töten könne (Cheney, S. 21). Diese Demonstration wird mit einem Bild von Tesla zum Aufmacher für Zeitschriften und trägt zu seinem Ruhm bei.
Vermutlich ist Tesla überdies hochsensibel: "Mein Sehen und Hören waren immer außergewöhnlich. Ich konnte Gegenstände in der Ferne deutlich wahrnehmen, wenn andere überhaupt nichts sahen.(...) Im Jahr 1899, als ich jenseits der 40 war und meine Experimente in Colorado fortsetzte, konnte ich klar Donnerschläge aus einer Entfernung von 550 Meilen hören. Die Hörgrenze meiner jungen Mitarbeiter war aber kaum weiter als 150 Meilen." (Tesla, S.53). Er beschreibt noch zahlreiche weitere Phänomene seiner "Nervenkrankheit", die von Ärzten und Psychologen zu seinem Bedauern nicht verstanden wurde und als unheilbar galt.
Die Abbildung des Artikels "Our foremost Electrician" aus der Zeitung "The World" von 1894 stammt ebenfalls aus der von Iwona Rudinska erstellten und editierten „The Tesla Collection“. http://www.teslacollection.com
Revolutionäre Entdeckungen und Erfindungen
Spiegelung zwischen Entdecker und Entdecktem
Seine Fähigkeit sich selbst zu beobachten, seine über Jahre trainierte Vorstellungskraft hilft ihm Entdeckungen zu machen und in Erfindungen umzusetzen. Auch scheut er sich nicht davor, ungewöhnliche Selbstbilder zu entwickeln:
“ Mir wurde bald zu meiner Überraschung bewusst, dass jeder Gedankengang, den ich entwickelte, durch einen äußeren Eindruck erzeugt wurde. Nicht nur dieses, sondern all meine Handlungen wurden auf ähnliche Weise hervorgerufen. Im Laufe der Zeit wurde mir deutlich, dass ich ganz offensichtlich lediglich ein Apparat war, der sich bewegen konnte und von den Sinnesorganen gesteuert wurde, was ein entsprechendes Denken und Handeln bewirkte. Die praktische Folge war die Technik der Fernsteuerung, die bisher nur in einer unvollkommenen Weise vorhanden war. Die ihr innewohnenden Möglichkeiten werden jedoch allmählich sichtbar. Ich habe seit Jahren ferngesteuerte Geräte geplant, die sich so bewegen, als besäßen sie in einem begrenzten Umfang Vernunft, und die in der kommerziellen und industriellen Welt eine Revolution erzeugen werden.“ (Tesla, S.17-18)
Tesla erfindet Ende des 19. Jahrhunderts die Fernsteuerung und Vorläufer dessen, was wir heute als Roboter, er spricht von Automaten, bezeichnen würden, so fährt z.B. Beispiel das erste ferngesteuerte "Roboterschiff" 1897 auf dem Hudson River (Cheney, S. 156f.)
Ein Beispiel dafür, wie er in umgekehrter Weise eine Erfindung zur Selbstbeschreibung nutzt: Tesla spricht von "widersprüchlichen Gefühlen, die in meinem Kopf wie Kondensator-Oszillatoren brannten"(Tesla, S.66).
Vielleicht ist seine Fähigkeit sich selbst als Modell für das zu Entdeckende zu nehmen und sich im Entdeckten wieder zu finden, zu spiegeln, einer der Erfolgsfaktoren des Entdeckens, zumindest bei Tesla. Diese Fähigkeit ist vermutlich durch das Verstehen und Bearbeiten seiner körperlichen Besonderheiten entstanden. Aus dem Leiden an diesen körperlichen Phänomenen und dem Willen zu deren Beherrschung entwickelten sich seine innovativen Ideen und seine Entdeckungen.
Die Fähigkeit sich in anderen zu spiegeln und andere in sich zu spiegeln, kenne ich aus meiner jahrelangen Beratungstätigkeit. Wenn sich Professionals nicht mit ihren Klienten Patienten etc. identifizieren können, wenn Handwerker und Arbeiter ihr zu schaffendes Werk nicht emotional besetzen können und sich in ihm spiegeln können, wenn sich Manager nicht mit ihrem Unternehmen identifizieren, sich also von ihm in ihrem Selbstbild beeinflussen lassen und es gleichzeitig durch ihre Werte und Ideen prägen, wenn Wissenschaftler, z.B. Historiker nicht Teil der Zeit werden können, die sie untersuchen, in sie abtauchen können, dann sind alle diese Menschen anderen nicht hilfreich oder machen keine großen Entdeckungen. Dahinter steht unsere Annahme der Eigenschaft von Materie, sich in anderer Materie spiegeln zu können.
Margaret Cheney bestätigt diese Wechselwirkung, vermutlich ohne das Konzept der Spiegelung zu kennen. Die folgenden Passage bezieht sich auf das obige Zitat von Tesla: "Aus diesen Betrachtungen entwickelte der junge Tesla zwei Vorstellungen, die - auf ziemlich verschiedene Weise - für sein späteres Leben von Bedeutung sein sollten. Die ersten beinhaltete, daß Menschen adäquat als 'fleischliche Maschinen' anzusehen seien. Die zweite bestand darin anzunehmen, daß Maschinen für alle praktischen Zwecke menschengleich gemacht werden könnten. Die erste Idee hat vielleicht nicht dazu beigetragen, seine Geselligkeit zu fördern, aber die zweite führte ihn tief in die seltsame Welt dessen ein, was er 'Teleautomation' oder 'Robotik' nannte.(Cheney S. 33)
Visionäre Ideen
Was ihn auszeichnet ist, dass er sich von seinen Visionen leiten lässt, z.B. dass" Maschinen dazu gebracht werden (sollen, KRG), alles zu tun, was ein Mensch tun kann, einschließlich des urteilenden Handelns auf der Basis von Erfahrungen." (Cheney, S.33), worin die Menschheit mittlerweile ein ganzes Stück weiter gekommen ist. Oder die Vision natürliche und überall vorhandene Energie zum Wohle der Menschen nutzbar zu machen und dafür Apparate und technische Geräte zu erfinden, die die Speicherung, Umformung und Weiterleitung der Energie ermöglichen. Er erarbeitet Lösungen für nahezu alle Probleme, die mit elektrischer Energie zu tun haben, erfindet die ‚Teslaspule‘ (Transformator), mehrere Wechselstrommotoren und -transformatoren, also ganze Wechselstromsysteme, die den Gleichstrom, der nur über kurze Entfernungen transportiert werden konnte, ablösen werden, und erfindet einen Apparat zur Gewinnung von Solarenergie, die erst Jahrzehnte später relevant wird. "Tesla hält 1891 40 Patente auf Mehrphasenmotoren und -transformatoren und sein Stromverteilersystem" (Cheney, S. 360). Die erste je gezeigte Radioübertragung demonstriert er 1893 bei der "Electric Light Association in St. Louis".
Viele seiner Entdeckungen und Erfindungen sind der Zeit weit voraus, sie werden in ihrer Bedeutung nicht verstanden, geraten in Vergessenheit oder werden bekämpft von Konkurrenten, die die Ersetzung ihrer Systeme durch die neuen befürchten, zum Beispiel im sogenannten ‚Stromkrieg‘ mit Edison, wo es um die Ersetzung des von Edisons favorisierten Gleichstroms durch Wechselstrom ging. Man muss sich vorstellen, dass zu dieser Zeit die Städte und Häuser dunkel und unbeleuchtet waren, und Edison als cleverer bis verwegener Geschäftsmann versucht, das ganze Land zu elektrifizieren, was ihm mit Gleichstrom aber nicht möglich war. Wechselstrom und Teslas Apparaturen setzen sich erst durch, als George Westinghouse, ein Ingenieur und Unternehmer das Management und die Vermarktung übernimmt, während Tesla sich seinen nächsten Erfindungen zuwendet. Den Durchbruch bringt die Übernahme der gesamten Strom- und Lichtversorgung der Weltausstellung in Chicago 1983 mit Teslas System, die Westinghouse gemanagt hat, während Tesla die technische Ausführung übernimmt.
Teslas Karriere hätte vermutlich nicht diesen erfolgreichen Aufschwung genommen, wenn nicht jemand mit Qualifikationen und Leidenschaften, die der Erfinder nicht hat, mit ihm eine Kooperation eingegangen wäre (Merkmal 5). Westinghouse war auch Ingenieur, was ihm vermutlich die Akzeptanz von Tesla einbrachte, aber eben auch ein guter Unternehmer und Manager, der sich im 'Stromkrieg' gegen Edison durchzusetzten vermochte.
Die stärkste visionäre Kraft steckt m.E in seinem "Welt-System der drahtlosen Übertragung", einer Kombination verschiedener Entdeckungen, die er in seiner experimentellen Forschung gemacht hat. Der von vom ihm beschriebene Nutzen dieses Systems liest sich heute wie eine Beschreibung der kommunikativen Medien, die wir in unserer Informationsgesellschaft tagtäglich nutzen (Tesla S.84-85).
Postkarten von New York und persönliche Gegenstände von Tesla im Museum des Hotels New Yorker in NY (Foto KRG)
Durchsetzung radikaler Innovationen
Tesla schreibt über die Schwierigkeiten, die die Durchsetzung radikaler Innovationen erzeugen: "Meine Maschine ist ein Fortschritt in dem Sinne, dass ihr Erfolg eine radikale Abkehr von antiquierten Antriebssystemen war, in die Milliarden von Dollar investiert worden sind. Unter solchen Vorbedingungen muss der Fortschritt langsam sein und das größte Hindernis, dem man sich gegenüber sieht, sind die Vorurteile in den Köpfen der organisierten Opposition." (Tesla, S.73-74) Gemeint ist der Induktionsmotor, seine bedeutendste Erfindung.
Tesla beschreibt hier die Folgen von Entdeckungen und Erfindungen, die die Grundannahmen einer Disziplin infrage stellen (Merkmal 7) und überdies auch noch durch das Überschreiten der Grenzen der Disziplin entstanden sind (Merkmal 8.).
Um mehrere der von Tesla angemeldeten Patente gibt es Rechtsstreitigkeiten, wie auch um Erfindungen; z.B. mit Guglielmo Marconi, der für seine Erfindung des Radios mehrere von Teslas Patenten nutzte, ohne die Lizenz dafür zu haben und deren Verwendung auch nicht kenntlich macht. Er kannte Teslas Vorträge über die Erfindung des Funks, wie Radio damals genannt wurde, und wusste von Teslas Demonstration drahtloser Übertragung elektromagnetischer Wellen zwischen einem Sender und einem Empfänger, die drei Jahre vor der Marconis Erfindung stattgefunden hatte. Die Erfindung des Radios wurde Tesla von einem amerikanischen Gericht erst Jahrzehnte später zugesprochen. Tesla kämpft nicht, sorgt nicht für seine finanzielle Basis, indem er z.B. Lizenzverstöße verfolgt, wie im Stromkrieg zieht er sich aus solchen Auseinandersetzungen meist zurück und kümmert sich um seine neuen Ideen.
Vieles, was er entdeckt und erfunden, aber nicht weiterverfolgt hat, wurde erst 100 Jahre später wiederentdeckt und relevant. In den achtziger Jahren wurden z-B. seine Patente auf Schaltelemente, die vor Interferenzen von äußeren Einflüssen schützen, für die Entwicklung der Computertechnologie gebraucht (UND Schaltkreise) (Cheney, S. 165). Michael Krause nennt seine Biografie: „Wie Nicola Tesla das 20. Jahrhundert erfand“. Seine Ideen zur Nutzung von Sonnenenergie, Wasserkraft, Erdwärme und von Abgasen aus der industriellen Produktion fanden damals keine Beachtung, sie kamen zu früh.
Cheney schildert in dem Kapitel "Das Vermächtnis", welche seiner Ideen und Experimente heute wieder aufgegriffen und weitergeführt werden, wovon, wie sie vermutet, die meisten der militärisch relevanten wie der Hochspannungs-Partikelkanone geheim stattfinden (Cheney, S.354), zumal ein Großteil seiner Unterlagen nach seinem Tod verschwunden sind und Behörden wie das FBI und der Militärische Geheimdienst an Kopien gekommen waren (Cheney Kapitel: Die verschwundenen Papiere, S.338f). Auf der Website des FBI gibt es hunderte von mittlerweile freigegebenen geheimen Papieren, die letztlich nicht zu einer Klärung der Frage führen, was mit denen passiert ist, die nicht nach Belgrad an das Tesla Museum geschickt worden sind, was deutlich macht, für wie relevant Teslas Ideen der letzten Jahre, für die er keine Patente mehr beantragt hatte und die nicht veröffentlicht wurden, von den amerikanischen Behörden gehalten wurden. Teil 1 von 3 des Vault Nikola Tesla, S.5. Bericht des FBI Agenten Foxworth https://vault.fbi.gov/nikola-tesla
Bericht über die Durchsuchung des Hotelzimmers nach seinem Tod
Die erste große Entdeckung und sein Ideenrausch
Auf die Idee, dass man elektrische Motoren störungsfreier, schneller und haltbarerer konstruieren könnten, kam er schon während seines Studiums, als der mit Gleichstrom betriebene Gramme-Dynamo vorgeführt wurde und viele Fehler aufwies. Das war 1876, ihn beschäftige die von seinem Professor für absurd erklärte Idee, 'eine gleichförmig wirkende Kraft in eine Drehbewegung umzuwandeln' (Tesla, S. 51) immer weiter. Er machte Experimente, die nicht gelangen und erst 1882, sechs Jahre später, hat er die ‚zündende Idee‘ für die Lösung des Problems. Tesla beschreibt den Prozess des Entdeckens als durch seine beständig wiederkehrenden Krankheiten und finanziellen Probleme gefährdet. Seine Entschlossenheit dieses grundlegende Problem zu lösen, schildert er in dramatischer Weise: „In meinem Fall war es ein heiliger Schwur, eine Frage auf Leben und Tod. Ich wusste, dass ich untergehen würde, wenn ich keinen Erfolg haben würde. Jetzt fühlte ich, dass die Schlacht gewonnen war.“ (Tesla, S. 55)
Der Moment der Entdeckung des neuen Prinzips
Sie gelingt ihm völlig ungeplant 1882 auf einem Spaziergang mit einem Freund in Budapest, er beschreibt die Situation so: Angeregt durch die untergehende Sonne und eine Passage aus Goethes Faust, die ihm einfällt, findet er die Lösung für die Konstruktion des Induktionsmotors, die wie er sagt, tief im Inneren seines Gehirns lange verborgen lag und der er nun Ausdruck verleihen konnte. Mit ‚sie‘ meint er die Sonne:
„Sie rückt und weicht, der Tag ist überlebt,
Dort eilt sie hin und fördert neues Leben.“
“ Als ich diese inspirieren Worte sprach, kam die Idee wie ein Blitz daher und augenblicklich quoll die Wahrheit hervor. Ich malte mit einem Stock die Diagramme in den Sand, die ich sechs Jahre später in meiner Rede vor dem ‚American Institute of Electric Engineers‘ gehalten habe, und mein Begleiter verstand sie genau.“ (Tesla, S. 56)
Krause vermutet: „Durch die Verwendung von phasenverschobenem Wechselstrom, der ‚rückt und weicht' ‘‘, musste sein Motor rund laufen – das war die Lösung für den gesamten Wechselstrom.“ (Krause, S.61) So funktionieren alle Elektromotoren noch heute!
„Die Bilder, die ich sah, waren wundervoll scharf und klar und sie hatten die Festigkeit von Metall und Stein, und zwar derart, dass ich ihm sagte: ‚Sieh meinen Motor hier‘ “ (Tesla S.56) Hier fehlt der Satz aus dem Original in My Inventions :“See my motor here, watch me reverse it“ (Electric Experimenter 182, Teil 3, S.909), etwa: ‚Schau wie ich ihn rückwärts laufen lasse.‘
Und weiter:
„Ich kann meine Empfindungen nicht beschreiben: Ein wieder zum Leben Erweckter Pygmalion hätte nicht bewegter sein können, als er seine Statue sah. Tausend Geheimnisse der Natur, über die ich zufälligerweise hätte stolpern können, hätte ich eingetauscht für das eine, dass ich ihr gegen alle Widerstände und unter der Gefahr meines Lebens entrissen habe.“ (Tesla, S. 56)
Problematische Übersetzung, hier der Originaltext:
„A thousands secrets of nature, which i had wrested from her against all odds and at the peril of my existence“ (My Inventions 1919 Teil 3 S. 909)
Alternative Übersetzung: Tausend Geheimnisse der Natur, die ich ihr entgegen aller Widerigkeiten und unter Gefahr meiner Existenz entrissen hatte. Ich glaube nicht, dass er meinte, die Natur sei widerständig, wehre sich gegen ihre Erforschung, es war für ihn schwierig, auf diese revolutionäre Idee des phasenverschobenen Wechselstroms zu kommen.
Zähigkeit, Ausdauer, Opferbereitschaft, seine Intelligenz, das ausgeprägte Talent zur Nutzung seiner Vorstellungskraft, seine Intuition und letztlich der Glaube an seine revolutionäre Idee verhelfen ihm zu diesem Erfolg.
Es gelingt ihm erst ein Jahr später 1983, als er für die Continental Edison Company in Straßburg arbeitet, den Motor neben seiner Arbeit in einer Schlosserwerkstatt selbst zu bauen und dabei weitere Verbesserungen vorzunehmen.
Die Folgen der großen Entdeckung: Der Ideenrausch
Nachdem ihm diese grandiose Entdeckung gelungen ist und er spürt, dass er erfinden und entdecken kann und sich durchsetzen wird, kommt er in einen wahren Ideenrausch, der die nächsten Jahre anhält.
„Für einige Zeit gab ich mich vollkommen dem Hochgefühl hin, mir Maschinen vorzustellen und neue Formen zu entwickeln. Es war ein geistiger Zustand des Glücks in einer Vollkommenheit, wie ich ihn bisher in meinem Leben noch nicht erlebt hatte. Ich hatte permanent strömende Ideen, das einzige Problem war, sie auch festzuhalten. (…) In weniger als zwei Monaten entwickelte ich praktisch alle Typen von Motoren und deren Abwandlungen, die man heute mit meinem Namen verbindet (Tesla, S. 57, in My Inventions 1882 Teil 3/S.16)
In Phasen wie dieser arbeitet er ununterbrochen bis zur Erschöpfung und schläft meist nur zwischen drei und fünf Stunden.
In einem Interview mit einem Reporter des New York Herald im Jahr 1895, das Cheney zitiert, spricht Tesla von sich in der dritten Person: "So viele Ideen jagen durch seinen Kopf, daß er nur einige von ihnen festhalten kann, während sie dahinstieben, und von diesen bringt er nur für wenige die Zeit und die Kraft auf, sie zur Perfektion auszureifen. Und es geschieht sehr häufig, daß ein anderer Erfinder, der auf dieselbe Idee gekommen ist, ihm dabei zuvorkommt, eine davon auszuführen. Ah ich sage Ihnen, das tut einem in der Seele weh." ( Cheney S. 136)
“Seine Ideen in eine funktionierende Form zu bringen wurde ein immer größeres Problem für Tesla, da er fast allein arbeitete und von einem unaufhörlichen, rasenden Ideenfluss bestürmt wurde. Soweit bekannt ist, wurde sein Solarsystem nie kommerziell genutzt und er hatte dasselbe Problem mit seinen neuen Vakuum-Röhrenleuchten für die Fotografie. Robert Johnson schrieb er: ‚Ich bin zuversichtlich, für die Fotografie eine neue Lichtquelle erschlossen zu haben, die sich besser eignet als das Sonnenlicht, aber ich habe keine Zeit, sie zu perfektionieren.‘ “ (Cheney, S.152)
Ihm war es lieber, neue Ideen zu verfolgen als die alten in die Produktion zu bringen und zu vermarkten.
Patentieren lassen hat er zahlreiche, er soll zwischen 300 und 400 Patente halten, aber nicht alle seine Erfindungen hat er patentieren lassen. Als ihm sein Partner Westinghouse mitteilt, dass sie den Zuschlag erhalten haben, die gesamte Strom- und Lichtversorgung der Weltausstellung in Chicago 1893 zu installieren, was die erste und zugleich spektakuläre Präsentation von Teslas Erfindungen war, mochte er sich kaum von seinen neueren Forschungen über Radiowellen und die Erfindung eines Apparates für den ‚Rundfunk‘ lösen. (Cheney, S. 95-97). Er konnte schließlich einem Drittel der amerikanischen Bevölkerung, das die Ausstellung sah, seine Beleuchtung ‚der Stadt von morgen‘ mit Tausenden von Glühbirnen und einem mit Wechselstrom arbeitenden Netz präsentieren, was ihn schließlich doch recht glücklich und stolz machte und zur Durchsetzung des Wechselstroms erheblich beitrug. Den beständigen Strom an neuen Ideen, der Tesla antreibt, sein Ideenrausch, habe ich in der Intensität bei keinem der anderen Entdecker wiederfinden können.
Tesla prämiert die zwei Dimensionen der Triade Entdeckungspraxis: "Unbekanntes Entdecken", in diesem Fall der Prinzipien und Gesetze der Natur, stärker noch prämiert er als Ingenieur die Dimension "Neues Erfinden", den Bau von Apparaten, die diese Prinzipien nutzen; nicht aber "Neues Gründen", z.B. Firmen, die die Produktion dieser Apparate übernehmen.
Hat er verstanden, wie etwas funktioniert, ist er zufrieden und wendet sich der nächsten Entdeckung zu. Das ist der "Typ der Prozessorientierung" von Entdeckern: Wenn das Entdecken nicht endet. Tesla prämiert zweitens die Produktorientierung, das Erfinden von technischen Geräten, nicht aber den dritten Typ, die Selbstverwirklichung.
Die Kooperation mit Westinghouse, dem unternehmerisch begabten Erfinder, der ihm die Verbreitung und Durchsetzung phasenweise abnahm, war für ihn ideal.
Was kennzeichnet den Entdecker und Erfinder Nicola Tesla?
Der Sinn seiner Entdeckungs- und Erfindungspraxis
Teslas Autobiografie ‚My Inventions‘ beginnt mit folgenden Sätzen:
„The progressive developement of man is vitally dependent on invention. It ist now the most important product of his brain. Its ultimate purpose is the complete mastery of mind over the material world, the harnessing of the forces of nature to human needs. This is the difficult task of the inventor who is often misunderstood and unrewarded. But he finds ample compensation in the pleasing exercises of his power and in the knowlege of being one of the exceptionally privileged class without whom the race would have long ago perished in the bitter struggle against pitiless elements.
(Tesla My invention Part 1, 1919, S. 696).
„An inventor‘s endeavour ist essentially lifesaving. Whether he harnesses forces, improves devices, or provides new comforts and conveniences, he is adding to the safety of our existence.“ (1919, Part 2, S. 839).
Hier die deutsche Übersetzung: ‚invention’ mit ‚technologischer Entwicklung‘ zu übersetzen und nicht nur dieses Wort, halte ich für problematisch, deshalb das Original.
“Die permanente Entwicklung der Menschheit ist entscheidend abhängig von der technologischen Entwicklung. Sie ist das wichtigste Produkt des schöpferischen Geistes des Erfinders. Ihr letztendlicher Zweck ist die totale Herrschaft des Geistes über die materielle Welt, die Nutzung der Naturkräfte für die menschlichen Bedürfnisse. Dies ist die schwierige Aufgabe des Erfinders, der oft missverstanden wird und unbelohnt bleibt.“ (Tesla, S. 7)
„Das Streben des Erfinders ist vornehmlich der Erhalt von Leben. Ob er die Kräfte nutzbar macht, Geräte verbessert, oder neuen Komfort und neue Annehmlichkeiten schafft, so erhöht er die Sicherheit unserer Existenz“ (Tesla, S.29)
Er will einen Beitrag zur Entwicklung der Menschheit liefern, dabei geht es ihm sowohl um die Verhinderung von Kriegen, um die Nutzung der Energien der Natur für die Befriedigung des zunehmenden Energiebedarfs der Menschheit und die Entwicklung 'automatischer Maschinen', “die quasi mit einer eigenen Intelligenz ausgestattet sind und deren Erscheinen eine Revolution auslösen wird.“ (Tesla, S.114).
Er ist in der Lage, die Zonen der nächsten Entwicklung vorauszusehen, für die seine Entdeckungen und Erfindungen einen Beitrag leisten sollen. “Der ‚Funkverstärker‘ war das Ergebnis einer sich über Jahre erstreckenden Arbeit, deren Hauptziel die Lösung von Problemen war, die für die Menschheit [sic!] unendlich viel wichtiger waren als die bloße industrielle Entwicklung.“ (Tesla, S. 74). „Ich fühle mich zu dieser Voraussage (dass die Erfindung des Funkverstärkers sich für künftige Generationen als am wertvollsten erweisen wird, KRG) gedrängt, nicht so sehr durch die Überlegung, welche kommerzielle und industrielle Revolution sie sicherlich nach sich ziehen wird, sondern wegen der humanitären Folgen der vielen Errungenschaften, die sie wohl ermöglichen wird. Reine Nützlichkeitserwägungen wiegen den höheren Segen für die Zivilisation [sic!] nicht auf.“ (Tesla, S. 92)
Aus diesem Zitat wird deutlich, dass ihm das Wohl der Menschheit wichtiger als alles andere ist. Dass er sich wie auch Marie Curie und andere darin getäuscht hat, wie ihre Entdeckungen und Erfindungen verwendet werden, liegt auf der Hand. Weder die Möglichkeit zur weltweiten drahtlosen Kommunikation, noch die Erfindung abschreckender Waffen, die mit Fernbedienungen gesteuert werden, haben Kriege verhindern können (Tesla, S.100 und 115). Allerdings hatte er mit vielen seiner Visionen recht, die Drahtlosübertragung, die Gewinnung von Energie aus den Naturkräften, die Entwicklung von Robotern, die die Arbeit der Menschen erleichtern und intelligenter Systeme.
Entdecker und Erfinder haben es nicht in der Hand, ob Ihre Praxis und deren Produkte die von ihnen gewünschten Zwecke erfüllen und die erhofften Wirkungen auf die menschliche Kultur haben und sie in diesem Sinne verändern.
Tesla gibt seiner Entdeckungs- und Erfindungspraxis also einen dreifachen Sinn: Einen individuellen, einen sozialen und einen kulturellen.
Für Tesla hat seine Praxis des Entdeckens und Erfindens nicht nur einen individuellen Sinn, also Ziele zu erreichen, die er sich gesetzt hat, wie ein Weltsystem der drahtlosen Energieübertragung zu schaffen. Und er hat auch nicht nur das Wohl einzelner Menschen im Auge. Er gibt ihr einen sozialen Sinn, sie soll eine Funktion für viele Menschen, für soziale Gemeinschaften haben, ihnen ihr Leben leichter und einfacher zu machen. Und er hat den Wunsch, dass die von ihm erfundenen Artefakte, also die technischen Geräte und die Systeme die Kraft besitzen, eine Wirkung auf die Menschheit zu entfalten und die menschliche Kultur, er spricht von Zivilisation, zu verändern. Er versteht sich als kulturelles Wesen und seine Praxis auch als kulturelle Praxis, deren Zweck es ist kulturellen Sinn zu stiften. Er will die menschliche Kultur durch seine Erfindungen und technischen Artefakte bereichern. Damit stellt er sich in die Tradition vieler Entdecker vor ihm.
Zur Unterscheidung von individueller, sozialer und kultureller Praxis und von individuellem, sozialen und kulturellen Sinn der Praxis in unserer der Theorie der Triadischen Praxis hier mehr:
→ Lexikonartikel Individueller Sinn
Individuelle Praxis verfolgt Ziele, die sich der Praktiker gesetzt hat. Wirkrichtung: Praktiker auf seine Praxis → Lexikonartikel Kultureller Sinn
Kulturelle Praxis hat den Zweck die menschliche Kultur zu verändern. Wirkrichtung: Hier wirkt das Produkt, das Artefakt auf die Menschheit → Lexikonartikel Sozialer Sinn
Soziale Praxis hat Funktionen für andere Menschen, Gemeinschaften, soziale Systeme. Wirkrichtung: Der Erfinder wirkt auf die Menschen
Die Theorie der Triadischen Praxis hat ein energetisches Verständnis von Sinn: „Der Energetische Sinnbegriff behandelt den Sinn als Kraft mit einer Wirkrichtung. Sinn setzt Energie frei und verbraucht sie.“ Das kann man sehr gut an Teslas Karriere sehen, sein persönliches Ziel und die kulturellen Zwecke seiner Erfindungspraxis geben ihm immer wieder die Energie weiterzumachen und sich nicht entmutigen zu lassen, dass sie an ihm zehren kann man auch sehen. Unser energetisches Verständnis von Sinn passt im übrigen sehr gut zu Teslas Fokussierung auf Energie in seiner Entdeckungspraxis und in Bezug auf sich selbst. → Lexikonartikel Sinn
Es ist klar, dass alle Entdeckungen einen dreifachen Sinn haben. Aber niemals geben die drei Dimensionen der Praxis eine gleiche Kraft. Mal überwiegt der persönliche Geltungsdrang – und dann wird auch eher der Nutzen für einzelne Menschen ins Auge gefasst. Mal geht es um das Wohl von sozialen Gemeinschaften, es wird zu Nutzen eines Unternehmens, einer Glaubensgemeinschaft, der Wissenschaftlichen Community oder eines Staates usf. geforscht und entdeckt. Der Adressat der Entdeckung ist dann eine soziale Gemeinschaft. Und der Entdecker fühlt und typisiert sich als Teil dieser Gemeinschaft.
Bei Tesla steht das bessere Leben und Überleben der Gattung Mensch, also der Menschheit im Vordergrund. Er fühlte sich die meiste Zeit seines Lebens nicht zu einer Nation oder einem Volk zugehörig. Diese Prämierung dürfte also in seiner Lebensgeschichte begründet sein. Er ist in Kroatien als Sohn einer serbischen Familie geboren, musste immer wieder aus sozialen Gemeinschaften in andere hinüberwechseln, hat in vier Ländern gelebt, bis er im fünften, in Nordamerika - zumindest in den Zeiten seines Erfolges - sich als zugehörig erlebte.
Die unterschiedliche Wertschätzung der drei Typen von Sinn sagt viel über die Karriere von Entdeckern aus. Um die Triebkräfte von Entdeckern zu erkennen, lohnt es, zu erkunden, welche Sinndimension ihnen die meiste Kraft für ihre Praxis gegeben hat, gibt und in Zukunft geben kann.
Tesla Museum im Hotel New Yorker in NY - Alle Fotos vom Besuch im Juni 2025 KRG
Belohnungen des Entdeckers
Die Belohnung für diese Mühe und Opferbereitschaft:
„Speaking of myself , I have already had more than my full measure of the exquisite enjoyment, so much that for many years my life was little short of continuous rapture.“
(Tesla My invention Part 1, 1919, S. 696).
„Was mich betrifft, so hatte ich bereits in übervollem Maße dieses außerordentliche Vergnügen und zwar dermaßen, dass mein Leben fast einem nicht endenden Rauschzustand glich. Man hat mir bestätigt, dass ich einer der am härtesten arbeitenden Menschen sei, und vielleicht bin ich das auch. Wenn Gedankenarbeit nämlich das Äquivalent für körperliche Arbeit ist, habe ich die meiste Zeit meines Lebens mit Denken verbracht. Wenn Arbeit jedoch gemäß einer eisernen Regel als eine bestimmte Leistung in einer gegebenen Zeit gilt, dann bin ich der vielleicht einer der größten Müßiggänger. Jede Bemühung unter Zwang erfordert ein Opfer an Lebensenergie. Solch einen Preis habe ich nicht gezahlt. Ganz im Gegenteil, mein Denken hat mir immer Freude bereitet.“ (Tesla, S.7-8)
Die folgenden Sätze stammen aus dem Interview mit dem Reporter der New York Herald von 1895, einer Phase seiner Karriere, in der er immer größere Erfolge mit seinen Entdeckungen hatte und immer bekannter wurde, allerdings auch die Katastrophe erlebte, dass ein Brand sein Labor und damit einen großen Teil seiner erfundenen Apparate unwiederbringlich zerstörte.
„Im Grunde ist mein Leben sehr glücklich, glücklicher als irgendein Leben, dass ich mir vorstellen kann (…) Ich glaube, es gibt keinen Nervenkitzel, der das menschliche Herz höher schlagen lässt, als der, den der Erfinder verspürt, wenn er sieht, wie einige seiner geistigen Schöpfungen sich erfolgreich entfalten. Solche Gefühle lassen einen Mann das Essen vergessen, den Schlaf, Freunde, Liebe, einfach alles.“ (Cheney, Seite 137)
Empfang für den jugoslawischen König in Teslas Hotelzimmer im Hotel New Yorker in NY - Foto aus dem Museum im Hotel
Autobiographie
Nikola Tesla: Meine Erfindungen, König Verlag, Greiz 2019. Es handelt sich um eine Neuübersetzung der in der Zeitschrift Electric Experimenter 1919 veröffentlichten sechsteiligen Serie „My Inventions“
Electric Experimenter 1919, Die 6 Zeitschriftenartikel sind auf der Website „The Tesla Collection“, editiert von Iwona Rudinska, zu finden http://www.teslacollection.com
Biographien
Margret Cheney: Nikola Tesla – Erfinder, Magier, Prophet – Über ein außergewöhnliches Genie und seine revolutionären Entdeckungen, Omega Verlag 1995, engl. Tesla – Man Out Of Time, Prentice Hall, Englewood Cliffs 1981
Michael Krause: Wie Nikola Tesla das 20. Jahrhundert erfand. Wiley-VCH Verlag, Weinheim 2010
Thomas Bührke: Genial gescheitert – Schicksale großer Entdecker und Erfinder. DTV Verlag 2012, „Die Umgürtelung des Erdballs mit elektrischen Impulsen“ S.59-82
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Kunst machen müssen: Sinn, Triebkraft und Berufung
„Ich male, wie ich atme.“ (ÜK 8)
„Die Malerei ist stärker als ich, sie heißt mich tun, was sie will.“ (ÜK 78)
„Aber wenn es um ein Bild geht, denken die Leute, sie müssen es verstehen. Wenn sie nur vor allem erst einmal begreifen würden, daß ein Künstler schafft, weil er schaffen muss, daß er selber nur ein unbedeutendes Teilchen der Welt ist und daß ihm nicht mehr Aufmerksamkeit zugewendet werden sollte als vielen anderen Dingen auch, die uns in der Welt erfreuen, obwohl wir sie nicht erklären können. (W&B 45)
„Im Grunde kommt alles nur auf uns selbst an. Man hat eine Sonne mit 1000 Strahlen im Leib. Alles Übrige zählt nicht. Einzig deshalb ist Matisse Matisse. Er trägt diese Sonne im Leib, und nur deshalb geschieht von Zeit zu Zeit etwas.“ (W&B 29)
„Was immer auch der Ursprung des Triebes sein mag, der mich zum Schaffen zwingt, ich will ihm eine Form geben, die einen gewissen Bezug hat zur sichtbaren Welt, und sei es auch nur, um mit dieser Welt Krieg zu führen. Sonst ist Malerei nicht mehr als irgend ein Glückstopf, in den jedermann greifen und sich herausziehen kann, was er selbst hineingeworfen hat.“ (FG 225)
„Woher ich diese Kraft des Schöpfens und Gestaltens habe? Ich weiß es nicht. Ich habe nur einen Gedanken: Die Arbeit.“ (ÜK 9)
Energie: „Ich verschwende die meine auf eine einzige Sache: meine Malerei. Alles andere wird ihr geopfert - du und jeder andere - einschließlich meiner selbst.“ (FG 294)
„Ich bin kein Pessimist, ich verabscheue die Kunst nicht, denn ich könnte nicht leben, ohne ihr nicht all meine Zeit zu widmen. Ich liebe sie als meinen einzigen Lebenszweck. Alles, was ich im Zusammenhang mit der Kunst tue, bereitet mir die größte Freude. Doch deshalb sehe ich noch lange nicht ein, weshalb alle Welt sich die Kunst vornehmen, ihr die Beglaubigungsschreiben abverlangt und ihrer eigenen Dummheit in Bezug auf dies Thema freien Lauf lässt.“ (W&B 46)
Girl before a Mirror 1932 (M.T.Walter) Museum of Modern Art NY (Foto KRG)
Maximen für Entdecker
Picasso folgt wie andere Entdecker diesen Maximen, die ich bei meinen Analysen der karrieresteuernden Triebkräfte gefunden habe. Die Mission ist in seinem Fall nicht die Entdeckung von naturwissenschaftlichen Gesetzen oder von Materie wie bei den Curies, oder die bisher unbekannter Teile unseres Kosmos, sondern die Mission neuartige Kunstwerke zu schaffen und neue Kunststile zu begründen.
Verfolge Deine Ideen, glaube an sie!
Nimm die Mission ernst, die Du spürst!
Vertraue Deinen Talenten und Deinen Triebkräften, sie liefern die notwendige Energie!
Sei bereit alles Deiner Entdeckung unterzuordnen: Deine Person, Deine Bedürfnisse, Deine Gesundheit, Deinen Wohlstand und auch die Bedürfnisse der anderen!
Lebe bescheiden, sei bedürfnislos. Lass Dich nur von dem Bedürfnis zu entdecken leiten!
Einige Hinweise zum Lesen dieser Seite
Wenn man sich einen Eindruck von Picassos Bildern verschaffen möchte, auf die ich mich bei der Darstellung seiner Entdeckungen beziehe, oder Fotos von ihm, Fotos seiner Frauen und den Bildern, die er von ihnen gemalt hat, sehen möchte; Videos, auf denen man ihm beim Malen zuschauen kann, dann ist die Website Pablo Ruiz Picasso Net die wie ich finde geeignetste. Ich kann seine Bilder wegen der Rechte Anderer daran hier leider nicht zeigen und hab Lösungen gefunden, die die umfassende Sammlung auf dieser Website aber nicht ersetzen können.
Insbesondere der Menüpunkt "Kunstepochen" oder "Periods" in der englischen Originalversion ist sehr hilfreich, um das Typische der jeweiligen Phase und den Wandel der Stilrichtungen zu sehen und zu verstehen.
Link zu Pablo Ruiz Picasso Net
In den folgenden Texten finden Sie wie oben im ersten Abschnitt viele Zitate. Die Buchstaben sind die Monogramme der Autoren, Sie finden die Literaturliste am Schluss dieser Seite.
1.1 Innovieren und Zerstören als Programm des Entdeckens
Im Menüpunkt „Programme und Strategien des Entdeckens“ haben wir die These aufgestellt, dass Entdecken immer eine Prämierung der revolutionären Dimension des Verwandelns voraussetzt.
Weder soll der derzeitige Stand des Wandels stabilisiert werden, noch soll bereits Vorhandenes lediglich abgewandelt werden. Es geht um Umwandeln, das aus dem Zusammen- und Gegeneinanderwirken der drei Prozesse Erfinden und Ersetzen des Vorhandenen, also Innovieren, und Vernichten, also dessen Zerstörung, um einen disruptiven oder revolutionären Prozess.
Diese These, die sich für die Entdeckungspraxis von Wissenschaftlern und Bergsteiger in den Fallanalysen hat verifizieren lassen, trifft offensichtlich auch auf entdeckende Künstler zu.
Picassos künstlerische Praxis ist Entdeckungspraxis. Er selbst benutzt den Begriff Revolution und revolutionieren beständig, wenn er das Wesen der Kunst und den Sinn seiner künstlerischen Praxis beschreibt.
Schaut man sich seine sein Leben lang währende künstlerische Tätigkeit an, so sieht man, dass er neue Stilrichtungen erfunden hat, bisher nicht zu bildender Kunst gehörende Werkgattungen geschaffen hat und sich auf radikalste von den damals vorherrschenden Kunststilen abgesetzt hat.
Ich zitiere hier deshalb die zuvor in den Analysen der Entdeckerkarrieren von Wissenschaftlern und Weltendeckern gefundenen Maximen für Entdecker und belege dann mit Zitaten von Picasso meine These, dass es Künstler gibt, die Entdecker sind, auf die -wie auf alle Entdecker- zutrifft, dass sie disruptive Prozesse in Gang setzen.
Maximen für Entdecker
Entdecken ist Verwandeln durch Revolutionieren
Traue keinen Gesetzen, Grundannahmen, Modellen und Vorgehensweisen!
Entdecken ist Revolutionieren, nicht bewahren oder verbessern. Es geht darum Bestehendes zu vernichten, Neues zu erfinden und das Alte zu ersetzen. Dieses Denken und Handeln ruft notwendigerweise Widerstand hervor. Gibt es Widerstand, dann bist Du meist auf dem richtigen Weg!
„Träumer“, “Schwärmer“ (Marie Curie), Außenseiter machen die Entdeckungen!
Du kannst Dich nicht an Normalität orientieren, an welcher auch immer. Nicht an den Vorstellungen, die die eigene Familie, die sozialen Gemeinschaft, die Profession, die wissenschaftliche Disziplin, die Organisationen und Institutionen, mit denen Du interagierst, haben. Du stellst für sie eine Abweichung dar!
Gegen das Reproduzieren
Mit der Ausnahme von wenigen Malern, die der Malerei neue Horizonte öffnen können, wissen die jungen Maler heutzutage nicht, welchen Weg sie gehen sollen. Anstatt sich unsere Untersuchungen vorzunehmen und ihnen klar und deutlich entgegenzuwirken, gehen sie ganz darin auf, die Vergangenheit wieder zum Leben zu erwecken – wo uns doch wirklich die ganze Welt offen steht und alles darauf wartet, getan zu werden, nicht aber, bloß wieder getan zu werden. Warum klammern sie sich so krampfhaft an etwas, dass seine Versprechen schon erfüllt hat? Es gibt kilometerweise Bilder «in der Manier von...», doch einen jungen Mann, der in seiner eigenen Manier malt, findet man selten. Möchte er gern glauben, dass der Mensch sich nicht wiederholen könne? Sich wiederholen bedeutet den Gesetzen des Geistes zuwider handeln. Es bedeutet vor allem Eskapismus“ (W&B 46)
„Was ist Plastik? Was ist Malerei? Immer klammert man sich an altmodische Ideen, an überlebte Definitionen, als ob es nicht gerade die Aufgabe des Künstlers wäre, neue zu finden.“ (ÜK 71)
Der revolutionäre Charakter der Kunst
„Das oberste und letzte Kunstgesetz ist, jedes zu brechen.“ Paul Pörtner: Literaturrevolution 1961
Picassos Reaktion auf die Bitte amerikanischer Künstler und des MoMA (Museum of Modern Art in New York) in den frühen vierziger Jahren, sie und ihre moderne Kunst gegen die Anfeindungen der Politik, die ihnen Dekadenz und eine kommunistische Verschwörung vorwerfen, zu verteidigen, veranlasst ihn, seine Annahme über das Wesen der Kunst zu formulieren.
„Kunst ist eine Art Aufruhr. Etwas, das einfach nicht frei sein darf. Kunst und Freiheit muss man sich wie das Feuer des Prometheus rauben, um sie gegen die bestehende Ordnung anzuwenden. Wenn Kunst einmal offiziell und für jeden greifbar ist, dann entsteht ein neuer Akademismus. (FG 166f.)
Innovation, Ersetzen des Bestehenden entsteht im Umgang mit geltenden Regeln
Seine zweite Idee zu den Forderungen der amerikanischen Künstler:
„…doch das Recht auf freien Ausdruck ist etwas, dass man sich nimmt, nicht etwas, das einem geschenkt wird; es ist kein Prinzip von dem man sagen könnte, dass es vorhanden sein müsse. Das einzig Prinzipielle daran ist: Wenn dieses Recht existiert, so existiert es, um gegen die bestehende Ordnung gebraucht zu werden.“ (FG 167)
„Was heute falsch ist an der modernen Kunst und wir könnten ebenso gut sagen, was ihr Tod sein wird, ist die Tatsache, dass wir keine starke, mächtige akademische Kunst haben, gegen die zu kämpfen sich lohnt, es muss eine Regel geben, selbst wenn es eine schlechte ist, denn die Macht der Kunst bestätigt sich in der Überwindung der Tabus. Beseitigung aller Hindernisse aber bedeutet nicht Freiheit, sondern Lizenzierung – eine fade Angelegenheit, die alles rückhaltlos, formlos, sinnlos und nichtig macht.“ (FG 167)
„Heute sind wir in der unglücklichen Lage, keine Ordnung und keinen Kanon mehr zu haben, die künstlerische Produktion bestimmten Regeln unterwerfen. Die Griechen, Römer, Ägypter hatten ihre Regeln. Ihrem Kanon konnte sich niemand entziehen, weil die sogenannte Schönheit durch Definition in diesen Regeln enthalten war. Aber sobald die Kunst jede Verbindung zur Tradition verloren hatte und jene Befreiung, die mit dem Impressionismus begann, jedem Maler gestattete, zu tun, was er wollte, war es mit der Malerei vorbei. Als man sich darauf einigte, dass es auf die Gefühle und Emotionen des Malers ankomme, dass jeder die Malerei neu schaffen könne, oh, wie er sie verstand, ganz gleich, wo er begann, da gab es keine Malerei mehr. Es gab nur noch Individuen. Die Skulptur starb den gleichen Tod.“ (ÜK 11f)
Matisse bestätig die These des disruptiven Wandels in einem Gespräch mit Picasso und seiner Frau über Jackson Pollock: Nach einem komme etwas komplett anderes, das man als Angehöriger einer bestimmten Epoche nicht verstehen könne. „Seht ihr, es ist sehr schwierig, die nachfolgenden Generationen zu verstehen und richtig einzuschätzen. Nach und nach schafft man sich, wenn man durchs Leben geht, nicht nur eine eigene Sprache, sondern auch eine ästhetische Doktrin…Und so wird es um so schwerer, eine Malerei zu verstehen, deren Ausgangspunkt jenseits der eigenen Endstation liegt. Sie beruht auf vollkommen anderen Grundlagen.“ Picasso entgegnet: „Und ich stimme nicht mit Dir überein. Und es ist mir auch ganz gleich, ob ich fähig bin, zu beurteilen, was nach mir kommt. Ich bin gegen das ganze Zeug.“ (FG 224)
Picasso über Kunst - Aus Gesprächen zwischen Picasso und seinen Freunden von Daniel Keel-Cover: Großes blaues Selbstportrait 1901
Wie zeigen sich diese Grundannahmen in seiner Karriere und seiner künstlerischen Praxis?
Er weigert sich, an der Kunsthochschule in Madrid, obwohl er die Aufnahmeprüfung mit Brillanz bestanden und ein Stipendium von seiner Familie bekommen hat, zu studieren. Nach einem Tag geht er nicht mehr dorthin. „Warst Du in der Akademie? Warum sollte ich dort hingehen? Warum denn?“ (JS 37f)
Weil er sofort begreift, dass er zunächst die alten Meister kopieren lernen soll, sich mit Reprodzieren beschäftigen soll, was wie er vermutet daran hindern würde, Revolutionäres, Innovatives zu schaffen. Der Familienrat entzieht ihm die Unterstützung, der Vater fördert ihn, so gut er kann, obwohl er entsetzt ist, dass sein Sohn mit dieser Entscheidung seine Karriere ruiniert hat. Er hat die nächsten Jahre beständig finanzielle Probleme.
Picasso schafft sich wie alle Entdecker sein eigenes Curriculum, studiert im Prado Bilder, malt eigene, begründet eine Kunstzeitschrift, die bald floppt, und beschäftigt sich mit der Entwicklung der neuen Richtungen der Malerei in Frankreich, dem Impressionismus und seinem geliebten Cézanne.
„Im Grunde kommt alles nur auf uns selbst an. Man hat eine Sonne mit 1000 Strahlen im Leib. Alles Übrige zählt nicht. Einzig deshalb ist Mattisse Mattisse. Er trägt diese Sonne im Leib, und nur deshalb geschieht von Zeit zu Zeit etwas.“ (W&B 29)
Maximen, die ich bei allen Entdeckern gefunden habe:
Suche das Abenteuer, das Unbekannte und das Glück zu denken, zu erfinden und auf dem Weg zu einer Entdeckung zu sein!
Verfolge keine traditionellen Ausbildungswege, sie engen Dich ein. Schaff Dir Dein eigenes Curriculum!
Eine geniale Verbindung von Revolutionieren und Bewahren der Werke der alten Meister
In seinen letzten Lebensjahren malt er einige Bilder der alten Meister, die er zwar im Prado studiert, denen er damals aber nicht nacheifern wollte, in seinem eigenen Stil, manchmal kubistisch, manchmal im Mix aus den Stilen seiner verschiedenen Epochen: Courbets Mädchen am Seineufer, die Meninas von Velasquez, Delachroix‘s Frauen von Algier und Manets Frühstück im Freien, genannt die 'D'Après' Serie. Er würdigt sie und bewahrt ihre Werke in einer stark modifizierten Form, der man sofort ansieht, dass sie von Picasso stammen muss. Immer verfolgt er eine eigene Idee dabei, die er ausdrücken will. All das erst, nachdem er sehr viel Eigenes geschaffen hat und sich dieses Vergnügen offensichtlich erlauben konnte.
André Breton, ein Surrealist, der Picasso in einer späteren Phase seiner Karriere durch die gemeinsame Arbeit an der Zeitschrift Minotaure kennengelernt hat, sagt über ihn: „Was ihn in unseren Augen von der Gruppe der sogenannten Kubisten, die uns kaum interessierten, unterschied, ist sein Lyrismus, der ihn sehr früh schon dazu brachte, sich große Freiheiten gegenüber den strengen Regeln herauszunehmen, die er selbst und seine damaligen Freunde aufgestellt hatten.“ (B 26)
Selbst die Freiheit von eigenen Regeln wird er sich immer wieder herausnehmen und neue Stilrichtungen, Innovatives schaffen. Das gilt auch für Regeln, die andere in seiner Malerei gefunden zu haben meinen, diese Regeln interessieren ihn überhaupt nicht. Wenn Sie ihm erklären, „…wie man malen müsse, wo doch für mich jedes Bild nicht ein Ende, nicht ein erreichtes Ziel, sondern ein glückliches Ereignis, eine Erfahrung ist.“ (W&B21)
“Cubism gradually became Picasso’s internally lived experience and liberated his brush. He later said: “When I think about it, I’d say I’m an artist without style”. “Style puts constraints on the artist, forcing a single viewpoint on things upon him, the same techniques, the same formula, year after year, his life long.” Picasso zum Wechsel seiner Stile
Regeln hindern ihn an seiner Selbstverwirklichung und seiner individuellen Ausdruckmöglichkeit
„An den Fehlern erkennt man die Persönlichkeit. Wenn ich mich jetzt hinsetze, um Schnitzer zu korrigieren aufgrund von Regeln, die gar nichts mit mir zu tun haben, so ginge in der Grammatik, die ich mir nicht einverleibt habe, meine persönliche Note verloren. Lieber verfertige ich ein Ich nach meinem Gusto, als mich Regeln zu beugen, die mich nichts angehen.“ (ÜK 90)
Der revolutionäre Charakter eines neuen Kunststils, des Kubismus
Zum Kubismus: „…eine Kunst, der es vor allem um die Form geht, und wenn eine Form einmal geschaffen ist, dann ist sie da und lebt ihr eigenes Leben weiter.“ (B 54,5)
Die sogenannten kubistischen Meister staunten selbst über das, was sie taten, und suchten Theorien, um sich zu rechtfertigen. Der Kubismus hat sich noch nie nach einem Programm gerichtet. Mein ästhetisches Denken war im ganzen nur eine der Form meines künstlerischen Tuns; es blieb immer in Übereinstimmung mit meiner rein praktischen Arbeit (ÜK 105-106)
Der Kubismus wendet sich von den geltenden Grundprinzipien der Malerei ab: Der bildlichen Darstellung der Welt, der Arbeit mit Licht und Schatten wie auch mit Vordergrund und Hintergrund und mit der Zentralperspektive, die in der Renaissance entdeckt wurde, die Bilder sind aspektivisch konstruiert. Es ist eine Revolte gegen die abendländische Kunst sagt Walther und weiter mit Bezug auf das Bild der Desmoiselles d‘Avignon:
„Picasso wollte alles zugleich zerstören. Der Mythos von der Schönheit der Frau war dabei noch das Geringste. Er revoltierte gegen das Bild, das man sich von ihm als Maler bisher gemacht hat, und er revoltierte mit diesem Bild gegen die gesamte abendländische Kunst seit der Frührenaissance. Das Bild war freilich keine Schöpfung aus dem Nichts. Picasso hatte zuvor iberische und afrikanische Skulpturen gesehen. Sie bargen jene archaischen Formen in sich, die in zu Stilisierung der natürlichen Formen , zur rigorosen Geometrisierung und schließlich zur radikalen Deformation anregten.“ (IW 39f)
Picasso: „Malerei ist keine Frage der Sensibilität. Bei ihr geht es darum, die Macht an sich zu reißen, die Macht zu übernehmen von der Natur und nicht von ihr zu erwarten, dass sie dir Auskunft und gute Ratschläge erteilt.“ (FG 226) „Hat ein Maler es sich in den Kopf gesetzt, seine Farben willkürlich zu bestimmen, und benutzt er eine Farbe, die sich nicht auf der Palette der Natur, sondern außerhalb dieser Palette findet, dann wird er auch für alle übrigen Teile des Bildes Farben und Zusammenklänge benutzen, die sich aus der Zwangsjacke der Natur befreit haben. Und gerade das macht ihn interessant.“ (FG 227)
"Ungegenständliche Malerei wirkt nie revolutionär." (ÜK 44)
Picasso malt gegenständlich „Mehr als irgend ein anderer gegenständlicher Maler reagiert Picasso auf alles, was ihn umgibt jede seiner Arbeiten ist eine Antwort auf etwas was er gesehen oder gespürt, was ihn überrascht oder gerührt hat, er reagiert auf alles, was er sieht.“ sagt sein Freund Jacques Prévert.(B 52)
Nude in a Chair 1909 im Museum of Modern Art NY (Foto KRG)
Revolutionäre Maler wenden sich an ein noch nicht vorhandenes Publikum
"Jedes neue Werk von Picasso entsetzt das Publikum, bis das Erstaunen sich in Bewunderung verwandelt." sagt Ambroise Vollard, sein Galerist. (IW 95)
Jaime Sabartés: „Marcels Beispiel beweist, dass die revolutionärsten Vorstöße von Picasso auf natürliche Weise klassisch werden. Keines von Picassos Werken irritiert ihn, auch das gewagteste reizt ihn weder zum Widerspruch noch zum Lachen… Diese Malerei hat ihn anfangs bestimmt aus der Fassung gebracht, aber in 20-jährigem täglichen Umgang mit den Werken hat er gelernt, eine Sprache zu lesen, die vielen heute noch unverständlich ist. Die Entwicklung dieses einfachen Chauffeurs beweist, dass Picasso, der sich immer an ein noch nicht vorhandenes Publikum wendet, zugleich auch dieses Publikum schafft und ihm die Maßstäbe aufzwingt, mit denen sein Werk beurteilt werden muss. Marcel ist anderen voraus, weil seine Lehrzeit durch den Umgang mit Picassos Malerei beträchtlich verkürzt worden ist.“ (B 104)
Picasso begründet das so: „Alles Neue, alles was der Mühe wert ist, geschaffen zu werden, kann nicht anerkannt werden, denn die Leute haben einfach nicht den Blick für die Zukunft.“ (FG 167)
„In den Museen sieht man nur “misslungene Bilder“. Was wir jetzt als „Meisterwerke“ ansehen, sind die Werke, die sich am weitesten von jenen Regeln entfernten, die die Meister der betreffenden Epoche aufstellten. Die besten lassen am deutlichsten das“ Stigma“ des Künstlers erkennen, der sie gemalt hat.“ (ÜK 82)
Les Demoiselles d'Avignon und die zahlreichen Betrachter im Museum of Modern Art NY (Foto KRG)
Zerstören und Innovieren im künstlerischen Prozess
Maximen für die Entdeckungspraxis
Wenn Du in Deiner Entdeckungspraxis zu scheitern drohst, Irrtümer auftauchen, mach weiter. Hinterfrage Deine Annahmen, diese kritischen Stellen sind oft der Anfang der Entdeckung!
Halte Phasen der Unsicherheit, des ‚Schwimmens‘ aus, wenn Du spüren kannst, dass etwas noch Zeit zum Reifen braucht!
Einfälle und Theorien dürfen und müssen auf den ersten Blick "verrückt sein", "sonst gibt es keine Hoffnung", sagt Niels Bohr oder "sie sind nicht wichtig", sagt Medawar.
"Früher näherten sich die Bilder ihrer Vollendung in Etappen. Jeder Tag fügte etwas Neues hinzu. Ein Bild pflegt die Summe von Ergänzung zu sein. Bei mir ist ein Bild die Summe von Zerstörungen. Ich mache ein Bild – und dann zerstöre ich es. Doch zu guter letzt ist nichts verloren gegangen: das rot, das sich an einer Stelle wegnahmen, taucht anderswo wieder auf." (W&B 35f)
„Man muss das Bild zerstören, es mehrere Male überarbeiten. Jedes Mal, wenn der Künstler eine schöne Entdeckung zerstört, unterdrückt er sie nicht eigentlich, sondern er wandelt sie vielmehr um, verdichtet sie, macht sie wesentlicher. Was schließlich dabei herauskommt, ist das Ergebnis verworfene Funde.“ (W&B 39)
„Es gibt niemals ein ‚fertiges‘ Bild, sondern die verschiedenen Zustände eines Bildes, die gewöhnlich im Laufe der Arbeit verschwinden.“ (B 134)
"Es muss überall Dunkelheit sein, außer auf der Leinwand, damit der Maler von seinem eigenen Werken hypnotisiert wird und fast wie in Trance malt. Er muss so tief wie möglich in seiner eigenen inneren Welt bleiben, wenn er die Grenzen überschreiten will, die seine Vernunft ihm aufzuzwingen versucht." (FG 78) In seiner Vorstellung würden wir sagen.
Die Praxis des Entdeckens entsteht aus dem Zusammenwirken von drei Faktoren: Unbekanntes entdecken, Neues erfinden und Neues gründen und begründen.
Entdeckungspraxis ist eine besondere Form individueller oder sozialer Praxis der Menschen. Jede Praxis schafft und verwandelt den menschlichen Kosmos. Die Praxis des Entdeckens unterscheidet sich von alltäglicher Praxis dadurch, dass der durch sie geschaffene Wandel Ausmaße hat, die den menschlichen Kosmos verändern und nicht nur Auswirkungen auf einzelne Menschen oder kleine Gruppen hat.
Link zu Erfinden Entdecken Gründen-Die Triade der Entdeckungspraxis
Unbekanntes Entdecken - die Form -, einen neuen Malstil erfinden und eine Stilrichtung begründen
„Als wir den Kubismus ‚erfanden‘, hatten wir keinerlei Absicht, den Kubismus zu erfinden. Wir wollten nur ausdrücken, was in uns war.Keiner von uns hatte einen besonderen Schlachtplan entworfen (…) Heutzutage stellen die jungen Maler oft ein Programm auf, dass sie befolgen wollen, und bemühen sich wie fleißige Studenten, ihre Aufgaben auszuführen.“ (W&B 42)
„Die sogenannten kubistischen Meister staunten selbst über das, was sie taten, und suchten Theorien, um sich zu rechtfertigen.“ (ÜK 105-106)
Führend waren dabei er und George Braque, für die Verbreitung sorgte sein Galerist Kahnweiler.
„Man hat den Kubismus mathematisch, geometrisch, psychoanalytisch zu erklären versucht. Das ist pure Literatur. Der Kubismus hat plastische Ziele. Wir sehen darin nur ein Mittel, das auszudrücken, was wir mit dem Auge und dem Geist wahrnehmen, unter Ausnützung der ganzen Möglichkeiten, die in den wesenhaften Eigenschaften von Zeichnung und Farbe liegen. Das wurde uns eine Quelle unerwarteter Freuden, eine Quelle der Entdeckungen.“ (POB 216f)
„Wir versuchten eine neue Ordnung aufzubauen… Niemand brauchte zu wissen, ob es der oder jener war, der dies oder jenes Bild gemalt hatte. Aber der Individualismus war schon zu stark… Sobald wir sahen, dass das kollektive Abenteuer eine verlorene Sache war, musste jeder einzelne von uns sein individuelles Abenteuer finden“ (ÜK 52)
Eine bebilderte Einführung in den Kubismus findet sich auf Wikipedia.Kubismus
und eine sehr gute in Pablo Ruiz Picasso.net
Wie wird ein neuer Stil geboren?
Picasso sagt, dass es in jeder Zivilisation und Kultur Themen gibt, die sich immer wiederholen, es gäbe höchstens zwanzig, weil sie auf einer gemeinsamen menschlichen Erfahrung beruhen und oft wichtige Phasen der menschlichen Entwicklung wie Geburt, Leiden und Tod darstellen. Nicht unwesentliche Tatsachen sondern,“ die Intensität dieses Augenblicks“ muss dargestellt werden.
„Auf jedes Thema kommen Tausende von Sujets, vielleicht noch mehr. Das Sujet ist eine der gültigen Phasen innerhalb eines Themas, das übrige ist nur Anekdote. Und für jedes neue Sujet gibt es einen neuen Maler. Der Maler, der die Malerei in ihrer Geschichte einen Schritt vorwärts bringt, ist derjenige, der ein neues Sujet entdeckt hat.“ (FG 247)
Er nennt einige Beispiele: Courbet wollte Menschen nicht im Atelier malen, er nahm seine Modelle mit ins Freie, malte sie dort und entdeckte ein neues Sujet, das später Realismus genannt wurde, eine neue Richtung der Kunst. Ein weiteres Beispiel: Die Impressionisten beschäftigten sich damit, wie ein Gegenstand zu jeder Stunde des Tages in wechselndem Licht aussieht und mit den dadurch hervorgerufenen unablässigen Veränderungen. Die Kubisten analysierten die Beziehung zwischen Gegenständen und machten daraus strenge Kompositionen. „Ein neuer Stil war geboren. Es war wieder möglich geworden, sich den großen Themen zuzuwenden.“ sagt er in dem von seiner Frau Francoise Gillot aufgezeichneten Gespräch. (FG 248)
Seine Verwendung der Begriffs Sujet (Tausende Sujets?) finde ich unklar, meint er Kunststile? Die Bedeutung nach DWDS: „Gegenstand, Motiv, Thema einer künstlerischen Darstellung“
Mit der Rolle seiner Frauen und Musen bei der Entstehung neuer Stile beschäftigt sich der 4. Abschnitt.
Die Gauklerfamilie ist ein Bild aus der Rosa Periode, die ab 1904 die 1901 begonnene Blaue Periode ablöst, darauf folgt 1907 die Période Nègre und 1908 die Kubistische.
Künstler, die Unbekanntes entdecken
„Unsere Themen mögen anders sein, weil wir Gegenstände und Formen in die Malerei einführten, die früher nicht beachtet wurden. Wir blicken mit offenen Augen - und auch mit offenem Verstand - auf unsere Umwelt. Wir geben der Form und der Farbe die ihnen eigene Bedeutung, soweit wir sie sehen können; in unseren Themen wahren wir die Freude der Entdeckung, dass Vergnügen am Unerwarteten; unser Thema an sich muss eine Quelle des Interesses sein. Doch wozu berichten, was wir tun, wenn jeder, der will, es sehen kann.“ (W&B 16)
Die folgenden als Gedicht apostrophierten Sentenzen werden Picasso zugeschrieben. Ich habe die Quelle nicht finden können, in Picassos „Wort und Bekenntnis – die gesammelten Dichtungen und Zeugnisse“ finden sich allerdings viele Formulierungen und Gedanken wieder. Die Prämierung der Innovation und die Ablehnung des Bewahrens im Sinne unserer Wandeltriade ist sein Programm, das seine persönliche Biografie und seine professionelle Karriere prägt. Den Prozess des Entdeckens beschreibt er als Wagnis, als heiliges Abenteuer. Der Entdecker muss die diesem Prozess innewohnende Ungewissheit nicht nur aushalten, sondern nutzen, das Setzen von Zielen ist kontraproduktiv.
Er skizziert die Persönlichkeit des modernen Menschen - und damit ist auch seine eigene gemeint - die Menschen eigen sein muss, damit sie sich auf den Prozess des Entdeckens: “ich finde“ einlassen können und innovative Werke schaffen können.
Ich suche nicht – ich finde
Suchen – das ist Ausgehen von alten Beständen und ein Finden-Wollen von bereits Bekanntem im Neuem. Finden – das ist das völlig Neue!
Das Neue auch in der Bewegung. Alle Wege sind offen und was gefunden wird, ist unbekannt. Es ist ein Wagnis, ein heiliges Abenteuer!
Die Ungewißheit solcher Wagnisse können eigentlich nur jene auf sich nehmen, die sich im Ungeborgenen geborgen wissen, die in die Ungewißheit, in die Führerlosigkeit geführt werden, die sich im Dunkeln einem unsichtbaren Stern überlassen, die sich vom Ziele ziehen lassen und nicht – menschlich beschränkt und eingeengt – das Ziel bestimmen.
Dieses Offensein für jede neue Erkenntnis im Außen und Innen: Das ist das Wesenhafte des modernen Menschen, der in aller Angst des Loslassens doch die Gnade des Gehaltenseins im Offenwerden neuer Möglichkeiten erfährt.
https://1000-zitate.de/12214/Ich-suche-nicht-ich-finde.html Zugriff 6.12.2024
In den Bekenntnissen aus dem Jahre 1923 schreibt er: „Beim Malen bedeutet «Suchen» meiner Ansicht nach gar nichts. Auf das Finden kommt es an.“ (…) Wenn ich male, habe ich nichts anderes im Sinn, als zu zeigen, was ich gefunden habe, und nicht, was ich suche.“ (W&B 9)
Was sagen andere Künstler darüber, was sie bei ihrer künstlerischen Arbeit motiviert und wie sie den Prozess des Entstehens eines neuen Bildes empfinden. Hier einige Zitate aus den Interviews mit zwölf bildenden und freien Künstlern:
Entdeckerlust und Abenteuer erleben, Wagnisse und Risiken eingehen
- Neugier auf das was passiert und entsteht, sich selbst zu überraschen im künstlerischen Prozess
- Glücksgefühle, Freude, Spaß beim Malen, den Flow zu erleben
Neugier ist bei allen Entdeckern überaus stark ausgeprägt: Auf die Frage warum er sich eine Ausstellung seiner Bilder nicht anschauen wolle, sagt er zu Brassaï: „Ausstellungen reizen mich nicht mehr. Meine alten Arbeiten interessieren mich nicht mehr. Ich bin viel neugieriger auf die Bilder, die ich noch nicht gemalt habe.“ (B 177)
Zur Rolle des Unbewussten in der künstlerischen Praxis
Während der surrealistischen Periode, die Mitte der zwanziger Jahren beginnt, übten sich die Künstler im sogn. automatischen Schreiben, das der Regel des freien Assoziierens in der Psychoanalyse vergleichbar ist, die die Patienten auffordert, alles unzensiert zu sagen, was ihnen einfällt. Picassos 1935 veröffentlichten Gedichte sind Beispiele dafür (W&B 49-63). Die Surrealisten wie Salvador Dali und auch Picasso lasen Freud, Picasso war mit Jacques Lacan bekannt, Brassäi berichtet davon, dass Lacan an den privaten Aufführungen von Picassos Stücken teilnahm.
„Selbst die automatischen Texte der Surrealisten wurden zuweilen korrigiert. Und weil es so etwas wie einen totalen Automatismus nicht gibt, weshalb soll man da nicht offen zugeben, dass man von der verborgenen Schicht des Unterbewussten zwar nach Kräften gebraucht macht, sie aber ständig unter Kontrolle hält?“ (FG 224)
Buchcover von Wort und Bekenntnis - Von ihm selbst verfasste 'Bekenntnisse' über sich und seine Kunst aus den 1920er und 1930er Jahren
Pablo Picasso: Wort und Bekenntnis
Der Artikel des Psychoanalytikers Carl Gustav Jung über Picasso, der 1933 in der Neuen Zürcher Zeitung erschienen war, wurde vom Verlag in „Wort und Bekenntnis - Die gesammelten Dichtungen und Zeugnisse" 1954 aufgenommen.
Jung, zu dessen Ideen die vom "kollektiven Unbewussten" gehört, schrieb über ihn:
„Picassos Gegenstand sieht anders aus, als es der allgemeinen Erwartung entspricht, ja sogar so anders, daß es nicht einmal mehr den Anschein hat, als ob überhaupt Gegenstände der äußeren Erfahrung gemeint seien. Die chronologische Reihe zeigt eine zunehmende Entfernung vom empirischen Gegenstand und eine Zunahme der Elemente, die keiner äußeren Erfahrung entsprechen, sondern einem „Innen“ entstammen, das hinter dem Bewusstsein liegt. … Hinter dem Bewusstsein kommt nicht das absolute Nichts, sondern die unbewusste Psyche, welche das Bewusstsein von hinten und innen ebenso affiziert, wie die äußere Welt von vorne und außen. Jene Bildelemente also, welche keinem Außen entsprechen, müssen dem Innen entstammen.“ Carl Gustav Jung (W&B 135)
„Das innere Ich ist notgedrungen auf meinem Bild, da ich es doch gemalt habe. Nicht darum muß ich mich sorgen. Was ich auch mache, es ist stets darin. Es wird sogar viel zu sehr darin sein. Schwierig ist nur der Rest.“ (ÜK 89)
Meine Gedanken interessieren mich weniger als das was ich unbewusst will. (ÜK 105)
„Auf jeden Fall ist das Unbewusste so stark in uns, dass es sich auf die eine oder andere Weise ausdrücken muss. Es sind die Wurzeln, durch die sich alles mitteilt, von einem Wesen zum anderen, was zur unterirdischen Schicht des Menschlichen gehört. Was wir auch tun, es drückt sich aus, auch gegen unseren Willen."(FG 224)
Picasso interessiert sich wie viele andere Künstler der französischen Avantgarde zu Beginn des 20. Jahrhunderts für die Kunst außereuropäischer Völker, die L’Art Nègre. Seine Begeisterung für Masken und andere sogn. primitive Kunst, mit der er sich 1907 beschäftigt, inspiriert ihn zu „Les Demoiselles d’Avignon“, ein revolutionäres Bild, das manche als das erste kubistische, andere als "Versuch über die apotropäische Funktion der Kunst" und er selbst als "sein erstes exorzistisches Bild" bezeichnet. Apotropäisch bezeichnet Unheil abwendende und Dämonen austreibende Praktiken. Picasso gab ihm den Namen "Das philosophische Bordell", den bekannten gab ihm ein Galerist. (GPF 44) Er übermalt seinen ersten Versuch nach einem Museumsbesuch, er hatte dort die afrikanischen und iberischen Masken und Skulpturen gesehen, die ihn zu dieser Erkenntnis über den kulturellen Sinn der Malerei führten:
„Die Menschen schufen diese Masken und die anderen Gegenstände zu geheiligten Zwecken, zu magischen Zwecken, als eine Art Vermittler zwischen ihnen selbst und den unbekannten bösen Mächten, die sie umgaben, um ihre Furcht und ihren Schrecken zu überwinden, indem sie ihnen Form und Gestalt verliehen.
Malerei ist eine Form der Magie, dazu bestimmt, Mittler zwischen jener fremden feindlichen Welt und uns zu sein. Sie ist ein Weg, die Macht an uns zu reißen, indem wir unseren Schrecken wie auch unseren Sehnsüchten Gestalt geben.“(FG 221
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Les Demoiselles d'Avignon 1907 im Museum of Modern Art NY (Foto KRG)
Zwei der Frauen am rechten Rand tragen Masken. Siegmund Freud, der Künstlern eine ausgeprägte Fähigkeit zur Sublimierung von Triebbedürfnissen und deren Abkömmlingen, den Gefühlen zuschreibt, würde ihm vermutlich zustimmen und sein Bordell einer Analyse unterziehen, zumal ein Bordellbesucher, ein Matrose in der Endfassung ganz verschwunden ist.
Was entdeckt Picasso? Unbekanntes in der Welt, in sich, beides? Wie Reinhold Messner, der wie auch Picasso eine radikal subjektzentrierte Entdeckerpraxis betreibt, geht es um ihn selbst als Person in Beziehung zum ihn umgebenden Kosmos.
Etwas in seiner Wahrnehmung der Außenwelt zieht seine Aufmerksamkeit auf sich, reizt ihn, beschäftigt in. Er verwandelt diesen Auslöser im künstlerischen Prozess, überlässt sich seiner Intuition, seinem Unbewussten.
Entdecker entdecken immer etwas für jemanden. In der Regel für sich selbst und bei Picasso wie auch bei Messner hat die Entdeckung nicht nur einen individuellen, sondern auch einen kulturellen Sinn. Bei Picasso wohl das neu Wahrnehmen der bekannten Welt, er bringt die Betrachter seiner Kunstwerke dazu, ihre ihnen bekannte Welt aus einer anderen, einer verfremdenden Perspektive zu sehen, sie neu zu betrachten, neu zu entdecken, wie er es zuvor auch getan hat.
Der subjektive Sinn seiner Entdeckungspraxis besteht für Picasso ein zweierlei, einmal darin seine Eindrücke der Welt verarbeiten, seinen Resonanzen Gestalt geben zu können und die Eindrücke damit ungefährlich zu machen, ein individueller psychologischer Prozess. Der kulturelle Sinn seiner Arbeit ist es, den Menschen die Produkte dieses individuellen Verarbeitungsprozesses zur Verfügung zu stellen, um es ihnen zu ermöglichen sich mit diesen Ängsten und Sehnsüchten auseinanderzusetzen und ihre Eindrücke der Welt anders verarbeiten zu können.
Folgt man Picasso, so ist die Funktion der Entdeckung, sofern deren Produkt ein Kunstwerk ist, psychologisch gesehen Angstbindung. Eine Begebenheit aus der Zeit mit Matisse, der ihm seine lebensgroße, barbarisch wirkende Figur aus Neuginea schenken will: „Übrigens, das Ding aus Neuginea macht mir Angst. Ich glaube Matisse auch, und deshalb will er es unbedingt loswerden. Er glaubt wohl, ich könne Dämonen besser austreiben als er.“ (FG 221)
Vermutlich hat Picasso recht, betrachtet man die vergleichsweise gefälligen Bilder von Matisse und die zugleich verstörend und anziehend wirkenden Bilder von Picasso, ist er jemand, der sich der Angst aussetzen und sie binden kann.
Neues Erfinden
„Wir dürfen keine Scheu davor haben, etwas zu erfinden, was es auch sei«, erklärte er mir eines Tages, als wir über Skulpturen sprachen. »Alles, was in uns existiert, ist Natur. Schließlich sind wir ein Teil der Natur.“ (FG 271)
„Was ist Plastik? Was ist Malerei? Immer klammert man sich an altmodische Ideen, an überlebte Definitionen, als ob es nicht gerade die Aufgabe des Künstlers wäre, neue zu finden.“ (ÜK 71)
Wie alle Entdecker überschreitet er die Grenzen seiner Disziplin oder Profession, was typisch für Entdecker ist.
Andere Künste als die Malerei werden ausprobiert und er unterscheidet nicht zwischen Kunst und Handwerk, eine Trennung, die sich ja erst zu Beginn der Neuzeit vollzog, als sich die Wissenschaft von der Kunst trennte, die einen also handelten und produzierten und die anderen beobachteten und beschrieben. Picasso ist in den Handwerken einen Außenstehender, der in der Lage ist die Handwerker aufmerksam zu beobachten, selbst handwerklich tätig zu werden und seine Ideen als Künstler mithilfe der Materialien und Techniken dieses Handwerks auszudrücken.
Wieso gelingt ihm dieses beständige Überschreiten des zur bildenden Kunst gehörenden Kanons und damit die Erweiterung seiner Werkgruppen?
Er ist nicht in jahrelangen Ausbildungen in die Programme der Professionen Malerei so einsozialisiert worden, dass er sie bewahren und optimieren muss, er kann innovativ sein.
Picasso interessiert überdies die Unterscheidung zwischen Kunsthandwerk und Kunst nicht, er lernt das Handwerk, verändert häufig die Technik und produziert Kunstwerke. Einige Beispiele, zunächst die Anwendung eines recht unkonventionellen Werkzeugs:
Picasso hat die ganze Nacht damit zugebracht aus einem Besenstil ein königliches Zepter für Pyrrhus, dessen Drama sein Freund Jean-Marais inszeniert, zu schaffen. Er hat nach langen Versuchen mit anderen Techniken mit einem elektrischen Kocher Spiralen auf den Stil gezaubert. Brassaï nimmt den Stock in die Hand: „Picasso hat lange Spiralen im geometrischen Stil irgendeiner von ihm erfundenen archaischen Kunst hinein gebrannt. Seine nie versagende Gabe, jegliches Material, das ihm in die Hände kommt, zu beleben, ist bewundernswert. Er errät, erfindet, entdeckt die brauchbarste Methode, als stünden ihm von jeher die Hilfsmittel, Geheimnisse und Kunstgriffe, die in Jahrtausenden gewonnenen Erfahrungen aller grafischen und plastischen Techniken jederzeit zur Verfügung.“ (B 99)
Brassäi bemerkt im Park zwei sehr große schmiedeeiserne Figuren. „Sie stammen beide aus dem vergangenen Jahr. Wie immer neugierig auf alle Kunst- und Handfertigkeiten, die ihm fremd sind, und begierig, auszuprobieren, was er mit eigenen Händen daraus machen könnte, hatte Picasso aufmerksam seinem Freund, dem geschickten Kunstschmied Julio González, beim Hämmern und Biegen des glühenden Metalls zugesehen und ihn gebeten ihm die Anfänge seiner Kunst beizubringen. Der Lehrling hatte den Meister schnell überflügelt; aber ihre kurze Zusammenarbeit bereicherte auch González: nachdem er von seinem genialen Schüler kühne neue Formen gelernt hatte, bekehrte er sich zum Kubismus.“ (B 20-21)
Er erfindet neue Techniken, sobald er von den Meistern eines Fachs genug gelernt hat und revolutioniert so Lithographie, Keramik, Skulpturen, Glasbildern und Linolschnitt.
Sein Galerist Kahnweiler sagt über seine Linolschnitte: „Sind sie nicht herrlich? Picasso hat auch auf diesem Gebiet Neues geschaffen. Vor fünf Jahren hat er damit angefangen, dass er ein Frauenporträt von Cranach in Linol schnitt. Dann ist auf die Idee gekommen, statt für jede Farbe eine neue Platte zu schneiden, die erste immer wieder zu bearbeiten. Auf der Suche nach dem ihm gemäßen Ausdrucksmittel erneuert und verbessert er jede Technik.“ (GB 187)
Er wendet sich anderen Werkgattungen und Kunsthandwerken zu, wenn die alten ihn zu langweilen beginnen: “Nach der Rückkehr aus Polen ging Pablo wieder an seine Arbeit in den Töpferei Ramié, doch er war jetzt nicht mehr glücklich damit. Er hatte genug von der Keramik. Auf dem Gebiet der Lithographie hatte er außerordentliche Leistungen vollbracht, das gesamte lithographische Verfahren erneuert und technische Möglichkeiten entdeckt, auf die niemand vor ihm gekommen war. Das Resultat waren Arbeiten von einzigartigem Rang.“ (FG 184)
Skulpturen entstehen nicht wie damals üblich aus Marmor, anderem Stein oder Holz, sondern aus Alltagsgegenständen, die er auf der Straße, am Strand oder auf Schuttplätzen findet. Die berühmt gewordene Skulptur eines Stieres macht er aus der Lenkstange und dem Sitz eines Fahrrads. (FG 269) Picasso dazu: „Meine Skulpturen sind plastische Metaphern….Ich mache die Realität sichtbar, weil ich die Metapher gebrauche“ (FG 270)
Er hat seine arg gebeutelten Hostentaschen immer voll „.. mit so einfachen und seltenen, banalen und zauberhaften Dingen, wie es ein Stein, eine Muschel, ein Stück Holz oder Kork, eine Wurzel oder ein Stück Glas vom Strand des Meeres für jemanden sein können, der darin schon das latente Bild einer Taube, eines oder eines Schafskopf zu sehen vermag.“ sagt Brassaï. (B 72)
1945 gestaltet er einen Theatervorhang für eine Ballettaufführung, die Figuren der Blauen Periode, die Artisten und Gaukler werden getanzt. Brassai produziert das Bühnenbild auf der Basis seiner Fotographien, eine Innovation. (B 131, 133). Das Publikum applaudiert und buht. Picasso findet das harmlos verglichen mit dem Skandal, den das kubistische Ballett ‚Parade‘ in den zwanziger Jahren ausgelöst hat, zu dem er ebenfalls den Bühnenvorhang beigetragen hat. (B 132)
Beispiele seiner Wortkunst und Dichtung finden sich in dem Buch Wort und Bekenntnisse, ebenso ein Theaterstück. Die Farce: ‚‚Wie man Wünsche am Schwanz packt‘, wird von Freunden aus der Kunst- und Intellektuellenszene inszeniert und aufgeführt. Camus inszeniert, Jean Paul Sartre und Simone de Beauvoir spielen Rollen. (GB 112) Und er inszeniert eine Persiflage auf Kunstmaler, schlüpft in die Rolle und malt an einem kitschigen Bild. Für ihn ist das ein Riesenspaß. (B 94)
Er interessiert sich für die Graffiti, die Brassaï für seinen Band ‚Die Sprache der Wand‘ in Paris photographiert hat: „Es ist wirklich unglaublich, was man da manchmal an Erfindungsgabe entdecken kann! Wenn Kinder draußen auf der Straße oder an den Wänden zeichnen, bleibe ich immer stehen. Was unter ihren Händen entsteht, ist erstaunlich, ich lerne oft etwas dabei“ (B 148)
Picassos ist begeistert davon und berichtet, dass er Sgraffiti gemacht hat: “allerdings werden sie statt in die Wand in Zement geschnitten. Ein norwegischer Künstler hat das erfunden, meine Sgraffiti werden vergrößert und mithilfe von elektrischen Meisseln übertragen, sie sind für ein Gebäude in Barcelona bestimmt.“ (B 175) Auch hier interessiert er sich wieder für eine neue Technik.
Durch Brassaï lernt er Fotographie als Kunstform kennen. “Wenn man sieht, was Sie mit Fotos ausdrücken können, wird einem klar, was alles nicht mehr Aufgabe der Malerei sein kann. Warum sollte sich ein Künstler darauf versteifen, etwas darzustellen, was mithilfe des Objektivs so gut festgehalten werden kann? Das wäre doch Unsinn! Die Fotografie ist gerade im rechten Augenblick gekommen, um die Malerei von aller Literatur, von der Anekdote oder sogar vom Gegenstand zu befreien.“ (GB 41f) Er bedauert, dass er kein Fotograf geworden ist, um mit einem “Objektiv die intimsten Regungen des Gesichtes einzufangen, die ich noch in keinem meiner Porträts wiedergefunden habe.“ (B 92)
Da er so viele Techniken gelernt, mit unterschiedlichen Materialien und Medien gearbeitet hat, hat er die Freiheit, eine Idee, die ihm kommt, mit verschiedenen Medien und unterschiedlichen Techniken auszuführen. Es sagt, dass sich manchmal erst in einem längeren Prozesse entscheidet, wie er sie verwirklichen kann.
Neues Gründen und Begründen
„Mit einem Freund gründete er 1901 in Madrid die Zeitung „Arte Jovén“. Soler ist der literarische und Picasso der künstlerische Direktor. Picasso zeichnet, um die Seiten von Arte Jovén auszufüllen (…) und kann auch im Zeichnen nicht innehalten. In dem Bemühen, seine Revue zu beleben, besucht er Kneipen und Cafés, kommt in Kontakt mit Madrid, bringt unbekannte Leute ins Licht der Öffentlichkeit und lenkt die Aufmerksamkeit auf Ideen, denen keine andere Veröffentlichung Raum gewährt: Hierdurch schockierte er die Intellektuellen Madrids, die unfähig sind, an eine Zukunft voll kühner Erneuerung zu denken. (…) Arte Jovén gerät infolgedessen in finanzielle Schwierigkeiten. (…) Nach drei Monaten hat sich alles in Rauch aufgelöst.“ (JS 45f)
Er begründet durch die kubistische Malweise eine neue Stilrichtung in der Kunst. Am Begründen von Malerschulen hat er kein Interesse „Es zählen nur die Meister. Diejenigen, die erschaffen.“
Wird eine neue Idee wie der Kubismus zur Kunstrichtung, in der die Nachahmer „alles auf dem Würfel zurückführen“, woraus eine „verkünstelte Kunst hervorgegangen ist, ohne echte Beziehung zu der logischen Arbeit, die ich zu betätigen trachte.“ Die Nachahmer seiner Werke und Arbeitsweisen sind ihm „unerträglich“. (B 19)
Zum Kubismus: „eine Kunst, der es vor allem um die Form geht, und wenn eine Form einmal geschaffen ist, dann ist sie da und lebt ihr eigenes Leben weiter.“ (W&B 15)
Mit anderen Worten, man braucht sich dann nicht mehr darum zu kümmern und kann sich neuen Ideen zuwenden.
Ein Museum in seinem Heimatland Spanien zu gründen, kommt ihm nicht in den Sinn. Das beschließt und übernimmt sein Freund und Sekretär Jaime Sabartés für ihn. Die Planungen beginnen 1960 und 1963 wird das Museum Picasso in Barcelona im Aguilar-Palast eröffnet. Als Sabartés 1968 stirbt, vermacht Picasso dem Museum 58 Bilder der Serie ’Las Meninas‘ und 1970 schenkt er dem Museum seine Jugendwerke, die im Besitz seiner Familie sind.
2. Picassos Künstlerkarriere
„«Ohne ihn hätte ich niemals Karriere gemacht!» Tatsächlich hatte sich Kahnweiler, überwältigt von der Kühnheit der 'Demoiselles d’Avignon', entschlossen, von 1907 an Picassos gesamte Produktion zu kaufen, ausgenommen fünf Bilder im Jahr, die der Künstler für sich behalten durfte. Picasso war damals 27, Kahnweiler 23 Jahre alt. Seit 55 Jahren arbeiten sie zusammen.“ (B 186f)
Gemeint ist Daniel-Henry Kahnweiler, ein Deutscher in Paris -sein zweiter Galerist nach Ambroise Vollard - mit dem er sein Leben lang geschäftlich und freundschaftlich verbunden bleibt. Dieses Bild markiert den Übergang von Karrierephasen, die durch große Unsicherheiten, Karriereknicke im Sinne einer klassischen Malerkarriere, hin zu einer Phase, in der klar ist, dass er seiner Bestimmung Kunst zu machen, und zwar revolutionäre innovative, folgen kann und davon als selbstständiger und freier Künstler leben kann.
Am Ende seines Lebens sagte Picasso also, dass er Karriere gemacht habe. Was verstehen Entdecker darunter? Sie werden nicht die gleichen Kriterien wie z.B. erfolgreiche Unternehmer oder Manager anlegen. Die Essenz meiner Forschung ist: Sie haben dann eine erfolgreiche Karriere gemacht, wenn sie Entdeckungen gemacht haben, die gemessen an ihren eigenen Maßstäben innovativ und revolutionär sind. Die Karrieremaßstäbe Anderer interessieren sie nicht.
Wie sehen die ersten Phasen seiner Karriere aus, welche karrierehemmenden und -fördernden Einflüsse tauchen auf, wann und wodurch schafft er den Durchbruch?
Seine Karriere kann hier nicht in aller Ausführlichkeit dargestellt werden. Ausgewählt werden die Ereignisse, die für seine Karriere als Entdecker relevant sind. Empfehlenswert ist der Wikipedia Artikel zu Picassos Leben Picasso
Die Biographie auf der Website Pablo Ruiz Picasso Net
und die Biographie von Wilfried Wiegand, die bei Rowohlt erschienen ist.
Merkmale von Entdeckerkarrieren
Entdeckerkarrieren können keinen vorgegebenen Laufbahn folgen wie Karrieren von Menschen, die in Organisationen arbeiten, sondern ähneln den Karrieren von Selbstständigen, die aus dem Zusammen- und Gegeneinanderwirken der drei Dimensionen: Entwicklung der Persönlichkeit des Selbstständigen, seines Produkts oder seiner Dienstleistung und seiner Organisationsform emergieren.
Hier wird noch einmal zusammengefasst, durch welche Merkmale Entdeckerkarrieren geprägt sind:
Es gibt keine Laufbahn, keine Karrierepfade für Entdecker in bestehenden Organisationen
Es gibt keinen vorgegebenen professionellen Werdegang für Entdecker
Es gibt keine Normalbiographien von Entdeckern
Entdecken ist kein Beruf, sondern ihre Art zu leben
Entdeckerkarrieren weichen von den anderen drei Karrieretypen (angestellt, unternehmerisch, selbständig) dadurch ab, dass sie in extremem Maße von der Persönlichkeit des Entdeckers abhängig sind.
Das Individuum wird prämiert, auf ihm lastet neben der Arbeit an der Entdeckung sehr viel mehr, verglichen mit den Karrieren von Angestellten, Selbstständigen und Unternehmern
2.1. Die ersten Phasen seiner Karriere
Picasso wird 1881 in Malaga als Sohn eines Malers und Kunstlehrers und einer Mutter, unter deren italienische Vorfahren auch Künstler waren, geboren. Er fängt sehr früh an zu malen und zeigt ein überdurchschnittliches Talent dafür, das seine Eltern erkennen und fördern.
„Meine ersten Zeichnungen hätten niemals auf einer Ausstellung von Kinderzeichnungen gezeigt werden können. Mir fehlte die Ungeschicklichkeit des Kindes, seine Naivität. Mit sieben Jahren machte ich akademische Zeichnungen, deren minutiöse Genauigkeit mich erschreckte.“ (ÜK 113)
Sein Vater unterrichtet ihn, während die Schule für ihn eine Katastrophe ist, Rechnen und Schreiben interessiert ihn nicht, er malt im Unterricht und will dort nicht hingehen, sein Vater muss in jeden Tag dort abliefern.(JS 36) Im Alter von zehn Jahren wird er an der Schule für bildende Künste in La Coruña aufgenommen, wohin die Familie umgezogen ist. Eine bemerkenswerte Reaktion auf das überragende Talent seines Sohnes zeigt der Vater: „Schließlich gab Don José endgültig das Malen auf. Warum auch nicht? Pablo ist an seine Stelle getreten. «Da gab er mir seine Farben und seine Pinsel und hat nie mehr gemalt.»“ (JS 41)
Der dann folgende Umzug nach Barcelona ermöglicht es Picasso, auf der dortigen Kunstakademie mit 14 Jahren aufgenommen zu werden, er überspringt dabei zwei Klassen und sein Vater richtet ihm sein erstes Atelier ein, er malt seinen ersten großen Ölbilder, die mit Preisen bedacht werden. Der nächste Karriereschritt ist erwartungsgemäß das Studium der Künste, gewählt wird die Königlichen Akademie San Fernando in Madrid, die bedeutendste des Landes. Das Studium wird mit einem Stipendium seiner Familie ermöglicht und er besteht die Aufnahmeprüfung mit Leichtigkeit. Wie wir wissen, weigert er sich, sich dort von Lehrern in den klassischen Maltechniken und Sujets ausbilden zu lassen. Hier kommt es zu einem für seine Eltern nur schwer zu verkraftenden Karriereknick, er verlässt die Akademie nach einem Tag.
„Picasso besuchte zwar den Prado (um die Werke von El Greco, Velasquez u.a. zu studieren, KRG), zog es im übrigen aber vor, die Straßen der Hauptstadt zu durchstreifen und private Kontakte mit jungen Künstlern anzuknüpfen. Die Kurse der Akademie, deren Schüler er offiziell war, hat er kein einziges Mal besucht: “Warum sollte ich denn hingehen? Warum denn?“ (WW 16). Der Familienrat entzieht ihm die Unterstützung, der Vater fördert ihn weiter, so gut er kann. (JS 37f).
Dann erkrankt Picasso an Scharlach, kehrt zu seinen Eltern Barcelona zurück, und zieht um sich zu erholen weiter in das Haus seines Freundes Manuel Pallarés in Horta de Ebro, sie malen beide, arbeiten mit den Bauern und Picasso gesundet. Offenbar hatte diese folgenreiche Entscheidung seine Kräfte überfordert, ihn in einen inneren Konflikt gestürzt, er braucht eine Auszeit, eine Übergangsphase. Er führt dort ein einfaches Leben, arbeitet wie die dortigen Bauern und erlebt die einfache Schönheit und heilende Kraft der Natur. (JS 43).
Vermutlich geht es um die Entscheidung, die m.E. alle Entdecker zu treffen haben: Entscheide dich im „falschen Leben“ zu bleiben oder zu entdecken.
Mit dem Abbruch seines Studiums hatte er die Entscheidung getroffen, und wie immer ist es leichter, sich gegen etwas zu entscheiden, die Frage ist dann, wofür entscheidet man sich und wie soll es nun weitergehen? Sich Übergangsphasen zu schaffen und auszuhalten ist eine wichtige Voraussetzung dafür, dass die nächsten Karriereentscheidungen, die getroffen werden müssen, die richtigen sind.
Wenn Sie mehr dazu lesen wollen, hier der Link zu meiner Untersuchung von Übergangsphasen in Karrieren. Übergangsphasen
Maximen für Entdecker
Statt Zugehörigkeit zu suchen, bleibe lieber einsam oder such Dir einige wenige "Getreue"!
Lebe bescheiden, sei bedürfnislos. Lass dich nur von dem Bedürfnis zu entdecken leiten!
Picasso kehrt nach Barcelona zurück, mietet sich mit seinem Freund Casagemas ein Atelier, malt, wählt die damals verbreitete Lebensform eines Bohèmiens, lernt im Künstlercafé ‚Els Quatre Gats‘ junge katalanischen Künstler kennen, darunter seinen lebenslangen Freund, den Dichter Jaime Sabartés. Er hat dort mit seinen Bildern, in denen Linien zu dominieren beginne, keinen Erfolg, er hat noch keinen eigenen Stil und er hat kaum Geld, er lebt wirklich ärmlich.
Mit Casagemas reist der 19jährige 1900 für drei Monate nach Paris, die Stadt, in der zu dieser Zeit die Künstler der Moderne sind. Verglichen mit den Impressionisten und Postimpressionisten, mit van Gogh, Toulouse-Lautrec u.a. ist die Kunst in Spanien rückständig. Er malt, angeregt durch das was er sieht, verkauft ein paar Bilder und kehrt nach Barcelona zurück. Von seinen Malerfreunden dort hat er sich bereits entfremdet, er malt die ersten beiden Porträts seines Freundes Sabartés in einem ganz neuen Stil. 1901 begeht sein Freund Casagemas in Paris aus Liebeskummer Selbstmord. Ein unstetes Leben beginnt, er reist nach Paris, dann kommt ein Zwischenspiel in Madrid, wo er die Kunstzeitschrift Arte Joven begründet und scheitert.
1901 fährt er das zweite Mal nach Paris, vielleicht weil er begreift, dass er selbst in Madrid mit seinen innovativen Ideen nicht Fuß fassen wird. Er ändert seinen Namen von Pablo Ruiz erst in Pablo Picasso und wählt dann Picasso, den Mädchennamen seiner Mutter, womit er sich symbolisch von seinem Vater und dessen Malstil losgelöst hat. Seine erste große Ausstellung bei Ambroise Vollard, dem Galeristen, bei dem bedeutende Maler der Moderne ausstellen und von dem er 1910 ein großartiges Portrait in der Manier des analytischen Kubismus malt, wird ein Erfolg und er verkauft Bilder. Diese Bilder sind alle in Blautönen, sie zeigen arme Menschen, Einsamkeit und Alter in berührender Weise; den Tod seines Freundes Casagemas verarbeitet er 1901 in dem Bild "Evokation- Das Begräbnis Casagemas", dem ersten Bild der Blauen Periode und 1903 in dem Bild ‘Das Leben‘.
Link zum Bild La Vie Blaue Periode
Die später sogenannte „Blaue Periode“ begründet seinen Erfolg, es ist die erste der vielen noch folgenden, von ihm geschaffenen innovativen Stilrichtungen, die die kommenden Phasen seiner Karriere bis zu seinem Tode 1973 sequenzieren werden.
Schon hier zeigt sich, dass ein Stilwechsel mit dem Wechsel einer Lebensphase und der Trennung von einer für ihn vormals bedeutsamen Person verknüpft ist. Wir werden sehen, dass Casagemas der einzige Mann ist, der diese Funktion hat, in der Folge sind es immer Frauen.
Er wechselt in dieser Zeit noch zwischen Barcelona und Paris hin und her, aber der Erfolg stellt sich in Paris ein. 1904 geht er endgültig nach Paris, die sogenannte Rosa Periode beginnt 1905 und wird 1907 von der nächsten, der kubistischen schon abgelöst.
Link zum Bild Picasso vor seinem Gemälde Der Aficionado 1912, Kunstmuseum Basel
Portrait der Kunstmäzenin Gertrude Stein 1905-1906 im Metropolitan Museum of Modern Art NY - Ausschnitt mit Deckenlicht (Foto KRG)
Jetzt ist er ein bekannter Künstler, gehört zur Pariser Bohème, hat Förderer wie den Kunstkritiker Wilhelm Uhde, die Dichterin und reiche Kunstsammlerin Gertrude Stein, hat Ausstellungen, einen von ihm begeisterten und genialen Galeristen, Kahnweiler, verkauft Bilder, kann davon leben, die Zeit der Armut und des Hungers ist vorbei. Spätestens mit den Desmoiselles d’Avignon hat er den Status eines bedeutenden, die Malerei innovierenden und prägenden Revolutionärs und Ausnahmetalents erreicht und wird weltweit bekannt. Mit 26 Jahren hat er es geschafft, er ist bekannt, hat sich die Freiheit erkämpft zu malen was ihm gefällt und lebt ein Leben als wohlhabender freier Künstler.
Selbstbildnis aus dem Jahr 1906, nachdem er das Portrait der Mäzenin Gertrude Stein und bevor er die Demoiselles d'Avignon gemalt hat
2.2. Was ist für ihn Erfolg?
Brassaï sagt: „Sie haben Erfolg gehabt, mit 25 Jahren waren sie berühmt. Und Picasso antwortet: “Erfolg ist etwas sehr Wichtiges! Man hat oft gesagt, dass der Künstler für sich selbst, sozusagen aus ‚Liebe zur Kunst‘ arbeiten und den Erfolg verachten soll. Das ist falsch! Ein Künstler braucht Erfolg. Und nicht nur, um davon zu leben, sondern vor allem, um sein Werk schaffen zu können. (…) Aber wo steht geschrieben, dass der Erfolg immer nur den gehören soll, die dem Publikum schmeicheln? Ich habe beweisen wollen, dass man allen und allem zum Trotz Erfolg haben kann, ohne Kompromisse zu machen. Wissen Sie was? Mein Erfolg als junger Maler ist mein Schutzwall gewesen. Die blaue und die rosa Periode waren die Paravents, hinter denen ich sicher war (…) Im Schutze meines Erfolges habe ich tun können, was ich wollte. (B 102)
Und was wollte er tun? Freie Kunst, keine Auftragsarbeiten. Erfolg tritt in den Dienst des freien Arbeitens als Künstler, verschafft ihm Zeit und Ruhe um an den nächsten Werken oder vielleicht sogar an einem Stilwechsel zu arbeiten.
1939 droht der Ausbruch des Krieges „Aber am 15. November eben diesen Jahres sollte die größte Gesamtausstellung von Picassos Werken, eine Art Apotheose, im Museum auf Modern Art in New York eröffnet werden unter dem Motto: Forty years of his art.“, während er in Paris unter der deutschen Besetzung ein Veröffentlichungsverbot hat. Diese Ausstellung in Amerika führt dazu, dass er nach Kriegsende von hunderten begeisterter Amerikaner besucht wird, die ihn persönlich kennenlernen wollen, daneben, dass natürlich der Verkauf seiner Bilder in Amerika enorm ansteigt.
Picasso Raum im Metropolitan Museum NY, im Vordergrund die Bronzebüste von Fernande 1909 (Foto KRG)
„Sie werden der erste lebende Maler sein, der sein Werk im Louvre hängen sieht!“
Das sagt 1946 der Direktor der Staatlichen Museen von Paris, George Salles. Picasso war von ihm gebeten worden, dem Musée d‘Art Moderne Bilder zu schenken, da kein einziges von ihm in Pariser Museen hängt und er nun schon mehrere Jahrzehnte in Paris lebt. Picasso entschließt sich nach längerem Überlegen dem Museum zehn Bilder zu schenken. Salles lässt sie aber in den Louvre bringen und lädt Picasso zu einem „amüsanten Experiment“ ein. “Er wollte Pablos Bilder in verschiedene Abteilungen des Museums schaffen lassen, um zu sehen, wie sie neben Hauptwerken anderer Kunstepochen wirkten.“ Picassos ist begeistert von der Idee und stimmt zu. (FG 171f)
Es gibt zahlreiche Ausstellungen überall auf der Welt, er erhält zahlreiche Preise, kann seine Bilder gut verkaufen und sich bis zum Lebensende Rahmenbedingungen schaffen, um weiter freie Kunst machen zu können. Einige seiner Bilder wie Guernica und die Friedentaube, werden außerhalb der Kunstszene bekannt und gehören zum Kulturgut der Menschheit.
Er wird zum "Genie des Jahrhunderts" erklärt.
Auf dem Cover das Bild seiner Geliebten Dora Maar von 1937
2.3. Freie Kunst und Aufträge
Aus den Maximen für Entdecker:
Übernimm keine Aufträge mit Werksvertragscharakter (darin sind die Ziele vorgegeben), höchstens als Mittel zum Zweck, die eigene Entdeckungsarbeit zu finanzieren. So wie freie Künstler Auftragsarbeiten machen um ihre freie Kunst zu finanzieren!
Lass Dir keine Aufträge von anderen geben, was Du entdecken sollst! Gib sie Dir selbst!
Picasso vertraut auf die eigene Kraft und steht die ersten Jahre, in denen er von seiner Kunst nicht leben kann, mithilfe seiner Familie und seiner Bedürfnislosigkeit durch, bis er Erfolg hat. Er entscheidet sich trotz seiner finanziellen Not von Anfang an gegen Auftragsarbeiten.
“Im Schutze meines Erfolges habe ich tun können, was ich wollte“. (B 102) Und was wollte er tun? Freie Kunst, keine Auftragsarbeiten und selbst sein eigener Auftraggeber sein
Er macht Auftragskunst am Beispiel eines Christusbildes mit Dornenkrone von El Greco lächerlich: Für jede bestellte Träne mehr habe er wohl soundso viel Peseten genommen. „Man muss ja leben.“ (B 110f)
Auch einen „Nebenberuf“, mit dem man sein freies Arbeiten finanziert, sei eine Täuschung, sagt er zu Brassaï, seinem Fotographen und Freund. “ Ich war oft pleite, und doch habe ich immer jeder Versuchung widerstanden, von etwas anderem als von meiner Malerei zu leben. Ich hätte auch für satirische Zeitschriften zeichnen können (…) Aber ich wollte mein Leben durch meine Malerei verdienen. Anfangs habe ich nicht teuer verkauft, aber ich habe verkauft. Meine Zeichnung, meine Bilder kamen unter die Leute. Das ist der springende Punkt.“ (B 102)
Sein Erfolg habe sich eingestellt, weil er sich immer darum gekümmert habe Bilder zu verkaufen, selbst wenn sie zu günstig waren, um in den Markt zu kommen.
„Auf die Freiheit muss man sehr achtgeben. In der Malerei wie auch sonst. Was du auch unternimmst, du findest dich mit Ketten beladen.“ (ÜK 37)
„Wenn es in dem, was man tut, eine Freiheit gibt, dann die, etwas in sich selbst freizusetzen. Und selbst das ist nicht von Dauer.“ (ÜK 38)
Es ist sehr wahrscheinlich, dass Picasso neben dem Entdeckeranker den Karriereanker Selbstständigkeit und Unabhängigkeit hat. Dieser Anker ist äußerst funktional für seine Entscheidung ausschließlich freie Kunst zu machen und sich die Art seiner Selbstständigkeit zu organisieren.
Einige Beispiele, wie er mit Aufträgen und Auftraggebern umgeht:
Ein Ballettdirektor gibt Picasso den Auftrag für einen Vorhang und Braissaï den für die Dekorationen, um die nächste Aufführung seiner Balletttruppe zu gestalten. Brassaï erinnert sich: „Vor einigen Tagen habe ich ihn bei Picasso wieder getroffen, als er den Meister an den versprochenen Vorhang für unser Ballett erinnern wollte. Natürlich hatte Picasso noch nicht einmal damit angefangen.Im Grunde haßt er jeden 'Auftrag', er fühlt sich nur wohl, wenn er ganz zwanglos arbeiten kann. Bei Büchern hilft er sich, indem er aus seinem überreichen Werkgrafiken oder Lithographien aussuchen lässt, die am besten zum Text passen. (...) Boris konnte an den Vorhang für ’Le Rendez-vous‘ erinnern, so viel er wollte, Picasso hatte es beim Plan bewenden lassen. „Hören Sie, Boris, ich habe eine Idee“, hat er gesagt.“ Sie haben es so eilig mit ihrem Vorhang, suchen Sie sich doch unter meinen letzten Gouachen diejenige aus, die ihren Vorstellungen am besten entspricht! Es gibt welche mit Leuchten, mit Totenköpfen, mit Spiegeln. Das gibt doch den Schicksalsgedanken gut wieder. Und es wird ein leichtes sein, die Gouache zu vergrößern, die ihnen am besten gefällt.“ Boris hat sich schließlich für ein Blatt mit einer Samtmaske und einer brennenden Kerze entschieden: der Vorhang war gefunden an.“(B 127)
So etwas passiert wie in den Biographien beschrieben wird öfter. Einmal sogar mit einer Auftragsarbeit der Kommunistischen Zeitung, er ist zu dieser Zeit Mitglied der KP, die von ihm ein Bild von Stalin haben will. Er duldet keine Vorgaben und es fällt überhaupt nicht zur Zufriedenheit der Zeitungsmacher aus, viel zu modern und respektlos wirke es, es Streit gibt.
Picasso bekommt den Auftrag vom Pariser Stadtrat, ein Denkmal für seinen Freund den Dichter Guillaume Apollinaire zu schaffen. „Er war für den Plan, aber er bestand auf völliger Freiheit. Einige der Komiteemitglieder waren damit einverstanden, andere waren nicht besonders glücklich darüber, Picasso überhaupt zu gewinnen – noch weniger ihm carte blanche zu geben. Pablo war unerbittlich «entweder mache ich es wie ich es will, oder ihr sucht euch jemanden anders.»“ (FG 271)
„Die Angelegenheit zog sich monatelang hin, und als es schließlich dem Komitee gelungen war, den Stadtrat zu einem schwachen, wenig begeisterten Ja zu bewegen, war Pablo selbst so wenig Enthusiasmus verblieben, dass er ihnen einfach eine Skulptur gab, die im Atelier herumstand, ein Bronzekopf von Dora Maar, den er 1941 gemacht hatte.“ (FG 27)
Kahnweiler sagt in einem Gespräch mit Brassai darüber, ob Picasso mehr Aufträge hätte bekommen können:“ Bei Picasso ist das etwas anderes. Er mag Aufträge nicht gern. Er hat 'Guernica' und 'Der Krieg und der Frieden' spontan geschaffen. Und den Auftrag für das große Wandbild im UNESCO- Gebäude hat er nur zögernd, eigentlich nur George Salles (Direktor der Pariser Museen) zuliebe, angenommen und man hat ihm seine Mühe schlecht vergolten.“ (B 193) Das Wandbild 'Der Sturz des Ikarus' konnte nicht im Ganzen betrachtet werden, es war halb verdeckt und es lief ein Steg quer davor lang, der für die Elektriker gedacht war.
Sabartés hat die gleiche Einschätzung: „Er liebt es nicht, sich durch die Anforderungen eines Auftrags Beschränkungen aufzuerlegen. Es ist schon bekannt, dass ihm ein Portrait auf Bestellung ebenso wie das Illustrieren eines Textes keine Freude macht. Wenn überhaupt Bücher mit seinen Kupferstichen erscheinen, so erklärt sich das daraus, dass sich in seiner so reichhaltigen Produktion immer etwas Geeignetes findet, falls man nicht zu anspruchsvoll ist.“ (JS 146)
Für seinen Freund, der ihm über Jahre gedient und ihm die Freundschaft gehalten hat macht er eine Ausnahme. Picasso hat Sabartés in verschiedenen Stilepochen immer wieder aus eigenem Antrieb gemalt und jetzt bittet der ihn das erste Mal um ein Portrait. „Es wäre mir lieb, wenn man mich, wie die Edelleute im 16. Jahrhundert, mit einer Erdbeere porträtierte, und auch mit einem Federhut als Kopfbedeckung. Ich werde dich so malen, versicherte er mir nachlässig.“ (JS 158) Und er malt ihn genauso wie gewünscht als Ritter mit Federbusch und Erdbeere. Sabartés meint, dass die engen Vorgaben vermutlich einigen Widerstand hervorgerufen haben, er aber doch die Idee des Freundes verwirklicht hat. (JS 163)
2.4. Der Preis des Erfolgs
Schon 1936 beklagt er den Ansturm von Leuten, die ihn in seiner Wohnung „unter verschiedenen Vorwänden“ sprechen möchten. "Ein hartnäckiger Kampf" sei das, Sabartés versucht im Vorzimmer die Leute abzuweisen und nur Freunden gelingt es, Picasso zu sehen. Er beklagt sich bei Sabartés auch über die vielen Ausstellungen seiner Bilder, die er besuchen soll: “Was habe ich denn mit alldem zu schaffen? Wenn sie einen mit ihren Ausstellungen langweilen, sollen sie doch selber ihre Bilder malen. Nicht wahr? Was ich zu tun habe, macht mir schon genug Mühe. Warum kann man mich nicht in Ruhe lassen?“ (JS 139) Dass ihn seine gemalten Bilder weniger interessieren als die, die er noch malen will, und er auch jede Form des Theoretisierens über seine Werke ablehnt, erklärt sein Desinteresse an Ausstellungen.
Nach Ende des Krieges 1945, er ist weltweit berühmt, setzt wie er sagt erneut ein „Sturm auf sein Atelier“ ein. Neben seinem Ruhm als Künstler durch die Bilder von Guernica, der Friedenstaube und die, die nur Kunstbegeisterte kennen; wird er dafür bewundert, dass er unter der deutschen Besatzung in Paris geblieben, dort gearbeitet hat und nicht geflohen ist.
„Ja wir hatten hier eine Invasion. Paris ist befreit worden, aber ich wurde und werde immer noch belagert. Jeden Tag kommen Besucher in Mengen; gestern waren unzählige hier. Die Leute glauben ich hätte nichts anderes zu tun, als sie zu empfangen.“ (B 113f).
Aber sie halten ihn von der Arbeit ab. Sabartés tut als ‚Pförtner und Wachhund‘ sein Bestes, um ihn abzuschirmen, aber es gelingt kaum.
„Im Augenblick kann ich nicht gut arbeiten. Zu viele Besucher, zu viel Zusammenkünfte, Delegationen und Empfänge.“
Ruhm, Ehrungen, Besuche von Bewunderern stören ihn genauso wie andere Entdecker, da sie ihn von seiner Arbeit abhalten. Man könnte meinen, dass diese Anerkennung für Freude sorgt, das ist aber meist nicht der Fall, auch nicht bei Marie Curie, die darunter extrem leidet.
Nach vielen Jahren besucht Brassaï 1960 ihn in seinem neuen Haus in Mougins und findet eine Festung vor. „Ich will keine neuen Gesichter mehr sehen. Wozu auch? Aber für meine Freunde bin ich immer da. Und Ihre Besuche sind mir umso willkommener, als ich hier abgeschlossen, man könnte fast sagen: eingesperrt, lebe. Meine Berühmtheit möchte ich niemandem wünschen, nicht einmal in meinem schlimmsten Feind! Sie macht mich physisch krank. Ich schütze mich, so gut ich kann, verbarrikadiere mich Tag und Nacht hinter verriegelten Türen.“ Brassaï fragt nach seinem anderen Haus. “Da ist es noch schlimmer. Die Neugierigen kommen überall hin. Sie verfolgen mich mit Ferngläsern, belauern mich auf Schritt und Tritt. Es ist unerträglich.“ (B 171) Die Tochter von Matisse sagt „Sein Ruhm erdrückt ihn.“ (GB 181)
Diesen Preis zahlt auch seine Familie. Sein Sohn Paolo wie auch die Enkelkinder müssen sich vorher anmelden, sie überwinden trotzdem nur manchmal die Sprechanlage, das Tor, Picassos neue Frau Jacqueline, die ihn vollständig abschirmt und die freilaufenden Hunde, vor denen sich die Kinder ängstigen. Marina Picasso beschreibt, dass sie oft nicht bis zum ‚Meister‘, wie ihn, der eigentlich ihr Großvater ist, seine Frau bezeichnet, vorgedrungen sind. Sie erleben sich als eine unwillkommene Last. (MP 39 und 127).
Ruhm und Ehrungen durch Institutionen
Wie aus seinem Lebenslauf schon ersichtlich ist, hat er ein schwieriges Verhältnis zu Institutionen und Organisationen. Man könnte ihn einen Schulverweigerer nennen, die Zugehörigkeit zur königlichen Akademie der Künste quittiert er nach einem Tag, lediglich über die beiden Kunstschulen in La Coruna und Barcelona wird nichts Negatives berichtet, vermutlich konnte er dort so arbeiten, wie er es wollte. Danach tritt er nie wieder in eine Organisation ein, sondern arbeitet selbstständig als freier Künstler in Kooperationsbeziehungen zu Kollegen und zu Galeristen. Er lässt sich nichts sagen und kann sich nicht ein- oder gar unterordnen und auch kein Lob von Menschen annehmen, die ihm nicht gewachsen sind.
Sein Ruhm bringt es mit sich, dass ihm Ehrungen durch Institutionen zuteilwerden, in Form von Preisen, von angetragenen Mitgliedschaften, auch damit hadert er, wie übrigens auch Nicola Tesla, der sie alle in eine Kiste stopfte und Marie Curie, die Ehrungen als schwer erträgliche Veranstaltungen empfand, die sie nur von der Arbeit abhalten.
„«Meine Ernennung um Akademiemitglied Jawohl! Die Königliche Schwedische Akademie hat mich zum Mitglied ernannt». Sein schrilles Lachen tönt uns noch in den Ohren.“ (JS 49)
Verliehene Titel sind ihm zwar eine Last, aber er nutzt sie auch nach Gutdünken: Als ihm jemand ein Bild von El Greco, das Picasso für eines von dessen schlechtesten hält, verkaufen will, es in höchsten Tönen anpreist und behauptet: „Es ist einer der schönsten El Grecos aus, meine Herren, das sage nicht ich, das sagt der Direktor des Prado“, unterbricht er sie unwirsch. “ Pardon, Madame! Der Direktor des Prado bin ich! Da habe ich ein Wort mitzureden! Aber ja, ich bin von der Regierung, von der republikanischen Regierung dazu ernannt worden. Und ich bin es noch, man hat mich nie abgesetzt. Einen Haufen von Berichten habe ich lesen müssen, man hat mich mit Briefen überschwemmt. (…weitere Klagen, KRG) Dabei habe ich von meinen – sowieso mageren – ‚Bezügen‘ nie auch nur eine Pesete gesehen. Im Grunde war ich der Direktor eines Geistermuseums, eines leeren Prado, denn die Schätze waren alle (wegen den Krieges, KRG) nach Valencia gebracht worden. (…) Wenn Sie die Meinung des Direktors des Prado hören wollen, will ich sie Ihnen sagen.“
Und dann folgt die schon zitierte abfällige Äußerung über El Greco, es sei eine Auftragsarbeit für eine Kirche oder ein Kloster und auch eines seiner schlechtesten Bilder. (B 110f)
Der Hintergrund ist, dass Picasso 1936 im spanischen Bürgerkrieg Partei gegen Franco ergriffen hat und er von den Republikanern als Dank zum Direktor des Prado ernannt wurde. Natürlich hat Franco nach seinem Sieg einen anderen zum Direktor des Prado ernannt, was Picasso ignoriert, da er Francos Herrschaft niemals akzeptiert hat und zu.
1967 lehnt er die Aufnahme in die Ehrenlegion Frankreichs ab.(IW 95) Das ist die ranghöchste Auszeichnung, die der französische Staat zu vergeben hat, zunächst nur für Militärs, später für Künstler, Wissenschaftler und Politiker.
Wie er mit den beiden ihm verliehenen Lenin-Friedenspreisen umgeht, habe ich nicht recherchieren können. Mit der Kommunistischen Partei Frankreichs liegt er u.a. wegen eines Porträts von Stalins im Clinch.
3. Picasso ein Spanier im Exil - Gemeinsam mit Karl Giesecke
Um Picasso zu verstehen, kann man seine einmalige Persönlichkeit und deren biografische Gewordenheit analysieren, man kann ihn als Vertreter des Typus Bildende Künstler wie auch des Typus Entdecker beschreiben, aber auch als Angehörigen einer Kultur und Nation, als Spanier und als Mensch, der in einer Epoche und der sie prägenden Kultur gelebt hat. Er ist in einer patriarchalen und verglichen mit Frankreich rückständigen Kultur aufgewachsen. Manches für mich auffällige Verhalten, wie sein Streiten und Recht haben wollen, die ich seiner Persönlichkeit zugeschrieben habe, scheint neben einer indivuellen Ausprägung auch ein Ausdruck seiner Identität und Sozialisierung als Spanier zu sein.
Spanier sind nach Ansicht des Soziologen Karl Giesecke, der länger dort gelebt hat, Menschen mit einem ausgeprägten Stolz, wie die alte Zuschreibung des „stolzen Spaniers“, die heute vermutlich als Vorurteil und Diskriminierung bewertet wird, sagt. Dieser Stolz führt nach seiner Beobachtung zu einer Unfähigkeit Kompromisse zu schließen. Das zeigt sich seiner empirischen Erfahrung nach darin, dass widerstreitende Meinungen in Form von unnachgiebigen Kämpfen ausgetragen werden, wo es um Recht behalten geht, darum Entgegenkommen zu vermeiden, also um Sieg oder Niederlage. Dafür gäbe es neben seinen Erfahrungen in privaten und institutionellen Kontexten auch in der spanischen Politik genügend Beispiele.
Zermürbende Kämpfe
Einige Beispiel dafür bei Picasso: Es gab sehr oft zermürbende nächtliche Streitereien, berichtet seine damalige Frau Françoise Gilot, sie wurden von ihm so lange fortgesetzt, bis sie zugab im Unrecht zu sein, was meist nicht der Fall war. Brassaï, der Fotograph seiner Werke, der Picasso schon länger kennt, hatte bei Beginn ihrer Beziehung prognostiziert, dass es wie mit allen Frauen ablaufen werde: „Und ich denke mit Sorge an die unvermeidlichen zermürbenden Kämpfe, die es geben wird, die es schon gibt.“(Br. 81).
Er konnte nicht nachgeben, selbst wenn es offensichtlich war, dass er sich irrte, nie Fehler eingestehen und sich nicht einigen, er focht stundenlang auch bei unbedeutenden Anlässen darum recht zu behalten. Das tat er nicht nur mit seiner Frau, sondern auch mit Freunden wie Sabartés und in auch in geschäftlichen Beziehungen. Er weigerte sich versprochene Kunstwerke zu liefern oder andere einmal getätigte Zusagen einzuhalten, stritt sich, vielleicht weil sein Stolz es ihm verbot, sich Bedingungen zu unterwerfen, die andere stellten, selbst wenn er sie zuvor mit ihnen ausgehandelt und ihnen zugestimmt hatte.
Gefühlsausbrüche
Für ihn gab es nur Sieger und Besiegte, Schuldige und Unschuldige, ihn der im Recht war und andere, die im Unrecht waren, Abhängige und Unabhängige. Er macht anderen massive Vorwürfe, kann sie nicht in ihren Motiven verstehen, agiert ohne jede Empathie. Er wirft Françoise vor, vor dass sie ihm keine Szenen macht, dass sie zurückhaltend, kontrolliert und kalt sei: „Ich möchte einmal erleben, dass du aus dir herausgehst, dich gehen lässt, lachst weinst,– mein Spiel spielst.“ Er schüttelt den Kopf vor Abscheu. „Ich werde euch Nordländer nie verstehen!“ „Ich konnte sein Spiel nicht mitspielen“ sagte die Französin (FG 286)
„Diese Sicht auf den Norden spiegelt sich auch in dem eher negativ konnotierten Vorurteil gegenüber den Deutschen als „Quadratköpfe“ wieder. Dies meint die kalte Berechnung und die gradlinige Zielverfolgung, die sich eben nicht durch spontane Emotionen aus der Ruhe bringen oder irritieren lässt. Darin steckt zum einen das Misstrauen, dass die Nordländer ihre Gefühle unterdrücken und damit auf eine Art nicht „ehrlich“ sind, sondern verstellt. Die Impulkskontrolle ist aus dieser Perspektive Verstellung und letztlich Unehrlichkeit. Zum anderen macht diese Fähigkeit zur Kontrolle der eigenen Gefühlsregungen sie geradezu unheimlich. Die Nordländer zeigen sich nicht, man weiß nie was in ihnen los ist. Sich derart zu verstecken ist ungehörig. Das spanische Ehrgefühl ist verbunden mit emotionaler Ehrlichkeit.
Während unter Spaniern Gefühlsausbrüche geehrt und gefeiert werden, gelten sie hierzulande als Zeichen der Unreife, des sich nicht im Griff Habens. Genau dieser Griff wird abgelehnt. Dieses Feiern des emotionalen Öffnens lässt sich auch ganz deutlich in zum nationalen Kulturgut gewordenen Flamencopraktiken finden. Der Ausdruck von Schmerz durch Ausdruck der Tänzerinnen und Klang und Inhalt von Gesang wird durch anfeuernde „Olé“-Rufe bestärkt und gefeiert. Es wäre geradezu paradox die Bejubelung auf den Inhalt der Darstellungen zu beziehen, bejubelt wird eine Praxis der Emotionsdarstellung und zwar zumeist als negativ konnotierter Emotionen wie Liebesschmerz, aber auch persönlicher Schicksale.“ (Karl Giesecke)
Ein Foto aus den frühen Jahren der Beziehung mit Françoise Gilot. Robert Capa fotografiert 1948: "Picasso mit Sonnenschirm und Gilot" (In der Reihenfolge!) und Picassos Sohn Paolo (auf dem Cover einer Neuauflage des Buchs im Diogenes Verlags wurde er wegretuschiert!), das sie als Cover für Ihre Biographie "Mein Leben mit Picasso" wählt.
Die eigene Niederlage anerkennen
Allerdings zeigt sich in zwei Situationen, dass Picasso akzeptiert, wenn seine Frau 'gewonnen hat'. Er sieht sie als gleichwertige und ernst zu nehmende Gegnerin, als er ihr, nachdem sie sich von ihm getrennt hat, zugesteht: “Du wirst mich verlassen, aber du verdienst mit kriegerischen Ehren verabschiedet zu werden.“ (FG 308) Er bittet sie um den letzten Gefallen, den Stierkampf zu eröffnen, auf einem Pferd durch die Arena zu reiten und eine Proklamation zu verlesen. Den ersten Stierkampf, den Pablo in Valllauris organisiert hat und der zu seinen Ehren veranstaltet wurde. (FG 308) Er ist begeistert von ihr und bittet sie bei ihm zu bleiben, weil sie der einzige Mensch sei, der ihm Spaß mache und er werde vor Langeweile sterben, wenn sie geht.(FG 309).
Die zweite Situation ereignet sich ein paar Jahre nach der Trennung, nachdem sie nach Amerika gegangen ist und ihr Buch „Mein Leben mit Picasso“ veröffentlicht hat. Er soll getobt haben, geht in drei juristischen Verfahren gegen den Verlag vor, um die Veröffentlichung zu verhindern und verliert jedes Mal. Dann ruft er sie an und gratuliert ihr zum Sieg. Er bewundere sie, billige aber nicht was sie getan habe, es ist das letzte Gespräch zwischen beiden (Ausschnitt aus der Biografie auf ihrer Website www.francoisegillot.com
Stier und Minotaurus - Spiegel und Identifikationsobjekt
Spanier lieben Stiere und den Stierkampf, sagt Karl Giesecke. Als Beispiel dafür nennt er den Aufschrei und den Protest, den der nach einer Nivellierung des Straßengesetzes 1994 geplante Abbau im Volk hervorrief, als die riesigen schwarzen, lediglich die Silhouette eines Stier darstellenden Holzskulpturen, die sich auf vielen Bergen in Spanien befanden, hervorrief. Diese schwarzen Stiere sind das Logo des beliebten und bekannten Weinbrands, den die spanische Firma Osborne herstellt, sie wurden in den 50er Jahren aufgestellt. Der massenhafte Protest verhinderte den Abbau dieser gigantischen Werbetafeln zumal der Name der Firma nicht darauf stand und man sich darauf verlegen konnte, dass man Denkmäler der verehrten und bewunderten Stiere, die ihre Stärke, ihren Mut und ihre Kraft im Kampf in der Arena zeigten, nicht abreißen dürfe. „1997, drei Jahre nach der Ankündigung des Abbaus beschloss der Oberste Gerichtshof die Stiere aus Gründen der „ästhetischen und kulturellen Wichtigkeit“ entgegen der Straßengesetzgebung zu erhalten".(Karl Giesecke) Silhouette des Toro de Osborne nahe Llanes Asturia von Manuel M. Vicente, Flickr
Auch Picasso verehrte ihn, machte hunderte Zeichnungen in der Werkreihe „Tauromachie“ (B 177). 1928 taucht er erstmals als Motiv auf und bleibt ein Motiv seiner Kunst über Jahrzehnte, Stiere malt er schon sehr viel früher. Picasso sagt: „Für mich ist der Stier das stolzeste der Symbole.“ (F.G. 309). Er stellt ihn entweder als Minotaurus dar, ein archaisches Ungeheuer und Fabelwesen, das die Menschen beherrscht, oder als Stier, der in der Arena mit den Menschen kämpft oder als lüsternes Wesen, das sich Frauen nähert. Schon in seiner Kindheit besucht er mit seinem Vater jeden Sonntag Stierkämpfe und auch in seinem späteren Leben in Südfrankreich unzählige Stierkämpfe und er sorgt dafür, dass in seinem Wohnort Vallauris Stierkämpfe eingeführt werden.
Die Liebe zu Minotauren und zu Stierkämpfen ist also zum einen durch seine Sozialisation in Spanien zu erklären, zum anderen durch seine Begeisterung für dieses stolze, kräftige, freie, urtümliche und durch Menschen kaum beherrschbare Wesen, mit dem er sich identifiziert, in dem er sich spiegelt. Als er nach dem Scheitern seiner Beziehung mit Olga, seiner zweiten Frau aus der gemeinsamen Wohnung auszieht, malt er sich als Minotaurus, der einen Umzugskarren zieht. Die künstlerischen Themen, die er an diesem Sujet abhandelt, sind Gewalt, Tod und Sexualität, die s. E. zu den 20 Themen gehören, mit denen sich s.E. die Kunst beschäftigt oder beschäftigen sollte.
Picasso und seine Heimat
Er reist 1900 das erste Mal mit seinem Freund Casagemas in die Kunstmetropole Europas Paris, um die Bilder der Impressionisten zu sehen und arbeitet dort. Die nächsten Jahre pendelt er zwischen Barcelona und Paris immer wieder hin und her, bis er 1904 endgültig übersiedelt. 1940 beantragt er die französische Staatsbürgerschaft, der Antrag wird abgelehnt, es gibt ein Dossier von 1905, das ihn als Anarchisten einstuft. Als ihm ein Freund nach dem Zweiten Weltkrieg vorschlägt, doch jetzt endlich die französische Staatsbürgerschaft anzunehmen reagiert er empört: „Was den Wechsel meiner Nationalität anbetrifft - ich repräsentiere Spanien im Exil.“ (F.G. 168). Während des Krieges bringt es ihn als Ausländer bei Reisen in Schwierigkeiten, dass er weder einen spanischen noch einen französischen Pass hat, aber er will den spanischen nicht anfordern, weil er damit das Franco-Regime anerkennen würde (FG 182) Er hat den Schwur getan, dass er Spanien so lange nicht betreten wird, solange Franco herrscht. Selbst zur Eröffnung des Picasso Museums in Barcelona 1962, das sein langjähriger Freund Sabartés aufgebaut hat, fährt er nicht. Ende der 50er Jahre lehnt er das Angebot auf Einbürgerung durch den französischen Präsidenten ab, faktisch ist er ein Staatenloser.
Die Verbundenheit mit seiner Heimat zeigt sich in mehreren Begebenheiten. Brassaï berichtet seinem Besuch bei ihm zusammen mit einer Spanierin, Picasso sagt mit “warm glänzenden Augen: »Sie sind Katalanin. Ich habe doch gleich gesehen, dass ihre Augen nicht von hier, sondern von da unten sind. Man kann seine Heimat nicht verleugnen«. Picasso hebt die Arme und pfeift eine Sardana. Ein junger wendiger Katalane tanzt da vor uns. Er strahlt, ist weit fort irgendwo in Katalonien.(…) Er tanzt die Sardana - er ist dort unten. »Man kann seine Heimat nicht verleugnen«“(B 172)
Nicht Málaga, wo er geboren ist, sondern Katalonien ist für ihn Heimat. Er hat lange Jahre in Barcelona gelebt und vielleicht sind es auch die auf Autonomie bedachten Katalonen, die ihm besser gefallen als die anderen Spanier. Er hält Kontakt zu vielen Freunden aus der Zeit in Barcelona, mehrheitlich Künstlern. Seinen Freund aus dieser Zeit, Sabartés, bittet er in einer schweren Krise zu ihm nach Paris zu kommen. Der kommt aus Amerika zurück und bleibt sein Leben lang sein treuester Begleiter in unterschiedlichsten Rollen.
Als sein Galerist Kahnweiler ihn darauf hinweist, dass viele gefälschte Bilder von ihm im Umlauf seien, reagiert er nachsichtig. „Ich kann doch die Fälscher nicht verklagen! Ich bin sicher, daß ich vor dem Untersuchungsrichter spanische Maler fände mit Handschellen an den Händen…Meine Freunde!“ (B 196)
Picasso kehrt nach dem Machtantritt von Franco nie wieder nach Spanien zurück, er stirbt 1973, zwei Jahre vor Francos Tod im selbstgewählten Exil. „Man hat seine Heimat in sich“, aber besuchen konnte er sie nicht mehr.1981 kehrt sein Monumentalgemälde, Guernica, das das Leid der Menschen während der Bombardierung der Stadt durch deutsche Flieger der Legion Condor im spanischen Bürgerkrieg zeigt, aus dem Exil in New Yorker MoMa nach Spanien zurück. Picasso hatte verfügt, dass es erst nach dem Ende des Faschismus nach Spanien zurückkehren darf. Es hängt im Madrider Museum Reina Sophia.
4. Die Bedeutung der Frauen für seine Künstlerkarriere
Seine Fähigkeit zu radikalen Umorientierungen im Leben
„Jedes Mal, wenn er Tabula rasa macht, ist es endgültig, unwiederbringlich. Das ist seine Stärke! Das Geheimnis seiner Jugendlichkeit. Er streift wie eine Schlange die schlechte Haut ab und beginnt woanders ein neues Leben. Niemals würde er nach einer Trennung einen Blick zurückwerfen. Sein Vergessenkönnen ist noch erstaunlicher als sein Gedächtnis.“ Sagt sein Freund Sabartés nach der Trennung Picassos von seiner Frau Olga und ihrer großbürgerlichen Wohnung in Paris über ihn. (B 78)
Fernande Olivier, Modell und Malerin lebt mit ihm 1905-1912 in sehr ärmlichen Verhältnissen in Paris. Zu Beginn dieser Zeit endet die blaue, die Rose Periode beginnt und 1906/7 malt er die Mademoiselles d'Avignon. 1911 krieselt es in der Beziehung.
„Cocteau (Ein Dichter und Freund Picassos, KRG) hat oft gesagt, daß die Begegnung mit Picasso das entscheidende Ereignis seines Lebens gewesen sei. Picassos Kühnheit und Klugheit, sein Humor, das Neu-anfangen-, das Sich-wandeln-Können, seine schnurrigen Wortspiele, seine kurzen, treffenden Definitionen, seine »tiefgründige Phantasie« - all das hat zweifellos Cocteaus quecksilbrigen Geist stimuliert.“ (B 97)
In seinen Beziehungen zu Frauen wie auch in seiner künstlerischen Praxis ist Picassos Wille und seine Fähigkeit zu radikalen Umorientierungen stark.
Seine Prämierung des Innovierens, des Zerstören des Vorhandenen und dessen Ersetzung durch das Neue, die Prämierung der disruptiven Dimension der Wandeltriade, bestimmt sein Privatleben wie seine Künstlerische Praxis. Die Triebkraft Neues zu beginnen nutzt seine unbändigen Energien, seinen Willen und seine Rücksichtslosigkeit gegenüber sich selbst und anderen, um Vorhandenes durch Neues zu ersetzen.
Die Wandeltriade wurde hier im ersten Abschnitt: Picasso der Entdecker vorgestellt, um den radikalen und revolutionären Charakter seiner künstlerischen Praxis zu beschreiben.
Neue Frauen und neue Kunst
„Ich »goutiere« nie etwas, genauso wenig, wie ich etwas gern habe. Ich liebe oder ich hasse. Wenn ich eine Frau liebe, dann sprengt das alles, besonders die Malerei. Alle Welt kritisiert mich, weil ich den Mut habe, mein Leben in aller Öffentlichkeit zu leben, vielleicht mit mehr Zerstörung darin als bei den meisten anderen, sicher aber auch mit mehr Sauberkeit und Wahrheit. Noch mehr ärgert es mich, daß jeder denkt, ich sei ohne Kultur, nur weil ich ungehemmt bin und nach meiner Fasson lebe.“ (ÜK 54/55)
Es gibt einen unbestreitbaren Zusammenhang zwischen der Entwicklung eines neuen Kunststils und dem Beginn einer Beziehung zu einer anderen Frau. Das bestätigen er selbst, seine Biografen Gilot, Brassaï und Sabarté. Würde ein Wissenschaftler, in dem sich die Idee für eine neue Entdeckung oder Erfindung mehr oder weniger klar abzeichnet, seine Frau verlassen müssen, um diese Entdeckung machen zu können? Vermutlich eher nicht. Woran liegt das? Vermutlich daran, dass Picassos Karriere radikal subjektbezogen ist, er im eigentlichen Sinne keinen Beruf hat, den er vom Privatleben trennen kann und will. Kunst zu machen ist seine Lebensform, und wenn es in einem Bereich seines Lebens eine Veränderung gibt, dann werden die anderen Bereiche unmittelbar davon tangiert.
Die Illustrierte Stern hat zu Beginn der 80er Jahre einen Artikel zu Picasso und seinen Frauen mit dem Titel “Der Mann den die Frauen liebten“ veröffentlicht. Fotos der Frauen und die Bilder, die Picasso von ihnen gemalt hat, werden gegenübergestellt und man kann sehr gut verfolgen, welcher neue Stil sich durch die Beziehung mit welcher neuen Frau entwickelt.
Ich habe leider nicht recherchieren können, wann genau der Artikel erschienen ist, den Emanuel Eckert geschrieben hat. An den Fotos, die ich jetzt einfügen werde, werden Sie sehen, dass dieser Artikel herausgetrennt und lange Zeit eingeheftet aufbewahrt worden ist. Ich fand die Präsentation so gut und erhellend, dass ich diese Unschönheiten auf den Fotos in Kauf genommen habe.
Die Präsentation der Fotos gibt die Abfolge seiner Beziehungen und Kunststile wieder.
Fotos der Frauen und Bilder, die Picasso von ihnen gemalt hat, finden sich auf dieser sehr gut gemachten Website im Menüpunkt Musen, die Übersetzung ist manchmal weniger gelungen. Picassos Frauen
Eva Gouel, die Freundin eines polnischen Malers lernt er schon 1911 kennen, von 1912 bis 1915 sind sie zusammen, bis Eva an Tuberkulose stirbt. Mit "Ma Jolie" beginnt die kubistische Periode. Danach hat er eine Affäre mit Gabrielle Lespinasse, die als eine der wenigen Frauen ihn abweist.
Sein Fotograph und Freund Brassaï hat den Beginn und das Ende mehrerer Beziehungen miterleben können und kommt zu dieser Hypothese: „Immer begehrend, des Gewonnenen immer wieder überdrüssig wie der große Verführer aus Sevilla (gemeint ist Don Juan, KRG), unterwirft er sich stets nur einer Frau, um sich dann durch seine Arbeiten von ihr zu befreien. Ein Liebesabenteuer ist für ihn kein Selbstzweck, sondern das unentbehrliche Stimulans seiner schöpferischen Kraft und darum zu ernst, um flüchtig und heimlich sein zu können.(…) Aber wenn er auch seine Liebe verstecken wollte, seine Malerei, seine Zeichnungen, seine Lithos, seine Radierungen und seine Plastiken würden das Geheimnis auf den ersten Blick preisgeben. Das Bild der Neuerwählten ersetzt sogleich das der Verlassenen.“ (B 81)
Olga Koklova, seine erste Frau, eine Primaballerina des 'Ballét Russe', lernt er 1917 bei seiner Arbeit am Vorhang für das Ballett 'Parade' kennen. Mit ihr beginnt die Neoklassizistische Periode mit Portraits, Monumentalfiguren und Arbeiten des synthetischen Kubismus (Drei Musikanten 1921). Sie heiraten und bekommen einen Sohn Paolo, den er als 1924 Harlekin malt. Sie lebt ein großbürgerliches Leben, in dem er eher zu Gast ist, und führt Picasso in das Großbürgertum von Paris ein. Die Ehe ist bald zerrüttet, aber sie trennen sich nicht, Picasso sucht sich ein Atelier und eine eigene Wohnung. Als sie erfährt, dass er 1935 ein Kind mit seiner heimlichen Geliebten Marie Therese Walter bekommt, will sie sich scheiden lassen, doch Picasso verweigert wegen der enorm hohe Abfindung die Trennung. Er kauft ihr ein Haus, sie bleiben bis zu ihrem Tod 1955 verheiratet, sie verfolgt ihn mit Briefen und Besuchen und versucht sich an seinen weiteren Frauen zu rächen. Sie stirbt unglücklich und einsam an Krebs.
(B 78)
Picasso weiß, dass seine Beziehungen zu Frauen nicht ewig währen. Er sagt zu Françoise Gilot in dem Moment, als die beiden sich finden: “Wir wissen nicht, wie viel wir vor uns haben, deshalb müssen wir uns sehr davon hüten, die Schönheit dessen, was wir haben, zu zerstören. Es gibt alles nur in begrenztem Maß, besonders das Glück. Wenn eine Liebe beginnen soll, ist alles schon irgendwo aufgezeichnet, auch ihre Dauer und ihr Inhalt.“ (FG 39)
Er sagt ihr, was ihn an Frauen anzieht und fasziniert: „Ich war besessen von seltenen Gesichtern und Ihres ist eines davon.“ (FG 36) Das von Marie-Thérèse Walter ist ein weiteres. Françiose Gilot schreibt über sie: „Ihre Gestalt war von statuarischer Schönheit und von einer Reinheit der Linie, die mir außerordentlich vollkommen schienen. In der Fülle der Anregungen, die die Natur einem Künstler bietet, gibt es Formen, die seinem ästhetischen Empfinden nahekommen und ihm als Sprungbrett der Imagination dienen. Marie Thérèse hatte Pablo viel zu bieten, denn ihre physische Schönheit forderte ihn heraus anerkannt und zum Ausdruck gebracht zu werden.“ (FG 199)
Marie-Thérèse Walter ist 17 Jahre alt, als er sie 1927 anspricht, sie wird seine heimliche Geliebte bis 1935, der Gegenpol zu Olga und sein Modell. Die Formen beginnen sich zu runden, eine neue Frau war in sein Leben getreten beobachtet Brassaï(GB 20). Picasso malt 1932 ein surrealistisches Portrait „Frau mit Blume“ und „Mädchen vor einem Spiegel“, 1935 „Interieur mit zeichnendem Mädchen“, das das erste Mal die typische Kopfform von Profil und Vorderansicht zeigt. 1935 wird ihre Tochter Maya geboren, die Balance zwischen beiden Frauen in Picassos Leben zerbricht, er kommt in eine schwere Krise. 1937 verlässt er sie, Dora Maar nimmt ihren Platz ein. Zehn Jahre lange besucht er sie und seine Tochter zwei Tage die Woche. Zwei Jahre nach Picassos Tod suizidiert sie sich. Maya wird sich dem Werk ihres Vaters widmen. Marie-Thérèse Walter
Seine Abhängigkeit von den Musen
Jedes für ihn einzigartige Gesicht fordert und fördert offenbar eine andere Weise der Darstellung dessen, was es in Picasso bewirkt und auslöst. Diese Frauen haben für ihn die Funktion einer Muse gehabt. Die Rolle der Frauen und Geliebten als Musen, die die männlichen Künstler inspirieren, gibt es schon seit Jahrhunderten. 1932 lernt Picasso Salvador Dali und seine Partnerin Gala kennen. Im Gegensatz zu anderen Frauen hat sie noch andere Rollen, die sie erfolgreich ausübt. “Und Gala, Geliebte, Muse, Erzieherin, Ratgeberin und Geschäftsfrau in einer Person, nahm das »Phänomen Dali« in die Hand; sein aufsehenerregender Erfolg ist zu einem großen Teil ihr Werk.“ (FG 29). Die Rollen Erzieherin, Ratgeberin und Geschäftsfrau hat Picasso seinen Frauen nicht zugestanden.
Die Fotografin Dora Maar, die zu dieser Zeit mit Brassaï, Cartier-Bresson und Man Ray zusammenarbeitet und mit sozialkritischen Straßenbildern, Modefotografie, Reportagen und der Technik der Fotomontage erfolgreich ist, lernt er 1936 kennen. Sie fotografiert seine Bilder, auch die verschiedenen Stufen der Entstehung des Guernica Bildes, dessen Monochromie wie die des späteren Beinhauses an Fotoreportagen erinnern und auf ihren Einfluss zurückgehen. Sie ist Teil der Surrealistischen Bewegung, er überredet sie mit dem Fotografieren aufzuhören und mit surrealistischer Malerei anzufangen. Zusammen entdecken sie in Vallauris die Keramik, die Picasso viele Jahr als Werkgattung beibehält. Obwohl die Beziehung 1943 zu Ende ist, widmet sie sich erst in hohem Alter wieder ihren Fotos. Das Centre Pompidou zeigt 2019 eine Retrospektive mit 400 Werken. Eine emanzipierte und erfolgreiche Künstlerin, intelligent, sensibel und von depressiven Verstimmungen heimgesucht ist. Picasso malt sie als weinende Frau. Dora Maar
1943 verliebt sich Picasso in Françoise Gilot, eine 22jährige begabte Künstlerin, mit der er zehn Jahr zusammenlebt und arbeitet und zwei Kinder hat, Claude und Paloma. Sie weiß um die vielen Vorgängerinnen und darum, dass ihre Beziehung auch nicht ewig dauern wird. Sie profitiert durch die Arbeit mit ihm, hat aber unzählige Pflichten zu erfüllen, um ihm das ungestörte Malen zu ermöglichen und glaubt lange Zeit „sie müsse sich ihm ganz hingeben“ (FG 282). Sie kann mit ihm als Fachfrau über Kunsttheorie, Techniken und Wirkungen kommunizieren und stellt genaue Kopien von Zuständen seiner Bilder im Entstehungsprozess her, überwachte die Arbeit der Fotografen seiner Bildhauerei, der Keramiken und versuchte zwischen Haushalt, Kindern und ihren Pflichten zu malen. Und sie zeichnet Picassos Gespräche mit ihr und mit seinen Freunden über Kunst genauestens auf, daraus entsteht später ihr Buch. Ihren Rat konnte er jedoch nicht annehmen, ließ sich von ihr, einer Tochter aus gutbürgerlichem Hause, auch was seine Manieren und Umgangsformen anbetraf, nicht erziehen und auch die Geschäfte machte er selber.
Picasso warf ihr des Öfteren vor, sie würde ihm seine Freiheit nehmen wollen, was vermutlich von ihr nicht intendiert war, er wehrte sich aufs heftigste dagegen. Wie sich gleich herausstellen wird, ist das eine Projektion, er selbst hat seine Freiheit zugunsten seiner Innovationskraft als Künstler aufgegeben und bekämpft seinen Ärger darüber an ihnen. Für die Frauen ist diese Dynamik vermutlich unverständlich, sie ertragen diese Situationen und leiden, oder gehen irgendwann wie sie.
„Keine Frau verlässt einen Mann wie mich“ (FG 300). Sie ist die einzige der Frauen, der es gelingt, ein glückliches Leben mit einem Mann und ein erfolgreiches Leben als Künstlerin zu führen, nachdem sie sich von Picasso getrennt hat. Dazu muss sie allerdings nach Amerika gehen, denn ihre Bilder kann sie in Paris nicht verkaufen, Picasso hatte alle Galeristen unter Druck gesetzt. Aus ihrer Sicht sind die Konten ausgeglichen und sie ist in der Lage, ihr Leben mit ihm respektvoll, ohne Ambivalenzen und Rachegedanken, kritisch sich selbst und Picasso gegenüber zu beschreiben. Sie wird 101 Jahre alt.Es gibt zahlreiche Videos über sie und ihre Kunst und ein Website
Francoise Gilot Françoise Gilot
Im letzten Abschnitt habe ich den Anteil, den seine Sozialisation im patriarchalisch geprägten Spanien um die Jahrhundertwende auf die Gestaltung seiner Beziehung zu Frauen hat, beschrieben. Die Machtkämpfe, die Drohungen, die Beleidigungen, sein Streben nach dem Sieg über sie, all dies hat neben der biografischen Prägung noch eine andere Wurzel.
Er ist und macht sich abhängig von Frauen, die ihn zu neuen Ausdrucksformen seiner Kunst inspirieren.
Es gibt immer wieder Phasen in seiner Künstlerkarriere, wo er unzufrieden ist, weil er spürt, dass eine Phase vorbei ist, das Neue - eine neue Ausdrucksform seines künstlerischen Schaffens - für ihn aber noch nicht sichtbar und fühlbar ist, also eine echte Übergangsphase, die schwer auszuhalten ist. Er verliert das Interesse an seiner derzeitigen Muse, sie hat ihre Inspirationskraft verloren und geht auf die Suche. Hier die Schilderung seines Freundes Brassai, der diesen Zusammenhang verstanden hat, über den Beginn der Beziehung zu Françoise Gilot:
„Ich sehe das sich anbahnende Idyll, ich spüre in Picassos überwacher Sensibilität die untrüglichen Zeichen für eine künstlerische Erneuerung und versuche mir vorzustellen, wie diese neue Frau sich auf sein Werk auswirken wird, bringt doch jedes glamouröse Erlebnis bei ihm eine neue Ausdrucksform mit sich. Und ich denke auch mit Sorge an die unvermeidlichen zermürbenden Kämpfe, die es geben wird, die es schon gibt.“ (B 81)
Picasso hat Selbstständigkeit und Unabhängigkeit als zweiten Karriereanker, er kämpft beständig dagegen, von Menschen, Institutionen, von Geschäftspartnern abhängig zu sein.
Wie kann Picasso die Abhängigkeit von Anderen in einer für ihn existenziellen Frage, nämlich Kunst machen zu müssen und immer wieder neue Techniken, neue Ausdrucksformen, neue Kunststile, neue Werkgruppen schaffen zu müssen, ertragen?
Da seiner Kunst, wie er sagt, alles untergeordnet wird, funktioniert die Beziehung zu einer Frau, solange sie dazu dient seine neue und innovative künstlerische Praxis zu befördern, also eine katalysatorische Funktion zu übernehmen. Ich denke man muss diesen Satz ernst nehmen und als Erklärung für sein leicht zu verurteilendes Verhalten verstehen:
„Ich verschwende die meine (Energie, KRG) auf eine einzige Sache: meine Malerei. Alles andere wird ihr geopfert - du und jeder andere - einschließlich meiner selbst.“ (FG 294)
Seine radikale Prämierung des Künstlerankers, Kunst als „einzigen Lebenszweck“ zu haben, seine biografische Prägung durch den spanischen Männlichkeitskult und die zu seiner Persönlichkeit gehörenden Charaktereigenschaften wirken zusammen und bestimmen sein Verhältnis zu Frauen. Rein psychologische Erklärung halte ich für unterkomplex.
Die Kämpfe mit und Erniedrigungen der Frauen bekommen auf diesem Hintergrund eine andere Bedeutung.
Man kann sie auch so verstehen, dass sich Picasso an ihnen dafür rächt, dass er von ihnen abhängig ist.
Wie kann jemand, der ein extremes Bedürfnis nach Autonomie und Selbstbestimmung hat, sich freiwillig abhängig machen und diese Abhängigkeit aushalten? Sicher nicht ohne starke Ambivalenzen gegenüber der Person, von der er abhängig ist. Er sucht in den Kämpfen mit ihnen vergleichsweise lächerliche Siege und gibt beschämende Seiten von sich preis. Immer wieder werden sein Werk und sein Image als Künstler durch dieses auch für die Umwelt bemerkbare Verhalten beschädigt. Es ist leicht, „das Genie des Jahrhunderts“ damit vom Sockel zu holen, die Idealisierung Anderer ist bei Bewunderern immer mit einer inneren Ambivalenz verbunden. Aber Picasso kann nicht anders und zahlt einen Preis dafür wie auch seine Frauen, Kinder und Enkel.
Seine letzte Frau und Muse ist C, die in der Keramikwerkstatt als Verkäuferin arbeitet, in der Picasso lange Zeit Keramiken produziert hat. Er ist sich über lange Zeit nicht sicher, ob er ihren Avancen, die in die letzte und schwierige Phase seiner Beziehung zu Françoise Gilot fallen, nachgeben soll. Als diese ihn 1953 verlassen hat, darf Jacqueline zu ihm kommen, muss allerdings ihr Kind in Pflege geben.
Im Gegensatz zu den anderen Frauen ist sie ihm völlig ergeben, nennt ihn den Meister oder Gott und stellt ihr Leben 20 Jahre in den Dienst seines künstlerischen Schaffens. Sie schützt ihn, schirmt ihn ab vor Neugierigen, sogar vor seinen Kindern und Enkeln. Picasso ist hochproduktiv, allein von ihr soll es 400 Bilder geben.
In die Zeit des Beginns der Beziehung zu Jacqueline Roque fällt die Begegnung 1954 mit Sylvette David, einer 19jährigen schönen jungen Frau und Designerin, die mit ihrem Freund in Vallauris Stahlmöbel verkauft, Picasso ersteht einen von ihnen designten Stuhl.
Er malt 40 Portraits dieser schönen jungen Frau mit Pferdeschwanz, die Brigitte Bardot sehr ähnlich sieht. Eine Affäre mit ihr hat es offenbar nicht gegeben.
Er heiratet Jacqueline Roque 1961 als nahezu Achtzigjähriger, nachdem seine erste Frau Olga gestorben ist. In diese lange Phase fallen die D’Après Zeichnungen, mit denen er ihm wichtige Gemälde anderer Meister malerisch interpretiert, von Velásquez Las Meninas gibt es 40 Varianten, oft es geht ihm dabei auch um die Lösung malerischer Probleme (GPF 112). Bis zu seinem Tode malt er in der „ihm eigenen Besessenheit“ wie sein Freund Sabartés es nennt.
Nach seinem Tode 1973 ist seine Frau unermesslich reich, hat aber offenbar den Sinn ihres Lebens verloren und erschießt sich 1986.
5. Die Bedeutung der Freunde für seine Karriere
„Die Freundschaft ist ihm ebenso heilig wie seine Kunst.“ sagt sein Freund Jaime Sabartés (JS 28)
„Das ist so seine Art. Manche Leute akzeptiert er sofort, andere nie. Sie können jetzt zu ihm gehen, wann sie wollen, sie werden immer willkommen sein.“ (B 140)
Prüfungen für Freunde
„Von Zeit zu Zeit unterwarf Pablo alle seine Freunde derartigen Prüfungen.“ (FG 258) Er hatte seinem Freund Paul Éluard gesagt, er solle die Frau, mit der er zusammenlebt, nicht heiraten, sie würde nicht zu einem Dichter wie ihm passen.
„Max Jakob hat mich einmal gefragt, warum ich zu Leuten, die mich eigentlich nichts angehen, so nett bin und so hart zu meinen Freunden. Ich habe darauf gesagt, wie egal mir die ersteren sind. Weil ich mir aber sehr viel aus meinen Freunden mache, halte ich es für nötig, die Freundschaft ab und zu auf die Probe zu stellen, nur um zu prüfen, ob sie so stark ist, wie sie sein muss.“ (FG 152)
Die meisten seiner Freunde sind Künstler: Die Maler Henri Matisse, André Derain, George Braque, Juan Gris, der Bildhauer Giacometti; die Dichter Paul Éluard, Guillaume Appolinaire, Max Jacobs und Jean Cocteau, der Fotograf George Brassaï, die Galeristen Ambriose Vollard und Daniel Henri Kahnweiler. Die fünf Malerfreunde in seiner frühen Zeit in Barcelona, die im Künstlertreff Els Quatre Gats verkehrten, Manuel Pallarès, mit dem er in einer Krise 1898 mehrere Monate in dessen Heimatort verbringt, Carlos Casagemas mit dem er nach Paris ging und der Dichter Jaime Sabartés, der sein Privatsekretär wird.
Mit seinen Galeristen und Kunsthändlern Vollard und Kahnweiler hatte er nicht nur geschäftliche Beziehungen, er war mit ihnen auch befreundet. Ihren Anteil an seiner Karriere habe ich im Abschnitt Picassos Künstlerkarriere beschrieben. Aus dem Kreis seiner Freunde wähle ich einige aus, zu deren Einfluss auf seine Karriere ich genügend Daten habe.
Jaime Sabartés
Sabartés ist Journalist und Schriftsteller, bis er ‚in Picassos Dienste tritt‘ und 1935 sein Privatsekretär wird. Er selbst bezeichnet sich als der „Sakristan“, was Küster oder Kirchendiener bedeutet. (GPF 86) Gilot nennt ihn Palasthüter, er habe die Rolle eines Sekretärs, Managers und Laufburschen und Freundes inne, mit dem Picasso spanisch spricht und in einem gemeinsam entwickelten Geheimcode täglich korrespondiert. Loyal, diskret und verschwiegen. (FG 145 und 147f)
Sabartés sagt zu Brassaï, der ihn zu seinem 1946 erschienen Buch über Picasso beglückwünscht: „Man könnte meinen, Picasso vertraue mir alles an, er verrate mir seine geheimsten Gedanken. Das ist ein großer Irrtum! Nichts dergleichen! Wenn wir allein sind, sprechen wir nur selten miteinander. Wir sind das vollkommene Beispiel für eine Einsamkeit zu zweit.“ (B 159)
Als sie sich 1899 in Barcelona kennenlernen, ist Sabartés Dichter und gehört zur dortigen Künstlerbohème. Picasso erstellt die ersten beiden Portraits von ihm. Er folgt ihm nach Paris 1901, es ist die Zeit des Hungers und der kalten Wohnung. Sabartés, der seit Kindheit unter einer Augenkrankheit leidet, ist ein Missgeschick passiert und sie haben nichts zu essen. Picasso beleidigt ihn, er sei ein Versager, der es zu nichts bringen würde. Er kehrt tief gekränkt nach diesem Vorfall 1902 nach Barcelona zurück. Ihre Beziehung ist offenbar nicht dauerhaft zerrüttet, Picasso malt 1903 und 1904 dort drei Portraits, dann trennen sich ihre Wege, Sabartès geht nach Guatemala, 31 Jahre später sehen sie sich wieder.
Als Picasso sich 1935 von seiner Frau Olga trennt und aus der für ihn völlig unpassenden großbürgerlichen Wohnung auszieht, kommt er nach eigenen Worten in die stärkste Krise seines Lebens. Die ehelichen Auseinandersetzungen haben ihn zermürbt und niedergeschlagen, sogar die Malerei ist ihm verleidet, schreibt Brassaï (37). Picasso bittet seinen alten Jugendfreund Jaime Sabartés aus Amerika oder Spanien (Die Quellen widersprechen sich hier) zu ihm nach Paris zu kommen und Sabartés kommt, bringt seine Frau mit, die sich aus ihrer Beziehung heraushält, um ihn zu stabilisieren und über viele Jahre sein Leben in den Dienst von Picasso zu stellen. (JS 114)
Jaime Sabartés 1901 in einem Pariser Café
Was ist sein Beitrag zu Picassos Karriere?
Sabartés ist für alles verantwortlich, was Picasso von seiner künstlerischen Praxis abhalten könnte, Korrespondenzen, Rechnungen, Listen von Werken etc. und der Besucherstrom. Er schirmt ihn von allem ab und erträgt es -wie Picassos Frauen auch- als Schuldiger für alles, was Picasso ärgert, herzuhalten.
Er ermöglicht es ihm, sich ganz seiner Kunst zu widmen, er entlastet ihn von notwendigen Arbeiten, die seine materielle Existenz sichern und die Picasso als unnütz einstuft, vermeidet und vertrödelt.
Ohne Sabartés Organisationstalent, das er bereits als Neunjähriger seinem Großvater zur Verfügung stellen musste (FG 144), wären vermutlich weniger Werke entstanden.
Überdies hat er die von Picasso geschätzte Fähigkeit eines Menschen, sich in seiner Gegenwart unsichtbar zu machen, da zu sein und ihn nicht zu stören, das ist vermutlich mit der Einsamkeit zu zweit gemeint.
Er dient ihm ergeben, treu und uneigennützig trotz des miserablen Gehalts. In den späten Fünfzigern oder frühen Sechzigern beginnt Sabartés, in Barcelona ein Museum für Picasso zu projektieren. Wie bereits beschrieben, gelingt ihm das trotz massiver Schwierigkeiten, es wird 1963 eröffnet.
Was ist seine Belohnung dafür und warum funktioniert diese Beziehung?
Er schätzt die Bedeutung Picassos und seiner Werke richtig ein. Kahnweiler sagt „für ihn ist er nicht nur der größte Maler aller Zeiten, es gibt keinen anderen, er ist einzig, einmalig.“ (B 188). Picassos Grundannahme über die Bedeutung seiner Kunst für sein Leben: „Alles andere wird ihr geopfert - du und jeder andere - einschließlich meiner selbst.“ (FG 294) akzeptiert Sabartés, er wirkt an etwas mit, was größer ist als er selbst.
Aber er ist auch in der Lage, die Person Picasso realistisch zu sehen, was in seinem Buch, zu dem ihn Picasso ermuntert, deutlich wird. Brassaï schreibt über Sabartés: “Es gefällt mir, dass dieser Mann, nachdem er seinen Gott gefunden hat, ihn nicht blind anbetet, sondern ihn auch bissig kritisiert und seine Verschrobenheit bespöttelt. Er verschweigt weder Picassos Widersprüchlichkeiten noch seine Zweifel, weder seine Pedanterie noch seine Launen, all die Schwächen, die seine Stärke ausmachen. Er spielt sogar mit unverhüllter Bitterkeit auf den Streit an, der ihn länger als ein Jahr von seinem Freund trennte.“ (B 158)
Picasso malt acht Porträts von ihm im Laufe der Zeit, eines davon sogar eine Auftragsarbeit, die er entgegen seiner generellen Abneigung gegen Vorgaben Sabartés zuliebe nach dessen Wünschen ausführt. Das Picasso Museum in ihrer beider Heimat Barcelona mit 35 Sälen, zu dessen Ehrenkonservator er ernannt wird: „Das ist die Krönung seiner Lebensarbeit, die Erfüllung seines aufopferungsvollen Lebens.“ Sabartés ist glücklich.(B 185f)
Er stirbt 1968, fünf Jahre vor Picasso.
Carlos Casagemas
Mit ihm, einem der fünf Künstler des Els Quatre Gats teilt er 1900 sein erstes Atelier in Barcelona. Mit ihm geht er nach Paris, wieder zurück nach Barcelona und Málaga, wo sie ein ausschweifendes Leben als Bohèmiens führen, was ihr weiteres Leben anbetrifft, aber völlig orientierungslos sind. Sie gehen wieder nach Paris, leben ärmlich, aber fühlen sich im Zentrum der Avantgarde. Casagemas verfällt dem Alkohol und einer Tänzerin, die ihn ablehnt, er suizidiert sich aus Liebeskummer, während Picasso gerade wieder in Spanien ist.
Der Verlust seines Freundes schockiert und erschüttert ihn zutiefst, er verarbeitet ihn und seine Trauer um den Freund in Bildern, die ihn auf dem Totenbett darstellen: „Casagemas‘ Tod“ und sein Begräbnis: „Evokation - Das Begräbnis Casagemas“. Das monochrome Blaugrün erscheint in den Bildern. Sabartes‘ Porträt und sein Selbstbildnis von 1901 (Cover seines Buchs: Über Kunst) stellen einsame melancholische Menschen dar.
Es ist der Beginn der Blauen Periode, das erste Bild in diesem neuen von Picasso erfundenen Stil.
Das 1903 gemalte Bild „La Vie“, „Das Leben“, das Liebe, Verzweiflung und Mutterschaft darstellt, gilt als das Hauptwerk dieses Stils und dieser Phase. Eine der dargestellten Personen "...trägt die Züge Casagemas', war aber ursprünglich als Selbstbildnis gedacht."(GPF 28) Denkt man an Picassos Satz, dass nichts, was übermalt wird, im Bild verloren geht, dann findet hier eine Wiedervereinigung beider Freunde statt. Es folgen noch mehrere Bilder in diesem Stil: „Die Armen am Meeresstrand“ 1903, „Celestina“ und „Die Büglerin“ 1904, dann kommt die Farbe Rosa in die Bilder, eine neue Periode beginnt, sie überlappen sich zunächst. Mit der rosa Periode kommen die Harlekine und Artisten.
Link zum Bild La Vie Blaue Periode
Der Suizid seines Freundes ist der Anlass, andere Stilmittel und Ausdrucksformen zu finden, die besser als die vorherigen Picassos Erleben und in der Welt sein zu verarbeiten und darstellen zu können. „Kunst entwickelt sich nicht aus sich selbst, sondern die Vorstellungen der Menschen ändern sich und mit ihnen ihre Ausdrucksform.“ schreibt Picasso in seinen Bekenntnissen.(ÜK 12) Carlos Casagemas hat seinem Freund Pablo Ruiz Picasso zu dessen erster, unverkennbarer und revolutionärer Stilrichtung verholfen.
Es wird so bleiben, dass jeder Stilwechsel mit der Trennung von einer für Picasso bedeutsamen Person einhergeht.
Namenswechsel sind immer ein Indikator für die Veränderung der Identität, er nennt sich ab jetzt nur noch Picasso. “Und der Name, den man trägt oder annimmt, hat seine Bedeutung.“ (B 57), es ist der Name seiner Mutter. Casagemas Beerdigung (IW 16)
Henri Matisse
Henri Matisse lernt er schon 1905 bei den Gesellschaften kennen, die Gertrude Stein, Dichterin und Kunstsammlerin und ihr Bruder Leo, wohlhabende Erben aus Amerika, in ihrem Pariser Salon für die Künstler der Avantgarde gaben. Er habe Matisse wegen seiner bürgerlichen Art nie besonders leiden mögen sagt Picasso.
Er verdankt ihm, der zur Gruppe der postimpressionistischen ‚Fauvistischen Maler’ wie auch Braque und Derain gehört, eine entscheidende Entdeckung.
Die Fauvisten bekommen den Namen ‚Die Wilden‘ nach einer Ausstellung ihrer Bilder 1905. Matisse hatte 1906 im Salon eine afrikanische Statuette bei sich, die er bei einem Trödler gekauft hatte, über die die beiden sich unterhalten. Die als ’Fauves‘ bekannten Künstler interessierten sich für die Werke der ‚L’art nègre‘, deren Einfachheit und Ausdrucksstärke sich in ihren Bildern niederschlug.
Picasso ist begeistert und elektrisiert, er studiert die Sammlungen der anthropologischen Abteilungen der Museen. Ihre formalen Qualitäten sind der letzte Anstoß eine neue Formenwelt, den Kubismus zu erfinden. Als er dann ein Jahr später die Desmoiselles malt, ist Matisse entsetzt über diesen Malstil. (IW 40) Die Gesichter zweier Figuren sehen aus wie Masken, Picassos wollte ein Bordell malen, der Name des Bildes war „Das philosophische Bordell“, den anderen bekam es von einem Kurator, der es erstmal 1916 öffentlich in einer Ausstellung zeigte. Zuvor war es nur wenigen in seinem Atelier zugänglich, einer davon war Braque. (GPF 38)
Der Anregung durch den Fauvisten Matisse verdankt er letztlich auch seine Erkenntnis über den kulturellen Sinn der Malerei. Die Wirkung und Ausdruckskraft dieser Werke liegt in ihrer apotropäischen, das meint Unheil abwendenden Funktion, die in allen Kulturen zum Schutz vor bösen Mächten genutzt werden. Hier die bereits zitierten Sätze:
„Die Menschen schufen diese Masken und die anderen Gegenstände zu geheiligten Zwecken, zu magischen Zwecken, als eine Art Vermittler zwischen ihnen selbst und den unbekannten bösen Mächten, die sie umgaben, um ihre Furcht und ihren Schrecken zu überwinden, indem sie ihnen Form und Gestalt verliehen.
Malerei ist eine Form der Magie, dazu bestimmt, Mittler zwischen jener fremden feindlichen Welt und uns zu sein. Sie ist ein Weg, die Macht an uns zu reißen, indem wir unseren Schrecken wie auch unseren Sehnsüchten Gestalt geben.“ (FG 221)
Wenn man diesen Hintergrund kennt, dann bekommt die Anekdote über eine eher abstoßend wirkende primitive und riesige Figur aus Neuguinea, die Matisse zu Beginn der 1950er Jahre Picasso schenken will, weil sie zu ihm doch gut passen würde, noch eine andere Bedeutung und bestätigt auch Brassaï‘s Einschätzung über die auch durch Ambivalenzen geprägte Beziehung zwischen beiden.
Er sagt zu Francoise Gilot, „Übrigens, das Ding aus Neuguinea macht mir Angst, ich glaube Matisse auch, und deshalb will er es unbedingt loswerden. Er glaubt wohl, ich könne die Dämonen besser austreiben als er."(FG 221)
Nach dem 2. Weltkrieg, als beide in Südfrankreich leben, entwickelt sich also eine enge Beziehung. “Von allen Künstlern, mit denen Pablo während der Jahre verkehrte, die ich mit ihm verbrachte (1943-53, KRG), bedeutete ihm keiner so viel wie Matisse.“ (FG 216)
Picasso: „Im Grunde kommt alles nur auf uns selbst an. Man hat eine Sonne mit 1000 Strahlen im Leib. Alles Übrige zählt nicht. Einzig deshalb ist Matisse Matisse. Er trägt diese Sonne im Leib, und nur deshalb geschieht von Zeit zu Zeit etwas.“ (W&B 29)
Die beiden besuchen sich, reden über ihre Werke und über Kunst, verfolgen die künstlerische Arbeit des anderen, tauschen Bilder aus, Picasso besitzt von Matisse mindestens acht. Picasso verehrt ihn und hält seinen Malstil für einzigartig. Er beherrsche die „Sprache der Farben“, befreie sich aus der Zwangsjacke der Natur und entscheide sich für Farben, ob sie nun denen der Natur entsprächen oder nicht.(FG 226f) Matisse Malstil hat Einfluss auf das Spätwerk, die starken Farben, deren Flächen nicht voneinander abgegrenzt sind, die mit den Nachbarfarben zusammenklingen, durch die Komposition wirken und sich von der Darstellung der Natur befreien.
“Wir müssen so oft wie möglich miteinander sprechen, sagte er (Matisse) einmal zu Pablo, denn wenn einer von uns beiden stirbt, dann gibt es gewisse Dinge, die der andere nie mehr mit jemandem besprechen kann.“(FG 219). Matisse ist zu der Zeit schon alt und kränklich und stirbt 1954.
Brassaï, der beide kennt, schätzt die Beziehung zwischen ihnen als ambivalent ein. Er sagt zu Matisse‘ Tochter in einem Gespräch: „Ich finde, Picasso und Matisse hatten eigentlich nicht viel Gemeinsames. Ihre Berühmtheit muß sie zusammengeführt haben. Sie schätzten sich wohl wie zwei Rivalen, die sich zusammentun, sich aber gegenseitig nicht aus den Augen lassen. Sie waren von Natur aus zu verschieden.“ (B 182). Matisse beklagt, dass bei einer gemeinsamen Ausstellung beider Werke in London 1945 nur Picassos beachtet würden.
George Braque
Picasso stellt das Bild der Desmoiselles 1907 noch nicht öffentlich aus, neugierige Maler kommen in sein Atelier, darunter auch George Braque, der zur Gruppe der fauvistischen Maler um Matisse gehört. Überwältigt von Stil und Wirkung dieses Bildes setzt er sich in seinen Bildern mit Picassos Stil auseinander. (GPF 44f) Eine enge Kooperation beginnt, beide arbeiten an der Transformation von Formen in geometrischen Flächen. Braque stellt 1908 seine Bilder aus, ein Kritiker spricht von Kuben, um den neuen Stil zu beschreiben, daraus entsteht der Begriff Kubismus. Picasso stellt zunächst nicht aus.
Beide arbeiten ab Ende 1908 gemeinsam an der Entwicklung dieses neuen Stils, unterstützt vom Galeristen Kahnweiler, der ihre vermutlich nicht immer ganz einfache Kooperationsbeziehung moderierend oder mediierend begleitet. Sie sehen sich täglich und sind Nachbarn.
Gemeinsam entwickeln sie den sogenannten „analytischen Kubismus“, der sich durch Mehrperspektivität und Aufsplitterung der Form in kristallartige Gebilde, Kuben auszeichnet. Picassos Bilder der beiden Galeristen Kahnweiler und Vollard entstehen in dieser Zeit und können als Vollendung dieses Stils angesehen werden.
„Als wir den Kubismus ‚erfanden‘, hatten wir keinerlei Absicht, den Kubismus zu erfinden. Wir wollten nur ausdrücken, was in uns war. Keiner von uns hatte einen besonderen Schlachtplan entworfen.“ (W&B 42)
Der kubistische Stil wird von anderen Malern aufgegriffen, es bildet sich eine Gruppe um Léger und Delaunay, die ihre Bilder ausstellen, was Picasso und Braque nicht tun, den von wem auch immer so genannten ‚Salonkubisten‘, von denen sich die beiden distanzieren. Die beiden wollen keine Schule gründen, sondern weiterhin neuen Ausdrucksformen erarbeiten. 1912 entstehen die ersten Arbeiten des sogenannten „synthetischen Kubismus“, es entstehen Collagen, Klebebilder (papier collé), „indem tatsächliche Splitter der Wirklichkeit die malerische Formgebung ersetzen. … Beide Künstler versuchten, direkte Anhaltspunkte an der Wirklichkeit zu finden, um durch den Gegensatz dem Bild als künstlicher und unnatürlicher Schöpfung mehr Gewicht zu verleihen.“ (HJ 28f)
Picassos Künstlerkarriere wird durch diese kooperative Entwicklung von zwei revolutionären Stilrichtungen stark beeinflusst, die Erfindung des Kubismus gemeinsam mit Braque gilt als Durchbruch in seiner Karriere.
Die beiden müssen ihre Zusammenarbeit unfreiwillig beenden, der erste Weltkrieg beginnt, im August 1914 wird Braque eingezogen, im Krieg heftig verletzt und braucht lange um sich davon zu erholen. Sie nehmen ihre Zusammenarbeit nicht mehr auf, Picasso produziert neben kubistischen Werken u.a. Portraitzeichnungen im realistischen Stil, den Vorhang für das Ballett Parade. Picassos Resümée:
„Wir versuchten eine neue Ordnung aufzubauen… Niemand brauchte zu wissen, ob es der oder jener war, der dies oder jenes Bild gemalt hatte. Aber der Individualismus war schon zu stark… Sobald wir sahen, dass das kollektive Abenteuer eine verlorene Sache war, musste jeder einzelne von uns sein individuelles Abenteuer finden“ (ÜK 52)
6. Verwendete Literatur
AVAmbroise Vollard: Erinnerungen eines Kunsthändlers. Diogenes Zürich 1980. Erstveröff. Souvenirs d’un marchand de tableaux Paris 1937
Sein erster Galerist und Kunsthändler
FG Françoise Gilot/Carlton Lake: Leben mit Picasso. Diogenes, Zürich o.J. ISBN3-257-26030-X. Erstveröffentlichung: Life with Picasso, New York 1964)
Sie lebt mit ihm 1944-1954, erstellte Aufzeichnungen ihrer Gespräche, bewahrte Briefe von Picasso und Dokumente auf und verfasste das Buch unter mithilfe von Carlton Lake, Journalist, Kurator, Kunstsammler und Autor von Kunstbüchern, u.a. über Picasso, in Amerika.
B Brassaï: Gespräche mit Picasso. Rowohlt, Reinbek 1990, Erstveröffentlichung: Conversation avec Picasso, Paris 1964
Brassaï ist ein berühmter Photograph, der 1931 bis 1956 Picasso als Photograph seiner Werke, Gesprächspartner über Kunst und Biograph begleitet. Bei seinem Besuch im Jahre 1960 liest er ihm aus seinem Manuskript vor. Picasso: “Das ist eben so wahr, ebenso authentisch wie ihr Sgraffti (Fotoband von Brassaï, KRG). Sie müssen es unbedingt veröffentlichen.“ (B 179) Eine autorisierte Biographie also.
GPF Francesco Galluzzi, Claudio Pescio, Ilaria Ferraris: Picasso - Leben und Kunst. Karl Müller Verlag, Köln 2004. Erstveröff. Vita d’artista. Picasso Firenze-Milano 2002
Kommentierter Bildband
IW Ingolf F. Walther: Pablo Picasso 1881-1973 – Das Genie des Jahrhunderts. Benedikt HJ Taschen Verlag Köln 1986
Kommentierter Bildband
JS Jaime Sabartés: Picasso. Gespräche und Erinnerungen. Sammlung Luchterhand, Frankfurt/M. 1900 Erstveröffentlichung: Picasso, Retratos y Recuerdos 1953
Jugendfreund in Barcelona und Paris, seit 1935 sein Sekretär, Freund, Modell, Biograph und Gründer des Picasso Museums in Barcelona bis zu seinem Tode
MP Marina Picasso: Und trotzdem eine Picasso. Leben im Schatten meines Großvaters. List, München 2001. Erstveröffentlichung Grand-Père, Paris 2001
Die Abrechnung seiner Enkelin mit ihrem Großvater. Sie bekommt kaum Zugang zum Großvater, verliert ihren Vater Paolo und ihren Bruder durch zu frühe und wie sie meint durch Picasso verschuldete Tode, erbt 1,5- 2 Milliarden, gründet eine Stiftung für Waisenkinder.
POB Patrick O’Brian: Pablo Picasso. Eine Biographie. Ullstein, Frankfurt am Main, Berlin, Wien 1982, S. 216–217
WB Palo Picasso: Wort und Bekenntnis - Die gesammelten Dichtungen und Zeugnisse. Arche Verlag, Zürich 1954
Picassos „Bekenntnisse“ aus mehreren Jahren, Gedichte und ein Theaterstück, von ihm selbst verfasst.
ÜK Picasso: Über Kunst - Aus Gesprächen zwischen Picasso und seinen Freunden ausgewählt von Daniel Kehl. Diogenes Zürich 1988, Erstaufl.1982
Zitate aus Wort und Bekenntnissen, aus Interviews und Biographien
WWWilfried Wiegand: Picasso mit Selbstzeugnissen und Bilddokumenten. Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbeck bei Hamburg 1998 17.Aufl., Erstaufl. 1973
Sorgfältig recherchierte Biographie mit vielen Fotos und fundiert dargestellte künstlerische Entwicklung Picassos
Bilder aus:
Artikel von Emanuel Eckert: Picasso – Der Mann, den die Frauen liebten. Artikel im Stern o.J,
Galerie der großen Maler - Picasso I. Teil Heft Nr.19 und II. Teil Heft 20. Bastei Verlag Bergisch Gladbach 1965
Kunstband mit Kommentaren
Websites werden an den entsprechenden Stellen im Text verlinkt
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Warum dieser Vergleich zwischen zwei Entdeckern, einem Künstler und einem Entdecker der Wildnis und der Menschennatur, deren Karrieren und Entdeckungspraxis sich auf der Ebene der Phänomene so stark unterscheiden?
Dieser Vergleich war nicht geplant. Bei der Analyse der Schriften und Interviews fielen mir immer wieder nahezu wortgleiche Formulierungen, Bewertungen, Grundannahmen sowie die gleichen bekundeten als auch gelebten Werte bei den beiden auf. Hinzu kam, dass Messner in seinen Veröffentlichungen in einer bemerkenswert zutreffenden Weise über Picassos Leben schrieb und letztlich auch die in einem Gespräch mit ihm über mein Projekt geäußerte Wertschätzung und Bewunderung Picassos.
„Nur weil ich mutig zu meinen Ideen, Projekten und Ansprüchen stehe, bin ich häufig zum Egoisten abgestempelt worden. Ich möchte einen Menschen kennenlernen, der kein Egoist ist. Picasso war ein großartiger Egoist, und er hat seine Bilder gemacht, weil er sie machen musste." (RM Leben am Limit 2004, 236-237)
Also musste es bei aller Unterschiedlichkeit der Ereignisse, der Zeiten und Gesellschaften, in denen sie lebten und leben und bei aller Unterschiedlichkeit des Sinns und der Praxis ihres Entdeckens auf einer strukturellen Ebene auch Gleichheiten geben. Mit dieser Hypothese ging ich an die Analyse der beiden fertigen Fallstudien. Und mit der Hypothese, dass es sich bei den beiden um Entdecker handelt, die sehr erfolgreiche radikal individuumzentrierte Karrieren gemacht haben verglichen mit den eher organisationsbezogenen der bisher untersuchten Wissenschaftler. Messner und Picasso sind meiner Einschätzung nach Idealtypen Individuumzentrierter Karrieren, an den man wie immer bei Idealtypen die Merkmale in der reinsten Form sehen kann.
Die Funktion dieses Vergleichs für mein Forschungsvorhaben sollte es sein, den Geltungsbereich der Modelle von Entdeckerkarrieren zu überprüfen. Zweitens diesen durch den gesellschaftlichen Wandel mittlerweile zur Normalität gewordenen Typus individuumzentrierter Karrieren besser beschreiben zu können. Kommentar nach Fertigstellung dieser Studie: Die Hypothese, dass die Merkmale der Triebkraft Entdecken und von Entdeckerkarrieren auf beide zutrifft, hat sich bestätigt, deren Geltungsbereich ist nicht an Berufe oder Sinn des Entdeckens gebunden.
Dieser Vergleich hat zweitens wesentlich dazu beitragen, eine Typologie von Karrieren zu entwickeln: Die individuumzentrierten, die organisationsbezogenen und die hybride Form aus beiden. Entdeckerkarrieren sind keine organisationsbezogene Karrieren, zentral für die individuumzentrierten Karrieren ist die autonome Setzung von Sinn des Lebens und Arbeitens, die schon in der Kindheit stattfindet.
Außerdem ist die Unterscheidung zwischen Künstler- und Entdeckerkarrieren und deren Triebkräften nach diesem Vergleich gelungen. Die Ergebnisse finden Sie im Menüpunkt Karrieren und Karriereanker. Die drei Karrieretypen Triebkräfte von Entdeckerkarrieren Triebkräfte von Künstlerkarrieren
Datenbasis des Vergleichs So wie sich Nikola Tesla in seinen Erfindungen technischer Geräten und Picasso sich in seinen Kunstwerken ausdrückt, statt über sich zu reden, bietet Messner Reflexionen über seine Entdeckungen in Form von Büchern, Interviews und Vorträgen an. Deshalb ist bei diesem Vergleich die Datenbasis bei beiden sehr unterschiedlich. Aus Messners Schriften kann man zitieren, bei Picasso muss man aus der Entwicklung seiner Kunststile und -themen und den Werken Schlüsse auf seine Karriereanker ziehen, es gibt sehr viel weniger selbstreflexive Äußerungen von ihm. Picasso hat sich wenig zu sich und seiner Karriere und mehr über Kunst geäußert, glücklicherweise gibt es mehr Material in den Büchern seiner Freunde und seiner Frau Françoise Gilot über ihn.
Lesehinweis! Es macht Sinn, entweder beide Fallstudien zuvor zu lesen, oder während des Lesens des Vergleichs zu einer oder zu beiden Studien zu switchen. Dort finden Sie auch hier verwendete Literatur, auf die ich mich bei den Zitaten in Kurzform beziehe, in einem ausführlichen Verzeichnis.
Sie canceln ihre begonnenen Karrieren
Ihre Talente und Leidenschaften zeigen sich schon im Alter von fünf Jahren. Picasso malt nicht wie ein Kind, sondern wie ein praktizierender Künstler, Messmer besteigt im gleichen Alter den ersten Berg.
Zunächst sieht es bei Picasso wie der Beginn einer herkömmlichen Künstlerkarriere aus. Mit zehn Jahren geht er auf eine Kunstschule, mit 14 auf die Kunstakademie und wird mit 16 Jahren zum Studium der Künste in der königlichen Akademie in Madrid zugelassen. Nach einem Tag bricht er sein Studium ab: „was soll ich da?“, geht stattdessen in den Prado und sucht Kontakte zu Künstlern, die Eltern sind entsetzt. Er erkrankt und zieht sich zurück in das Haus eines Freundes auf dem Land. Nach dieser Auszeit und Übergangsphase gelingt es ihm, die Entscheidung gegen „ein Leben im Falschen“ zu treffen, er kehrt zurück nach Barcelona, mietet dort mit einem Freund ein Atelier, lebt ärmlich mit ein wenig finanzieller Unterstützung durch die Eltern das Leben eines Bohemiens und malt wie besessen.
Messner weiß früh, dass Klettern und Bergsteigen kein Beruf sind, sondern eine im Sinne einer Karriere „nutzlose Tätigkeit“, die er aber niemals unterbricht und während der Schulzeit immer weiter perfektioniert, offenbar auf Kosten seines Engagements für die Schule. Er muss die Abiturprüfung wiederholen, arbeitet als Hilfslehrer und beginnt ein Ingenieursstudium, das ihn nicht wirklich interessiert und ihm das Gefühl gibt, “er versäume sein Leben“, gleichzeitig war dieses andere Leben für ihn “unvorstellbar“. Als die Expeditionen und das Bergsteigen den größten Teil seines Lebens einnehmen, bricht er sein Studium ab, trainiert dafür und finanziert seinen Lebensunterhalt weiter
als Hilfslehrer. Er cancelt nicht nur seine Karriere als Ingenieur, sondern entscheidet sich wie Picasso dafür, nicht nur die traditionellen Karriereweg, sondern auch „den bürgerlichen Lebensweg aufzugeben“ und ein anderes Leben als seine Eltern und die sozialen Gemeinschaft, denen die Familie angehört, zu führen.
Entdecken ist kein Beruf, sondern ihre Art zu leben!
Entdeckerkarrieren mit und ohne Vorbild
Bei Messner wird relativ rasch ein Mix aus Tätigkeiten, „lauter Nicht-Berufen“ wie Bergsteiger, Vortragsredner und Autor sein “Beruf“. Entdecker dieser Art können keinen bereits existierenden Beruf haben, sie schaffen neue oder Gefüge aus artverschiedenen professionellen Tätigkeiten und überschreiten dabei die die Grenzen der vorhandenen Berufe. Deshalb kann es keine Ausbildungswege für sie geben, sie müssen sie selbst schaffen, und auch keine identitätsstiftende Bezeichnung. Auch Columbus hatte in diesem Sinne keine Ausbildung und keinen Beruf, für seine Entdeckung war ein Mix aus zu unterschiedlichen Berufen gehörenden Qualifikationen nötig. Identitätsstiftend kann lediglich die Berufung zum Entdecker wirken.
Der Unterschied zwischen Messmer und Picasso ist hierbei, dass Künstler ein anerkannter Beruf ist und Picasso Modelle für gelungene Künstlerkarrieren zur Verfügung standen. So kann er in der ersten Phase seines Künstlerlebens auf die Lebensform des Künstlers als Bohemien zurückgreifen. Auch die Organisationsform als Selbstständiger, als freier Künstler, steht ihm als Möglichkeit zur Verfügung wie auch wahlweise die als in Institutionen arbeitenden Künstler wie sein Vater, die er aber von vornherein ablehnt. Picasso entwickelt recht früh eine Identität als Künstler. Er will aber nicht einer der Künstler werden, die die damals vorherrschende Form der Malerei lernen und praktizieren, sondern Eigenes und noch nicht Dagewesenes schaffen, also kein reproduzierender, sondern ein innovativer und entdeckender Künstler werden. Er kann also nicht vollständig auf die zumindest damals in Spanien noch vorherrschende Auffassung von Künstlern als Modell zurückgreifen. Das ändert sich, als er die innovativen Maler des Impressionismus und andere kennenlernt, als er nach Paris geht.
Was ihn mit Messner verbindet ist, dass er wie Messner auch sein Leben lang einen Mix aus Tätigkeitsbereichen schafft. Er eignet sich eine Kunstgattung nach der anderen an und praktiziert sie mit Erfolg. Er ist eben nicht nur Maler, sondern auch Bildhauer, Fassadengestalter, Theatermaler, Grafiker, Buchillustrator, Dichter usw.
Karrieren außerhalb von Organisationen
Beide erwerben ihre Qualifikationen für ihre verschiedenen Tätigkeitsfelder nicht in Institutionen, sie schaffen sich ihr eigenes Curriculum, ihre eigene Praxis und gestalten ihren Kompetenzerwerb selbst und auf immer wieder aufs Neue.
Beide werden nie Angestellte in Organisationen, deren Karrieren durch Karrierepfade gesteuert werden, sie entwickeln immer wieder unterschiedliche Varianten von Selbstständigkeit und deren Finanzierung. Dabei können sie keine Aufträge von anderen annehmen, sie geben sie sich selbst. Schöne Beispiele dafür, wie er als freier Künstler mit Auftragsarbeiten umgeht, er umgeht sie im wahrsten Sinne des Wortes, findet man in Picassos Fallstudie.
Karriere im traditionellen Sinne machen sie trotzdem beide, sie sind einzigartig, haben großen Erfolg und werden berühmt. Was aber weder ihr Ziel, noch für sie wirklich wichtig war, sondern oft störend und irritierend, denn die meisten Menschen können sie und ihre Motive nicht wirklich verstehen, was man z.B. in den Interviews mit Messner nachlesen kann.
Sie machen revolutionäre Entdeckungen und Erfindungen und begründen Schulen. Ihre radikal subjektive Lebensführung, die sich nicht an gesellschaftlich ausgearbeiteten Karrierewegen, Berufsbildern und Lebensformen orientiert, sondern an ihrer Berufung und ihrer Leidenschaft, ist die Vorbedingung für das, was sie selbst als Erfolg ansehen und für ihre Selbstverwirklichung. Voraussetzung für diese subjektzentrierten Karrieren ist, dass sie in einem enormen Ausmaß unabhängig, rebellisch, zu radikalen Innovationen und zu radikalen Umorientierungen fähig sind, wie wir im nächsten Abschnitt sehen können.
Die Fähigkeit zur radikalen Umorientierung in allen Lebensbereichen
Messners und Picassos Karrieren weisen viele Merkmale der typischen Entdeckerkarriere auf, unterscheiden sich von anderen aber durch ihre Fähigkeit, sich radikal umzuorientieren und damit den sich in ihnen und in der Welt vollziehenden Wandel aktiv zu verwandeln, wir nennen das transformieren.
Sie prämieren die disruptive Dimension unserer Wandeltriade®, die revolutionäre: Vernichten, Erfinden, Ersetzen. Alle Entdecker revolutionieren etwas, bei diesen beiden subjektbezogenen Karrieren ergreift das alle Lebensbereiche, weil das Entdecken ihre Lebensform ist.
Die beiden anderen Dimensionen sind Reproduzieren und Reformieren. Es gibt keine Verwandlung des Wandels, an der nicht alle drei Dimensionen einen Anteil haben und sich wechselseitig beeinflussen, die Frage ist, welche wird bevorzugt.
Meine These ist, dass das was sie reproduzieren, was also bewahrt wird, der Sinn ihrer Entdeckungspraxis und ihre damit verbundenen Werte sind. Messner: „Wir selbst sind die Sinnstifter“, bei ihm ist der Sinn seiner Entdeckungen, die Menschen- und Bergnatur und ihre Beziehung zueinander an sich selbst zu erfahren und zu verstehen, später kommt hinzu, diese Erkenntnisse anderen nahezubringen. Bei Picasso ist der Sinn seiner Kunst, etwas Alltägliches neu zu entdecken, ausdrücken, basale Themen des Menschseins zu behandeln und der Welt eine andere Perspektive darauf anzubieten. Es ist die Konstante in ihrem Leben.
Was von dem was vorhanden ist, wird reformiert, also vermindert, vermehrt und verbessert?
In unterschiedlichen Lebensphasen unterschiedliches. Diese Dimension wird nicht prämiert, sie unterstützt und begleitet die revolutionäre, die die radikalen Umorientierungen in dem, was andere Privatleben und Beruf nennen, zum Ziel hat. Diese radikalen Umorientierungen werden nötig, wenn es in ihrer derzeitigen Praxis nichts mehr zu entdecken gibt, der Sinn verloren geht und die Dimension des Reformierens durch Optimieren ausgereizt ist. Sich selbst in ihren Erfolgen zu reproduzieren, lehnen beide vehement ab. So treten die Phasen der Umorientierung und der dann folgenden neuen Entdeckungen und Erfindungen in den Dienst des Bewahrens.
Pablo Picasso
Im vierten Abschnitt der Fallstudie zu Picasso „Die Bedeutung der Frauen für seine Künstlerkarriere“ finden sich diese Sätze in "Seine Fähigkeit zu radikalen Umorientierungen im Leben":
„Jedes Mal, wenn er Tabula rasa macht, ist es endgültig, unwiederbringlich. Das ist seine Stärke! Das Geheimnis seiner Jugendlichkeit. Er streift wie eine Schlange die schlechte Haut ab und beginnt woanders ein neues Leben. Niemals würde er nach einer Trennung einen Blick zurückwerfen. Sein Vergessenkönnen ist noch erstaunlicher als sein Gedächtnis.“ Sagt sein Freund Sabartés nach der Trennung Picassos von seiner Frau Olga und ihrer großbürgerlichen Wohnung in Paris über ihn.(Brassaï, Gespräche mit Picasso, 78)
Seine Prämierung des Innovierens, des Zerstören des Vorhandenen und dessen Ersetzung durch das Neue, die Prämierung der disruptiven Dimension der Wandeltriade, bestimmt sein Privatleben wie seine Künstlerische Praxis. Die Triebkraft Neues zu beginnen nutzt seine unbändigen Energien, seinen Willen und seine Rücksichtslosigkeit gegenüber sich selbst und anderen, um Vorhandenes durch Neues zu ersetzen.
Er cancelt seine Künstlerkarriere und die bisher bürgerliche Lebensweise, verlässt die Akademie und arbeitet daran, einen eigenen Stil zu finden.
Er verlässt die Frau mit der er lebt, findet oder hat bereits eine neue ihn inspirierende und ändert seinen Stil. „Wenn ich eine Frau liebe, dann sprengt das alles, besonders die Malerei.“ (Picasso, Über Kunst 54f)
In und aus diesen radikalen Umorientierungen entstehen neue Kunststile und Werkgattungen, neue Ausdrucksformen. Er wechselt oft die Materialien, auch die Motive und Objekte, lernt oder erfindet neue Techniken.
Parallel sucht und findet er neue Orte zum Leben in Spanien und Frankreich, mietet und als er genug Geld hat, kauft er auch neue Häuser.
Reinhold Messner
„Vielleicht ist die Fähigkeit, dem Alter entsprechend immer wieder neue Aufgaben zu finden, ein Teil des Glücks, das mich ‚jung‘, kreativ und lebensfroh macht.“ (RM, Mein Leben am Limit 2004, 284)
Es war auch später immer wieder von Vorteil, dass ich umsteigen konnte. Immer zum richtigen Zeitpunktzeit. In meinem Leben habe ich meist rechtzeitig gemerkt: Das bringt nichts mehr, ich brauche etwas Neues“. (ebd. 263)
Messner hat sich verglichen mit Picasso sehr viel stärker mit seiner Lebensform und Karriere auseinandergesetzt. Die Umbrüche und Verwandlungen und deren Sinn bringt er auf der Startseite seiner Website so auf den Punkt:
„Sehr geehrte Besucherinnen und Besucher,
als Internet-Analphabet erzähle ich vor allem live von meinem Leben als Bergbauer, Bergsteiger, Museumsgestalter, Filmemacher. Ich habe mein siebtes Leben angefangen, nachdem ich mich sechsmal neu erfunden habe und erzähle mein Leben fort. Nach meiner Zeit als Felskletterer, Höhenbergsteiger, Grenzgänger in Polarregionen und Wüsten, Forscher, Politiker und Museumsideator bleibe ich Storyteller und Bewahrer der letzten nicht urbanisierten Räume dieser Erde. Mir geht es um das Verhältnis Menschennatur und Wildnis, um Eigenverantwortung und Erfahrungen am Rande unserer Möglichkeiten, ein selbstbestimmtes Leben zuletzt.“ (www.reinholdmessner.com Startseite Zugriff 28.7.2025)
Seine Fähigkeit zu radikalen Umorientierungen zeigt sich im Folgenden:
Er bricht sein Ingenieursstudium ab und entscheidet sich gegen ein bürgerliches Leben, cancelt die begonnene Karriere
Er wechselt seine „Nicht-Berufe“ bzw. verändert deren Mix
Die Objekte des Entdeckens - der Typus der Wildnis - wechseln
Er trennt sich von Frauen und er wird auch verlassen
Er wechselt mehrmals seine Orte zum Leben (Hof in St Magdalena, Schloss Juval, usw. pendelt zwischen Tibet und Tirol („Halbnomade“)
Er wechselt im Alter von der individuellen Praxis der Alleingänge zu kultureller Praxis
Unterschiede zwischen beiden
Anders als Picasso, der bis zum Ende seines Lebens sein Künstlerdasein in der gewohnten Weise fortsetzt, ändert Messner im Alter sein Leben nochmal radikal. In seinem „siebten Leben“ prämiert er den kulturellen Sinn seiner Entdeckertätigkeit. Er vermittelt sein Wissen über die Menschennatur und setzt sich für den Schutz der letzten Wildnisse der Erde ein, also für das Bewahren und gegen Veränderung und Zerstörung durch die Menschen.
Picasso zieht sich zurück, er kauft ein abgelegenes Schloss bei Aix-en-Provence und ein Herrenhaus über den Hängen von Cannes, die wie Festungen ausgebaut sind, wird abgeschirmt von seiner Frau Jacqueline Roque vor Neugierigen, aber auch vor Besuchern und vor seiner Familie. Er verlässt diese Festungen im Vergleich zu Messner, der von seiner Burg Juval, die übrigens für Besucher geöffnet ist, in die Welt zieht, nicht mehr und widmet sich seiner Kunst.
Ungleich stärker als Picasso widmet sich Messner schon früh dem Gründen und Begründen, der dritten Dimension der Entdeckungspraxis neben dem Neu Entdecken und Erfinden, und verstärkt dies im Alter, orientiert sich als um.
Mehr dazu finden Sie im sechsten Abschnitt der Fallstudie zu Messner: Die Lebensphasen nach Klettern und Höhenbergsteigen - seine Fähigkeit zu radikalen Umorientierungen in seiner Karriere.
Ihr Verhältnis zu den Frauen:
Messner ist in seiner Entdeckungspraxis nicht so abhängig von den Frauen wie Picasso: „Ich habe mir meine Träume nicht nehmen lassen von Frau und Kind, ich wusste dass sie wirtschaftlich versorgt sind, wenn mir etwas passiert.“ (Aus dem Film „Mensch Messner! Leben am Limit“ ZDF 2023)
Picasso ist und macht sich abhängig von Frauen, die ihn zu neuen Ausdrucksformen seiner Kunst inspirieren: „Wenn ich eine Frau liebe, dann sprengt das alles, besonders die Malerei.“ (Über Kunst, 54)
Ressourcen -Talente, Physis und Psyche
Biophysische Ressourcen
Robuste Gesundheit
Überdurchschnittliches Maß an Lebensenergie (Chi, Prana, Libido)
Jugendlichkeit: Der achtzigjährige „Picasso hebt die Arme und pfeift eine Sardana. Ein junger wendiger Katalane tanzt da vor uns. Er strahlt, ist weit fort irgendwo in Katalonien.“ (Brassaï, Gespräche mit Picasso,172). Messner: „Vielleicht ist die Fähigkeit, dem Alter entsprechend immer wieder neue Aufgaben zu finden, ein Teil des Glücks, das mich ‚jung‘, kreativ und lebensfroh macht.“ (Mein Leben am Limit, 284)
Körperliche Kraft
Eine große Geschicklichkeit und Handfertigkeit bei ihrer Arbeit. Bei Messner die Körperbeherrschung, bei Picasso entsteht unter seinen Händen im Nu eine Skulptur, aus nur wenigen gekonnten Strichen ein Bild.
Die Wachsamkeit, Reaktionsschnelligkeit, Konzentrationsfähigkeit, Geistesgegenwart eines Toreros, für den Unaufmerksamkeit und Zerstreutheit den Tod bedeutet, attestiert Brassaï Picasso, was sicher auf Messner auch zutrifft. (Brassaï, 100)
Starke Vorstellungskraft und Imaginationsfähigkeit
Psychische Ressourcen
Neugier
Lust auf Entdeckungen
Freude am Entdecken
Leidenschaft
Radikalität
Revolutionärer Geist
Innovationsfähigkeit
Nahezu unfähig zu Kompromissen
Talente
Für die Karriereberatung habe ich ein Tool entwickelt, mit dem man Talente erheben kann, die individuell sind, statt mit den in Tests vorgegebenen Typologien zu arbeiten. Das Talent wird von Klienten benannt und dann der Prozess beschrieben, wie das Talent in der Praxis angewandt wird, um Aufgaben oder Probleme zu lösen.
Anders als bei den beiden vorigen Ressourcen nutze ich hier ausführlichere Beschreibungen davon wie sie sich zeigen, denn diese Talente sind für andere nicht ohne weiteres anhand der Benennung allein zu verstehen und den Menschen selbst meist nicht bewusst.
Hier eine Auflistung der Talente, über die beide - erstaunlicherweise oder vielleicht doch nicht – verfügen und die ich aus den Texten erschlossen habe. Leider finden sich bei Picasso nicht so viele treffende Formulierungen wie bei Messer - der seine Biographie außergewöhnlich intensiv durchgearbeitet hat - die seine Selbsterkenntnisse in bester Weise auf den Punkt bringen.
Das Talent Höchstleistungen erbringen zu können und dabei ans Limit zu gehen, es kennen, respektieren und nutzen
Messner besteigt im Alleingang und ohne Sauerstoff den Mount Everest 1980, drei Tage Aufstieg vom Basislager und zwei Tage Abstieg mit einer nahezu unmenschlichen Anstrengung: „Mehr als das, was ich geleistet hatte, konnte ich nicht geben. Im Delirium der folgenden Tage fiel mir der Satz von Saint-Exupéry ein: Kein Tier hätte es fertig gebracht“ (Mein Weg, 115-122, Zitat 122)
Messner: „Das heißt, immer wenn ich in einem Spiel das Limit meiner Möglichkeiten erreicht hatte - nicht das allgemeine Limit, obwohl dieses mit meinem ab und zu parallel lief –, dann habe ich etwas Neues gewagt. Immer etwas, was mich neugierig gemacht hat, was mich angeregt hat, besser zu werden.“ (Mein Leben am Limit, 297)
Picasso malt oder skulpturiert zehn oder mehr Stunden jeden Tag und in der Nacht. Er schafft in den drei Kriegsjahren in Paris 50 Bronzestatuen, er malt riesige Bilder wie Guernica (3,5 mal 7,7 Meter) oder Nächtlicher Fischfang bei Antibes (2 x 3,5 Meter). Er arbeitet wie ein Pferd mit der ihm eigenen Arbeitswut und Raserei sagt Sabartés, produziert pro Tag viele Zeichnungen, Skizzen, aber er kann seine Kräfte einschätzen (Sabartés 22-23 und Brassaï 191). „Wenn ich an die Stöße von Zeichnungen denke, kommt es mir undenkbar vor, daß ein einziges Dasein für solch ein Leistung ausreichte."(22)
Das Talent, dem eigenen Wissen und der daraus entstandenen Intuition zu vertrauen, sie verstehen und nutzen zu können
Wenn Picasso vor einer leeren Leinwand steht, vertraut und folgt er einem Einfall, beginnt sofort zu malen im Wissen über die Phasen des schöpferischen Prozesses und die Techniken und Regeln für ein gutes Bild. „Ideen sind nur Ausgangspunkte. Um zu wissen, was man zeichnen will, muß man anfangen und zeichnen.“ (Über Kunst, 51), er spricht auch von Einfällen (Brassaï, 49). „…auf jeden Fall ist das Unbewusste so stark in uns, daß es sich auf die eine oder andere Art ausdrücken muß. (Über Kunst, 109)
Messner: Am Manaslu gerät er in einen Schneesturm: „Das einzige, was mir zuletzt bei der Orientierung half, war mein Wissen. Ich wusste, daß ich auf einem großen Schneeplateau bin. Es liegt im Norden eines Grates, an dem unser Zelt Stand. Der Sturm kam von Süden. Ich habe es am Gipfel gespürt und gesehen. Also, habe ich mir gesagt, muss ich gegen den Sturm gehen. So hatte ich die Himmelsrichtung, dann ging ich nach Süden. Und ich kam an den Grat, an diesen Schneegrat, wo das Zelt stehen musste. Am Schneegrat entlang musste Ich das Zelt finden. Das ist mir auch gelungen. (Mein Leben am Limit 104f)
Das Talent die Welt genau beobachten können, die Beobachtungen speichern und nutzen zu können
Bei Messner ist das Talent, die Wege im Berg sehen zu können, sie innerlich abspeichern und sich im Handeln davon leiten lassen zu können. „Das Wegfinden haben wir als Kinder gelernt. Wir wussten einfach es geht nur da und dort. Es geht nur so.“ (Mein Leben am Limit, 32) Wie ihm das genaue Beobachten und Erahnen des Weges in einem Schneesturm das Leben rettet, schildert er bei seinem Abenteuer am Manaslu (104).
Was Picasso gesehen hat, prägt sich ihm über Jahre ein. „Er hat ein unwahrscheinliches Gedächtnis für Formen. Schon als ganz junger Mensch nahm er sie mit allen ihren Einzelheiten so gut in sich auf, dass er später nie mehr nach der Natur zu skizzieren brauchte.“ sagt Sabartés. (Brassai, 87) Er attestiert ihm "eine eingeborene Begabung die Atmosphäre seiner Umgebung zu erfassen. Er überlässt sich ihr, versinkt in ihr und erkundet sie." (Sabartés, Picasso, 30f) Eine sehr gute Beschreibung dessen, wie er diese Beobachtungen in einem kreativen Prozess weiterverarbeitet und daraus ein Kunstwerk wird findet sich bei ihm in „Über Kunst“ (1982, 40-42)
Das Talent Abenteuer zu suchen, zu wagen und zu bestehen
Abenteuer sind für Picasso die Wagnisse, die er eingeht, wenn er seine Ideen in Kunstwerke verwandeln will und es ihm gelingt.
„Ich suche nicht – ich finde. Suchen – das ist Ausgehen von alten Beständen und ein Finden-Wollen von bereits Bekanntem im Neuem. Finden – das ist das völlig Neue! Das Neue auch in der Bewegung. Alle Wege sind offen und was gefunden wird, ist unbekannt. Es ist ein Wagnis, ein heiliges Abenteuer! Die Ungewißheit solcher Wagnisse können eigentlich nur jene auf sich nehmen, die sich im Ungeborgenen geborgen wissen, die in die Ungewißheit, in die Führerlosigkeit geführt werden, die sich im Dunkeln einem unsichtbaren Stern überlassen, die sich vom Ziele ziehen lassen und nicht – menschlich beschränkt und eingeengt – das Ziel bestimmen.“
(https://1000-zitate.de/12214/Ich-suche-nicht-ich-finde.html Zugriff 6.12.2024)
Messner: „Abenteuer definiere ich im alten griechischen Sinne. Ich wähle eine Reise, die schwierig ist, nicht vorgemacht wurde und tödlich enden könnte. (…) Sollte ich überleben, komme ich als andrer zurück. (Mein Weg, 170). Bei Messner ist es das sich der Wildnis Aussetzen, sich dabei zu erfahren und das Abenteuer glücklich beenden zu können, ohne Schaden zu nehmen. „Ich habe Abenteuer gemacht, nicht Berge bestiegen. Durchkommen, nicht umkommen, dort findet Abenteuer statt.“ (Mensch Messner! Leben am Limit, Film ZDF 2023) „Das wirkliche Abenteuer erlebe ich erst, wenn ich weiß wie eine Sache ausgeht. Abenteuer wagen heißt, das Unbekannte, vielleicht Unmögliche aufzusuchen.“ (Mein Leben am Limit, 46)
Das Talent Einsamkeit auszuhalten und für die Entdeckung nutzen zu können
Picasso: „Nichts kann ohne Einsamkeit entstehen. Ich habe mir eine Einsamkeit geschaffen, die niemand ahnt.“ (Über Kunst, 28). Er überwindet die Einsamkeit immer wieder, erklärt aber leider kaum, wie er es schafft. „Wenn man revolutionäre Werke schaffen will, darf man nicht verstanden werden wollen, man müsse die Einsamkeit, die daraus entsteht, aushalten lernen.“ (Über Kunst 14).
Messner: Alleingänge zu machen kann ein Gefühl von „absolutem Verlorensein“ und Angst vor der Einsamkeit am Berg erzeugen (Mein Leben am Limit, 110). „Wenn ich es schaffe, mithilfe meiner Selbstmächtigkeit gegen diese Empfindungen anzugehen, mich zu überwinden oder die Angst ins Gleichgewicht mit meinem Mut bringen, gehe ich los.“ (294) „Wenn ich handle, schrumpfen die Ängste. Erst wenn ich keine Ängste mehr habe, wenn ich sie alle abgelegt habe, bin ich frei. Dann erst bin ich vor allem beim Soloklettern im Flow.“ (290).
Das Talent scheitern zu können und dieses Scheitern verarbeiten zu können
Picasso scheitert am Portrait der Gertrude Stein, bricht den Versuch nach etwa 90 Sitzungen ab und malt es ein Jahr später aus dem Gedächtnis, es wird eines seiner besten und der Beginn einer neuen Stilepoche. Manchmal übermalt er s.E. misslungene Bilder wieder, wie z.B. die Bordellszene mit dem Matrosen, woraus die legendären Desmoiselles d’Avignon entstehen, manchmal lässt er die Werke wie im ersten Fall über längere Zeit liegen.
„Man muss das Bild zerstören, es mehrere Male überarbeiten. Jedes Mal, wenn der Künstler eine schöne Entdeckung zerstört, unterdrückt er sie nicht eigentlich, sondern er wandelt sie vielmehr um, verdichtet sie, macht sie wesentlicher. Was schließlich dabei herauskommt, ist das Ergebnis verworfene Funde.“ (Wort und Bekenntnis, 39)
Messner scheitert bei der Besteigung von Bergen: „Von den 31 Achttausender -Expeditionen habe ich 13 abgebrochen und bin lediglich 18-mal zum Gipfel gekommen.“ (Mein Weg, 365) „Im Scheitern nämlich erfahren wir unser Begrenztsein. Deshalb ist das Scheitern eine stärkere Erfahrung als der Erfolg. Auf dem Gipfel angekommen zu sein, bedeutet es geschafft zu haben, nicht mehr. Das Ziel ist damit verschwunden. Mit dem Scheitern bleibt das Ziel.“ (Leben am Limit, 135)
Das Talent radikale Umorientierungen vorzunehmen und zu bewältigen
Dieses Talent haben beide. Welche Art von Umorientierungen das sind und wie sie sie beschreiben, kann man im vorigen Abschnitt nachlesen. Mein Eindruck ist, dass sich dieses wie alle Talente schon recht früh im Leben zeigen. Nicht nur das Talent zu malen oder zu Klettern ist früh vorhanden, auch dieses zeigt sich in dem Maße, indem sie als Kinder und Jugendliche eigene Entscheidungen treffen und diese auch verwirklichen können.
Karrieresteuernde Triebkräfte
Was Triebkräfte und Karriereanker sind und welche Rolle sie für das Verstehen von Karrieren haben, ist Gegenstand des Menüpunkts „Karrieren und Karriereanker“. Triebkräfte von Entdeckerkarrieren
Karriereanker sind die von Edgar Schein entdeckten Triebkräfte organisationsbezogener Karrieren. Einige der Karriereanker wie Selbständigkeit und Unabhängigkeit oder Totale Herausforderung - der von ihm in Herausforderung und Risiko umbenannt wurde - kommen in beiden Karrieretypen vor. Für diese acht Karriereanker behalte ich die Bezeichnung bei, die er selbst mittlerweile problematisch findet (Schein et al: Career Anchors Reimagined 2023). Für die Bezeichnung der Triebkräfte individuumzentrierter Karrieren wie Entdecken wollen oder Kunst machen müssen, nutze ich den Oberbegriff Triebkraft.
Wenn Sie mehr über diese Unterscheidung von Karrieretypen wissen wollen: Die drei Karrieretypen
Triebkräfte sind die energetische Dimension der Persönlichkeit. Bei Entdeckern spielt diese Dimension immer eine sehr große Rolle, denn Entdeckerkarrieren brauchen und verbrauchen ein großes Quantum an Energie, um erfolgreich zu verlaufen.
Man hat drei Triebkräfte, die Beziehung stehen, die miteinander, gegeneinander oder nebeneinander her wirken können (Unsere Interaktionstriade). Aus meiner Erfahrung als Beraterin und als Wissenschaftlerin weiß ich, dass Triebkräfte sich wechselseitig befördern, aber auch behindern können. Es gibt harmonische und spannungsreiche Kombinationen.
Zur Datenbasis ein Satz aus der Fallstudie über Messner: „Diese Fülle an autobiografischem Material ermöglichte es, die Triebkräfte des Entdeckens genauer als in den anderen Studien untersuchen zu können. Triebkräfte sind die energetische Dimension der Persönlichkeit, sie spielen bei Entdeckern generell und bei ihm in besonderem Maße eine sehr große Rolle, denn Entdeckerkarrieren brauchen und verbrauchen ein großes Quantum an Energie, um erfolgreich zu verlaufen“.
Diese Datenlage ist bei der Untersuchung von Picassos Triebkräften - wie auch bei Marie Curie und Nicola Tesla - eine andere. Es gibt sehr viel weniger Selbstzeugnisse und autobiografische Schriften von Picasso als von Messner, die sich mit seiner Persönlichkeit und nicht nur mit Kunst beschäftigen. Auch so gute Interviews wie bei Messner, die seinen Büchern „Mein Leben am Limit“ und „Mein Weg – Bilanz eines Grenzgängers“ zugrunde liegen, gibt es bei Picasso nicht. Man kann aus den wenigen Äußerungen in seinen „Bekenntnissen“ und „Über Kunst“ und aus den, in den Werken seiner Wegbegleiter wie Sabartés, Brassaï und Françoise Gilot wiedergegebenen Passagen von Gesprächen mit ihm Datenmaterial finden, um die Triebkräfte zu erschließen, was gelungen ist.
Die Fallstudie über Messner enthält eine ausführliche Analyse der drei karrieresteuernden Triebkräfte Entdecken, Selbstständigkeit und Unabhängigkeit und Totale Herausforderung, ihrer Auslöser, wie sie sich in seiner Karriere zeigen und ihres Zusammenwirkens.
Den Lesern, die sich noch nicht mit Triebkräften befasst haben, empfehle ich, zunächst diesen Teil, also die Abschnitte 1- 4 der Fallstudie zu Messner zu lesen, um sich eine Vorstellung davon machen zu können, wie diese Triebkräfte wirken und sich äußern. Reinhold Messner - Wie die Dohlen so sicher und frei
Liest man danach die Fallstudie über Picasso, so wird man erstaunlich viele Ähnlichkeiten finden.
Meine These ist, dass Picasso an erster Stelle die Triebkraft Kunst machen hat, dann aber wie Messner die gleichen Triebkräfte: Die Kombination aus Entdecken wollen, dem Anker Selbstständigkeit und Unabhängigkeit und dem Anker Totale Herausforderung.
Hier der Beleg für diese These anhand von Zitaten.
Selbständigkeit und Unabhängigkeit
Edgar Schein und seine Co-Autoren beschreiben den Karriereanker in der neuesten Version der Career Anchors 2023 so:
„Autonomy: A 'Totally me' for this anchor reflects your strong need to do things on your own, free of the constraints and rules that characterize most organizations and work projects. What you really want to hold on to is a work situation or job context that gives you the feeling of freedom and independence you need. At the extreme you might wish to be self-employed, but many traditional organizational jobs such as teaching, consulting, research and development, and even sales can also allow a great deal of freedom.” (Schein, van Maanen, Schein 2023, 47)
Picasso „Auf die Freiheit muss man sehr achtgeben. In der Malerei wie auch sonst. Was du auch unternimmst, du findest dich mit Ketten beladen.“ (Über Kunst, 37) Messner Der Karriereanker als Buchtitel: „Die Freiheit aufzubrechen, wohin ich will - Ein Bergsteigerleben“ (Messner 1998)
Keine Regeln
Picasso
„An den Fehlern erkannt man die Persönlichkeit. Wenn ich mich jetzt hinsetze, um Schnitzer zu korrigieren aufgrund von Regeln, die gar nichts mit mir zu tun haben, so ginge in der Grammatik, die ich mir nicht einverleibt habe, meine persönliche Note verloren. Lieber verfertige ich ein Ich nach meinem Gusto, als mich Regeln zu beugen, die mich nichts angehen.“ (Über Kunst, 90)
„Jedem ist es bekannt, dass eine weiße Fläche größer erscheint als eine schwarze von gleichem Ausmaß. Das ist das Elementare, Kindliche. Aber das hinderte nicht, dass alle Schwachköpfe alsbald Gesetze, Regeln entdecken wollten und mir selber zu erklären suchten, wie man malen müsse, wo doch für mich jedes Bild nicht ein Ende, nicht ein erreichtes Ziel, sondern ein glückliches Ereignis, eine Erfahrung ist.“ (Wort und Bekenntnis, 21)
„Was wir jetzt als Meisterwerke ansehen, sind die Werke, die sich am weitesten von den Regeln entfernten, wie sie die Meister der betreffenden Epoche vorschrieben.“ (Sabartés, 224)
Er prämiert die Selbstermächtigung „..doch das Recht auf freien Ausdruck ist etwas das man sich nimmt nicht etwa, das einem geschenkt wird.“ (Über Kunst, 114) “Kunst und Freiheit muß man sich wie das Feuer des Prometheus rauben, um sie gegen die bestehende Ordnung anzuwenden.“ (Über Kunst ,71)
Messner
„Was heißt hier Regeln und wer stellt sie auf? Umgekehrt könnte man sagen, alle großen Erfolge sind meist gegen alle Regeln erreicht worden.“ (Leben am Limit, 107)
„Regeln gibt es nicht! “ (ebd. 108)
"Klettern hat mit Freiraum zu tun, außerhalb aller Regeln etwas zu wagen, erleben zu können, Erkenntnisse über die Menschennatur zu schöpfen.“ (Leben am Limit, 11)
Unabhängig von der Meinung anderer sein
Picasso
“Wenn ich eine Frau liebe, dann sprengt das alles, besonders meine Malerei. Alle Welt kritisiert mich, weil ich den Mut habe, mein Leben in aller Öffentlichkeit zu leben, vielleicht mit mehr Zerstörung darin als bei den meisten anderen, sicher aber auch mit mehr Sauberkeit und Wahrheit.“ (Über Kunst, 54f.)
Schaut man sich Picassos Karriere an, so ist sie durchzogen von dem Willen sich unabhängig zu machen von vorgegebenen Regeln der Kunst, der Institutionen, der sozialen Gemeinschaft oder Gesellschaft. Dies zeigt sich in seinen Revolten, seiner radikalen Gesinnung und seiner Fähigkeit radikale Umorientierung vorzunehmen, die nicht ohne Kosten für ihn waren, die er aber bereitwillig für den Erhalt seiner Autonomie auf sich genommen hat.
Messner
„Was mich stark macht, ist das Gefühl, unabhängig zu sein. (…) Die Leidenschaft für ein noch so unnützes Tun hat mich stark gemacht und gibt mir zuletzt jene Sicherheit, die Voraussetzung ist für ein selbstbestimmtes Leben.“ (Leben am Limit, 263)
„Ja ich war schon immer ein revolutionärer Mensch. Ich habe stets Probleme damit gehabt, mir von anderen Vorschriften machen zu lassen.“ (Leben am Limit, 19).
"Was war die wichtigste Entscheidung ihres Lebens? Der verhängnisvolle Abstieg am Nanga Parbat? Nein es war der Entschluss, gemäß meinen Wünschen, Vorstellungen und Träumen zu leben und nicht nach denen meiner Eltern, Lehrer oder Brüder.“ (Leben am Limit, 255)
Keine Aufträge von anderen
Picasso
Picasso mag keine Auftragsarbeiten ausführen, er will freie Kunst machen und sein eigener Auftraggeber sein. Er verändert die potentiellen Aufträge in seinem Sinn oder führt sie einfach nicht aus und kann so seine Selbstständigkeit und Unabhängigkeit wahren:
„Im Grunde haßt er jeden 'Auftrag', er fühlt sich nur wohl, wenn er ganz zwanglos arbeiten kann.“ (Brassaï, 127) Das bestätigt sein Galerist Kahnweiler: “Er mag Aufträge nicht gern“ (Brassaï, 193)
Messner
Sein Leben lang gibt er wie Picasso sich selbst die Aufträge, sei es einen bestimmten Berg zu ersteigen, andere als die herkömmlichen Techniken dabei zu verwenden, neue Formate wie den Alleingang zu entwickeln, oder eine neue Schule des Bergsteigens und Kletterns „by fair means“ zu begründen und sie durch Vorträge, Bücher und Filme bekannt zu machen, oder Museen zu begründen und zu gestalten.
Auch den Auftrag, die Menschnatur zu entdecken, wie sie sich in der Wildnis zeigt, gibt er sich selbst, er allein gibt seinem Tun Sinn und ihm die größtmögliche Autonomie.
„Die Erkenntnis erst, dass nichts und niemand außer mir meinem Leben Sinn gibt, die Erkenntnis dieser Nichtheit also, begründet meine Freiheit.“ (Mein Weg 2006,132)
Totale Herausforderung
“Challenge and Risk: 'A Totally me' in this category means that work for you has a perpetually challenging. You thrive on tackling the seemingly unsolvable problems, to winning out over tough opponents, or on overcoming difficult obstacles. For you, the most important reason for pursuing a job or career is that it continues to provide challenges, that permits you to win out over the seemingly impossible or vanquishing the toughest competitors.” (Schein et al., 48)
Diese Triebkraft liefert die Energie und die Motivation, sich erneut die Anstrengungen des Entdeckens auszusetzen, dient also dem Entdeckeranker. Man kann dieses Verhalten leicht als egoistisch abwerten, aber es gehört wie die Leidenschaft und die große Energie dazu.
Immer wieder neue Ideen und Projekte
Messner
„Nach diesem Endpunkt brauche ich eine neue Aufgabe, eine neue Idee, ein neues Projekt. Jeweils dem Alter entsprechend. (…) Wie oft habe ich mir gesagt: es ist genug! Trotzdem, Wochen später, wenn die Anstrengungen, die Sorgen, die Schinderei vergessen waren, begann ich von einer neuen Herausforderung zu träumen, eine neue Klettertour zu planen. Bald war ich wieder unterwegs.“ (Mein Leben am Limit, 10)
„Das heißt, immer wenn ich in einem Spiel das Limit meiner Möglichkeiten erreicht hatte - nicht das allgemeine Limit, obwohl dieses mit meinem ab und zu parallel lief –, dann habe ich etwas Neues gewagt. Immer etwas, was mich neugierig gemacht hat, was mich angeregt hat, besser zu werden.“ (ebd., 297)
Picasso
„Ausstellungen reizen mich nicht mehr. Meine alten Arbeiten interessieren mich nicht mehr. Ich bin viel neugieriger auf die Bilder, die ich noch nicht gemalt habe.“ (Brassaï, 177)
„Die Neugier, die sprühende Ungeduld, mit der er geradewegs aufs Ziel losgeht, ist etwas Wunderbares.“ (Brassaï, 165)
Ideen realisieren
Menschen, die diese innere Triebkraft haben, sind handlungsstark, sie belassen es nicht bei Ideen und Vorstellungen, sie müssen wissen, dass sie realisierbar sind. Sie stellen sich allen Arten von Schwierigkeiten und Widerständen, die die Umsetzung mit sich bringt und nehmen sie als normal und dazugehörig hin. Tatkraft, Mut, Wagnisse und Risiken eingehen, dabei ans eigene Limit zu gehen und ein rebellisches Wesen gehören dazu.
Messner
„Wenn ich Momente erwische, in denen ich Schwierigkeiten überwinde, bin ich stark und ausgefüllt. Mein Erfolg, mein Leben war nichts anderes, als aus Ideen Tatsachen gemacht zu haben.
Interviewer: Sie sprechen von sich schon in der Vergangenheit?
Ja, ich muss ja gar nichts mehr machen! Trotzdem werde ich meine Zeit weiterhin damit ausführen, Ideen umzusetzen. Ich kann nichts anderes.“ (Mein Leben am Limit, 281)
Picasso
"Der Maler, der die Malerei in ihrer Geschichte einen Schritt vorwärts bringt, ist derjenige, der ein neues Sujet entdeckt hat.“ (Françoise Gilot, 247)
„Als wir den Kubismus 'erfanden', hatten wir keinerlei Absicht, den Kubismus zu erfinden. Wir wollten nur ausdrücken, was in uns war.“ (Wort und Bekenntnis, 42)
„Die sogenannten kubistischen Meister staunten selbst über das, was sie taten (…).“ (Über Kunst, 105-106)
„Wir sehen darin nur ein Mittel, das auszudrücken, was wir mit dem Auge und dem Geist wahrnehmen, unter Ausnützung der ganzen Möglichkeiten, die in den wesenhaften Eigenschaften von Zeichnung und Farbe liegen. Das wurde uns eine Quelle unerwarteter Freuden, eine Quelle der Entdeckungen.“ (Patrick O’Brian: Pablo Picasso, 216f)
„Einfälle sind nur Ausgangspunkte. Selten kann ich sie so fixieren, wie sie mir kommen; sobald ich mich an die Arbeit mache, kommen aus meiner Feder andere Einfälle. Um zu wissen, was man will, muß man anfangen zu zeichnen.“ (Brassaï, 49)
Die Herausforderung, nicht der Erfolg zählt
Messner
„Alles Haben ist langweilig, davon bin ich überzeugt. Jedes Haben – Wissen, Know-how, Besitz –auch den Mount Everest bestiegen zu haben, ist hinterher banal und damit langweilig. Nur bevor ich den Berg bestiegen habe, ist er eine Herausforderung. Diese zählt mehr als der Erfolg hinterher.“ (Leben am Limit, 234)
Picasso
„Wenn das Werk endlich da ist, hat der Maler es schon hinter sich gelassen.“ (Über Kunst, 78)
„Ein Künstler braucht Erfolg. Und nicht nur, um davon zu leben, sondern vor allem, um sein Werk schaffen zu können. (Brassaï, 102)
Scheitern können und neu anfangen
Das Scheitern können gehört dazu, wenn man Risiken eingeht. Es wird nicht als vermeidbares Versagen, sondern als Herausforderung erlebt, es das nächste Mal besser zu machen. Ich zähle es zu den Talenten von Entdeckern.
Messner
„Gelernt habe ich vor allem dann, wenn ich gescheitert bin. Ich bin wohl öfters gescheitert als die allermeisten anderen und nur deshalb erfolgreich geworden auf der Suche nach dem Limit. Immer wieder.“ (Mein Leben am Limit, 268)
Der Interviewer fragt ihn, ob es Herausforderungen gibt, die er nicht geschafft hat.
Messner: „Viele. Rund ein Drittel meiner Pläne konnte ich nicht realisieren. Von den 31 Achttausender-Expeditionen habe ich 13 abgebrochen und bin lediglich 18-mal zum Gipfel gekommen.“ (Mein Weg, 365)
Picasso
Picasso scheitert am Portrait der Gertrude Stein, einer bedeutenden Kunstkennerin und Mäzenin, was für ihn unangenehme Folgen haben könnte. Trotzdem bricht er den Versuch nach etwa 90 Sitzungen ab und malt es ein Jahr später aus dem Gedächtnis. Es wird eines seiner besten und der Beginn einer neuen Stilepoche. Manchmal übermalt er misslungene Bilder nach ebenfalls gescheiterten Versuchen sie zu verbessern wieder, wie z.B. die Bordellszene mit dem Matrosen, woraus die legendären „Desmoiselles d’Avignon“ entstehen, die Vorboten des Kubismus, manchmal lässt er die Werke wie im ersten Fall über längere Zeit liegen.
Langeweile
Menschen mit dieser Triebkraft langweilen sich, wenn Sie wissen, dass etwas funktionieren wird oder dass sie es bewältigt haben. Wenn sie eine Herausforderung bewältigt haben, interessieren sie sich schon wieder für die nächste.
Messner
Interviewer: „Sie haben einmal gesagt: «Spannend ist für mich nur das Neue». Langweilen Sie sich, wenn Sie auf Ihre Leistungen zurückblicken?
Ich langweile mich sogar, wenn mir fremde Leute auf die Schulter klopfen und mir zu meinem Erfolgen gratulieren.“ (Mein Leben am Limit, 263-264)
Picasso Er wendet sich anderen Werkgattungen und Kunsthandwerken zu, wenn die alten ihn zu langweilen beginnen: “Nach der Rückkehr aus Polen ging Pablo wieder an seine Arbeit in den Töpferei Ramié, doch er war jetzt nicht mehr glücklich damit. Er hatte genug von der Keramik. Auf dem Gebiet der Lithographie hatte er außerordentliche Leistungen vollbracht, das gesamte lithographische Verfahren erneuert und technische Möglichkeiten entdeckt, auf die niemand vor ihm gekommen war. Das Resultat waren Arbeiten von einzigartigem Rang.“ (Françoise Gilot, 184)
Getriebensein akzeptieren
Die meisten Menschen mit anderen Karriereankern verstehen nicht, wieso Menschen mit diesem Karriereanker, dieser Triebkraft, so getrieben sind, es nicht schrecklich finden, auch nicht ändern wollen und damit glücklich sind.
Messner
Interviewer: „Empfinden Sie dieses ständige Getriebensein, diese Unfähigkeit, gelassen zurück zu blicken, als Mangel? Nein, als Glück. Ich könnte das Leben anders kaum aushalten und weise kann ich später noch werden.“ (Leben am Limit, 264)
Der Interviewer fragt Messner, wie es kommt, dass ihm alles weniger anstrengend vorkommt. Er antwortet darauf: An seiner Besessenheit.
„Sie ist wesentlich! Ohne die Besessenheit, ohne dieses Sich-in -eine-Idee-versteigen, Sich-in-ein Projekt-verlieben, geht es nicht. Daraus hole ich mir die Energie.“ (Mein Weg, 175)
Picasso
„Was immer auch der Ursprung des Triebes sein mag, der mich zum Schaffen zwingt, ich will ihm eine Form geben.“ (Françoise Gilot, 225)
„Die Malerei ist stärker als ich, sie heißt mich tun, was sie will.“ (Über Kunst 78)
„Ich liebe sie als meinen einzigen Lebenszweck. Alles, was ich im Zusammenhang mit der Kunst tue, bereitet mir die größte Freude.“ (Wort und Bekenntnis, 46)
Die Triebkraft Entdecken
Dass Picasso und Messner diese Triebkraft haben, ist ein Ergebnis meiner Forschung. In den beiden Fallstudien kann man nachlesen, wie sie ihrem Leben und Arbeiten wirksam wird. Dort wird gezeigt, was sie Unbekanntes entdeckt, Neues erfunden und was sie ge- oder begründet haben. Dies sind die drei Faktoren der Triade der Entdeckungspraxis, die die Struktur für die beiden Studien und auch für diesen Vergleich der Ausprägung der Triebkraft bei Messner und Picasso liefern. Außerdem nutze ich in allen drei Studien die Triade der Produkte des Entdeckens: Neues Wissen, Neue Praxis und neue Dinge, hier beim Vergleich insbesondere dafür, scheinbar nicht Vergleichbares wie Kunstwerke und Bergbesteigungen zu vergleichen. Erfinden Entdecken Gründen-Die Triade der Entdeckungspraxis
Neues und Unbekanntes Entdecken
Neues Entdecken ist immer Entdecken von etwas für jemanden, für den Entdecker selbst, eine andere Person, eine soziale Gemeinschaft, die Menschheit.
Messner
Die Triebkraft, die Menschennatur im Verhältnis zur Natur, zur Wildnis zu erkennen, begleitet ihn sein Leben lang, wenn auch die Objekte und die Medien wechseln.
Anders als die hier beschriebenen Naturwissenschaftler, die das Unbekannte in der Natur entdecken und zum Teil des menschlich zugänglichen Kosmos machen wollen, will er nicht die äußere Welt, sondern seine innere Welt, seine Vorstellungswelt durch Grenzgänge erkunden und entdecken.
Es geht ihm um die Entdeckung der eigenen Natur als Individuum und als Gattungswesen in dessen Auseinandersetzung mit dem Kosmos, in diesem Fall den Bergen, Wüsten und anderen Wildnissen.
Messner: „Ich will nicht irgendwas Erforschen, sondern mich. Mein Abenteuer ist Selbstzweck. Dazu stehe ich.“ (Mein Weg, 170)
Diese Prämierung des Individuums wandelt sich in seinen späteren Lebensphasen, dann geht es ihm auch um „kulturelle Lebensäußerungen“, also um die Bedeutung seiner individuellen Erfahrungen für die Gattung und den Menschen als kulturelles Wesen. Sein Entdecken hat also einen indivuellen und zugleich kulturellen Sinn, wie auch bei Picasso.
Das Entdecken endet nicht, denn die Menschennatur ist komplex und nahezu unergründlich verglichen mit einem physikalischen oder chemischen Phänomen. Aus diesem Grunde gibt es keinen Zeitpunkt des Entdeckens, zu dem die Entdeckungspraxis abgeschlossen ist. Dies ist auch bei Picasso der Fall, der bis an sein Lebensende Kunst macht.
Picasso
Was entdeckt Picasso? Unbekanntes in der Welt, in sich, beides? Wie Reinhold Messner, der wie auch Picasso eine radikal subjektzentrierte Entdeckerpraxis betreibt, geht es um ihn selbst als Person in Beziehung zum ihn umgebenden Kosmos.
„Unsere Themen mögen anders sein, weil wir Gegenstände und Formen in die Malerei einführten, die früher nicht beachtet wurden. (Gemeint sind die kubistischen Meister Picasso und Braque, KRG). Wir blicken mit offenen Augen - und auch mit offenem Verstand - auf unsere Umwelt. Wir geben der Form und der Farbe die ihnen eigene Bedeutung, soweit wir sie sehen können; in unseren Themen wahren wir die Freude der Entdeckung, das Vergnügen am Unerwarteten; unser Thema an sich muss eine Quelle des Interesses sein. Doch wozu berichten, was wir tun, wenn jeder, der will, es sehen kann.“ (Wort und Bekenntnis, 16)
Und wie bei Messner auch geht es um ihn als soziales und kulturelles Wesen, als Teil der Gattung Mensch. Die Bewältigung menschlicher Ängste, nicht nur seiner eigenen, ist die Aufgabe der Kunst, der naiven und auch seiner.
„Malerei ist eine Form der Magie, dazu bestimmt, Mittler zwischen jener fremden feindlichen Welt und uns zu sein. Sie ist ein Weg, die Macht an uns zu reißen, indem wir unseren Schrecken wie auch unseren Sehnsüchten Gestalt geben.“ (Françoise Gilot, 221)
Neues Erfinden
Erfinden ist das Schaffen von etwas Neuem für einen Zweck, anders formuliert, um ein Problem zu lösen. Erfinden ist die Schaffung von neuen Dingen, materiellen Gegenständen, es ist Transformation und Verwandeln der Dinge des Kosmos und zweitens das Entwickeln von Programmen für die Praxis.
Picasso
„»Wir dürfen keine Scheu davor haben, etwas zu erfinden, was es auch sei«, erklärte er mir eines Tages, als wir über Skulpturen sprachen. »Alles, was in uns existiert, ist Natur. Schließlich sind wir ein Teil der Natur.«“ (Françoise Gilot, 271)
Die Produkte seines Erfindens sind Kunstwerke, neue Kunstgattungen, z.B. Skulpturen, die er aus gebrauchten Gegenständen, aus Müll herstellt. Er erfindet neue Techniken, also Programme für neue Praxis, sogar jenseits seines Fachgebiets: Sobald er von den Meistern eines Fachs genug gelernt hat, revolutioniert er deren Techniken wie die der Lithographie, der Keramik, des Linolschnitts, der Herstellung von Glasbildern und Graffiti.
Messner
Programme entwickelt und erfindet in seiner Praxis, Programme für die Praxis des Bergsteigens und Kletterns:
Klettertechniken ohne Hilfsmittel, Formate Gehen ohne Träger, Alleingang, neue Routen
Es überdauern aber keine Werke wie bei Picasso, die Spuren seiner Besteigungen kann und soll man ja nicht sehen.
„Eine Wand, die ich hinaufwill, sehe ich als eine Art Zeichentafel vor mir. Mit meiner Erfahrung und mit meinem Empfinden für Linien kann ich eine Route auf diese Wand legen. Eine gedachte Linie also, die sehr schön sein kann. Wenn ich diese gedachte Linie klettere, dann lebe ich sie, liebe sie. Sie ist in mir drin, nur für mich greifbar.(…) Niemand außer mir kann sie sehen." (Mein Weg 39-40)
Gründen und Begründen
Gründen oder Begründen und ist das Erschaffen von neuen Strukturen, neuen Ordnungen aus bekannten und vorhandenen Elementen des Kosmos. Gegründet werden Reiche, Glaubensgemeinschaften, Wirtschafts- und Industriebetriebe, Begründet werden Institutionen, Wissenschaftlichen Disziplinen, Fachgebiete und Professionen.
Gründen und Begründen kann man neue Strukturen erst, wenn man neues Wissen, neue Praxis oder neue Dinge entdeckt oder erfunden hat. Es steht also nicht am Beginn von Entdeckerkarrieren, sondern wird für Entdecker relevant, wenn sie diese drei Produkte ihrer Entdeckungen und Erfindungen verbreiten, bekannt machen und bewahren wollen.
Picasso
Was begründet Picasso? Zahlreiche Kunststile, er hat einen sehr großen Anteil an der Begründung der Moderne der Kunst, einer Epoche der Kunstgeschichte.
Die Gründung einer Zeitschrift wurde kein Erfolg, sie war damals zu innovativ für Spanien, das Projekt scheitert und er macht keine weiteren Versuche Publikationsorgane zu gründen.
Auch 'Schulen' im Sinne einer Institution will er nicht begründen, sich um Ausbildung, um Jünger und die Verbreitung seiner Kunst kümmern, „es zählen nur die Meister“ sagt er. Das Gründen von Schulen ist überdies schwierig, da er in seinen radikalen Umbrüchen in Kunst und Leben ständig neue Stile erfindet.
Und die Gründung eines Museums mit seinen Bildern in seiner Heimatstadt Barcelona überlässt er seinem Freund Jaime Sabartés.
Messner
Im Vergleich zu Picasso ist er ein engagierter Gründer, er will, dass sein Wissen über die Menschennatur, die Wildnisse, das Bergsteigen und die Bergvölker unter den Menschen verbreitet wird und gründet dazu:
Sechs Museen über Bergsteiger und Bergsteigen, die Menschennatur, über Wildnisse und Bergvölker, die auch seine diversen Sammlungen aufnehmen. Und zuletzt das Reinhold Messner Haus, „ein visionäres Zentrum für Nachhaltigkeit, Umweltbewusstsein, Kunst und Kultur (…). Hier treffen sich Menschen, Ideen und Horizonte.“ (www.reinholdmessner.com, Zugriff 18.8.25)
Er gründet eine Stiftung, die Projekte fördert. Projekte mit dem Zweck, den Bergvölkern des Himalaya durch Gründung von Institutionen für Bildung, Gesundheit, Katastrophenhilfe, Aufklärung über Umweltschutz u.a. Hilfe zur Selbsthilfe zu geben. (www.reinholdmessner.com, Zugriff 18.8.25)
Wie Picasso begründet er neue Stile, aus den Richtungen oder 'Schulen' werden.
„Als Grenzgänger kann ich immer wieder Grenzen verschieben. Und in der Höhenbergsteigerei habe ich das gemacht und 15 Jahre lang bestimmt, wo es lang geht und die andern haben vieles nachgemacht, ob sie wollten oder nicht.“ (Caysa und Schmidt 2002, 19-20)
Bergsteiger folgen ihm, wie auch Künstler Picassos neue Stile übernahmen. Aber wie Picasso scheint er wenig Wert auf die Gründung einer Schule, also einer Institution, die ausbildet, oder eines Verbandes, für die er verantwortlich wäre, zu legen. Der Karriereanker Selbständigkeit und Unabhängigkeit wird dabei eine Rolle spielen, wie übrigens bei Picasso auch vermute ich.
Seine Everest Erstbesteigung 1978 mit Peter Habeler ohne Sauerstoff festigt seine Position als Begründer neuer, 'Schulen des Bergsteigens'. Einmal wegen der Erstbesteigung und zum anderen wegen der Erfindung einer neuen Praxis des Höhenbergsteigens, der Kombination des neu erfundenen Formats ohne Träger und der neu erfundenen Praxis ohne Sauerstoff in diese Höhe zu gehen. Darauf folgt bald die nächste Revolution der Bergsteigerpraxis, das neue Format des Alleingangs.
Das Zusammenwirken dieser drei Triebkräfte in ihren Karrieren
Der Entdecken, Selbstständigkeit und Unabhängigkeit und Totale Herausforderung sind eine harmonische Kombination, in der die Triebkräfte füreinander positive Funktionen haben oder haben können.
Wie das aussieht, habe ich in der Fallstudie zu Reinhold Messner beschrieben. Diese Beschreibung trifft auch auf Picasso zu, denn beide haben die gleiche Kombination.
Die drei Triebkräfte stören sich nicht, sie stehen nicht in Spannung zueinander, sondern unterstützen und fördern sich gegenseitig.
Totale Herausforderung
Um entdecken zu können, muss ich mich Herausforderungen stellen können, die andere für unlösbar halten, Unmögliches angehen, ans eigene Limit gehen. Diese Triebkraft liefert Energie für Neuanfänge, und hilft dabei, Bewährtes infrage zu stellen, wenn es sich wiederholt und langweilig wird.
Sie liefert die Energie und die Motivation, sich erneut den Anstrengungen des Entdeckens auszusetzen, dient also der Triebkraft Entdecken. In Kombination mit einem ausgeprägten Willen, den beide haben und ihrer Berufung gelingt es ihnen immer wieder, weitere Projekte zu planen und erfolgreich abzuschließen. Umgekehrt liefert die Triebkraft Entdecken der Totalen Herausforderung Anlässe und Ziele, sich zu zeigen und gelebt werden zu können.
Selbstständigkeit und Unabhängigkeit
Um Innovationen erzeugen zu können, um sich von den Regeln der eigenen Profession oder des Fachs lösen zu können und eigene zu erfinden, muss man sich von Anderen unabhängig machen. Auch um seiner Praxis Sinn geben zu können, um die alleinige Verantwortung zu tragen und um wichtige Entscheidungen treffen zu können, muss man unabhängig sein und selbstständig handeln können. Das gilt auch für die Freiheit, die Herausforderungen zu wählen, denen man sich stellen will, hat man diese Autonomie, dient diese Triebkraft auch der Totalen Herausforderung.
Die Triebkraft Entdecken Sie gibt diesen beiden anderen Triebkräften Sinn und Ziel, sie existieren nicht um ihrer selbst willen, sondern werden gebraucht um die Entdeckungspraxis zu ermöglichen.
Diese Kombination von Triebkräften liefert Energie, sie verbraucht keine und sie stört sie nicht bei ihren Entdeckungen.
Es gibt Kombinationen von Triebkräften, die in starker Spannung zueinanderstehen und deshalb viel Energie und Aufmerksamkeit verbrauchen. Hätten beide zum Beispiel die Triebkraft Sicherheit und Beständigkeit statt Selbstständigkeit und Unabhängigkeit, würde dies einen Dauerkonflikt mit der Totalen Herausforderung und dem Entdecken provozieren.
Vielleicht ist hier eine Erklärung für die enormen Erfolge und Leistungen von beiden zu finden. Sie konnten leichter als andere, mit sich im Reinen und ungestört von inneren Spannungen zwischen ihren Triebkräften Grenzgänge bewältigen bzw. großartige Kunstwerke schaffen und damit einen Beitrag zur kulturellen Entwicklung der Menschheit leisten.
Doch es sind nicht nur die Triebkräfte, die sie antreiben, ihnen Energie geben und sie sicher sein lassen, was sie brauchen um ihre Arbeit zu machen, die Triebkräfte wirken zusammen mit den zuvor beschriebenen Aspekten ihrer Persönlichkeit:
Der Klarheit über ihre Berufung, über den selbst gesetzten Sinn ihrer Praxis
Dem Nutzen ihrer physischen und psychischen Ressourcen und ihrer Talente, insbesondere:
Dem Talent Höchstleistungen erbringen zu können und dabei ans Limit zu gehen, es kennen, respektieren und nutzen
Dem Talent Abenteuer zu suchen, zu wagen und zu bestehen
Dem Talent Einsamkeit auszuhalten und für die Entdeckung nutzen zu können
Dem Talent radikale Umorientierungen vorzunehmen und zu bewältigen.
tar_08, id140, letzte Änderung: 2025-12-03 18:07:07
Es gibt wenig Entdeckerinnen, und noch weniger, die ihre Autobiografie geschrieben haben und damit mein Auswahlkriterium für eine Fallstudie erfüllen. Liegen wie in diesem Fall mehrere Biografien und eine Autobiografie vor, so bemerkt man die Bewertungskriterien der Biografinnen und der Person selbst rasch. Das war ein Glücksfall! Nachdem ich viele Autobiografien von männlichen Entdeckern gefunden hatte, sollte es nun die Analyse der Biografie einer Frau werden. Herausgekommen ist ein Hybrid aus einer Frauenbiografie und der eines Entdeckerpaares, letzteres ein seltenes Phänomen.
Die ersten beiden Abschnitte können Sie gleich lesen und sich entscheiden, ob Sie Interesse an mehr haben und dann das PDF öffnen. Es umfasst Maria Sklodowskas Lebensgeschichte, die gemeinsame Entdeckerkarriere von Marie und Pierre Curie und die darauffolgende alleinige Karriere von Marie Curie, sowie das Wiederauftreten von Entdeckerkarrieren in der nächsten Generation.
Am Ende lesen Sie eine Zusammenfassung der entdeckertypischen Merkmale dieser Karriere und derjenigen, die eher den Besonderheiten der Persönlichkeit von Marie Curie zuzurechnen sind.
Herkunft
Die Eltern entstammen dem niederen polnischen Adel. Ihr Vater war Physik- und Mathematiklehrer, die Mutter leitete ein Mädchenpensionat in Warschau, zeitweise in der Wohnung der Familie. Schon der Großvater väterlicherseits war Direktor eines Gymnasiums, auch der Großvater mütterlicherseits gehörte zum verarmten Landadel. Maria Sklodowska ist das fünfte Kind, sie wird im November 1867 in Warschau geboren.
Kindheit und Jugend 1867-1884
Sie lernt mit vier Jahren lesen, fängt mit sechs Jahren an zu lernen, Mathematik und Physik fällt ihr leicht, ihr Vater gibt ihr Privatunterricht. Obwohl der gesamte Schulunterricht in Russisch stattfindet und eine Atmosphäre von Unterdrückung und Bespitzelung herrscht, nutzt sie alle Lernmöglichkeiten, die die Schule ihr bietet (Seite 11, Marie Curie: Selbstbiographie, Paris 1923, deutsch 1962. Abgekürzt: 11, M.C.).
Früh wie bei allen Entdeckern zeigt sich ihre Intelligenz, ihr Talent, ihre Freude am Lernen und ein überdurchschnittlicher Eifer.
Ein Auslöser für ihr Interesse an den Naturwissenschaften sind physikalische Apparate, die ihr Vater in seinem Arbeitszimmer aufbewahrt. Sie kann sich nicht vorstellen, wozu man diese Gegenstände braucht. (Seite 25, Eve Curie, Madame Curie - Eine Biographie 1937, Ausgabe 2021. Abgekürzt: 25, E.C.)
Wie bei vielen Entdeckerinnen und Entdeckern sind es Artefakte, die ihnen in der frühen Kindheit begegnen und eine große Faszination auf sie ausüben. Hinzu kommt vermutlich ein Vermächtnis des Vaters.
Sie schreibt: „Mein Vater, der in seinen jungen Jahren selbst das Verlangen hatte, wissenschaftlich zu arbeiten, tröstete sich während unserer Trennung (als sie in Paris studierte, KRG) mit der Tatsache, dass meine Arbeit immer erfolgreicher wurden.“ (21, M.C.)
Sie wird im Gegensatz zu ihm diese physikalischen Apparate, die sie emotional besetzt hat, nutzen können und selbst welche erfinden.
1867 stirbt die von ihr geliebte älteste Schwester an Typhus, 1878 die Mutter, die schon lange an Tuberkulose litt, mit 42 Jahren, als sie neun Jahre alt ist. Sie bezeichnet den Tod der Mutter als den „ersten ernsten Kummer und die erste große Verzweiflung“ in ihrem Leben (9). Die Familie ist durch diesen Tod sowohl psychisch als auch ökonomisch in einer schwierigen Situation, da der Vater viel Geld für ihre Behandlung ausgegeben hat, und seinem Vermögen verspekuliert hat und außerdem seine Position als Schulleiter wegen kritischer Äußerungen an der Kontrolle durch die russischen Inspektoren verloren hat. Geldmangel, schlechte Wohnverhältnisse und ein überforderter Vater prägen ihre Kindheit. Diese Schicksalsschläge führen dazu, dass sie früh viel Verantwortung für andere übernimmt.
Trotzdem beendet sie mit 15 Jahren als beste Schülerin das Gymnasium und will Lehrerin werden.
Ein sich wiederholendes Muster zeigt sich hier das erste Mal: Sie macht alle Abschlüsse als Beste und ist dabei völlig erschöpft und kränklich, hart zu sich und achtet nicht auf ihre Bedürfnisse
Ihr Vater schickt sie für ein Jahr zur Erholung aufs Land. Sie schreibt nicht darüber, worin diese Erschöpfung besteht und wodurch durch sie ausgelöst wurde (15, M.C.). Bei Verwandten erlebt sie ein unbeschwertes Jahr und gesundet.
Ihr höchstes Ziel bleibt es zu lernen.
„Ich lese keine ernsthaften Bücher, nur harmlose und alberne Romane. So fühle ich mich, trotz des Diploms, dass mir die Würde und Reife einer Person zuspricht, die ihre Studien abgeschlossen hat, unglaublich dumm“ schreibt sie an ihre Freundin Kazia (Seite 16, Peter Ksoll und Fritz Vögtle: Marie Curie 1998. Abgekürzt: 16, K.&V.).
Dieser Selbstzweifel taucht immer wieder auf und ist eine Triebkraft immer weiter zu lernen.
Wegen des chronischen Geldmangels der Familie versucht sie nach ihrer Rückkehr Nachhilfeschüler zu finden und nimmt an Vorlesungen der „Fliegenden Universität“ teil, einer illegalen, von Patrioten gegründeten Organisation, die in Privatwohnungen junge Menschen mit dem Ziel unterrichten, die politischen Probleme Polens durch den „Aufbau eines geistigen Potentials als Triebfeder zur Veränderung“ des Landes zu lösen"(20, M.C.). Die Mitglieder sind aufgefordert, auch anderen Unterricht in polnischer Sprache zu geben.
Marie fühlt sich dieser Mission, Polen befreien zu helfen und aufzubauen ein Leben lang verpflichtet, es ist eine weitere Triebkraft ihrer Karriere und ihres Handelns.
“Wir dürfen nicht hoffen, eine bessere Welt zu erbauen, ehe nicht die Individuen besser werden. In diesem Sinne soll jeder von uns an seiner eigenen Vervollkommnung arbeiten, indem er auf sich nimmt, was ihm im Lebensganzen der Menschheit an Verantwortlichkeit zukommt und sich seiner Pflicht bewusst bleiben, denen zu helfen, den er am ehesten nützlich sein kann.“ (20, K. und V.)
Diese Werte sprechen für den zweiten Karriereanker "Dienst und Hingabe": Dienst an der Nation und dem Volk (später auch dem Französischen), an Ihrer Familie, an Bedürftigen und später auch Dienst an der Wissenschaft durch die Arbeit an der Entdeckung.
Die Zeit als Gouvernante 1885-1889
Aus Rücksicht auf die beschränkten finanziellen Mittel ihres Vaters nimmt sie mit 17 Jahren die Stelle einer Hauslehrerin auf dem Land an, obwohl sie eigentlich an einer Privatschule in der Hauptstadt unterrichten wollte.
Sie ordnet ihre Interessen denen der Familie unter und finanziert gemeinsam mit dem Vater ihrer Schwester ein Studium der Medizin an der Sorbonne in Paris mit der Aussicht, dass diese später wiederum ihre Studien finanzieren wird, und lebt recht ärmlich.
Frauen haben im Polen keine Chance an einer Universität zu studieren. Sie bleibt auch dann noch in dieser Stellung, als es für sie persönlich unerträglich wird.
Als Gouvernante fühlt sie nicht ausgelastet, sie richtet eine Klasse für Dorfkinder ein, die nicht zur Schule gehen können und unterrichtet sie in ihrer Muttersprache, was gefährlich ist, da Polen unter russischer Herrschaft steht und die polnische Sprache an Schulen verboten ist. Das Motiv für dieses Engagement ist sicher auch in ihrer Mission Polen aufzubauen und Bedürftigen zu helfen zu suchen.
Auch dieses kennzeichnet ihre Biografie, sie engagiert sich für andere Menschen, verfolgt ihre Mission und ist in der Lage ein Projekt zu starten, durchzuführen und zum Erfolg zu bringen, sie ist und bleibt eine gute Projektmanagerin.
Und sie fasst einen Karriereplan, sie will im Ausland studieren, welches Fach ist ihr allerdings noch nicht klar, sowohl die Literaturwissenschaft wie die Soziologie als auch die Naturwissenschaften interessieren sie wie auch schon ihren Vater. Sie liest alles, was in der Bibliothek zu finden ist, um sich auf ein Studium vorzubereiten. (17f. M.C.)
Typisch für Entdecker ist, dass sie sich selbst ausbilden, d.h. ein eigenes Curriculum schaffen und auch Methoden des Erarbeitens von Wissen selbstständig ausbilden, das trifft auch schon auf ihre Teilnahme an der „Fliegenden Universität“ zu.
Später schreibt sie: „Meine einsamen Studien waren reich an Schwierigkeiten. Die wissenschaftliche Bildung, die mir das Gymnasium gegeben hatte, war sehr lückenhaft, weit geringer als die des französischen Baccalaureats. Ich versuchte, sie auf meine Art zu ergänzen, mithilfe von Büchern, die ich auf gut Glück zusammenbrachte. Diese Methode war nicht sehr wirksam, aber ich gewöhnte mich dabei an selbstständiges Arbeiten und erwarb eine ganze Menge von Kenntnissen, die mir später nützlich waren.“ (56f., E. C)
Sie legt sich schließlich auf Mathematik und Physik als Studienfächer fest, wozu sicher die Identifikation mit dem Vater und ihr Talent beigetragen haben (18., M.C.).
Ein Lebensentwurf scheitert: Was sie in ihrer Autobiographie übergeht, ist die Liebe zum ältesten Sohn der Familie, für die sie arbeitet, der schon studiert und sie heiraten will. Beide verbindet ein großes Interesse an den Naturwissenschaften. Sie erfährt eine enorme Demütigung und Kränkung durch die Eltern, ihre Arbeitgeber, „eine Gouvernante heiratet man nicht“, reagiert mit depressiver Verstimmung „ein völliger Mangel an Heiterkeit“ und gar suizidalen Gedanken, zwingt sich aber, noch zwei Jahre unter diesen Verhältnissen zu arbeiten, weil das Geld für das Studium ihrer Schwester gebraucht wird.
Ihrer Freundin schreibt sie: “Menschen, die alles so stark empfinden wie ich und die nicht im Stande sind, diese Veranlagung zu ändern, müssen sie wenigstens so gut als möglich verheimlichen.“ „Ich empfinde alles mit besonderer, geradezu physischer Gewalt, dann aber raffe ich mich auf, die Kraft meiner Natur behält die Oberhand, und ich habe das Gefühl, einen Alpdruck abzuschütteln“ (29-30 Ksol und Vögtle)
Ist sie außerdem hochsensibel? (vgl. die Reaktion auf Nobelpreis, die Amerikareisen mit Ehrungen)
Ein weiteres Muster, das sich ihr ganzes Leben lang durchziehen wird, ist die Härte gegen sich selbst, immer wieder handelt sie entgegen ihren Bedürfnissen. Dieses Muster findet sich in allen Entdeckerkarrieren wieder, sie sind hart gegen sich und ordnen alle anderen Bedürfnisse dem zu entdecken unter.
Das trifft auch auf sie zu und schafft immer wieder starke innere Konflikte, weil die Triebkraft zu entdecken mit der Triebkraft, ihrer Familie zugehörig zu sein und ihr zu dienen, kollidiert. Diesen Konflikt scheinen eher die weiblichen als die männlichen Entdecker zu haben.
Nobelpreis für Medizin und Physiologie am 2. Oktober 2023
„Niemand macht Wissenschaft für Geld, Ruhm oder irgendeinen Preis. Man kann nicht erwarten, dass so was 40 Jahre später passiert. Man macht das, weil man es liebt. Und dann erwartest du nur, dass es eines Tages irgendjemandem nützlich sein kann.“ Katalin Karikó
„Karikó und Weissman erhalten den Nobelpreis für ihre grundlegenden Arbeiten, die unter anderem mRNA-Impfstoffe gegen Covid-19 ermöglichten, wie das Karolinska-Institut am Montag in Stockholm mitteilte. „Durch ihre bahnbrechenden Resultate, die unser Verständnis davon, wie mRNA mit dem menschlichen Immunsystem interagiert, grundlegend verändert haben, trugen die Preisträger zu dem beispiellosen Tempo der Impfstoffentwicklung während einer der größten Bedrohungen für die menschliche Gesundheit in moderner Zeit bei", hieß es vom Nobelkomitee.“
BioNTech über Nobelpreisträgerin Karikó: "Wir schätzen ihre Leidenschaft" Sendung vom Mo., 2.10.2023 16:00 Uhr, Der Tag in RLP, SWR1 Rheinland-Pfalz
Der erste Satz stammt aus dem Video, Transkription stammt von mir BioNTech über Nobelpreisträgerin Karikó
Die Preisträgerin, eine Biochemikerin, die sich mit ihrem Teamkollegen Drew Weissmann, einem Immunologen, den diesjährigen Medizin Nobelpreis für "Physiology or Medicine" teilt, hat eine Karriere voller Hindernisse hinter sich, sowohl was den Prozess des Entdeckens selbst als auch was die Akzeptanz durch die Professional Community und die Förderung ihrer Karriere und ihrer Entdeckung durch Hochschulen anbetraf. Sie erhält den Nobelpreis nicht in ihrer Disziplin, der Biochemie, sondern in Medizin.
Nun fragt man sich verwundert in den Medien, z.B. in der Harvard Business Review, warum diese Entdeckerin, die durch ihre Grundlagenforschung die Voraussetzungen für die Entwicklung der in der Covid Pandemie so wichtig gewordenen mRNA Impfstoffe keine finanzielle Förderung bekommen hat und auch keine Hochschulkarriere gemacht hat, die der Bedeutung dieser Entdeckung Rechnung trägt. Kennt man die typischen Merkmale von Entdeckerkarrieren, so ist dies nicht weiter verwunderlich!
Hier ein Auszug aus ihrer Rede bei der Verleihung eines Preises aus dem Jahr 2022, der die Hindernisse und ihre Bewältigungsstrategie beschreibt und einen ambivalenten Dank an diejenigen enthält, die ihr das Leben schwer gemacht haben.
I'm thankful for people who tried to make my life miserable - Katalin Karikó, Gairdner Awards Speech 2022
“I learned from my parents, that hard work is part oft the life. How did I go from a super life of a single room without running water, no television set, no refrigerator and here in the state accepting the Gardener International Award. I certain you it was not my intention.
I was just a curious girl who watches with fascination all of the plants in our yard and wanted to learn more about the internal mechanism of all of these things living things. I didn’t know a single scientist. I was 16 years old and I wanted and decided that I will be one. "(2,32.min.)
"At the academic setting I was not successful, I was demoted, I never received a single grant. And in general, I was not popular as those who followed conventional science. But I have a message: It doesn’t matter the circumstances, the skepticisms around you. What matters is your conviction, how hard you work, your passion and that you yourself believe you can achieve those goals."(3,35.min.)
"You may be surprised, but I am thankful for people who tried to make my life miserable. Those people who demoted me from faculty positions, who fired me from my position, they made me work harder to improve myself and without them I wouldn’t be here." (7,09.min.)
Dr. Katalin Karikó received the 2022 Canada Gairdner International Award "For her pioneering work developing nucleoside-modified mRNA and lipid nanoparticle (LNP) drug delivery: the foundational technologies for the highly effective COVID-19 mRNA vaccines." You tube Film -Transkription des Textes der Dankesrede von mir am 3.10.23 (?) meint, Wort ist unverständlich. "I'm thankful for people who tried to make my life miserable" Katalin Karikó, Gairdner Awards Speech
Was ihr an Ablehnung entgegengeschlagen ist, mit welchen Schwierigkeiten sie zu kämpfen hatte, welche Kränkungen sie verarbeiten musste, ist typisch für Entdecker, die ihr Ziel nicht in den bestehenden Institutionen und wissenschaftlichen Disziplinen erreichen können, weil sie dabei sind Entdeckungen zu machen. Dies erfordert ein Überschreiten der disziplinären Grenzen und eine Förderung, die die Widerlegung von Grundannahmen zulässt und auch einflussreiche Förderer, die an die Idee glauben und ein Interesse der Professional Community an diesem Forschungsgebiet.
Der CEO der Universität von Pennsylvania, in deren School of Medicine sie ab 1989 arbeitet, setzt wie die meisten Forscher dort auf die Therapie von Krankheiten durch die Modifizierung der DNA, mRNA hält man für indiskutabel.
“The history of science, it turns out, is filled with stories of very smart people laughing at good ideas.” (Breaking Through, S. 66)
Was bei ihr zusätzlich erschwerend hinzukommt, ist, dass sie nach Amerika auswandert und dort mit Skepsis betrachtet wird, weil sie aus einem kommunistisch regierten Land (Ungarn) kommt, man die Qualität der Forschung und ihrer Ausbildung dort nicht einschätzen kann, sie außerdem aus einfachen sozialen Verhältnissen stammt und ihr die Zugehörigkeit zur Gruppe derer fehlt, die eine der renommierten amerikanischen Universitäten der Ivy League besucht haben, was die Möglichkeit, eine Karriere an einer amerikanischen Universitäten zu machen, sehr befördert. Was die Amerikaner unterschätzen, ist dass die Forschung zu RNA zu dieser Zeit in Ungarn wesentlich weiter entwickelt ist wie auch die Praxis des Impfens, das spielt auch keine Rolle, wenn man auf die Erforschung der DNA setzt.
Ihr gelingt es nicht, sich in dem auf Drittmittelförderung und Konkurrenz ausgerichteten amerikanische Hochschulsystem zurechtzufinden, sie bleibt ein "outsider inside the system".
Dass es eine Rolle gespielt hat, dass sie eine Frau ist, kann man aus ihrer Autobiographie nicht entnehmen, diese Art der Diskriminierung wird nicht beschrieben. Wohl aber taucht an verschiedenen Stellen in den Interviews und Vorträgen ihr Wunsch, dass mehr Frauen in die Wissenschaft gehen und sich etwas zutrauen.
Gliederung
Ihre Maximen für die Gestaltung ihrer Entdeckerkarriere
Die Entwicklung der Triebkräfte des Entdeckens in ihrer Kindheit und Jugend
Frühe Förderer und fördernde Rahmenbedingungen ihrer wissenschaftlichen Karriere und Gefährder
Studium und Promotion in Ungarn
Familie und Karriere?
Ihre Karriere an amerikanischen Hochschulen
Der Moment des ersten Entdeckens - Breaking Through
Ihre Karriere an amerikanischen Hochschulen Teil 2
Der Moment der zweiten Entdeckung - Breaking Through Two
Ihre Karriere an den amerikanischen Hochschule Teil 3
A Changed World - Zurück nach Europa
Die Arbeit bei BioNTech
Die Pandemie bringt die Entdeckung in die Welt
Entdeckung und Erfolg durch das Überschreiten der Grenzen von Disziplinen und Abteilungen
Der Nobelpreis für Medizin 2023
Ihre Maximen für die Gestaltung ihrer Entdeckerkarriere
Katalin Karikó hat sich in ihrer Karriere von nahezu allen Maximen für eine Entdeckerkarriere, die ich durch empirische Analysen rekonstruieren konnte, leiten lassen, sicher von den folgenden:
Du kannst Dich nicht an Normalität orientieren, an welcher auch immer. Nicht an den Vorstellungen, die die eigene Familie, die sozialen Gemeinschaft, die Profession, die wissenschaftliche Disziplin, die Organisationen und Institutionen, mit denen Du interagierst, haben. Du stellst für sie eine Abweichung dar!
(In ihrem Fall als Entdeckerin wie auch als Migrantin aus einem kommunistisch regierten Land)
Verfolge Deine Idee, glaube an sie!
Nimm die Mission ernst, die Du spürst!
Lebe bescheiden, sei bedürfnislos. Lass Dich nur von dem Bedürfnis zu entdecken leiten!
Entdecken ist Revolutionieren, nicht Bewahren oder Verbessern. Es geht darum Neues zu erfinden, das Alte zu ersetzen. Dieses Denken und Handeln ruft notwendigerweise Widerstand hervor. Gibt es Widerstand, dann bist Du meist auf dem richtigen Weg!
Verlass Dich nicht auf Organisationen, die Bewahren und Optimieren von Bestehendem prämieren! Verwende nicht Deine gesamte Energie, um Dir dort einen Platz zu suchen!
Suche nicht nach Anerkennung Deiner Arbeit von diesen Institutionen, sie kränken eher, als souverän genug zu sein um sich nicht bedroht zu fühlen. Ehrungen werden „Revolutionären“ meist verweigert!
Arbeitest Du in einer Organisation, dann suche nach Menschen, die souverän genug sind, Dir eine Position oder ein Stipendium zu verschaffen und Dich machen lassen!
Wenn Du ein Problem nicht lösen kannst, überschreite die Grenzen Deiner wissenschaftlichen Disziplin bzw. Deiner Profession und suche dort nach Erklärungen und Lösungswegen!
Wenn Du in Deiner Entdeckungspraxis zu scheitern drohst, Irrtümer auftauchen, mach weiter. Hinterfrage Deine Annahmen, diese kritischen Stellen sind oft der Anfang der Entdeckung!
Halte Phasen der Unsicherheit, des ‚Schwimmens‘ aus, wenn Du spüren kannst, dass irgendetwas noch Zeit zum Reifen braucht!
Gehe davon aus, dass die Gesellschaft, deine Professional Community, die Organisationen und Institutionen Deiner Entdeckung einen anderen Sinn geben als Du selbst! (Individueller versus sozialer oder kultureller Sinn der Entdeckung)
Gescheitert bist Du nur, wenn Du den Sinn, den Du ihr gibst, nicht erreichst!
Alle Maximen für erfolgreiche Entdeckerkarrieren finden Sie hier: Maximen für Entdecker
Die Maximen für junge Wissenschaftler, die sie im Epilog ihres Buchs Breaking Through formuliert, fand ich wert hier aufgenommen zu werden. Sie sind eine Ermutigung, an sich und seine Idee zu glauben.
Die Analyse ihrer Karriere basiert auf Interviews mit und Vorträgen von ihr und der Dokumentation „Katalin Kalikó - Leben und Forschungskarrieren“ der Universität Szeged. Die Ergebnisse der Untersuchung Ihrer Autobiographie „Breaking Through – My Life in Science“, die am 10.10. bei Crown in New York erschienen ist, werden nach und nach in die Analyse eingearbeitet.
Ihre Autobiographie wurde geschrieben, bevor ihr der Nobelpreis zuerkannt wird, sie aber schon eine große Anzahl an Auszeichnungen und Ehrungen für ihre Arbeit bekommen hat. Autobiographien haben immer auch einen legitimatorischen Charakter. Ob sie geahnt hat, dass die Anwendung ihrer Entdeckung zur Entwicklung eines Impfstoffes gegen Sars Covid-2 nicht unumstritten bleiben würde? Wie andere Entdecker hatte auch sie es nicht in der Hand zu bestimmen, was aus der Entdeckung wird, wenn sie einmal in der Welt ist, ob sie zum Wohle oder zum Schaden der Menschen gereichen wird. Der durch die Pandemie entstandene enorme zeitliche Druck bei der Entwicklung des Impfstoffes führte dazu, dass die üblichen Zeiten für die Erprobung des Stoffes auf Wirkung und Nebenwirkungen um Jahre verkürzt worden. Die Diskussion über Impfschäden durch den mRNA Impfstoff und über dessen Wirksamkeit sind im vollen Gange.
Die Merkmale des Karriereankers von Entdeckern geben dem ersten Teil der Analyse die Struktur - wie auch bei der Analyse der Karriere von Stefan Hell in diesem Menüpunkt. Was ein Karriereanker ist und welche Merkmale er hat, finden Sie hier: Der Entdeckeranker - Merkmale von Entdeckerkarrieren
1.Die Idee kommt früh, ist mächtig und hat eine große Triebkraft. Angeregt und angezogen durch Dinge oder Ereignisse in ihrer Umwelt entsteht in Ihnen eine Faszination, die die Energie liefert, eine ausgeprägte eigene Vorstellungswelt zu entwickeln, in der Ideen für etwas, was es zu entdecken gilt und was der Sinn dieser Entdeckung ist, entstehen kann. Sie sind häufig auch in der Lage Ihrer Entdeckerlust ein konkretes Ziel zu geben.
Grundsätzliches zu individuellen, sozialen und kulturellen Triebkräften in Entdeckerkarrieren: Triebkräfte
Die Entwicklung der Triebkräfte des Entdeckens in ihrer Kindheit und Jugend
Sie schildert eine Szene aus ihrer frühen Kindheit: Der Vater schlachtet ein Schwein, sie und ihre Schwester beobachten ihn dabei und sehen, wie er es in zwei Hälften zerlegt und das Innere sichtbar wird.
„Diese Szene ist zu viel für meine drei Jahre ältere Schwester Zsuzsanna. Zsoka, wie ich sie nenne, ist nicht zimperlich. Das ist schließlich das Nachkriegs-Ungarn. Zimperlichkeit ist ein Luxus, den sich niemand leisten kann – geschweige denn eine Arbeiterfamilie wie die unsere, die von der Hand in den Mund arbeitet. Aber was auch immer es ist, das mich in diesem Moment gefesselt hat, scheint nicht die gleiche Wirkung auf meine Schwester zu haben. Trotzdem bin ich gefesselt. Meine Eltern kicherten, wenn sie sich daran erinnerten, wie ich damals aussah: Meine großen Augen nahmen alles auf – die ganze komplexe Topografie des Inneren eines Tieres. All diese unterschiedlichen Teile, die so lange zusammengearbeitet haben, um diese eine Kreatur am Leben zu erhalten. All die Geheimnisse und Wunder, die sie zu bergen schienen, wurden endlich sichtbar.
So fängt es für mich an.“
Diese Situation ist vermutlich der Auslöser für ihre Entdeckerlust, sie will die Geheimnisse und Wunder der Natur ergründen. Sie beschreibt sich als neugierig, fasziniert von der Natur und will mehr „about the internal mechanism of all of these living things“ lernen und beschließt mit 16 Jahren, Wissenschaftlerin zu werden. Faszination durch Dinge des Kosmos, Neugier, eine ausgeprägte Beobachtungsgabe und Intelligenz sowie der Wunsch die Geheimnisse und Wunder der Welt zu erkennen sind typische Auslöser von Entdeckerkarrieren, die in der Kindheit liegen.
Sie schildert in ihrer Biographie Breaking Through noch mehr Erlebnisse aus ihrer Kindheit, die sie fasziniert haben und eine Vorbereitung- nicht zuletzt durch die Schulung ihrer Beobachtungsgabe- auf ihre wissenschaftliche Tätigkeit waren.
“Did you hear the news? Chicken vaccines. Yes, next Tuesday. Keep your chickens indoors. My first-ever vaccination campaign, I suppose. Science lessons are everywhere, all around me.”(9)
“Under this woman’s direction, we melt the fat, then mix it with sodium carbonate (...) wait for it to harden into soap. Looking back, I understand now that this local “soap cooker lady” was the first biochemist I ever met.” (10)
“Zsóka and I have a garden of our own, too. Every spring, we place seeds in the ground.(…) then weeks later watch shoots push their way into open air and stretch toward the sun.”(6)
“Twice a week, my grandmother, who lives a half-hour walk from our house, cuts bunches of flowers from her garden(…) then hauls them to sell at the market.
Even if my grandmother hadn’t told me the names of these flowers, I would have learned them by heart. In fifth grade, I receive a book about the flora of Hungary; I am obsessed with this book; hour after hour, I turn the pages, memorizing the bright bursts of colorful petals, the spindly root threads emerging from rotund bulbs, and the precise variegations and striations of leaves.”(10)
Die Kinder helfen beim Bau ihres eigenen Hauses, schlagen Nägel grade, legen Schiefer aufs Dach und schmirgeln Holzbalken. So etwas wäre heute als Kinderarbeit verboten, womit dann auch die für die Karriere von Katalin, die damals 9 Jahre alt war, wichtigen Erfahrungen und Erfolgserlebnisse verloren gegangen wären.
“By the time we finally move into this house, when I am ten , there isn’t an inch of it that I don’t know by heart. “ (13)
"But I, and likely every child I know, couldn’t tell you the exact place where work ends and play begins, where responsibility and pleasure cleave. The boundaries between these things are hazy, indistinct. We toil and we enjoy. We contribute and we receive. And of all my early lessons that prepared me to be a scientist, that one, I think, is the most important of all: that work and play can bleed into each other, become one and the same, until the very idea of their distinction feels meaningless."(14)
Ihr Interesse am Verstehen der Natur, ihre Neugier, ihre Beobachtungsgabe und ihre Entdeckerlust lassen also sehr früh den Wunsch entstehen Naturwissenschaftlerin zu werden. Wieso es ihr zudem recht frühzeitig in ihrer Karriere möglich ist, sich auf ein Forschungsgebiet festzulegen, die Untersuchung von RNA, eine Grundlagenforschung, die die Entwicklung neuartiger Impfstoffe ermöglichen wird, lässt sich vermutlich auf Erfahrungen mit Krankheiten und deren Verhinderung in ihrer Kindheit und Jugend in Ungarn zurückführen. Daraus entstanden die Ziele ihrer Entdeckungspraxis und die Triebkräfte, die die Energie lieferten um dieses Ziel zu erreichen. In ihrer Autobiografie findet sich viel und qualitativ gutes Datenmaterial, um diese Facette von Entdeckerkarrieren, die bei ihr sehr ausgeprägt ist, zu beschreiben:
Um die Überlegenheit des Sozialismus über den Kapitalismus zu beweisen schreibt sie, investiert der Ungarische Staat in den Aufbau eines guten Bildungswesens für die Kinder und in das Gesundheitswesen: “Another way to invest in children is through a robust healthcare system”. (32) Von beidem profitiert sie, sie bekommt eine sehr gute Ausbildung, hat engagierte Lehrer, die sie fördern und sie macht Erfahrungen mit Impfkampagnen gegen Kinderkrankheiten. Sie selbst erhält ihr erstes Vakzin, eine Polioschluckimpfung, früh, eine offenbar sehr eindrückliche Erfahrung: „I was I kindergarten when the teachers lined up our whole class and marched us out of school, through town, to a doctors’s office. There we stood in a long line, girls in dresses and boys in shirtsleeves. One by one, we approached the medical team, who offered us a teaspoonful of liquid: a drop of the Sabin polio vaccine.” (32)
Kindersterblichkeit und schwere Erkrankungen von Kindern waren verbreitet. Sie schildert die Ängste der Eltern vor dem Virus, bevor es Impfungen gab. Aus ihrer Wahrnehmung der Ängste der Eltern um ihre Kinder und aus ihren frühen Erfahrungen mit Impfkampagnen und den damaligen Möglichkeiten der Gesellschaft, die Ausbreitung von Viren zu verhindern, hat sich vermutlich ihr Motiv entwickelt ihre Begeisterung für Wissenschaft zu nutzen, um an der Entwicklung weitere Impfstoffe zu arbeiten, die dieses Leid zu verhindern.
“There seemed to be no logic to this virus. Why did some kids escape unscathed, while other never walked again? Why did some have only mild fever, while other remained paralyzes for the rest of their lives? Parents had never known a world without fear of polio. So when polio vaccine finally became available (…) the Party took an active role in getting it to Hungarian children. Their efforts were, by all measures, extraordinary. By the time I was fourteen, in 1969, the country had already seen its last case of wild polio - fully ten years before the United States, and fifteen years before the UK.” (33)
“My mother also had strong memories of polio from her days working in the pharmacy; she remembered relatives of infected children entering the pharmacy to get medication.” (33)
Es gibt weitere Impfkampagnen, z. B. gegen Tuberkulose.
Als die Maul- und Klauenseuche die Tiere befällt, macht sie Erfahrungen damit, wie die damalige Gesellschaft versucht, die Ausbreitung von Viren auf die Menschen zu verhindern.
“We took this virus as seriously as one that threatened our own health. To keep the virus from spreading, the whole community stayed home for several weeks. Those who cared for cows at the agricultural cooperative near the outskirts of town, slept at work; they were not allowed to leave and see their families, less they carry the virus back into town. For weeks it went on like this. Total lockdown.“ (34)
„In 1968, when I was thirteen, there was a worldwide flu pandemic. This pandemic (…) was’t as bad as the 1918-19 flu pandemic, which was still present in some peoples’s memories. But it wasn’t mild - it would kill somewhere between one million and four million people globally before it was gone. Yet again, we restricted our movement, limiting our contact with others. We scrubbed. We disinfected. I suppose the Party encouraged this, but nobody complained about the government overreach. This was a virus; it had no ideology, no political agenda. If we weren’t careful, it would spread. Then we would all suffer. Those were just the facts. That’s how viruses works.”(35)
Ein weiterer Auslöser für die Entwicklung ihres Motivs ist vermutlich darin zu suchen, dass sie als Kind sehr oft krank und auch insgesamt eher schwächlich war und nahezu traumatisierend wirkende Krankenhausaufenthalte erlebt hat. (36-37)
Mitgefühl mit andren, der aus dieser eigenen Krankheitsgeschichte entstehende Wunsch sich und anderen solche Erfahrungen zu ersparen sowie die sensible Wahrnehmung der Bedrohung des Lebens, die von den Viren ausgeht und die Menschen in Angst versetzt, wie auch die positive Wirkung von Impfkampagnen und Vorsichtsmaßnahmen während einer Epidemie oder Pandemie und der Respekt vor der Macht des Virus, so kann man vielleicht die Keime für die Entscheidung, ihr Leben der Forschung zu widmen, bei Katalin Karikó verstehen.
Frühe Förderer und fördernde Rahmenbedingungen ihrer wissenschaftlichen Karriere und Gefährder
2. Sie zeichnen sich schon in der Schulzeit oder im Studium durch einen großen Arbeitseifer aus, für ihre Umwelt teilweise besorgniserregend ist und bearbeiten ein Pensum, was weit über dem Üblichen liegt. Sie schaffen sich ihr eigenes Curriculum, unabhängig von dem der Schule oder des Studiums, und sie haben große Freude am Lernen.
Darüber hinaus ist bei ihnen ein ausgeprägtes Talent vorhanden, das ihnen die Arbeit leicht macht. Kommen sie aus familiären Verhältnissen, in denen dieses Talent nicht relevant ist oder nicht erkannt wird, braucht es Menschen, die es erkennen und fördern
„Ihr Interesse an Biologie wurde teilweise vom hervorragenden Biologielehrer der Schule, Albert Tóth und teilweise vom Beruf ihres Vaters als Metzger getrieben. Ihre vorzüglichen Schulleistungen und Wettbewerbsergebnisse haben ohne Schwierigkeiten die Türe zur Universität Szeged geöffnet, die über eines der stärksten biologischen Studienprogrammen und über eine Garde von Professoren verfügte, die eine führende Rolle in den modernen Forschungen hatten.“ (Quelle 2)
Der Lehrer erkennt ihr Interesse an Naturwissenschaften und ihr Talent dafür und fördert sie. Er bietet außerhalb der Unterrichtszeiten Biologie- und Chemieclubs an, an denen sie mit Begeisterung teilnimmt und einen hohem Arbeitseifer an den Tag legt.
“In elementary school I got my first official introduction to science. I joined a chemistry club run by our teacher.” (38)
Sie behält ihn - ein Glückfall für sie - als Lehrer für Naturwissenschaften in der Gymnasialzeit.
"We have been discussing, among other things, molecular biology, the way life depends on, and is transmitted by, genetic material. DNA and RNA are the building blocks of life, essential to life, yet they themselves are not alive. They break down into molecules, then into atoms."44
Die Inhalte und seine Art zu lehren und sein Glaube an sie als zukünftige Wissenschaftlerin bezeichnet sie als einen der drei wichtigsten Einflüsse auf sie und ihrer Karriere in der Schulzeit.
"In his eyes, I am more than the child of a butcher, more than Kish Karikó. I am a future scientist. Never mind that I don’t personally know any working scientists, Mr. Tóth believes I’m capable of becoming one. He believes I can think for myself about big ideas and thinking this: Someday I, too, will be a scientist." (45-46)
By seventh grade, I began participating in chemistry, biology, and geography competitions. By eighth grade, I became the best biology student in Kisújszállás…and then, from there, the best in the county. (…) Winning the county competition meant that I was invited to Budapest, to represent the county at the national biology competition. (41)” “In the end, I earned third place, making me officially the third-best biology student in the whole country. (43)”
Sie besucht das Gymnasium und gewinnt den ersten Wettbewerb 1968 mit 13 und den Landeswettbewerb 1969 mit 14 Jahren. Dieses Ergebnis und die Förderung von Kindern aus Arbeiterfamilien ermöglicht ihr die Teilnahme an der Summer School der Universität Szeged, die auf die Zulassung zum Studium vorbereiten. Sie arbeitet hart, vernachlässigt ihre Gesundheit, wie übrigens auch Marie Curie in den Zeiten, wo es um das Bestehen von Prüfungen geht, die die Forscherkarriere ermöglichen oder für immer verhindern würden.
“My schedule during this summer program was grueling: Wake up at 5:00 a.m. Do homework. Attend classes from morning until evening. Do more homework. Sleep, but just a little. Wake up at 5:00 a.m. and start again. I read until the words and formulas blurred. My neck and shoulders hurt from hovering over my books. I ate only what was necessary to keep me going. I rested just enough that I might be able to wake the next day and do it again. I devoured everything the professors taught me, every detail, every scientific term—things that I’ve been told make other people’s eyes glaze over, but not mine. Never mine. I wanted to learn it all, every bit, and the more I learned, the more complex and fascinating our world became. And beneath all this was also some anxiety: Was I ready for university? Could I pass an entrance examination? And once at university, could I possibly succeed?”(56)
“During the summer of 1972, at age seventeen, I studied at the University of Szeged. I couldn’t have been more elated with this honor. It was here, at the university, that Albert Szent-Györgyi discovered vitamin C. It was here, too, that Szent-Györgyi identified key elements of respiration in muscle tissue, revolutionizing our understanding of the cell. Across the Tisza River, which bisects the city, was the new Biological Research Center of the Hungarian Academy of Sciences, which employed Hungary’s most esteemed biologists.” (55-56)
Szent-Györgyi, Medizinier und Biochemiker, gewinnt den Nobelpreis für Physiologie und Medizin 1937 für seine Grundlagenforschung, die zur Identifikation des sogn.Krebs- oder Citratzyklus geführt haben, also um biologische Verbrennungsprozesse. Die gefühlte Nähe zu oder Begegnung mit Nobelpreisträgern spielt auch bei anderen, z.B. Stefan Hell, eine Rolle, dessen Universität oft solche einlädt oder bei Marie Curie, die bei ihnen in Paris Vorlesungen hört.
Im Gymnasium schreibt die Klasse von Katalin einen Brief an "Albert Szent-Györgyi USA", es dauert eine Weile und sie bekommt eine freundliche Antwort von ihm: "To the enthusiastic cultivators of science in Kisújszállás" "By then I had no doubt: This great scientist is talking to me. Cultivator of science. Oh yes, I am."(47) Vielleicht wird er zum Modell für sie, sowohl was die Forschungsgebiete als auch was seine erfolgreiche universitäre Karriere in Europa vor dem Krieg und die Migration von der Universität Szeged 1947 in die USA anbetrifft.
In der Zeit an der Summer School entscheidet sie sich endgültig für Biologie als Studienfach.
Sie erreicht die höchste Punktzahl von allen bei der Zulassungsprüfung zur Universität und bekommt später dreimal statt einmal ein Stipendium vom Staat, was ein Glück ist, denn ihre Eltern können das Studium nicht finanzieren. Neben der Förderung durch den Lehrer gibt es die für Kinder aus Arbeiterfamilien, die die Gleichstellung mit solchen Akademikerfamilien ermöglichen sollten. Was ihr vermutlich fast zum Verhängnis geworden wäre und ihre Karriere hätte beenden können.
Ein ihr gegenüber missgünstig eingestellter Lehrer (der diese Förderung ablehnt und einen Sohn hat, der sie vermutlich nicht bekommen wird) bringt ein Disziplinarverfahren gegen sie in gang, als sie sich ihm aus gutem Grunde widersetzt. Die anderen Lehrer unterbinden dies sofort, es hätte bedeutet, dass sie nicht studieren könnte. Dann droht er ihr seine Kontakte zu nutzen, um ihre Aufnahme an die Universität zu verhindern und versetzt sie in Angst.
”When I received my acceptance, I thought about Mr. Bitter, who — because on a beautiful autumn day I’d sat down after completing my work — tried to block me from getting into university. Looking back, I now see that in attempting to derail me from university, he was attempting to keep me from everything that followed—my whole life. He was trying to rob me of all that I would accomplish later, and everyone who would be affected by my work. And all for the pettiest of reasons. The man had failed. But still, I’d learned something from him, some important things: Not everyone is rooting for me. Not everyone wants good things for me. Not everyone wants my contributions. Some people may even choose to hate me. Okay, then. Noted.” (60-61)
Studium und Promotion in Ungarn
Ein weiterer Glücksfall in ihrer Karriere ist es, dass an der neu gegründeten Naturwissenschaftlichen Fakultät der Universität Szeged, die sie bewusst auswählt, junge, kompetente und an innovativen Forschungsfragen arbeitende Hochschullehrer sowie Forscherinnen des Biologischen Forschungszentrum der Ungarischen Akademie der Wissenschaften unterrichten. Es gibt neun Abteilungen, sie entscheidet sich nach dem Grundlagenstudium für die Biochemie. Das fachliche Niveau ist hoch und das der empirischen Forschung in Natur und Labor auch. Das merkt sie, als sie in die USA auswandert und feststellt, dass es dort zum Thema RNA und mRNA kaum Forschung gibt. (Quelle 3) Erstaunlicherweise ist die Freiheit der Forschung und Lehre in den Naturwissenschaften im kommunistisch regierten Ungarn zu der Zeit ziemlich groß. (Quelle 2)
Dass sie sich ein eigenes Curriculum aufbaut, ist eher unwahrscheinlich. Das Studium ist durchstrukturiert und vermutlich hat sie genügend Möglichkeiten in dieser Pionierphase der Organisation und der des Fachgebiets, sich ihr Thema zu suchen, an der Entdeckung einer funktionierenden mRNA zu arbeiten und von den Hochschullehrern gefördert zu werden. Sie beschäftigt sich schon in der Diplomarbeit (1976-1978) mit der Suche nach Lipiden, die für der Transport von DNA in Säugetierzellen verwendet werden könnten.
Sie will promovieren und braucht dafür ein Labor. 1978 wird sie in die renommierte Forschungsgruppe um Jenö Tomasz am Biologischen Forschungszentrum berufen, die Grundlagenforschung in der Nukleotidchemie zum Thema der Synthetisierung von RNA macht. Sie baut das neue Labor auf, eigentlich keine Aufgabe für eine Promovendin, experimentiert und arbeitet an ihrer Dissertation. Finanziert wird ihre Stelle von einem Pharmaunternehmen, das davon ausgeht, dass aus dieser Grundlagenforschung bald ein Vakzin hervorgeht.
"Science at the cutting edge" (102) "Now imagine if someone could make 2-5A in a lab. Imagine if someone could deliver 2-5A to the cells - with a liposome, say. This could be a powerful antiviral. An RNA that can be used as medicine. This idea was so exiting zu me." (107)
"I never, ever wanted to leave the place."(112)
Sie hat das Ziel ihrer Forschung gefunden, die Entdeckung von Medizin, die auf mRNA aufbaut.
„Katalin Karikó beteiligte sich an der Forschung, die Ende der 1970er Jahre bahnbrechend ihrer Zeit voraus war. In den frühen 1980er Jahren waren ihre Forschungen erfolgreich: Die durch Liposomen eingebrachte DNA bildete mRNA und anschließend Proteine in den Zellen. Schon hier lernte sie, wie wichtig die Verpackung bei dem Transfer von Nukleinsäuren in die Zellen ist.“ (Quelle 2)
1982 schließt sie ihre Promotion in Biochemie an der Universität Szeged zu diesem Thema ab. Es werden 14 Jahre harter Arbeit, bis ihr der Durchbruch gelingt und sie Ende 1996 die Entdeckung macht. Wie alle Entdecker und Entdeckerinnen arbeitet sie mit einer Zähigkeit an ihrem Ziel, die typisch für diese Menschen ist und auch ihr schließlich Achtung und Bewunderung einträgt.
3. Die Entwicklung und praktische Umsetzung der eigenen Idee ist das Karriereziel von Entdeckern und Erfindern. Sie streben keine vorgebende Karriere an und folgen den Karrierepfaden in Institutionen oder Organisationen nicht.
Der erste Satz trifft auf Katalin Karikó zu. Wäre 1985 nicht die Finanzierung ihrer Stelle durch den Drittmittelgeber, das Pharmazeutisches Unternehmen abrupt beendet worden, weil sich keine verwertbaren Resultate einstellten, und hätte sie damit nicht ihre Postdoc-Stelle verloren, hätte sie vermutlich eine klassische Hochschulkarriere in Ungarn machen können, die es ihr ermöglicht hätte, ihr Forschungsziel zu verfolgen. Das Erreichen von Status war nicht ihr Ziel, sondern die Nutzung desselben für die Schaffung von Rahmenbedingungen für ihre Entdeckerpraxis.
Da sie keine Perspektive mehr in Ungarn für ihre Forschung sieht, entscheidet sie sich die Hochschule und Ungarn zu verlassen, bewirbt sich an mehreren Universitäten in Europa, wo Wissenschaftler an der mRNA forschen, bekommt aber keine Stelle, weil sie kein Stipendium oder eine andere Finanzierung ihrer Stelle mitbringen kann, so etwas ist in Ungarn zu der Zeit nicht möglich. Sie nimmt eine Stelle in den USA an der Temple University in Pennsylvania an, die ihr ein Gehalt und eine Aufenthaltserlaubnis, eine Greencard, für die USA bietet. Eine radikale Entscheidung für die Fortsetzung ihrer Entdeckertätigkeit, die allerdings nicht die erhofften Rahmenbedingungen dafür bringen wird und zusätzlich noch einen Bruch in ihrer Karriere an Hochschulen bedeutet.
Familie und Karriere?
4.Sie nehmen kaum Rücksicht auf ihre Familie, Freunde und sich selbst, all dies muss hinter das Entdecken zurücktreten. Die Vereinbarkeit von Privatleben und Entdecken gelingt, wenn das private Umfeld die fundamentale Bedeutung des Entdeckens für den Entdecker versteht, akzeptiert und ihn unterstützt.
Sie hat eine Familie: 1977 lernt sie ihren Mann Béla Francia kennen, 1982, dem Jahr in dem sie ihre Promotion abschließt, wird ihre Tochter Zsusanna geboren. Sie äußert sich in einem Interview zur Vereinbarkeit von Privat- und Entdeckerleben:
„«Frauen sollten eine Karriere und eine glückliche Familie haben.» Sie habe in Ungarn und in den USA das Glück gehabt, auf eine professionelle Kinderbetreuung für ihre Tochter zurückgreifen zu können, sagte sie der NZZ. «Ich habe den Satz ‹Ich opfere mein Leben für meine Kinder› unzählige Male von Frauen gehört.» Aber das sei der falsche Ansatz. Man solle nicht seine Kinder benutzen, um seine Karriere zu beenden. «Sie sind genauso die Verantwortung des Ehemanns.» Ihr Tipp für Frauen sei es, sich einen Mann zu suchen, der dies anerkenne.“ (Quelle 3)
Diese Auffassung teilt sie mit Marie Curie! Die Vereinbarkeit gelingt offensichtlich, ihr Mann unterstützt sie in der Betreuung ihrer 1982 geborenen Tochter und selbst bei der radikalen Entscheidung, ihr Land zu verlassen - und das noch unter unglaublich erschwerten Bedingungen - und auszuwandern. Die Basis dafür: Sie sind schon drei Jahre zusammen und sie überlegt, die Beziehung zu beenden, weil sie sie von der Arbeit abhält. Er macht ihr einen Heiratsantrag und sie macht zur Bedingung, dass sie weiter arbeiten wird: "I'd told him many times that I would never stop working. Not to accomodate his schedule or anyone else's. Work would be my priority. And always, he said the same thing: I understand.(...) Your work comes first.It's okay"(...) Well I finally said.(...) In this case, we can get married." 117)
Er steht zeitlebens hinter ihr zurück und gibt ihr seine volle Unterstützung, ein Glücksfall für sie! Wie auch die Tochter, die ein unproblematisches und zufriedenes Kind ist und sich auch in dem neuen Land bestens zurechtfindet. Wie auch Marie Curies Töchter ist sie äußerst erfolgreich, sie wird zweimal Olympiasiegerin und fünffache Weltmeisterin im Rudern.
Ihre Karriere an den amerikanischen Hochschulen
9.Bestehende Institutionen und Organisationen, die auf Bewahren setzen und sich Entdeckungen und Innovationen gegenüber ablehnend verhalten, fördern diese Menschen nicht. Sie unterstützten eher mittelmäßige und an Karriere in diesen Institutionen orientierte Menschen. Sie grenzen Entdecker aus, weil sie ihre Regeln nicht achten, nicht befolgen können und wollen und weil sie radikale Innovationen anstreben, die die bestehenden Grundannahmen und Axiome infrage stellen
10.Umgekehrt lehnen die Entdecker diese auf Bewahrung ausgerichteten Institutionen und Organisationen ab, weil sie sie an der Erreichung ihres Karriereziels hindern (3., 6., 7.). Organisationale Strukturen und Prozesse zu bedienen oder sich führen zu lassen, hält sie von der Arbeit an ihrer Entdeckung ab. Die Schaffung von Rahmenbedingungen für die Arbeit an der Entdeckung ist wichtiger, als klassischen Karrierepfaden zu folgen und die damit verbundenen Belohnungen wie Status, Geld, Macht und Zugehörigkeit zu Organisationen zu bekommen.
Entdecker suchen oft lange und immer wieder nach einer geeigneten Funktion/Position in oder am Rande von Organisationen.
Wenn sie Glück haben, finden sie solche, die ihnen eine Arbeitsaufgabe geben, die nah an ihrer Entdeckung liegt, oder solche, die ihnen Zeiten, Räume und Ressourcen dafür bereitstellt und sie in Ruhe arbeiten lassen. Oder sie finden Menschen in etablierten Organisationen, die das Talent und die Bedeutung der Idee erkennen und den Mut haben das Risiko einzugehen, solchen Orchideen eine Chance zu geben und das offensiv zu vertreten.
Die folgenden Zitate aus Ihrer Autobiographie handeln beide Seiten dieser Beziehung ab, die der Entdeckerin zur Organisation und die der Organisation zur Entdeckerin. Sie findet immer wieder Menschen, die sie unterstützen, ihr Jobs geben und einen geschützten Raum für ihre Forschungsarbeit. Allerdings ist ihr eine Hochschulkarriere versperrt, sie kommt nicht in den sogn. Tenure Track, die Laufbahn zur Professur. Sie ist wie sie sagt ‚stubborn‘, sie stellt ihre Forschung an die erste Stelle, sie kann und will sich nicht an die Werte und Gepflogenheiten der amerikanischen Universitäten anpassen. Sie kann die ökonomischen Prinzipien, nach denen Hochschule im kapitalistischen Amerika funktionieren, nicht akzeptieren und auch nicht bedienen, so scheitert sie bei der Beschaffung von Drittmitteln und dem Verkauf von Produkten der Forschung mit ihrer Firma. Sie scheitert zweitens nicht in erster Linie daran, dass diese Hochschule auf Bewahren setzt, sondern daran, dass sie auf ihrem Forschungsgebiet, das in den USA im Gegensatz zu Ungarn nicht im Mainstream der Forschung liegt, beharrt und die auf dem Mainstream basierenden Machtverhältnisse an der Hochschule und im Veröffentlichungsmarkt ignoriert.
Die erste Station: Temple University in Pennsylvania.
Das Labor des Departments for Biochemistry ist eine Enttäuschung, schlecht ausgestattet, wenig gepflegt und von einem nahezu cholerischen Chef, Dr. Suhadolnik geleitet. Sie hält durch, lehnt sich nicht auf, auch als er ihr verbietet, in der Arbeitszeit Fachliteratur zu lesen, aber er lernt ihre Arbeit zu schätzen.
Nach drei Jahren dort erhält sie 1988 ein attraktives Stellenangebot an die John Hopkins University in Baltimore und fährt in die Ferien nach Ungarn, ohne zuvor ihren jetzigen Chef darüber zu informieren, der das aber irgendwoher erfährt.
“Maybe I should have asked Suhadolnik before my trip for permission to transfer labs. But would that have changed anything? I’m not so sure. (…) He presented me a choice: I could stay in his lab and keep working or I could go home to Hungary.” (155)
“All this time Suhadolnik believed I was working for him. But I was’nt. I was working to solve scientific problems. My North Star was the science itself.”(157)
Die zweite Station: Uniformed Service University of Health Science
Sie bekommt einen Job, der ihr eine Greencard und Verdienst ermöglicht und pendelt von Philadelphia nach Bethesda in der Nähe von Washington. „The Position was a post-doctoral fellowship, in the pathology department of the Uniformed Service University of Health Science, a military medical school.“ (158) Ihr Chef forscht an Interferonen zur Krebsbekämpfung. Sie arbeitet Tag und Nacht an Experimenten, liest alle wissenschaftlichen Zeitschriften, die sie bekommen kann und bewirbt sich weiter.
Die dritte Station: Medical School at the University of Pennsylvania Die erste Phase: Die Arbeit mit Elliot Barnathan im Kardiologischen Laboratorium
“I kept applying for jobs, introducing myself to potential employers with handwritten letters. One of the jobs I’d applied for was at the medical school at the University of Pennsylvania (Penn). A new cardiology lab. This was a research assistant professor position —not especially glamorous, but it was right in the heart of Philadelphia, and the lab was specifically looking for a molecular biologist.”(161)
“Years later, after the world had turned upside down and strangers suddenly knew my name, a young doctor with whom I’d worked in the third of these episodes (the Weissman years) would write an essay about me. He’d describe me—neither inaccurately nor unkindly—as someone whose career was discussed 'only in hushed tones as a cautionary tale for young scientists'.”
(163)
“Because I’d be a molecular biologist in a clinical department of the medical school - a PhD in a sea of MDs - I might be a bit of a fish out of water. But that was fine with me; I had research skills that a clinician couldn’t have. Also, working among MDs would almost certainly give me the same benefits that working among biochemists had offered. It was the thing I valued most: a chance to learn. Besides, let’s face it: When hadn’t I been a fish out of water?
The position didn’t pay much, and it wasn’t tenure-track, which meant I’d never have complete job security. But it had other advantages: I’d be able to live full-time with my family again. I also hoped that Penn would help me get my green card. My position as research assistant professor would last five years; at that point, the university would decide whether to promote me to research associate professor. While this promotion still wouldn’t put me on the tenure track, at least it would give me an opportunity to establish my own lab and work with students.” (165-166).
Plenty of students at Penn did roll their eyes about me—about the articles I waved around that didn’t seem directly relevant to their career aspirations or about my demands for precision in the lab or about the fact that I was a non-tenure-track faculty member who did her own experiments because she didn’t even have any postdocs working with her. (176). I was basically a nobody at Penn—a nobody who could at times be sharp with people. (177)
Sie beginnt 1989 im Labor der kardiologischen Fakultät unter der Leitung von Elliot Barnathan, einem Mediziner, der sehr an Grundlagenforschung interessiert ist, zu arbeiten.
Er glaubt an ihre Arbeit glaubt, hat sie eingestellt und gibt ihr den Freiraum, im Labor mRNA herzustellen, was bisher noch niemandem gelungen ist. Als die Universität eine neue Leitung bekommt, Bill Kelley „an evangelist for gene therapy“, wird CEO (181), ändert sich ihre Lage. Er ersetzt zwei Führungsebenen durch seine Leute, Ed Holmes wird Elliots Vorgesetzter und seine Frau Judy Holmes ihre und Gentherapie wird der neue Forschungsschwerpunkt der Universität, ausgestattet mit einem hervorragenden Labor. Ihre Vorgesetzte scheint eine begabte Wissenschaftsmanagerin zu sein, die in der Lage ist sich erfolgreich in Organisationen zu bewegen.
“I won’t say that Judy and I were completely different. In fact, she seemed as headstrong and ambitious as I was. My ambition, as I’ve said, was one of curiosity. I was a scientist through and through; I wanted more than anything else to understand how the world works. In my quest for knowledge, I’d set exacting standards for myself and for my study design. By living up to these standards’ day after day, I’d become a very good scientist. But I was learning that succeeding at a research institution like Penn required skills that had little to do with science. You needed the ability to sell yourself and your work. You needed to attract funding. You needed the kind of interpersonal savvy that got you invited to speak at conferences or made people eager to mentor and support you. You needed to know how to do things in which I have never had any interest (flattering people, schmoozing, being agreeable when you disagree, even when you are 100 percent certain that you are correct). You needed to know how to climb a political ladder, to value a hierarchy that had always seemed, at best, wholly uninteresting (and, at worst, antithetical to good science). I wasn’t interested in those skills.I didn’t want to play political games. Nor did I think I should have to. Nobody had ever taught me those skills, and frankly I wasn’t interested in them anyway.” (183)
Bei Vorträgen von eingeladenen Wissenschaftlern hält sie sich nicht an die ungeschriebenen Regeln.
“Sometimes I asked questions of the speaker, which I noticed caused my fellow audience members to shift uncomfortably in their seats. I sensed I was violating some kind of politesse, but I didn’t care. Were we building socialites or scientists here?”(191)
“At Penn, nobody can work more than five years as research assistant professor. It would be promoting or nothing, up or out. And the authority for this promotion-or-out-decision? It belonged not to my immediate boss Elliot, but rather to the chief. It belonged to Judy(..) My fate was I Judy’s hands.” (187)
“When I was first hired, Elliot assured me we’d pursue grants for my work. He was good at writing grants; he’d gotten great funding for his lab, including from the American Heart Association, from the National Institutes of Health, and from private investors. He was optimistic that my mRNA research would attract funders, and so was I. (194) Anyway, I never got a dime for my mRNA projects. As you might imagine, this didn’t go over so well at Penn.” (196)
“Fortunately, Elliot was one of the few who had stuck around. In his lab, I was learning every day. I was contributing to a body of knowledge. I was pursuing something that I was certain would be useful … someday, to someone, even if it was only in a small way, even if it didn’t happen in my lifetime. I was content to stay here for as long as I could.” (197)
Noch ein Karriereknick
“My time was up. Five years had passed since I’d been hired. My up - or - out moment had arrived. And apparently, the calculation was simple: I hadn’t brought in money. No grants, no private funding. This was apparently what anyone needed to assess my value to the institution: I had none. The message from Judy, the chair, was this: I would not be promoted to research associate professor.
“I’m sorry,” Elliot said. I could tell this was true. He was sorry. But an Ivy League research institution is so much bigger than any one clinical researcher. There simply wasn’t a path for someone like me.I wasn’t moving up, so it was time for me to move out.
But … what if I didn’t? What if I just … stayed on? That’s what I asked Elliot next. Did I have to leave?
As I said, no one had ever stayed past this moment without getting a promotion. There wasn’t even a title for a former research assistant professor who had been denied promotion but stayed on anyway. There had never been a need for one. We were in uncharted territory here. It would be a demotion, that’s for sure. But still: What if I stayed?”
By February, I had a new title, senior research investigator. Béla was still in Hungary, still sorting out his visa. We talked on the phone sometimes, and when I told him my new title, he thought for a moment. “You’re saying no one at Penn has ever had this title?” “I don’t think so, no.” Béla chuckled then, in that way that always made me feel like all was still okay with the world. “Then you’ve made history! Congratulations!” (198-199)
Ohne die bedingungslose Unterstützung durch ihren Mann hätte sie diese Folgen ihre Entscheidung für das Entdecken vermutlich nicht verkraftet.
Der Moment der ersten Entdeckung - Breaking Through
“By this point in my career, I’d been working with lots of RNAs, but I hadn’t yet synthesized mRNA. I’d been fascinated by mRNA—the messenger that instructs our cells to make specific proteins—ever since I learned about the molecule as an undergraduate. I’d been struck then by the idea that we might someday use mRNA to coax our cells into making the specific proteins our bodies need to fight disease. The more I learned, the more convinced I was that mRNA held great therapeutic potential. And by the time I got to Penn, the science of mRNA was advancing fast.”(167-168)
Ende 1996, sie ist sieben Jahre dort und seit zwei Jahren runtergestuft auf die Position eines „Senior Research Investigators", ist sie mit ihm und einer Assistentin im Labor und betrachtet die Ergebnisse eines weiteren Versuchs mRNA in Zellen zu schleusen.
“Some moments in the lab you don’t ever forget. These are the occasions when you walk right up to the outer edge of human understanding. Then you take another step, crossing the threshold — breaking through — into new discovery.
In December 1996, Elliot, I, and Alice, the lab technician, were standing around a dot - matrix printer.” (203)
“In front of me, the printer had come alive, laying down its lines of dots. Again, and again, we listened to the printer’s insectlike zzzzzzzck, three seconds at a time, followed by the cla - clunk of the printer returning to the start of the next line.We had done an important experiment, the culmination of years of work. This experiment was the thing toward which we’d been working since I first joined Elliot’s lab seven years prior. We were testing whether we could coax cells to make the urokinase receptor by delivering the encoding mRNA.” (204)
"We’d begun with a group of cells that did not, on their own, make the urokinase receptor protein. We divided these cells into two groups: our experimental group and our control group. To the experimental group, we delivered lipid - packaged mRNA that coded for the urokinase receptor protein. To the control group, we delivered a different kind of lipid - coated mRNA, which did not code for the urokinase receptor.
We’d been fastidious, just as we had been with all the research that led to this moment. We gave the cells time to begin translation the mRNA. The, because urokinase receptors cannot be seen with a microscope, we added both groups of cells trace amounts of radioactive molecules known to bind specifically to urokinase receptors.)
The Alice began to ‘wash’ cells – rinsing away any of the radioactive molecules that had’nt bound to any potential urokinase receptors. If any radioactive molecules remained, it could be for one reason only: They had bound to urokinase receptors. And if urokinase receptors were present? Well, that meant the mRNA had worked."(204-205)
"Oh my god (we said so many time Oh my god, oh my God, oh my god): The results were beyond doubt. Our experimental cells were actually making urokinase receptors on their surfaces. We had successfully used mRNA to make a specific protein inside a cell. And we’d done it using technologies that were simple and inexpensive. There was tremendous clinical potential here. (…) By any measure, this was a breakthrough. A major one." (205-206)
“Already, I wanted to try this same experiment with different cell lines, using different quantities of mRNA. My mind was racing with a million ways to tweak this experiment, to retest, to reproduce the results again and again. As always, I wanted to make sure that this result was beyond doubt, that anyone else, taking the same steps, would be able to reproduce our results. I also wanted to see if we could get a better result, even more proteins. But still, there is nothing like being the first to know something that no one else has ever understood (Here is how to make a urokinase receptor from mRNA you made in a lab, look what you can make cells do!). In that moment, as an unseasonal warm front passed through the City of Brotherly Love, creating a surreally balmy winter holiday, I felt powerful, wholly triumphant.” (206-207)
Sie muss sich gefühlt haben wie der Mensch auf dem Bild von Flammarion, der die Grenze der bekannten Welt -des Kosmos- durchbricht und in die unbekanntes Sphäre des Universums blickt.
Wanderer zwischen den Welten oder Wanderer am Weltenrand - Holzschnitt eines unbekannten Künstlers in Camille Flammarions Buch "L’atmosphère. Météorologie populaire" 1888 erstmals abgedruckt.
Mehr zum "Reiz der Terra Incognita": Grundannahmen über Entdecker und Entdecken
Ihre Karriere an den Amerikanischen Hochschulen Teil 2
Die zweite Phase an University of Pennsylvania: Neurosurgery Department
Elliot, ihr Chef verlässt die Universität kurz nachdem der Durchbruch zur Produktion von mRNA gelungen ist, und wird Vorstand eines Unternehmens, wo zu seinen Themen geforscht wird.(207)
“Elliot’s lab had been a bit like a protective force field — a lipid envelope, really, protecting me from forces that surely would have otherwise degraded me by now. Without Elliot, my days at Penn were numbered.” (213)
David Langer, ein Mediziner und ihr ehemaliger Student, ist von ihrer Forschung begeistert. Nach seiner Promotion bekommt er eine Position im Neurosurgery Department. Er hat seinen Vater, einen einflussreichen Professor für Neurophysiologie am Penn durch einen Schlaganfall verloren und widmet seine Forschung der Rettung der Menschen vor den Folgen des Schlaganfalls. Sie hat in ihm eine angesehenen und erfolgreichen Kooperationspartner. Sie forschen an der Verhinderung des Verklumpens von Blutkörperchen im Gehirn, z.B. nach einem Schlaganfall mithilfe von Zellen, die Stickmonooxid abgeben. David glaubt an die mRNA Therapie, nicht an die an der Universität vorherrschende "Human Gene Therapy".
“David approached the chair of the neurosurgery department, Eugene Flamm. He insisted that their department really, really needed a molecular biologist.” (214)
“Before long, I became a full - time member of the neurosurgery department.” (215)
Sie sind erfolgreich bei der Produktion der mRNA, publizieren, experimentiere in vitro, brauchen aber mehr reproduzierbare Resultate (219). Die Kooperation endet nach zwei Jahren, denn David geht mit dem Chef der Abteilung Eugene Flamm nach New York und sie verliert ihren besten Schüler und Kollegen im Labor.
Die dritte Phase an der University auf Pennsylvania: Die Kooperation mit einem Immunologen
Sie kommt eher zufällig mit Drew Weissman, einem Immunologen und Mikrobiologen, der an Impfstoffen gegen Infektionskrankheiten wie HIV, Malaria, Herpes etc. arbeitet, zu einem anderen Department gehört und ein eigenes Labor hat, ins Gespräch.
“Until this moment, my mind had been so occupied by the therapeutic potential of mRNA, I hadn’t been interested in vaccines. Now, standing by the photocopier that I resented having to share, I began to see a whole new prospect for mRNA. You need mRNA for a vaccine? Sure, I can do that, too!” (226)
Es ist ein Glücksfall für ihre weitere Arbeit an der Entdeckung, beide ergänzen sich in ihrem Wissen und entwickeln eine Kooperationsbeziehung über Abteilungsgrenzen hinweg, die viele Jahre trägt, bis sie schließlich gemeinsam die Entdeckung von Vakzinen auf mRNA Basis machen, die funktionieren.
Es gelingt ihnen ziemlich rasch einen mRNA Impfstoff zu entwickeln, der allerdings eine Immunantwort in Form von Entzündungen produziert. In diese Zeit - das Jahr 1999 - fällt das Ende der von der Universitätsleitung favorisierten Gentechnologie für die Behandlung von Menschen, u.a. auch der Entwicklung von Impfstoffen, das mit viel Geld aufgebaute Institut wird geschlossen. Ein Junge, der an einer Studie von Penn’s Institute for Human Gene Therapy teilnimmt und eine Behandlung dort bekommt, stirbt an den Entzündungen, die sie auslöst.
Für die beiden Forscher stellt sich nun natürlich die Frage, was diese Entzündungen auslöst, daran arbeiten sie die nächsten Jahre mit einer für Entdecker typischen Zähigkeit weiter. Sie machen hunderte von Experimenten, überprüfen immer wieder neue Hypothesen, arbeiten präzise und systematisch mit Variablen, Ausschlussverfahren und Simultanstudien.
Katalin Karikò sagt über sich, was ihr geholfen hat, diese lange Phase der ausbleibenden Erfolge durchzuhalten:"My whole life I'd been so driven - compulsively, obsessively. I didn't know anything but driven." (246) Triebkräfte, die energetische Dimension der Persönlichkeit, bringen eben nicht nur Energie für die Entdeckung, sondern treiben die Entdecker auch gnadenlos an. Außerdem hat sie früh gelernt, dass sie hart arbeiten kann und muss und auch nicht aufgibt.
Der Moment der zweiten Entdeckung - Breaking Through Two
Eines Tages ist auch diese Frage beantwortet, was in den mRNA Vakzinen Entzündungen auslöst, im Labor ist ihnen die Produktion eines Impfstoffs mit synthetischer mRNA gelungen.
“So Drew and I had made a big discovery”
Es ist Katalin Karikós zweite Entdeckung, die auf der ersten aufbaut. Die beiden Forscher schaffen nicht nur neues Grundlagenwissen über mRNA, sie erfinden auch die Verfahren zur Herstellung von modizifierter mRNA, hier fallen Entdeckung und Erfindung zusammen.
„When we ran our experiments comparing modified and unmodified mRNAs, we zeroed in on these TLRs.”260 (toll-like receptors)
“This meant that by modifying uridine, we could avoid the inflammation that until now had been associated with synthetic mRNA. This was, at long last, the information we needed—that the whole world needed! - to begin developing safe mRNA therapeutics. Eureka! (…)
I remember that I murmured, “It’s not immunogenic.” (Immunogenic is a biologist’s word for “induces immune reaction.”) I said it several times, as if repeating it were necessary to make it true: “It’s not immunogenic, it’s really not immunogenic.” This was amazing news, but we would soon learn that our discovery went further than that.” (261)
“So Drew and I had made a big discovery: By replacing the uridine with a modified version of that nucleoside, we could get our mRNA to evade detection by the immune system. But how effectively would this modified mRNA be translated into proteins? This question prompted a whole new series of experiments. (…) Swapping uridine with pseudouridine made our modified mRNA doubly beneficial. Not only did it keep our mRNA from causing a dangerous immune response, it also translated into much more protein!” (262)
“Thirty years I’d been doing this work. A day at a time, an experiment at a time, a lab at a time. And finally, finally, it was all here: We had a way to make mRNA in the lab. We could deliver that mRNA into cells. We could protect our mRNA from degradation. By incorporating pseudouridine into the mRNA, we could keep it from causing an inflammatory reaction. It also translated into a great deal of proteins. I was absolutely elated. This was a paradigm- shifting discovery, one that could usher in a new era of medicines and vaccines. The whole world would be interested in this. Every journal. Every biotech. Every research institution. We were just sure of it.” (262-263)
Die Zeit nach der Entdeckung
14. Entdecker sind, gemessen an ihren eigenen Maßstäben erfolgreich, wenn sie das entdecken, was sie entdecken wollten, wenn sie ihr selbst gesetztes Ziel erreicht haben.
Gemessen an ihren eigenen Maßstäben hat sie Erfolg, sie hat das Ziel ihrer Entdeckungspraxis erreicht, die Entdeckung gemacht, zusammen mit Drew Weissmann. Beide sind der Auffassung, dass sich ihre Entdeckung in der Professional Community verbreiten und Anerkennung finden wird und sie sie verkaufen und ein noch besser ausgestattetes Labor mit Eigenmitteln finanzieren können. Doch nichts von dem passiert.
16. Ist die Entdeckung in der Welt, so entfaltet sie unabhängig von den Intentionen des Entdeckers und seinem Wollen Wirkungen auf die Menschen und die Natur, es gibt mehrere Möglichkeiten. Es ist möglich, dass die Entdeckung als sinn- und nutzlos bewertet wird. Möglicherweise kommt sie zu früh, stößt auf Widerstand und wird viele Jahre später erst akzeptiert und eingeführt.
Das ist der Fall, was die Aufnahme in der Professional Community anbetrifft. Sie schicken ihren Artikel über ihre Entdeckung und Erfindung an die Zeitschrift Nature und bekommen innerhalb von 24 Stunden eine Reaktion der Herausgeber.
“Their editors rejected our paper outright as merely an “incremental contribution.” That was the first time I’d heard that word— incremental. But when I looked it up, I was stunned. They considered this a “small” contribution, rather than anything of importance? Didn’t the editors at Nature understand the implications here?“ (263)
Die zweite Wahl, die Zeitschrift „Immunity“ lässt sie immerhin durch das Peer Review Verfahren laufen, es werden Veränderungen vorgeschlagen und der Artikel letztlich doch nach einigem Hin und Her veröffentlicht. Es erfolgen keinerlei Reaktionen auf den Artikel.
“In the place where we’d expected attention, acclaim, there was only silence. This groundbreaking discovery had been met by a collective shrug. Our breakthrough had apparently failed to break through to, well, anyone.” (265)
Schaut man mit dem Wissen von heute auf diese Reaktion, so ist sie unverständlich und ein Schlag für die beiden Entdecker. Das oben zitierte Merkmal von Entdeckerkarrieren aber zeigt, dass diese Reaktion der Professional Community eine für Entdecker erwartbare ist. Die abservierten Genetiker werden sie nicht zur Kenntnis nehmen wollen, andere werden sie als irrelevant oder falsch bewerten und weitere vielleicht Sorge haben, dass ihre eigenen Grundannahmen dadurch infrage gestellt werden könnten.
Ihre Karriere an den Amerikanischen Hochschulen Teil 3
Wie reagiert die Hochschule, die immerhin das Patent, das die beiden erlangt haben, zugesprochen bekommen hat und die nun Lizenzen an Pharmaunternehmen verkaufen kann, die Impfstoffe nach diesem Verfahren herstellen können. Es ist üblich aber auch Gegenstand von juristischen Auseinandersetzungen, dass das geistige Eigentum von Wissenschaftlern, die während der Zeit der Arbeit an der Entdeckung angestellt und bezahlt wurden, üblicherweise der Hochschule gehört. Drew und sie gründen 2006 die Firma RNARx, die das Patent aber nicht nutzen darf. Sie bekommen einen Gründungszuschuss aus Drittmitteln, finden aber keine Investoren für die weitere Arbeit. ModeRNA, ein Startup von Forschern aus Harvard und dem MIT wollen ihr Patent kaufen, sie bekommen die Lizenz später von der Universität, die zuvor die erste Lizenz an die Firma Epicentre für 300.000$ verkauft hat.(274)
Während all dieser Jahre der Arbeit an der Entdeckung wird Katalin Karikó immer wieder von der Department-Leitung aufgefordert Drittmittel einzuwerben, um ihre Stelle zu finanzieren und in „Nature“ und anderen bekannten Zeitschriften zu publizieren. Man droht ihr, dass es Folgen für sie haben wird, wenn sie die pro Quadratmeter Laborfläche geforderten Eigenmittel nicht beschaffen kann. Obwohl sie ein recht geringes Gehalt bekommt, keine Mitarbeiter hat, und auch keine aufwändige Ausstattung ihres Labors, übt man auch nach der Entdeckung Druck auf sie aus, auch noch nach dem Verkauf der Lizenzen.
Ihr Vertrag muss verlängert werden, ihr Antrag wird abgelehnt:
“I personally went to the faculty affairs office to appeal. There an administrator told me thatif someone has been demoted from the faculty track at Penn, the university won’t promote her again. When I persisted in asking why, I was told that I was “not of faculty quality.” (275)
Im Mai 2013 wird ihr Labor ausgeräumt und sie findet ihre persönlichen Dinge in einem Karton im Flur. Der Leiter des Department erinnert sie daran, dass er sie 17 Jahre gewarnt habe, sie müsse Geld einbringen und bietet ihr einen sehr kleinen Raum an.
„That lab is going to be a museum one day” sagt sie, er müsse sich and Richtlinien halten erwidert er. “Standing there, I thought, I cannot do this anymore. I just cannot be here any longer.” (278)
Sie verläßt Penn.
“In 2013, I retired from Penn, retaining an adjunct title and access to the library. I was ready for something different, and I began to look at the biotech industry.”(282)
Ihr Resümee über die Zeit an der University of Pennsylvania:
„That’s because my three Penn episodes, for all their differences, followed a similar pattern: a series of setbacks punctuated by moments of extraordinary breakthrough. The breakthroughs, for the most part, remained almost entirely invisible. The setbacks, though? Those were full on display.” (163
A Changed World - Zurück nach Europa
Sie sucht nach Jobs in Firmen, die ihre Entdeckung anwenden wollen, also mRNA basierte Medizinprodukte entwickeln und vermarkten wollen. Die Zeiten haben sich geändert. ModeRNA hat so viel Fördermittel, dass sie mit der Entwicklung von Vakzinen anfangen können. Andere Firmen kennen sie und ihre Arbeit und wollen mit ihr sprechen. Sie hat durch die Entdeckung, die in diesen Kreisen bekannt geworden ist, eine andere Ausgangsposition und ein anderes Standing.
Zum individuellen Sinn, den sie mit ihrer Entdeckungspraxis verfolgt hat, gesellt sich der soziale Sinn, das meint, andere sehen ihre Entdeckung als sinnvoll an, zunächst sind es Menschen, die Unternehmen führen, ihre Professional Community tut dies erst, nachdem die Covid-Impfstoffe millionenfach produziert und verimpft sind.
Der kulturelle Sinn, die Bedeutung der Entdeckung für die Menschheit, wird sich noch herausstellen müssen. Es gibt immer noch Zweifel über die Ungefährlichkeit des Impfstoffes und es wird noch ein paar Jahre dauern, bis man Langzeitstudien über die Wirkung, die Nebenwirkung und Wirksamkeit der Impfstoffe hat und auch andere mRNA Medikamente entwickelt worden sind, die die Idee und das Verfahren der Produktion übernommen haben.
Am interessantesten findet sie eine deutsche Firma mit Namen BioNTech.
Sie hält im Juli 2013 in der Firma einen Vortrag und Uğur Şahin, einer der beiden Gründer und Eigentümer, erläutert deren Grundnahmen über die Behandlung von Krebs, die sie überzeugen, ebenso wie sein fachliches Wissen über mRNA, auf deren Basis die Firma Medikamente produzieren will und sein offenbar vorhandenes unternehmerisches Talent.
“BioNTech’s cofounders were physician scientists, a married couple, Uğur Şahin and Özlem Türeci.”
Beider Eltern kamen als Gastarbeiter aus der Türkei nach Deutschland.
„Uğur and Özlem became doctors, and they met while working on a German cancer ward (Krebsstation). Both had been disappointed by the lack of good treatments for cancer patients. The available therapy weren’t precise enough, the weren’t fast enough.
Both believed there was great promise in immunotherapy— a treatment that enlists the body’s own immune system in fighting cancer. They’d founded BioNTech as a way to bring these medicines to bedsides quickly. The platform that they intended to use for their immunotherapy was mRNA.” (283)
“Two individuals can have the same kind of cancer, but their tumors might be only 3 percent similar. Until recently, the available cancer therapies treated highly individual tumors with one-type-fits-all options: radiation, surgery, and chemotherapy. Not only was this approach less effective than patients often needed but it also knocked out healthy cells. Immunotherapy based on mRNA, by contrast, had the potential to deliver the precise proteins a patient needed to fight their individual tumors.” (284)
Beide haben ähnliche Motive für ihre Arbeit, eine Mission, arbeiten hart, sie verstehen sich und respektieren sich, sie findet sein fachliches Wissen zu mRNA hervorragend. Sie kann nicht unter einem Chef arbeiten, der von ihrer Forschung nichts versteht.
Durch die Entdeckung hat sie eine sehr viel bessere Ausgangsposition als zuvor und stellt eine entdeckertypische Bedingung:
“Uğur offered me a job — a good one: vice president. I told him that I would consider the offer only if I could continue to work on nucleoside- modified mRNA. He agreed.“ (285)
Sie will also keine reine Management- und Führungsfunktion, sondern auch selbst im Labor arbeiten und weiter forschen. Dieses Angebot anzunehmen würde bedeuten nach Deutschland zu gehen. Bela, ihr Mann, bestärkt sie wie immer darin diese Chance zu ergreifen, besteht aber darauf "ihr Leben nicht völlig umzukrempeln". Er bleibt in Amerika und sie geht davon aus, dass sie ein zwei Jahre dort arbeiten wird.
Sie geht nach Mainz, zurück nach Europa und nicht in eine Hochschule, sondern in ein Unternehmen.
Ihr Privatleben: Sie fliegt alle paar Monate nach Hause, arbeitet dort remote. Telefoniert abends in Mainz mit ihrer Mutter in Ungarn und bekommt eines Tages überraschend Besuch von ihrer Tochter und einem jungen Mann. Susan hat nach zwei Olympiasiegen und dem Gewinn von weiteren Wettbewerben ihre Sportkarriere beendet und aufgehört zu rudern, sie studiert und macht ihren MBA in Management. Sie hat Ryan, einen Projektmanager, kennengelernt, die Mutter ist überzeugt, dass sie zusammenbleiben werden.
Sie selbst lebt in einem kleinen Apartment, wie früher bescheiden und bedürfnislos, und arbeitet Tag und Nacht. Anfangs ist sie offenbar recht unglücklich.
Ihre Arbeit bei BioNTech
BioNTech ist nicht mit der Entwicklung von Vakzinen gegen das Coronavirus gestartet, sondern arbeitete zunächst an Therapien gegen den gegen Krebs. Wir sind noch gut sechs Jahre vor der Covid Pandemie.
Sie bekommt eine Position mit für sie idealen Rahmenbedingen und auch die Kultur ist eine andere als an den Hochschulen, in denen sie gearbeitet hat.: Senior Vice President für RNA-Protein-Ersatztherapien. Sie wird respektiert und geschätzt als Wissenschaftlerin und Entdeckerin, ihre Fachlichkeit ist unumstritten, nicht nur bei den Mitarbeitern, sondern auch bei denen, die die Macht in der Organisation haben. All das ist in diesem Biotechnologie-Unternehmen anders als an den amerikanischen Hochschulen. Und sie darf weiter forschen und an Entdeckungen und Erfindungen arbeiten.
“I liked working at BioNTech. I liked it a lot!” Sie beschreibt das Selbstverständnis, die Kultur und den Umgang miteinander so:
„I liked working in the biotech industry. There was something so refreshing, so honest, about what we were doing and how we talked about it. We were a business. We were there to create products based on good science. We needed investor money to do our research, and we hoped to make even more money by selling the products that resulted from our work. It was straightforward, direct.
Money mattered in academic research, too. But there, so many people pretended it didn’t. They papered over the influence of money with symbols of prestige: publication records, citations, committees, fellowships, alma maters, “influence.”
There was such a practicality to industry, too. The science worked or it didn’t. If the science was good, if the data supported one approach over another, that’s what mattered. It didn’t matter whether you spoke with an accent or whether you’d attended an Ivy League school or if you were good at schmoozing.
At BioNTech, employees came from sixty- five different countries. Not all of us spoke German, but all of us spoke science. For the first time in my life, I no longer did every experiment myself. I led a basic science team, and together we did experiments to figure out how to improve our mRNA and its formulations. BioNTech made steady progress toward mRNA cancer immunotherapies. We also began working on mRNA vaccines for various infectious diseases. This meant I got to keep working with Drew (Weissmann), too. BioNTech began funding Drew’s lab at Penn, allowing him to make concrete strides toward a whole host of new vaccines. This includes HIV vaccine that had begun our journey of discoveries.
Although we were running clinical trails and hat our own products, we also formed partnerships with other, larger companies. One of the was announced in 2018: a partnership with the pharmaceutical giant Pfizer to create an mRNA-based influenza vaccine. We began doing studies.
I liked working at BioNTech. I liked it a lot.” (288-289)
Sie hat eine Position, die zwar auch Führungsaufgaben umfasst -sie hat die Leitung für ein Team- und eine Position an der Spitze des Unternehmens, die ebenfalls fachlich definiert ist: Sie bestimmt die Richtung der Forschung in ihrem Fachgebiet. Eine auf Management ausgerichtete Position wie sie Uğur Şahin innehat, wäre für sie uninteressant, weil sie die damit verbundenen Aufgaben von weiterer Forschung und Entdeckung abhalten würde. Offensichtlich sind die beiden Gründer und Inhaber Uğur Şahin und Özlem Türeci in der Lage, dieses Unternehmen zu führen und gute strategische Entscheidung zu treffen. Das zeigt sich zu Beginn der Corona Pandemie 2020, als die Eigentümer die radikale Entscheidung treffen, die gesamte Forschung, Entwicklung und Produktion von Medikamenten gegen den Krebs auf die Entwicklung von Wirkstoffen gegen den Coronavirus umzustellen, eine risikoreiche unternehmerische Entscheidung.
Sie bleibt von 2013 bis 2022 dort, vielleicht ist ein weiterer Grund auch darin zu suchen, dass dieses Unternehmen von Migranten gegründet wurde, wie sie auch eine ist, und die Mitarbeiter aus 65 Ländern kommen. Es hat sich dort offensichtlich eine Kultur entwickelt, in der nicht mehr soziale und nationale Herkunft und die Zugehörigkeit zu Eliten zählt, sondern die Forschung, die die Wissenschaftler faktisch machen.
Das Verbindende ist „all of us spoke science“ und das Ziel, das des Unternehmens wissenschaftsbasierte gute medizinische Produkte zu entwickeln. Vermutlich trägt das dazu bei, das Katalin Karikó dort viel mehr Jahre bleibt als gedacht. Sie ist kein Outsider inside the System mehr, sondern ein Insider inside the System!
„ No not evrything was easy“ (289). 2016 wird bei ihr Krebs in der Ohrspeicheldrüse, der Drüse, die Speichel produziert, diagnostiziert. Susan kommt aus den USA , um sie zu unterstützten, es braucht mehrere chirurgische Eingriffe. 2018 stirbt ihre Mutter 89jährig an Nierenversagen. Aber verglichen mit dem was vorher war, lief es bemerkenswert gut, schreibt sie (289).
Die Pandemie bringt die Entdeckung in die Welt
Dann kommt die Pandemie.“Then one day in Januar, six years after I’d started at BioNTech, Uğur read an article in The Lancet about something unfolding on a different continent entirely: a new respiratory virus circulating through Wuhan, China.” (290)
Der erste vergleichsweise harmlose Covidvirus wird in den sechziger Jahren entdeckt, dann folgen 2002 und 2012 gefährlichere Varianten in Asien, die eine Mortalitätsrate von zunächst 10 und dann 35 % haben. Man nennt sie SARS-Co, severe acute respiration syndrome. Der neue SARS-CoV-2 verbreitet sich rasch, manche haben milde Symptome andere sterben daran. Die Menschen sind nicht immun dagegen und bemerken oft auch ihre Infektion nicht, es braucht rasch einen Impfstoff. Die schnellste Entwicklung war die von Mumps, die in den Sechzigern vier Jahre gedauert hat.
„Like every virus, this one hijacked the body’s cells, ingeniously repurposing cellular machinery into a virus factory that made copies of itself.” (291)
Das Management von BioNTech entscheidet, die kompletten Ressourcen der Firma in die Entwicklung des Vakzins zu stecken und alle anderen Forschungen und Entwicklungen einzustellen. Die Firma hat die Verfahren, wie man modifizierte mRNA herstellt, die Entdeckerin selber wie auch eine bestehende Kooperation mit Pfizer, einem Giganten der Pharmabranche. Es dauert offenbar auch nicht lange, bis der Impfstoff gegen SARS-Cov-2 gefunden ist, denn der chinesische Virologe Zhang Yongzhen hatte bereits dessen genetische Sequenz veröffentlicht.
Die Durchführung der drei Phasen der Klinischen Prüfung, die Zulassung, die Produktion und die Logistik stehen unter einem enormen Zeitdruck. Die ersten zwei Phasen der Prüfung laufen parallel und Pfizer beginnt schon währenddessen mit der Produktion von Millionen von Impfdosen. Ein großes Risiko und Unterfangen in mehrerlei Hinsicht, für die Testpersonen, das medizinische Personal, die Impfwillligen und die beiden Firmen.
“It wasn’t just a matter of creating a new vaccine using a new platform; this vaccine required new industrial machinery and equipment, mass freezer farms, new transportation standards, an entirely new global supply chain”(294)
Als die ersten Dosen des Vakzins verschickt wurden, denkt sie: „ Here is my life’s work, moving far beyond me, out into the big wide world”(295)
Zwanzig Jahre nach ihrer ersten Begegnung bekommen Drew und sie die Impfung an der Universität. Jemand ruft:“These are the inventors of the vaccine!”(300)
“Still, the claim wasn’t quite right. We had made our breakthrough, sure, and that breakthrough had found its moment in a pandemic. But so many people deserved cheers.” (300)
“There were too many people to count, too many sacrifices to absorb. As that needle filled with modified mRNA went into my skin, I began to weep. It was all so humbling. Mostly, I was honored to be a part of it (301).” schreibt sie mit einer Bescheidenheit, die ihr auch angesichts des bald folgenden Ruhms erhalten bleibt.
Sie wird zur Person des öffentlichen Interesses, sicher auch aufgrund der Betroffenheit der Menschen, die als Lebewesen alle vom Virus bedroht sind. Die Entdeckung wird durch die Pandemie von der Öffentlichkeit ‚entdeckt‘ und wohl auch von der Wissenschaft, in der sie, wie sie einmal schrieb, lange Zeit unsichtbar (obscure) war. Marie Curie war diese Phase der Bekanntmachung ihrer Entdeckung der Radioaktivität äußerst unangenehm und lästig, es störte sie bei ihren weiteren Entdeckungen und raubte ihr die Ruhe, sie litt daran.
Katalin Karikó schreibt, was Marie Curie vor vielen Jahren ähnlich formuliert hat: “Suddenly I felt as if someone has reached deep into my quiet, obscure life und turned it inside out.”(302) “All this attention. I didn’t need it, I had’nt ask for any of it. I’d decided early in my career not to place any value on recognition, to value only the work itself - do my work well and trust in where it might lead, even if it got there long after my lifetime.”(311) Es geht um die Entdeckung und deren Nutzen für die Menschen, nicht um den Ruhm.
Man kann annehmen, dass ihr diese innere Einstellung geholfen hat, die vielen Widrigkeiten und Niederlagen ihrer Karriere zu überstehen. Außerdem ist es eine von der einzelnen Persönlichkeit unabhängige bei vielen Entdeckern vorzufindende Haltung. Sie hätte sich ja jetzt rächen können an denen, die ihr geschadet haben, aber das tut sie nicht.
Lesen Sie doch die Passage am Anfang dieser Fallstudie mit der Kenntnis der gesamten Karriere nochmal, man versteht sie besser:
"I'm thankful for people who tried to make my life miserable"
Unzählige Zeitungsartikel, Briefe, Einladungen in viele Länder der Welt und Ehrungen - Drew und sie kommen z.B. auf das Titelblatt des Time Magazin als ‚Time Heroes 2021‘- würdigen sie. Jetzt bekommt sie Titel, Ehrendoktorwürden und Mitgliedschaften in wissenschaftlichen Vereinigungen angetragen, die Liste kann man z.B. bei Wikipedia nachlesen. Die vermutlich für sie bedeutungsvollste Ehrung ist die Professur an der Universität Szeged, an der sie begonnen hat und wo sie eigentlich bleiben wollte. Sie trifft dort ihren alten Biologielehrer, der wie ihr Vater auch an sie geglaubt hat. Welche Art von Professur sie an der Pennsylvania Universität nun innehat, ist nicht genau zu ermitteln.
Ihre Tochter Susan, die mittlerweile selbst Mutter geworden ist, begleitet sie bei diesen Erfolgen genau so wie sie damals ihre Tochter bei ihren sportlichen Erfolgen begleitet hat und unterstützt sie. Ihr Mann Bela unterstützt, tritt bereitwillig zurück und es scheint so, dass er in der Lage ist, ihre Erfolge mit ihr zu feiern und zwar neidlos, was für ein Glück für sie. Die Rollen sind gemessen an traditionellen Vorstellungen von Familie und Karriere in diesem Fall vertauscht!
Aber auch Kritik an diesem neuen Impfstoff wird laut, man hat ihn nicht 10 Jahre testen können, lediglich die unmittelbare Wirkung, nicht aber die Langzeitfolgen untersuchen können. Man vermutet gesundheitliche Folgen und schwerwiegenden Nebenwirkungen und kann diese mittlerweile auch belegen. Wir waren und sind alle Zeitzeugen dieser noch andauernden Debatte und hoffentlich auch Erforschung dieser neuen für Nicht-Biologen und Mediziner wirklich nicht einfach zu verstehenden Entdeckung und ihrer Risiken.
Entdeckung und Erfolg durch das Überschreiten der Grenzen von Disziplinen und Abteilungen
Das achte Merkmal von Entdeckerkarrieren: Die Grenzen von Fächern/ Disziplinen/ Professionen werden nicht akzeptiert, sondern überschritten, die Erkenntnisse der einen mit denen der anderen verbunden, zu etwas Neuem synthetisiert, in das eigene Modell eingeordnet und immer weiter optimiert. Entdecker suchen Ihre Anregungen in Konzeptionen, Theorien, Praktiken anderer Fächer, Disziplinen, Professionen und bei deren Vertretern. Sie arbeiten interdisziplinär und transdisziplinär.
“Departmental boundaries seemed so arbitrary to me. From a management perspective, maybe they made sense, but from a scientific one? No. Everything interacts, subjects bleed into one another. In medicine, that’s especially true. A heart attack can cause a stroke (this is, in fact, what happened to David’s father), yet heart failure is treated by cardiologists like Elliot, and strokes by neurosurgeons like David. Inflammation is a subject for immunologists like Drew, yet chronic inflammation causes issues for the heart and brain, and in fact problems of the heart and brain cause inflammation throughout the body.
The body, like the world, is a system; it isn’t divided into tidy categories between which sharp boundaries can be drawn.
I was a basic researcher. The whole point of basic research was to go wherever it took you. I was going where my research took me. I was too busy to worry about what department I worked in.” (245)
Die Zusammenarbeit mit Wissenschaftlern aus anderen Disziplinen durchzieht Katalin Karikós Karriere wie ein roter Faden. Sie arbeitet meist in medizinischen Fakultäten und dort auch in unterschiedlichen Abteilungen.
Biologie und ihr Fachgebiet Biochemie studiert sie an der Universität Szeged, die Promotion und ihre erste Postdocstelle hat sie am biologischen Forschungszentrum der ungarischen Akademie der Wissenschaften, wo sie auch mit Chemikern arbeitet, und ihre erste Stelle in Amerika im Labor des Department of Biochemistry an der Temple Universität. Danach arbeitet sie nur noch in medizinischen Fakultäten, zunächst im Department of Pathology in Bethesda, dann im Department of Medicine der University of Pennsylvania zunächst in der Kardiologie, dann in der Neurochirurgie und schließlich in der Immunologie. Bei Biontech, der von Medizinern, die in der Krebsforschung arbeiten, gegründeten Firma, leitet sie zusammen mit einem Mediziner die Firma und ein eigenes interdisziplinär zusammengesetztes Team.
Diese oft nicht ganz freiwilligen Wechsel auf andere Jobs nutzt sie, ihr Wissen als Biochemikerin um das aus verschiedenen medizinischen Fachgebieten zu erweitern und von ihren Kooperationspartnern zu lernen. Immer dient die Zusammenarbeit über disziplinäre und organisationale Grenzen hinweg der Grundlagenforschung in der eigenen Disziplin wie auch der Anwendung der Forschungsergebnisse in der Medizin. Sie verfolgt dabei immer das Ziel ihrer Entdeckungspraxis, mRNA für die medizinische Anwendung zu entwickeln.
Zusammen mit einem Immunologen macht sie schließlich die Entdeckung und beide erhalten dafür den Nobelpreis, eine Bestätigung für ihren Satz: „Departmental boundaries seemed so arbitrary to me.“und „I was going where my research took me.“
Der Nobelpreis in Medizin für "Physiology or Medicine" 2023
Die Anerkennung für ihre Forschungspraxis und die Entdeckung brachten ihr und Drew Weissmann 2023 den Nobelpreis für Medizin ein. Sie nimmt ihn als Professorin der Universitäten von Pennsylvania und Szeged entgegen!
Ihrer interdisziplinären Arbeit trägt der Titel des Nobelpreises für "Physiologie oder Medizin" Rechnung, offenbar hat man sich auch hier bei der Verleihung des Preises schwer damit getan, sie einer Disziplin zuzuordnen. Wobei Physiologie, die Lehre von den Prozessen in Zellen, Geweben und Organen aller Lebewesen ist, die auf die Biologie, insbesondere die Biochemie, die Chemie und Physik zurückgreifen muss, auch schon interdisziplinär angelegt ist. Es gibt eine Facharztausbildung in Physiologie und insofern ist die Physiologie Teil der Medizin, die aber wie Experten sagen, in hohem Maße auf die Biochemie, wofür sie Expertin ist, angewiesen ist.
In ihrem Vortrag anlässlich der Verleihung des Preises, in dem sie die Entwicklung ihrer Forschung nachzeichnet, erfährt man, dass es derzeit 250 Studien zu mRNA weltweit gibt und “the fastest growing section of medicine in these days is protean based“. Natürlich forscht sie selbst immer weiter, jetzt nicht mehr an Impfstoffen, sondern an der Entwicklung von Medikamenten gegen Krebs.
Die Begründung des Nobelpreiskomitees für den Preis und eine kurze Darstellung ihrer Entdeckung, weitere Videos und Informationen unter diesem Link Nobelpreis Kariko Weissmann Übersicht
Nobelpreisträger halten vor der Verleihung des Preises einen fachlichen Vortrag zu ihrem Thema.
Hier der Link zu Ihrer „Nobelprize Lecture“ am 7. Dezember 2023 am Karolinska Institute in Stockholm. Ihr recht anspruchsvoller Vortrag beginnt nach einer -leider schlecht verständlichen- Würdigung durch den Präsidenten des Instituts in der 10. Minute des you tube Videos Nobelpreis Lecture Kariko
Die Quellen: Verwendete Interviews und Artikel und Monographien
Foto von Katalin Karikò Quelle:www.commons.wikimedia.org
Autobiographie
1.Katalin Karikó 2023: Breaking Through- My life in Science. New York, Crown
Hier die Ankündigung der Autobiographie
2.Katalin Karikó – ehemalige hervorragende Studentin, Ehrendoktor, Forschungsprofessorin der Universität Szeged, Preisträger Nobelpreis für Physiologie oder Medizin 2023 · Katalin Karikó · SZTE Klebelsberg Könyvtár Képtár és Médiatéka
Der Link: Katalin Karikó – Virtuelle Ausstellung – Universität Szeged Detaillierte Darstellung ihrer fachlichen und organisationalen Karriere in Ungarn
3.Die Besessene: Die Nobelpreisträgerin Katalin Karikó verfolgte immer ihr Ziel, obwohl sie stets belächelt wurde
Nach vierzig Jahren Grundlagenforschung wurde sie über Nacht zum Star. Jetzt erhält die Ungarin die prestigeträchtigste Auszeichnung der Wissenschaft.
Gioia da Silva, Judith Blage 02.10.2023, 16.38 Uhr
Neue Zürcher Zeitung
Hier der Link: Die Besessene
tar_08, id233, letzte Änderung: 2025-10-08 18:14:53